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05.09.2008Kongress: «Roads to Innovation in Addiction Treatment»

Von Sucht und Sehnsucht

1 Leserkommentar

Professor Ambros Uchtenhagen ist einer der Architekten der Schweizer Drogenpolitik. Aus Anlass seines achtzigsten Geburtstages diskutierten Fachleute aktuelle Fragen zur Suchtforschung und Drogenpolitik. Uchtenhagen selbst zeigte auf, was hinter der Sucht steckt.

Marita Fuchs

Einige Demonstranten, mit weissen Ärztekitteln bekleidet, halten Plakate hoch: «Keine Heroinabgabe durch Ärzte». Plötzlich ruft einer: «Da ist er!» Er meint Ambros Uchtenhagen, der gerade das Gebäude betritt, in dem der Kongress «Wege zur Innovation in der Suchtbehandlung» stattfindet. Die Szene macht deutlich: Auch Jahre nach ihrer Einführung trifft die pragmatische Schweizer Drogenpolitik noch auf heftige Kritik. Und noch immer ist der inzwischen 80-jährige Ambros Uchtenhagen als einer der Väter dieser Politik untrennbar damit verbunden.

Ruth Dreifuss

Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss: «Ich bin heute stolz, wie die Schweiz auf die Notsituation der 80-er und 90-er Jahre reagierte.» (Bild: Marita Fuchs)

Seit 34 Jahren ist Uchtenhagen Mitglied der Expertengruppe der Weltgesundheitsorganisation und als Ratgeber international gefragt. Als Direktor des sozialpsychiatrischen Dienstes der psychiatrischen Universitätsklinik begann er 1978 damit, Heroinabhängige die Ersatzdroge Methadon abzugeben. Er ging dann einen Schritt weiter und verabreichte sogenannten Schwerstabhängigen Heroin. Damit half er, das Drogenelend auf dem Platzspitz in Zürich und Letten aufzuheben und prägte die Drogenpolitik der Schweiz, indem er als Wissenschaftler und medizinischer Fachmann die bis heute geltende Vier-Säulen-Strategie in der Drogenpolitik initiierte.

Drogenelend zu Beginn der 90er Jahre

Die Vier-Säulen-Strategie ermöglicht das Zusammenspiel von Prävention, Therapie, Überlebenshilfe und Repression. Mit der heroingestützten Behandlung wählte die Schweiz einen innovativen Ansatz, der damals international Beachtung fand. Wie Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss am Kongress ausführte, war in den achtziger und neunziger Jahren eine Notsituation eingetreten: Wachsende Drogen-Schwarzmärkte und die grassierende AIDS-Epidemie führten zu einem Anstieg der Drogenabhängigen und -toten. «Im Kocherpark in Bern hatten wir die Kontrolle verloren», erzählte sie.

So sei es aufgrund der Notlage zu einem echten Dialog zwischen Wissenschaft und Politik gekommen. Die Beteiligten waren gezwungen, eine vernünftige Lösung zu finden. «Dazu gehörten die kontrollierte Heroinabgabe in den Fixerstübli und ich bin heute stolz, wie die Schweiz auf die Notsituation reagierte», sagte Dreifuss und dankte Ambros Uchtenhagen für seinen wissenschaftlichen Beitrag in der Drogenpolitik.

Abstimmung über das Betäubungsmittelgesetz im November

Die heroingestützte Behandlung wurde wissenschaftlich genau dokumentiert und evaluiert. So konnte man zeigen, dass die Massnahmen rasch Wirkung erzielten, auch die Beschaffungskriminalität ging massiv zurück. Ständerat Felix Gutzwiller, Direktor des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich, wies darauf hin, dass es grundsätzlich drei Wege in der Drogenpolitik gebe. Die unreglementierte Freigabe von Drogen, die Repression oder die Vier-Säulen-Strategie. Letztere erfasse das Problem rational. Er hoffe, dass durch die Abstimmung am kommenden 30. November mit dem revidierten Betäubungsmittelgesetz, die in den 90er Jahren begonnene Drogenpolitik endlich gesetzlich festgelegt werde.

Ambros Uchtenhagen

Ambros Uchtenhagen: «Sucht ist ein Symptom, keine Krankheit.» (Bild: Marita Fuchs)

Anziehend auch für Duchschnittsbürger

«Was haben die Botellóns mit dem Platzspitz zu tun?» fragte Ambros Uchtenhagen in seinem Beitrag. Der Platzspitz sei damals nicht nur für Dealer, Konsumenten und Helfer attraktiv gewesen, sondern auch für den Durchschnittsbürger und den Durchschnittsvoyeur. Doch was genau diese Anziehung ausmachte, sei nie definiert worden.

Sucht sei eine Störung des Motivationssystems, führte Uchtenhagen aus. «Sucht ist ein Symptom, keine Krankheit», sagte der 80-jährige Jubilar. Eine Sucht entwickle sich aus Gewohnheit oder aus persönlichen Krisensituationen heraus, wie etwa Verlusterlebnissen, der Erschütterung des Selbstwertgefühls oder massivem Stress. Dabei werde das Gleichgewicht des Motivationssystems gestört.

Platzspitz

Übte auch auf die Durchschnittsbürger eine gewisse Faszination aus: Platzspitz in den 80-er Jahren. (Bild: zVg)

Die Sehnsucht hinter der Sucht

Allerdings sei der Verlauf einer Sucht sehr unterschiedlich, es lasse sich kein einheitlicher Entwicklungsmechanismus aufzeigen. Bevor eine Sucht entstünde, sei jedoch schon ein Suchtgedächtnis zustanden gekommen. Wie, das bleibe noch im Dunkeln. «Was verlangt unser Belohnungssystem, bevor es zum Suchtgedächtnis kommt? Denn, was den Platzspitz attraktiv machte, war nicht das Heroin allein!»

Es sei das suchtmittelunterstützte Gemeinschaftserlebnis, an dem sich die Menschen erfreuen. Das mache auch die Botellóns attraktiv. Vielleicht müsse es darum gehen, die Sehnsucht hinter der Sucht zu begreifen. «Sehnsucht kann zwar domestiziert, aber nicht unterdrückt werden», bilanzierte Uchtenhagen.

Jedoch könne das Gemeinschaftserlebnis auch transformiert und kreativ gestaltet werden. So hätte Goethe gesagt: «Andere haben ihren Rausch. Ich habe ihn auf Papier».

Marita Fuchs ist Redaktorin von unipublic

Links

Zürcher Sucht-Kongress: Roads to Innovation in Addiction Treatment

Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung

Tags

Sozial- und Geisteswissenschaften

1 Leserkommentar

Verena Fuchs schrieb am 25.06.2012, 11:11:

“Sehnsucht hinter der Sucht”

Ich kenne Ambors Uchtenhagen und bin ihm heute noch dankbar, dass er sich damals dieser menschenverachtenden Handlungen angenommen hat. Aus eigener Erfahrung mit Heroinsüchtigen weiss ich, dass es immer eine Tragödie ist, als Angehöriger machtlos zu sein. Ich bin froh, dass Schwerstsüchtige heute Hilfe erhalten. Vor allem wenn man bedenkt, dass man Alkohol, Zigarretten, Schmerzmittel überall ohne Probleme bekommt. Es ist ein Zeichen von Schizophrenie, wie man das Betäubungsmittelgesetz auslegt ! Letztendlich denke ich, dass Liebe, Geborgenheit sowie Zeit in der Erziehung noch immer die beste Prävention ist.

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