Gipfeltreffen in Davos
78,5 km Laufen oder 78,5 Jahre Leben
was ist der Swiss Alpine Marathon wirklich?
Bergün ist erreicht: eine Umarmung, ein Kuß des Partners - Das Signal: Ich baue auf dich. Nutze deine Stärken. Wer schon so weit gekommen ist, muß weiterkämpfen. Der Adrenalinstoß. Rein rechnerisch ist die Hälfte erreicht, aber aus Erfahrung weiß man, daß eigentlich erst jetzt der Swiss Alpine Marathon richtig beginnt.
Bergün - dieses faszinierende Bergdorf im Albulatal. Alpenidylle pur, das Schmuckstück, der Juwel des SAD. Es ist eine Sünde, hier nur kurz zu verweilen. Sogar die Kirchenglocken läuten. Gänsehaut, auf die die Sonne brennt. Hochsommer. Es folgt das eigentliche Herzstück des SAD: das Val Tuours, von mir einmal .Tal des Todes. genannt, als es noch hinauf zum Sertig-Paß ging. Seit Jahren heißt der Endpunkt dieser Kletterpartie: Keschhütte. Hinauf ist es wie auf der Karriereleiter. Ab Km 40 scheinbar unüberwindbare Steigungen, die nie ein Ende zu haben scheinen. Die Midlife-Crisis läßt grüßen. Die Prüfung, der Wegweiser in der Mitte des Lebens. Vor dir und hinter dir die Konkurrenten. Schmaler Grat. Um dich herum die einzigartige Vegetation der hochalpinen Landschaft. Die Farben der Bergblumen. Faszinierend. Ganz klar: jetzt heißt es, Farbe zu bekennen. Im Pulk und jeder doch allein gegen den Berg. Kämpfen.
Und schließlich der Lohn aller Anstrengungen: die Keschhütte ist erreicht. 2.532 Meter ü.M. Der Blick auf den Piz Kesch und die Gletscherwelt herum. Atemberaubend. Jubel, Stolz, Schwerelosigkeit. Ich bin Neil Armstrong.Der Höhepunkt ist erreicht. Für jeden müßte ein Chefsessel an der Keschhütte warten. Der Karrierehöhepunkt um die 50. Nie wieder werden wir dem Himmel näher sein. The sky is the limit. Top of the world. Aber unaufhaltsam muß(?) man weiter.
Km 52,3 bis Km 60,8 - in dieser Höhe, auf diesem Niveau halten wir uns. Aber auch
jetzt noch Unwägbarkeiten, eventuell ein nachmittäglicher Hagelschauer, der dazu
führen kann, daß man am Scaletta-Paß ins Gras, pardon, in den Schnee beißen muß.
Wer (Familien)Glück hat, weiß jetzt sogar seine erwachsenen Kinder neben sich, wie
bei Organisator Andrea Tuffli.
Aufgeben? Niemals. Aber der Gesundheitscheck bei .Betriebsarzt. Dr. Beat Villiger
auf dem Scaletta-Paß ist Pflicht. Die Frage:.Wie geht es?. nach 60,8 km Berglauf,
nach 60,8 Lebensjahren kann nur äußerst selten mit einem ehrlichen, deutlichen Ja
beantwortet werden. Zu markant sind die Spuren im Gesicht, am Körper und in der
Seele eingebrannt. Du hast deine Identität. Aber Vorsicht: Bei einem:.Ja. Mir geht es
gut!. reichen schon die ersten Blicke hinab ins Dischmatal, aufkommende Euphorie
einzudämmen.
Der Abstieg beginnt. Muskeln schmerzen, die Füße suchen oft verzweifelt Halt auf
rutschigen Steinen und Schneefeldern. Aber mit 65 ist es geschafft: der Ruhestand,
der Lebensabend ist da. Für uns LäuferInnen heißt dies nun in Dürrboden: nur noch
14 Km bis ins Ziel, meine allabendliche Trainingsdistanz. Jetzt sollte jeder wieder
lernen, in relativ flachem Gelände das Laufen zu genießen. Es beginnt sozusagen
nach den Höhen und Tiefen eines ganzen Tages der Endspurt des Lebens. Oder die
Tour de Honeur, wie bei der Tour de France die letzte Etappe auf dem Champs
Elysees genannt wird. Alle finden sich nun wieder zusammen, ob Walker, Marathonis
oder Teamläufer. Familientreffen. Warum fällt mir gerade jetzt eine Lebensweisheit
aus dem Berufsleben ein: Vergiß nie auf dem Weg nach oben, daß du alle wieder
siehst auf dem Weg nach unten.
Und dann ist es geschafft. Aus. Vorbei. Das Erlebnis des Zieleinlaufs in Davos ist wie
ein kleiner Tod; im Gesicht in wenigen Stunden um Jahre gealtert, ausgebrannt.
78,5 Km immer Ende Juli - (m)ein Leben im Zeitraffer. In der heutigen schnellebigen
Internetwelt ganz normal. Oder doch nicht? Das muß jeder für sich selbst
herausfinden. Was im Winter für die internationale Businesswelt das
Weltwirtschaftsforum Davos ist, ist für uns LäuferInnen der Swiss Alpine Marathon
Davos. Ein singuläres Ereignis mit so vielen Dingen, die mein Leben immer bereichert
haben. Und einmal möchte ich im Ziel sagen:
Für mich sind alle Kapitel des Buches "Mein Lebenslauf" geschrieben.
P.S. Tage später lese ich in der Zeitung: Die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen in Mitteleuropa ist 78,5 Jahre. So viele Jahre wie der SAD Kilometer hat. Heute bin ich halb so alt, pardon, jung. Ich möchte einmal 78,5 Jahre werden.
Gedanken von Heinz-Peter Römer, D-70794 Filderstadt Nach 16 Swiss Alpine Marathonläufen