Walter Rudolf Hess
Nobelpreis für Physiologie/Medizin 1949

Die Mechanik des Zwischenhirns

Walter Rudolf Hess kartografierte das Zwischenhirn und erkundete seine Funktionen. Dies half ihm, das Phänomen des Schlafs besser zu vestehen.

Walter Rudolf Hess fand auf Umwegen zu seiner eigentlichen Berufung. Nach dem Medizinstudium, das er an der Universität Zürich mit einer Dissertation über die Viskosität (die Zähflüssigkeit) des Blutes abschloss, arbeitete er zunächst als Augenarzt in Rapperswil. Als praktizierender Arzt war er jedoch nicht glücklich. Deshalb nahm er 1912 eine Stelle als Assistent am Physiologischen Institut der Universität Zürich bei Professor Justus Gaule an – trotz der Bedenken seiner Frau Louise wegen der finanziellen Folgen dieses Schritts.

Hess habilitierte sich mit einer Arbeit über die Kreislaufregulierung. 1917 wurde er zum Ordentlichen Professor für Physiologie an der Universität Zürich gewählt. Als Leiter des Instituts konnte er seine Forschungsfelder frei wählen. Nachdem Hess zunächst Kreislaufthemen behandelt hatte, erforschte er ab 1929 den Schlaf. Der biologische Sinn des Schlafs war für die Wissenschaft lange ein Rätsel. Walter Rudolf Hess verstand ihn als lebensnotwendige Einrichtung, um dem Körper Erholung von der täglichen Aktivität zu verschaffen.

Gesteuert wird das Schlafverhalten im Zwischenhirn. Hess machte sich deshalb daran, dieses zu erforschen. Dazu verwendete er Katzen, deren Zwischenhirn mit Strom gereizt wurde. Bei leichter Reizung mit Strom zeigten die Tiere dann je nach der Lage der Elektrodenspitzen, die ins Gehirn eingeführt wurden, zum Beispiel Schläfrigkeit oder aggressives Verhalten. Am getöteten Versuchstier liessen sich die Spuren der Elektroden im Zwischenhirn beobachten. Millimeter für Millimeter wurde so das Hirngewebe erkundet. Daraus entstanden Karten, auf denen die lokalisierten Areale im Hirn einzelnen Funktionen zugeordnet werden konnten. Für seine Entdeckung der funktionalen Organisation des Zwischenhirns wurde Walter Rudolf Hess 1949 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Dass seine Grundlagenforschung zu therapeutischen Anwendungen führen könnte, war für Hess kein Thema.  Die Hess'sche Forschungsmethode der tiefen elektrischen Hirnstimulation ist jedoch in den letzten Jahren erfolgreich angewendet worden bei der Behandlung von Symptomen der Parkinson-Krankheit und anderen Bewegungsstörungen. Heute setzen Schlafforscher die Arbeit von Walter Rudolf Hess fort. Sie erkunden, ob mit der tiefen Hirnstimulation auch Menschen mit Schlafstörungen geholfen werden kann.