Flexibilisierung des Studiums: Kultur- oder Strukturfrage?

Das Thema „Flexibilisierung“ sorgte an der nexus-Auftaktveranstaltung der Hochschulrektorenkonferenz in Konstanz (25./26.3.) für viel Diskussionsstoff. Und es sorgte dafür, dass die TeilnehmerInnen sich in recht grundsätzlichen Debatten über die herrschende und zu schaffende Kultur an den Hochschulen wiederfanden.

Die Ausgangslage war für alle klar: Die zunehmende Heterogenität der Studierenden führt zum Bedarf an einer Individualisierung der Studienwege. Doch deren Flexibilisierung darf nicht als Zwang daherkommen und bloss mehr Bürokratie und ständigen Stress mit sich führen. Vielmehr sei eine „autonome, souveräne Flexibilität“ gefordert: Eigenverantwortung, Selbstreflexion und Autonomie der Studierenden seien vermehrt zu fördern, ja sogar zu verlangen. Denn insbesondere die Kreativen und Hochmotivierten litten unter starren Strukturen.

In der folgenden Diskussion wurde der Besorgnis um die an den Hochschulen herrschende Kultur Luft gemacht: die Ausrichtung des Studiums auf Prüfungen, das zunehmende Konkurrenzverhalten unter den Studierenden, der Zwang zu kurzen Studienzeiten. Wirksame Angebote wie die individuelle Beratung der Studierenden, ein qualitativ überzeugendes Einführungsstudium, freiwillige Leistungsoptionen und die Möglichkeit, länger zu studieren, scheiterten oft an Geldmangel. Die Qualität der Lehre an den Hochschulen, war man sich einig, leidet unter dem Anspruch, immer mehr Studierende durch das Studium zu bringen. Denn die aus der Industrie transferierte Forderung der Effizienzssteigerung kann in der Bildung nicht funktionieren.

Insbesondere für die Gestaltung der Studieneingangsphase bräuchten die Universitäten zusätzliche Mittel. Denn diese Phase ist entscheidend: um die Studierenden an das wissenschaftliche Denken und Arbeiten heranzuführen, um ihnen die Kultur des gewählten Fachs und die Wissensgrundlagen für das weitere Studium zu vermitteln. Gerade auch in dieser Phase soll ein flexibles „Strecken der Semester“ möglich sein. Und um der reinen Prüfungsjagd etwas entgegenzuwirken ist darauf zu achten, diese Phase inhaltlich nicht zu überfrachten: Die kluge Auswahl des Lernstoffs ist Voraussetzung dafür, dass Zeit für (kritische) Reflexion bleibt.

Nach dem Erfahrungsaustausch in kleineren Diskussionsforen wurden die Ergebnisse in der Schlussdiskussion gebündelt: Eine selbstverantwortliche Lernkultur muss verteidigt, bzw. wieder eingeführt werden. Eine Kultur der Anerkennung, z.B. beruflicher Erfahrung, ist an den Hochschulen zu verankern. Und gute Lehre kann nur verstetigt werden, wenn sie in den Curricula angelegt und Teil der universitären Kultur ist. Alles eine Frage der Kultur? Um strukturellen Handlungsbedarf zu orten muss jedenfalls, wie in Konstanz, zur Sprache kommen, wie man sich universitäre Lehr- und Lernkultur genau vorstellt.