Sprachenzentrum: Latinum an der Philosophischen Fakultät

Stimmen zum Latinum

Für eine Publikation zum zehnjährigen Jubiläum des Sprachenzentrums der Universität und der ETH Zürich (Unsere Mehrsprachigkeit. Eine Sammlung von Mehrsprachigkeitsbiografien. Studierende und Mitarbeitende der Universität und der ETH Zürich erzählen [S. Schaffner (Hrsg.), Zürich 2012, vdf Hochschulverlag]) entstand eine Reihe von Texten zum Latinum an der Universität Zürich, die aus verschiedenen Perspektiven zeigen, wie das Latinum (und die Zeit danach) erlebt wurde.
Nachfolgend sind zwei dieser Aufsätze abgedruckt. Die Sammlung aller Texte kann hier im pdf-Format direkt heruntergeladen werden.

1. Die Brücke (von Nils Pfändler)
2. Wie habe ich das Latinum erlebt? Was hat mir das Latinum gebracht?
3. Sammlung aller Texte im pdf-Format

 

1. Die Brücke

von Nils Pfändler, Bachelor-Studierender der Fächer Germanistik und Geschichte an der Universität Zürich im 2. Semester. Latinum 2011. Der Text ist als Aufsatz im FS 2011 entstanden.

Manchmal, da trieb ich hilflos auf dem Weltmeer der lateinischen Sprache. Manchmal, da lernte ich die Höhen des Himmelsgewölbes kennen, um gleich danach wieder in die Tiefen der Unterwelt zu stürzen. Manchmal, o Hercules, wünschte ich, es wäre vorüber. Aber Neptun, Jupiter und Pluto haben es gut mit mir gemeint. Denn jetzt ist es vorbei.
Nach zwei Semestern, 28 Wochen, 196 Lektionen und über 1400 Vokabeln halte ich ein Zertifikat in den Händen - und unzählige Gedanken im Kopf. Ein Jahr lang war die lateinische Sprache ein ständiger Begleiter: Abgegriffene Vokabelkarten, Bücher mit Eselsohren und eine von Leuchtstiften farbenprächtige Lerngrammatik sind die Zeugen von vielen Stunden Arbeit. Heute kann ich sagen, dass ich die Vorlesungen beinahe ein bisschen vermissen werde. Doch das war nicht immer so. Die Vorzeichen für die Lehrveranstaltung schienen eher schlecht zu sein. Schliesslich war es allen Anwesenden unumgänglich auferlegt worden, das Latinum zu absolvieren, und die gewählten Studiengänge rückten wegen den zahlreichen Lateinlektionen in den Hintergrund. Und so war es nicht verwunderlich, dass der anfänglich rappelvolle Saal von Vorlesung zu Vorlesung weniger gefüllt war. Wer sich einmal eine längere Auszeit nahm, der kam nicht wieder. Den Anschluss einmal verpasst, war ein selbständiges Aufarbeiten beinahe aussichtslos, denn das vorgegebene Lerntempo war horrend. Von einer Sitzung auf die nächste musste jeweils eine ganze Lektion Grammatik und Vokabeln irgendwie vom Buch in den Kopf gelangen. Und von dort nicht wieder raus. Gerade wegen des grossen Aufwands wurden dafür aber auch innert kürzester Zeit Fortschritte sichtbar. Woche für Woche konnten handfeste Resultate verzeichnet werden, ganz im Gegensatz zu vielen anderen Geisteswissenschaften, bei denen die eigenen Entwicklungen im Augenblick selbst kaum spürbar sind.
Mein lateinischer Grundwortschatz beinhaltet nun rund 1400 Wörter. Wenn ich die dazugehörigen Vokabelkarten staple, haben sie eine Höhe von 49.8 Zentimetern. Wenn ich die Karten der Länge nach aneinanderreihe, kommen sie auf eine Länge von 103.6 Metern zu liegen. Wenn ich sie wiege, haben sie mit 1.5 Kilogramm ein stolzes Gewicht. Das klingt nach viel. Ist es auch. Gezwungenermassen sind mir viele skurrile Eselsbrücken im Latein-Delirium eingefallen. Wobei stets die Devise galt: Je ausgefallener, desto besser. Die fürchterlichsten Ideen lassen sich schliesslich am besten merken. So tönt «praeda» ähnlich wie «Prada» und ist deshalb die «Beute» von Modeopfern. «Timor» unterscheidet sich kaum von «Tumor», was mir Angst und Furcht einflösst. «Tollere» heisst «aufheben, in die Höhe heben» weil es «toll» ist, wenn man einen Sesterz am Boden findet. Und die Stammformenreihen, tausendmal gehört, gelesen, gemurmelt: Ich werde sie niemals wieder vergessen.
Der Dozent spielte eine enorm wichtige Rolle. Wie ein geflügelter Bote aus der Antike brachte er Worte aus längst vergangenen Zeiten direkt in den Hörsaal. Er war der Funke, der mein Interesse zum lodern brachte. Er ebnete den Weg in die Vergangenheit und öffnete die Türen in die Zukunft. Denn Latein ist ein Bindeglied, eine Brücke ins Altertum, jahrtausendelang gezimmert – und niemals gänzlich vollendet. Latein ist nicht tot. Wie kann etwas tot sein, das in den Köpfen von so vielen Menschen weiterlebt? In Kultur und Sprache manifestiert, ist die «Lingua Latina» ein Grundbaustein unserer heutigen Lebensform. Als Lernender reiht man sich, zumindest sprachlich, in eine uralte Gelehrtentradition ein, kann teilhaben an der Vergangenheit von Historikern, Philosophen, Dichtern und in der Gegenwart von ihnen profitieren. Latein ist eine Legitimation. Und meiner Meinung nach ein Muss für jeden Geisteswissenschaftler.
Aus dem Müssen wurde jedoch bald ein Wollen. Beim Brüten über vergangene Zeiten, den Ursprung der abendländischen Kultur, wurden viele Wissenslücken geschlossen, aber auch völlig neue Horizonte geöffnet. Das befriedigte nicht nur den Wissensdurst, es machte zeitweise auch richtig Spass.
Die Brücke aus Wörtern ist geschlagen. Nach einem einzigen Jahr Lateinunterricht kann ich nur erahnen, was für eine unglaubliche Welt, was für Länder, Kulturen und Mythen sich dahinter verbergen. Meine Kommilitoninnen und Kommilitonen und ich haben eine Chance bekommen. Was wir damit anzufangen wissen - ob wir die Brücke überschreiten - es wird sich zeigen. «Alea iacta est.»

 

 

2. Wie habe ich das Latinum erlebt? Was hat mir das Latinum gebracht?

Von Stephan Baumgartner, lic. phil., Studium der Germanistik, Allgemeinen Geschichte und Philosophie an der Universität Zürich von 2004 bis 2010. Latinum 2005. Heute wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Seminar. Der Text ist als Aufsatz im FS 2011 entstanden.

Die Lernzeit
Im Falle des Latinums treibt es die Fama besonders bunt: So kursierten damals, als ich mit dem Latinumskurs und zeitgleich mit dem Germanistikstudium begonnen hatte, die wildesten Gerüchte über die unüberwindbare Hürde des schriftlichen Examens, über ein kaum zu bewältigendes Meer an Vokabeln, von denen jede nochmals in unzählige Unter- und Nebenbedeutungen aufzufächern sei, oder über die Grammatik, die ein wahrer Regeldschungel sei, in dessen Dickicht man sich nur verlieren könne.
Per Zufall empfahl mir ein Bekannter, der die Hürde des Latinums unlängst gemeistert hatte, seinen damaligen Lehrer am Sprachenzentrum – er tat dies mit einer solchen Bestimmtheit, dass ich mich an seine Empfehlung hielt. Ganz zu meinem Glück, wie sich schliesslich herausstellen sollte.
Ein Vierteljahr später sass ich dann in einem überfüllten Hörsaal, gespannt auf das Kommende. Im Bewusstsein, dass das Latinum an der Universität eine Art Zeitraffer des Stoffs an einem Gymnasium ist, stellte mich die Bewältigung der Grammatik in zehn Wochen tatsächlich vor erhebliche Probleme. Fleissig löste ich die Aufgaben von einer auf die nächste Stunde und musste immer wieder konsterniert feststellen, dass ich einfach nichts verstanden hatte. Die ungenügende Note, die ich bei einem Zwischentest vor den Weihnachtsferien erreichte, kommentierte der Lehrer optimistisch: «Das kommt schon noch.» Das machte mir Mut, mich mit neuem Elan an die Aufgabe zu wagen. Während dieser ersten Phase hatten sich die Reihen im Hörsaal bereits unübersehbar gelichtet, was für mich zumindest ein Indikator dafür war, dass ich nicht der einzige war, der mit gewissen Schwierigkeiten kämpfte. Ich stand vor einem Berg, der wohl nur mit viel Disziplin zu erklimmen war. Die Probleme waren in erster Linie mnemotechnischer Natur, also nahm ich meinen Feldzug wider das Vergessen in Angriff: Jeden Tag büffelte ich die Wortbedeutungen, Endungen und Grammatik. Tappte ich vor den Weihnachtsferien noch im Dunkel, lösten sich die Schleier des Nichtverstehens und Nichtwissens im neuen Jahr erstaunlich rasch auf. Und mit dem sich weitenden Verständnis für die lateinische Sprache und die römische Kultur geschah das Unerklärliche: Was als Pflichtübung für die Zulassung zum Studium begonnen hatte, fing plötzlich an, Spass zu machen. Für mich traten die Schönheit und Systematik des Lateins hervor und es lehrte mich en passant viel Grundsätzliches über die Struktur der Sprache an sich. In guter Erinnerung sind mir auch die Stunden zur antiken Geschichte und Kultur, die in den wöchentlich sieben Lateinlektionen einen Farbtupfer bildeten. Und nicht zuletzt war meine Motivation teilweise dem Lehrer zu schulden, der sich spürbar mit aller Leidenschaft der Altphilologie widmete – einer Leidenschaft, von der wohl der eine oder andere Funken aufs Plenum übersprang.
Die schriftliche Prüfung erwies sich dann auch nicht als der Fleischwolf, wie ihn die Fama verkündet und suggeriert hatte, sondern lediglich als Test, der zwar viele Bereiche des Gelernten abdeckte, aber hinter dem Schwierigkeitsgrad mancher Übungstexte zurückblieb. Dementsprechend war das Erklimmen des Gipfels verglichen mit den anfänglichen Schwierigkeiten ein leichtes Unterfangen. Und wem der schriftliche Test glückte, dem geriet auch die mündliche Examinierung nicht mehr zur Zitterpartie.

Blick zurück
Mittlerweile sind seit meinem Erwerb des Latinums schon sechs Jahre vergangen, und die Frage ist berechtigt, was mir die «berüchtigte Übung» gebracht hat. Ich sehe den Nutzen auf einer konkreten und einer abstrakten Ebene. Weil ich im ersten Nebenfach Geschichte belegte und mich dann insbesondere in die Mediävistik vertiefte, der germanistischen wie der historischen, erfüllten meine Lateinkenntnisse die Funktion eines Hilfsinstruments. Im Rahmen der Lizentiatsprüfungen schrieb ich meine dreitägige Hausarbeit in der Geschichte über die von Eugen III. erlassene Kreuzzugsbulle Quantum predecessores, sodass meine Grundkenntnisse der lateinischen Sprache trotz Übersetzung unabdingbar waren. Gleiches gilt für die Beschäftigung mit der Antike, die im Geschichtsstudium vorgeschrieben ist. Im Germanistikstudium und auch jetzt während der Promotionsphase ist der konkrete Nutzen am Rande vorhanden. Da ich mich in meiner Dissertation mit den «grossen Männern» beschäftige und diese in der Literatur des 19. Jahrhunderts oftmals in die Antike projiziert werden, hilft mir die eine oder andere Information von damals.
Aber höher veranschlagen würde ich den abstrakten Nutzen. Dazu gehören neben dem Erwerb von Wissen über eine geistesgeschichtliche Epoche und historische Zeit ebenso das Verständnis über die Möglichkeiten und Aufgaben von Sprache. Denn gerade im Fall des Lateins schien es mir, dass ich viel über das Deutsche lernte, weil es sich bei den Aufgaben um Übersetzungen handelte. Die Übersetzungsprobleme betrafen grammatikalische Sachverhalte oder semantische Abwägungen – doch immer operierte man mit zwei Sprachen und versuchte, die treffendste Wendung im Deutschen zu finden, die nicht aller Eleganz entbehren sollte. Was ich dadurch gewann, war ein Gefühl für Genauigkeit. Und diese stellt für jeden Philologen eine ganz grundsätzliche und unentbehrliche Kompetenz dar.
Ein dritter Impuls des Lateinjahres, der aber nicht den Nutzen des Stoffs betrifft, sondern die Lerntechnik, ist das Wissen um die Bewältigung einer mnemotechnischen Herausforderung. Prima vista erschien mir das Latein, das in meiner Bildungsbiographie zuvor keine Rolle gespielt hatte, geradezu enigmatisch. Nach und nach zeigten sich jedoch die ordnenden Strukturen hinter dem ersten abschreckenden Eindruck. Was ich mitnehme, ist deshalb eine tiefe Unbefangenheit gegenüber zunächst schwierig erscheinenden Lerninhalten, deren Widerstände schnell wegschmelzen, lässt man sich ernsthaft auf sie ein.

3. Sammlung aller Texte im pdf-Format

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