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19.03.2008Ausstellung «Heilige Bücher und mächtige Zeichen»

Wo die Rigi das Zentrum der Welt ist

Eine Urkunde oder ein Buch ist mehr als nur beschriebenes Papier. Wie Schriftstücke Autorität und Bedeutung erlangen, dem geht eine Ausstellung in der Zentralbibliothek Zürich nach.

Theo von Däniken

Bezahlen wir mit Banknoten oder weisen wir am Flughafen unseren Pass vor, so vertrauen wir auf Schriftstücke, die weit über ihre Materialität hinaus Autorität und Bedeutung ausstrahlen. Zwar sind es nicht gerade «Heilige Bücher», derer wir uns bedienen, aber durchaus «mächtige Zeichen», die uns Einlass in ein fremdes Land oder den Erwerb von Waren ermöglichen.

Wie kommt es aber dazu, dass Schriftstücke derartige Ausstrahlungskraft erhalten? Die Ausstellung «Heilige Bücher und mächtige Zeichen – Schrift in Szene gesetzt» in der Zentralbibliothek Zürich präsentiert anhand prächtiger und profaner Handschriften aus dem 6. bis 19. Jahrhundert, mit welchen Mitteln aus Artefakten wirkungsvolle Bedeutungsträger werden.

Der Purpurpsalter aus dem 6. Jahrhundert macht mit Purpur, Gold und Silber auf seine kaiserliche Herkunft aufmerksam. (Bild: Theo von Däniken)

Purpur, Gold und Silber

Grösse, Prunk und Pracht des Materials sind eine Möglichkeit, Schriften mit Bedeutung aufzuladen. Im Rahmen der Ausstellung sind deshalb einige der Schätze der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek zu bewundern. Dazu gehört der älteste Codex der Sammlung, der so genannte Zürcher Purpurpsalter aus dem 6. Jahrhundert, eine von sieben erhaltenen griechischen Purpurhandschriften. Auf dem Purpur gefärbten Pergament sind Psalmen in Gold- und Silbertinte geschrieben – edelste Materialien also, die Ausstrahlung und Anspruch des Kodex machtvoll dokumentieren.

Ein wahres Schatzkästchen ist der in einer unscheinbaren Blechdose steckende Miniaturkoran von gerade mal knapp vier Zentimetern Durchmesser. Jede Seite des Korans ist jedoch mit einem blau-goldenen Rahmen aufwändig verziert, die Schrift mikroskopisch klein, doch von höchster Präzision. Unabhängig von der Grösse spiegelt die reiche Ausstattung die Bedeutung der Schrift. Die kleine Dose ermöglicht es dem Träger, die mächtigen Worte als Schutz und versteckte geistige Kraft jederzeit auf sich zu tragen.

Grosse geistliche Kraft trotz kleinen Dimensionen: Der Miniaturkoran aus dem 16. Jahrhundert widerspiegelt in der reichen Ausstattung die Bedeutung der Schrift. (Bild: Theo von Däniken)

Göttliche Namensliste

Gegen diese Prachthandschriften, zu denen auch das kunstvoll illustrierte «Goldene Buch» (Liber Aureus) aus dem Kloster Pfäfers gehört, mögen die Kodices im zweiten Teil der Ausstellung eher profan wirken. Sie erlangen ihre Bedeutung nicht durch überwältigende Materialität, sondern durch ihre Rolle, die sie sie in religiösen oder politischen Ritualen einnehmen.

Wahllos und weder mit besonderer Sorgfalt noch Ordnung eingetragen muten etwa die Namen im Reichenauer Verbrüderungsbuch aus dem 11. bis 16. Jahrhundert an. Indem es die Namen von Verstorbenen mit den noch Lebenden verband, schuf das Verbrüderungsbuch eine Verbindung zwischen der irdischen Gegenwart und der himmlischen Heilsvorstellung. Der Eintrag ins Verbrüderungsbuch ging einher mit der Hoffnung, dadurch ebenfalls ins himmlische Liber vitae Gottes aufgenommen zu werden, das am Tag des Jüngsten Gerichts geöffnet wird.

Wer ist die Frau in der Zier-Initiale auf dem «Zweiten Geschworenen Brief» aus Zürich? Die Jungfrau Maria oder die nominelle Stadtherrin von Zürich, die Äbtissin Beatrix von Wolhusen? (Bild: Theo von Däniken)

Zerschnittene Verträge

Mit der Verwendung von bestimmten Schriftstücken in politischen oder religiösen Ritualen wurden oft Herrschafts- und Rechtsansprüche geltend gemacht oder bestätigt. Davon zeugen in der Ausstellung etwa der der «Zweite Geschworene Brief» aus Zürich, kirchliche Jahrzeitenbücher, Stadtrechtsurkunden und so genannte Chirographen.

Letztere, eine besondere Form von Vertragsurkunden wurden in doppelter Ausführung auf einen grossen Pergamentbogen geschrieben. Dieser wurde danach entlang einer unregelmässig gezackten Linie zerschnitten, so dass jede Vertragspartei eine Ausfertigung des Vertrags besass. Bei Streitigkeiten konnte durch das Zusammenfügen der beiden Teile die Echtheit und Korrektheit belegt werden.

Passen die Teile? In Chirographen wurde die Echtheit von Verträgen durch das Zusammenpassen der unregelmässigen Schnittlinie geprüft. (Chirograph aus dem Stadtarchiv Zürich, 1543) (Bild: Theo von Däniken)

Nicht durch Pracht oder Performanz, sondern durch die Anlehnung an spezifische Darstellungsformen und Konventionen schöpfen die Ausstellungsstücke im dritten Teil ihre Bedeutung und Autorität. Ein besonderes Schmuckstück unter den zahlreichen Beispielen ist etwa ein Autograph von Giovanni Boccaccio aus der Biblioteca Medicea Laurenziana in Florenz. Der Autor des Decamerone versah darin seine frühe Dichtung Teseida delle Nozze d'Eemilia im Stile kanonischer Texte und Klassiker mit Glossen. Dadurch rückte er seinen eigenen Text selbstbewusst in die Nähe dieser autoritativen Textformen.

Rigi als Zentrum der Welt

Auf eine durch die formale Gestaltung gleichsam geliehene Heilswirkung zählt auch die erste Karte der Eidgenossenschaft von Albrecht von Bonstetten aus dem Jahr 1480. Basierend auf der aus frühmittelalterlicher Zeit stammenden Darstellungsform der Mappa mundi zeichnet Albrecht von Bonstetten die Eidgenossenschaft als Kreis, in dessen Mitte die Rigi den Platz Jerusalems als Zentrum christlicher Weltkarten einnimmt.

Das gelobte Land inmitten Europas: Albrecht von Bonstettens heilsgeschichtlich aufgeladene Darstellung der Eidgenossenschaft als . (Bibliothèque Nationale de France, Paris, 1480) (Bild: Theo von Däniken)

Damit wird der Eidgenossenschaft über die Verbindung zur Mappa mundi eine heilsgeschichtliche Dimension eingeschrieben. Unfreiwillig offenbart die Karte dabei einen unerwarteten Bezug zur Gegenwart. Der als Himmelszelt um die Karte gezogene blaue Kreis mit den gelben Sternen lässt an die europäische Flagge denken. Die Schweiz als das gelobte Land inmitten Europas: In vielen Köpfen noch immer ein mächtiges Zeichen mit höchster Aktualität.

Die Ausstellung im Predigerchor der Zentralbibliothek Zürich dauert noch bis zum 12. Juli 2008.

Öffnungszeiten:

Montag – Freitag, 13 – 17 Uhr

Samstag 13 – 16 Uhr

«Heilige Bücher und mächtige Zeichen» ist eine von vier Ausstellungen im Rahmen des Nationalen Forschungsschwerpunkts «Mediality». Sie befassen sich mit Erscheinungsformen von Schrift in der alteuropäischen Kultur. Informationen zu den anderen drei Ausstellungen finden Sie unter www.mediality.ch

Zu allen vier Ausstellungen ist im Chronos-Verlag ein reichhaltiger Katalog erschienen: «Schrifträume: Dimensionen von Schrift zwischen Mittelalter und Moderne». Christian Kiening, Martina Stercken (Hg.), Zürich, 2008. 460 Seiten.

Theo von Däniken ist Redaktor von unipublic

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NCCR Mediality

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Veranstaltungen Sozial- und Geisteswissenschaften

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