UBS-Habilitationspreis 2008 der Philosophischen Fakultät

PD Dr. Peter Schnyder

Der UBS Habilitationspreis für das akademische Jahr 2007/08 wird verliehen an PD Dr. Peter Schnyder für seine Habilitationsleistung in Neuerer deutscher Literaturwissenschaft, der eine Arbeit zugrunde lag mit dem Titel «Alea – Zählen und Erzählen im Zeichen des Glücksspiels (1650–1850)».

PD Dr. Schnyder rückt in seiner Arbeit mit dem Titel «Alea – Zählen und Erzählen im Zeichen des Glücksspiels (1650-1850)» die Geschichte der Spiel-Metapher in den Fokus. Die Rede vom Leben als Hasardspiel ist zwar uralt, doch sie gewinnt, wie hier gezeigt wird, seit dem 17./18. Jahrhundert eine neue Virulenz. Das steht zum einen ganz allgemein im Zusammenhang mit einem Schwund an religiösen Gewissheiten in der Aufklärung. Zum andern hat es aber auch, spezifischer, mit der Geschichte der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu tun, die seit der Mitte des 17. Jahrhunderts am Spieltisch entwickelt wurde. Unter dem neuen wissenschaftlichen Blick wurden immer weitere Lebenszusammenhänge nach dem Modell eines Spiels mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeitsverteilungen konzeptualisiert, und diese glücksspielförmige Zurichtung des Lebens, diese «probabilistische Revolution», zeitigte nachhaltige Konsequenzen für das Lebensgefühl ganz allgemein, insbesondere aber auch für die genuin poetologische Frage nach der Erzählbarkeit von Leben. Geht man davon aus, dass in literarischen Texten die zentralen «Codes» einer bestimmten Kultur in verdichteter Form verhandelt werden, so lässt sich der beschriebene «Glücksspiel-Code» der heraufkommenden Moderne auch im Feld der Literatur besonders gut ausmachen. Das zeigt PD Dr. Schnyder in seinen Lektüren von Autoren wie Defoe, Lichtenberg, Sterne, Tieck, Novalis, Goethe, E.T.A. Hoffmann oder Balzac, wobei die gewählten Texte nie bloss zur Illustration eines übergreifenden Prozesses dienen. Vielmehr kommen immer auch jene Elemente der literarischen Texte zur Geltung, die quer zu allgemeinen Tendenzen stehen. Trotz des weit ausholenden diskursanalytischen Zugriffs, in dem zahlreiche kultur- und wissenschaftsgeschichtliche Quellentexte für die Analyse beigezogen werden, behält die Literatur hier also ihr Eigenrecht. Insofern ist die Arbeit ein gelungenes Beispiel für eine kulturwissenschaftlich erweiterte Literaturwissenschaft, die ihre Kernkompetenz als Textwissenschaft auch auf nicht im engeren Sinne literarische Texte anzuwenden weiss und zugleich stets sensibel bleibt für die Spezifität der Literatur.

Die Habilitationsleistung wird insgesamt wie folgt gewürdigt:

Eben so souverän wie subtil zeigt Peter Schnyders Studie, wie die Entwicklung der Wahrscheinlichkeitsrechnung in der Mathematik seit Mitte des 17. Jahrhunderts sukzessive zu einer «probabilistischen Kränkung» geführt hat. Die Entwicklung der Erzählpraktiken in der Literatur ist historisch zunehmend von der Spannung zwischen statistischer Vorhersagbarkeit und individueller Ausnahme geprägt. Die Interferenz von mathematischem Wissen und literarischen Verfahrensweisen wird mit einem feinen Sensorium für die Besonderheiten des einzelnen Textes nachgewiesen. So entfaltet sich auf überzeugende und oft verblüffende Weise eine neue Perspektive auf die diskursiven Bedingungen der Modernität von Literatur.

PD Dr. Peter Schnyder, geboren 1967, Bürgerorte Ebnat-Kappel (SG)/Bischofszell (TG), studierte in Zürich, Göttingen, Berlin und Cambridge Literaturwissenschaft und Geschichte. 1993 erwarb er in Zürich das Lizenziat in Germanistik und Allgemeiner Geschichte, 1995 in Cambridge den Master in Vergleichender Literaturwissenschaft. Zurück in Zürich, wurde er 1998 mit einer Arbeit über Friedrich Schlegel promoviert und war als Assistent am Deutschen Seminar tätig. 2001 wurde ihm vom Nationalfonds ein Stipendium zugesprochen, das ihm längere Forschungsaufenthalte in Giessen und in Berkeley ermöglichte. Danach arbeitete er bis Anfang 2008 als Oberassistent wiederum in Zürich. Im Wintersemester 2008/09 ist PD Dr. Schnyder als Research Fellow ans Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien eingeladen.