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11.11.2008Forschungsqualität

«Auf Publikationen kommt es an»

Neben der Zitationshäufigkeit von Veröffentlichungen gelten auch Preise, Reputation und Drittmitteleinwerbungen als Indikatoren für Forschungsqualität. Ausschlaggebend sind und bleiben aber gute Publikationen, sagt Hochschulforscher Hans-Dieter Daniel.

David Werner

Eine Studie der Universität Leiden hat ermittelt, dass die Universität Zürich, was die messbare Forschungsleistung anbelangt, zu den besten zehn europäischen Hochschulen gehört. Hans-Dieter Daniel, Bibliometrie- Experte und Leiter der Evaluationsstelle der UZH, beantwortet im Folgenden einige Fragen zur Qualitätsmessung.

Herr Daniel, beim Stichwort Bibliometrie denkt man primär an die immer wichtiger werdende Zitationsanalyse. Welche Möglichkeiten zur Identifikation und Lokalisierung bedeutender Forschungsleistungen bietet die Bibliometrie sonst noch?

Hans-Dieter Daniel: Sehr zukunftsträchtig sind in meinen Augen bildgebende Verfahren, die auf Co-Word- Analysen beruhen. Dabei werden Titel und Abstracts von wissenschaftlichen Veröffentlichungen nach häufig vorkommenden ungewöhnlichen Begriffspaaren durchsucht. Die Häufigkeit des gemeinsamen Vorkommens von Begriffen ist ein statistisches Distanzmass, das für die Kartierung der Forschungsgebiete verwendet wird. Häufen sich bestimmte neuartige Begriffskombinationen, so lässt dies auf die Entstehung eines neuen Forschungsfelds schliessen. Neues entsteht ja fast immer an Schnittstellen etablierter Denkrichtungen. Diesen Umstand macht sich die Co-Word-Analyse zunutze. Mit ihrer Hilfe können sogenannte Emerging Fields identifiziert werden. Die Ergebnisse solcher Analysen interessieren dann die Institutionen der Forschungsförderung, die ja nicht den ausgeforschten Mainstream, sondern gerade die unkonventionellen Bereiche unterstützen wollen.

Sieht man einmal von bibliografischen Daten ab: Welche Indikatoren geben sonst noch Aufschluss darüber, wo exzellente Forschung betrieben wird?

Daniel: Preise, Reputation und eingeworbene Drittmittel gelten als die wichtigsten Indikatoren. Was die Aussagekraft Letzterer anbelangt, bin ich jedoch besonders skeptisch: Bei Drittmitteln handelt es sich um Input-Indikatoren. Sie lassen zwar Rückschlüsse darauf zu, welche Relevanz einem Forschungsbereich zugemessen wird, sagen aber nichts Verlässliches über die Qualität der Forschung aus, die mit den eingeworbenen Geldern betrieben werden soll.

Welche Rolle spielt die wissenschaftliche Reputation?

Daniel: In einigen Fächern, wie zum Beispiel der Rechtswissenschaft, sind Reputationsbefragungen der einzige Weg, um Qualitätshierarchien in Erfahrung zu bringen. Dabei werden Vertreterinnen und Vertreter einer bestimmten Fachrichtung gebeten, die aus ihrer Sicht anerkanntesten Kolleginnen und Kollegen zu benennen. Wichtige Indizien für eine hohe Reputation sind Mitgliedschaft in wissenschaftlichen Beiräten und Akademien, Herausgeber- und Gutachtertätigkeit für Fachzeitschriften und die Organisation wichtiger internationaler Kongresse.

Wie aussagekräftig sind wissenschaftliche Auszeichnungen?

Daniel: Die Kultur der Preisvergabe ist je nach Fach sehr unterschiedlich; die am besten ausgebauten Preissysteme gibt es in der Medizin und in der Mathematik. Ein Problem bei Preisen ist, dass sie sich oft auf Leistungen beziehen, die schon längere Zeit zurückliegen. Ausserdem liegt in manchen Fällen der Verdacht nahe, dass nicht wissenschaftliche Innovationskraft, sondern allgemeine Verdienste um die Scientific Community den Ausschlag für den Jury-Entscheid gaben. Verlässliche Qualitäts-Indikatoren sind Preise, die speziell auf Nachwuchsforschende ausgerichtet sind, wie etwa der European Young Investigator Award. Sie werden meist aufgrund herausragender Publikationen verliehen. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Auf gute Publikationen kommt es an, nur sie bringen den Erfolg. Ohne Veröffentlichungen keine Stipendien, keine Drittmittel, keine Zitationen, keine Preise. An den Publikationen erkennt man, wo gute Forschung gemacht wird.

Der Druck zu publizieren ist bereits für junge Forschende sehr hoch. Setzt man damit die richtigen Anreize?

Daniel: Ja. Es gehört zum wissenschaftlichen Ethos, dass Forschende alle Mitglieder der Wissenschaftsgemeinschaft an den Ergebnissen ihrer Arbeit teilhaben lassen – das gilt insbesondere für öffentlich finanzierte Forschung. Der Soziologe Robert K. Merton hat diese Forderung mit seiner berühmten Kommunitarismus- Norm auf den Begriff gebracht. Eine weitere seiner Normen, der sogenannte «organisierte Skeptizismus», verlangt von den Forschenden, die Erkenntnisse ihrer Fachkolleginnen und -kollegen kritisch auf ihre Belastbarkeit zu überprüfen. Auch dafür ist Publizität eine Voraussetzung. Es sind also zentrale wissenschaftsethische Grundsätze, die uns Forschende zur Veröffentlichung unserer Ergebnisse verpflichten.

David Werner ist Redaktor des unijournals

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Evaluationsstelle der Universität Zürich

Hinweis

unijournal 5/08

Tags

Forschung

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