Jahrespreis 2007 der Theologischen Fakultät

Andreas Hunziker

Auf Antrag der Theologischen Fakultät verleiht die Universität Zürich einen Jahrespreis an Andreas Hunziker für seine Dissertation «Das Wagnis des Gewöhnlichen. Ein Versuch über den Glauben im Gespräch mit Ludwig Wittgenstein und Stanley Cavell»

Im kritischen Gespräch mit Ludwig Wittgenstein und Stanley Cavell entfaltet die Arbeit von Dr. Andreas Hunziker die These, dass christlicher Glaube kein metaphysisches Projekt, sondern das «Wagnis des Gewöhnlichen» sei. In einem ersten Teil wird die metaphysikkritische Pointe von Wittgensteins Philosophie des Gewöhnlichen und ihrer Weiterentwicklung bei Cavell zu einer kritischen Kulturphilosophie facetten- und nuancenreich herausgearbeitet. Angesichts der vielfältigen Probleme des Lebens ist philosophisch nicht die Flucht in den Begriff und in metaphysische Begründungen anzutreten, sondern der Versuch zu machen, das Gewöhnliche im Leben vor dem Hintergrund des Ungewöhnlichen und Aussergewöhnlichen methodisch zurück zu gewinnen. Hunziker entwickelt das stilistisch gelungen und argumentativ überzeugend, indem er Wittgensteins Denken als kritisches Selbstgespräch zwischen den Tendenzen zum metaphysischen Eskapismus und antimetaphysischen Skeptizismus auf der einen Seite und der kritischen philosophischen Bemühung um die Rückgewinnung des Gewöhnlichen auf der anderen Seite rekonstruiert. In einem zweiten Teil wird die darin sich ausprägende philosophische Wende zur Erhellung des alltäglichen Lebens mit evangelisch-theologischen Versuchen seit Rudolf Bultmann ins Gespräch gebracht, das christliche Glaubensverständnis zu klären. Die «Bejahung des gewöhnlichen Lebens» ist ein wichtiger Teil des reformatorischen Erbes, die Ausdehnung dieser Orientierung auf die theologische Arbeit am Glaubensverständnis ein zentraler Charakterzug evangelischer Theologie. Hunzikers Arbeit unternimmt es, das im Gespräch mit den metaphysikkritischen Überlegungen Wittgensteins und Cavells in neuer Weise durchzuführen. Das Resultat ist nicht nur eine überzeugende Rekonstruktion des philosophischen Denkstils Wittgensteins und die erste profunde theologische Auseinandersetzung mit der Philosophie Cavells im deutschsprachigen Raum, sondern eine ungewöhnliche theologische Abhandlung zum Gewöhnlichen, genauer: zu der «immer wieder von neuem ... zu vollziehenden Kehre aus dem tatsächlichen Gewöhnlichen (mit dessen Aufstiegs-, Vermeidungs- und Unmittelbarkeitsphantasien) hin zum möglichen Gewöhnlichen», zur ungewöhnlichen Lebenspraxis des Glaubens im Alltag des gewöhnlichen Lebens.