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09.06.2008Vortrag von Dan Diner

Was Geschichte über die Politik von heute erzählt

Brauchen wir historische Vergleiche? Ja unbedingt, denn auch die aktuelle Politik ist zum Teil noch im 19. Jahrhundert begründet, ist der Historiker Dan Diner überzeugt.

Lydia Farago

Es war einmal der Kalte Krieg. Er endete vor rund zwanzig Jahren, ruft sich aber durch aktuelle Ereignisse gelegentlich in Erinnerung. So warnte der russische Präsident Medwedjew kürzlich in Berlin, eine Osterweiterung der NATO könne früheres Blockdenken fördern und ernsthafte Spannungen mit Russland hervorrufen. Er unterstrich seine Aussage mit der Bemerkung, der Preis würde hoch sein. Wer in Medwedjews Worten den humorlosen Ton ehemaliger Sowjetherren vernimmt, liegt so falsch nicht.

Dan Diner

Dan Diner: Geschichte kann uns helfen zu verstehen, «wo wir heute stehen und wohin wir uns bewegen». (Bild: Lydia Farago)

Wieviel Vergangenheit lesen wir aber tatsächlich in die Gegenwart hinein? Und wieviel Gegenwart lesen wir in die Vergangenheit hinein? Das beschäftigt Dan Diner, Professor für neuere Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem. In seinem Vortrag «Europa – Russland – Amerika. Konstellationen der Zukunft im Kontext der Geschichte» vom letzten Donnerstag in der Aula der Universität, verknüpfte er politische Ereignisse des 19. und 20. Jahrhunderts, um «zu erkennen, wo wir heute stehen und wohin wir uns bewegen».

Weltkrieg im 19. Jahrhundert

«Wenn man die Aussen- und Sicherheitspolitik einzelner Länder Europas betrachtet, fällt heute auf, dass sie auf das 19. Jahrhundert Bezug nehmen», erklärte Diner. Darauf deute die heutige Bildung von Nationalstaaten in Europa, die an das 19. Jahrhundert anschliesse, als hätte das zwanzigste nie existiert. Auch für die allmähliche Annäherung Russlands an Europa nach dem Kalten Krieg und der Auflösung der Sowjetunion sieht Diner eine Parallele im 19. Jahrhundert: Der Krimkrieg – der «Weltkrieg des 19. Jahrhunderts» – beendete 1857 die russische Vorherrschaft in Europa, und Russland zog sich aus der Politik Mitteleuropas zurück, um nach 1870 zurückzukehren.

«Heute bringt sich Russland mit seinen Rohstoffen als Energie-Supermacht nach Europa ein», sagt Diner. Es ist aber eine autoritär regierte Supermacht, in der noch immer Werte stark sind, die im 19. Jahrhundert geprägt wurden. So sieht Diner die fast unantastbare Autorität des Präsidenten verwurzelt in der Idee vom Gottesgnadentum der Herrscher, die zurückgeht auf die Heilige Allianz von 1815 zwischen Österreich, Preussen und Russland.

Europäische gegen amerikanische Werte

«Heilige Allianz» auf der einen Seite und demokratische Kräfte auf der anderen – die Wertegegensätze dieser Lager prägten, so Diner, die Politik im 19. Jahrhundert: Russland definierte sich als eine reaktionäre Macht, Frankreich war «der Unruheherd Europas», England strebte eine Balance in Europa an und gab sich «liberal», in erster Linie allerdings um ungehindert und äusserst konservativ seinen Interessen in Übersee nachzugehen.

Im krassen Gegensatz zu den europäischen Werten sei die Monroe-Doktrin von 1823 gestanden, die die Werte der USA definierte. Die amerikanische Idee von Liberalismus und Demokratie «war eine unerträgliche Herausforderung an die europäische Ordnung» hielt Diner fest. Am Ende seien absolut gesetzte Werte einander gegenüber gestanden.

Dan Diner

Dan Diner: «Die USA kennen nur den Wertekrieg.» (Bild: Lydia Farago)

Dass diese Werte heute noch ihre Gültigkeit hätten, zeigten die USA, deren Ideologie in der Aussenpolitik höchste Priorität hat. «Die USA kennen nur den Wertekrieg», sagte Diner. In den Ersten Weltkrieg seien sie eingetreten mit dem Anspruch 'to make the world safe for democracy', den Zweiten Weltkrieg nannte Eisenhower einen Kreuzzug in Europa.

Europa, was bist du?

Der Wertekrieg zwischen der «westlichen Freiheit und der kommunistischen Vorstellung von Gleichheit» brannte in Europa vierzig Jahre lang und ging in die Geschichte ein als Kalter Krieg. Seit dem Ende dieses «seltsamen Zustands», habe Europa ein existenzielles Problem, ist Diner überzeugt. Denn Europa wisse nicht, wie es sich definieren und wohin es steuern soll.

Laut Diner fehlt eine gemeinsame Aussen- und Sicherheitspolitik; die Abhängigkeit von der NATO, dessen strategisches Hauptquartier in den USA liegt, ist gross. «Europa geht es heute wie dem von Napoleon aufgelösten Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation», sagte Diner, «man handelt einfach nicht.» Es überrasche daher niemanden, wenn Europa heute im Notfall handeln lasse und das Privileg der Entscheidung dem amerikanischen Präsidenten zufalle, wie es vor wenigen Jahren auf dem Balkan der Fall war.

Dan Diner ist Professor für Neuere Geschichte an der Hebrew University of Jerusalem, Direktor des Simon-Dubnow-Instituts für Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig und Professor am Historischen Seminar der Universität Leipzig. Diner hat zahlreiche Publikationen über die Geschichte des 20. Jahrhunderts veröffentlicht. 

Lydia Farago ist Redaktorin bei unicommunication Online

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