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22.12.2008Weltwirtschaftskrise

«Der Staat muss die Nachfrage direkt ankurbeln»

Die USA sind haushoch verschuldet, Island ging bankrott, Regierungen versprechen Milliardenspritzen – der Makroökonom Prof. Josef Falkinger von der Universität Zürich erklärt die Hintergründe der derzeitigen wirtschaftlichen Entwicklungen.

Brigitte Bloechlinger

fallendes Geld

«Die Bekämpfung der Rezession lässt vorerst keinen Abbau der Schulden zu»: Prof. Josef Falkinger zur Verschuldung der USA. (Bild: bri.)

Weltweit treiben Regierungen Geld in mehrstelliger Milliardenhöhe auf, um Banken und die Wirtschaft zu stützen. Wo liegen die Grenzen solcher Geldspritzen für eine Volkswirtschaft?

Hier muss man unterscheiden: Kommt das Geld von der Notenbank oder von der Regierung? Stellt die Notenbank das Geld bereit, dann hat das seine ökonomische Grenze in der inneren und äusseren Stabilität der Währung, also in Inflation und Währungskrise. Hinzu kommen die gesetzlichen Vorschriften, die in einzelnen Ländern verschieden ausgestaltet sein können und die Geldspritzen beschränken.

Kommt das Geld von der Regierung und ist es nicht notenbankfinanziert, muss es durch Steuern oder staatliche Kreditaufnahme finanziert werden. Die Grenze hier liegt daher einerseits in der Steuerkraft eines Landes – diese ist letztlich durch das Volkseinkommen und das Vermögen bestimmt. Andererseits liegt die Grenze in der Kreditwürdigkeit des Staates, das heisst, wie viel Kredit sind inländische oder ausländische Gläubiger zu geben bereit.

Welches sind derzeit die grossen Kreditgeber, die Staaten mit Geld versorgen?

Es gibt ja grosse Volumen an privaten und öffentlichen Mitteln, die nach relativ sicheren Anlagemöglichkeiten suchen. Die Bereitschaft, dem Staat Geld zu borgen, ist angesichts der grossen Unsicherheit im Markt gross – vorausgesetzt, es handelt sich nicht um einen bankrottgefährdeten Staat.

Die Kreditgeber sind private inländische Anleger oder das Geld kommt aus dem Ausland – aus Ländern mit Überschüssen in der Ertragsbilanz. Dazu gehören neben China, Japan, Singapur oder den ölreichen Ländern auch zahlreiche europäische Länder wie Deutschland und die Schweiz.

Wann geht ein Land in Konkurs? Können Sie das anhand von Island darlegen?

Da muss man zwischen Verschuldung im Inland und Verschuldung im Ausland unterscheiden. In Bezug auf die Auslandsverschuldung kann man sich den Konkurs eines Landes wie den einer Unternehmung vorstellen. Das Land kann seine Auslandsschulden nicht mehr bedienen. Es wird daher auch keine neuen Kredite mehr bekommen. Das bedeutet natürlich auch, dass es für das Land schwieriger bis unmöglich wird, aus dem Ausland Güter oder Dienstleistungen zu beziehen.

Konkret kann das in Form einer Währungskrise vor sich gehen. Weil die Währung des Landes nichts mehr wert ist, können die Unternehmen oder die Konsumenten im Ausland nichts mehr kaufen oder sich keine Reisen ins Ausland leisten.

Bei der Inlandsverschuldung handelt es sich um einen Kredit der Bürgerinnen und Bürger an den Staat. Staatsbankrott bedeutet in diesem Fall: Der Staat kann den bei seinen Bürgern aufgenommenen Kredit nicht zurückzahlen. Das Problem ist nun: Hinter dem Staat, der Kredite zurückzahlt oder eben nicht zurückzahlt, stehen ja auch Bürger, nämlich die Steuerzahler. Letztlich bedeutet daher Bankrott in Bezug auf Inlandsverschuldung: Die Steuerzahler sind nicht willens oder nicht in der Lage, die vom Staat eingegangenen Schuldverpflichtungen einzulösen. Man könnte es also auch so sehen: Es handelt sich um einen Konflikt zwischen Steuerzahlern und Gläubigern des Staates.

Das kann ein Konflikt zwischen verschiedenen Individuen sein, zum Beispiel zwischen der arbeitenden Bevölkerung und den Vermögensbesitzern. Der Konflikt kann sich aber auch in ein und derselben Person abspielen – zwischen dem «Ich» als Steuerzahler und dem «Ich» als Besitzer von Staatsanleihen.

Ist die Gefahr einer Inflation bei hohen Geldspritzen nicht bedrohlich?

Grundsätzlich schon, aber nicht im Moment. Zu Inflation kommt es ja, wenn mehr Geld im Umlauf ist, als zum Kauf der vorhandenen Güter und Dienstleistungen gebraucht wird. In der aktuellen Situation haben wir aber das umgekehrte Problem: Betriebe und Haushalte investieren und konsumieren weniger, als produziert wird. Das bedeutet, dass die Produktion gekürzt wird und die Betriebe weniger investieren – das sind die beiden aktuellen Gefahren.

Wichtig ist an dieser Stelle vor allem: Geldspritzen seitens der Notenbanken reichen derzeit nicht aus, um die Konjunktur zu beleben. Der Pessimismus der Wirtschaftssubjekte ist zu gross. Sie halten das Geld zurück, anstatt es auszugeben und zu investieren. In so einer Situation muss der Staat direkt die Nachfrage ankurbeln – meiner Ansicht nach vor allem durch staatliche Investitionen, da andere expansive fiskalische Massnahmen wie Steuersenkung nur bedingt wirken.

Wichtig ist, dass die expansive Fiskalpolitik schnell passiert – bevor die Betriebe ihre Kapazitäten stark abgebaut haben. Denn wenn die zusätzliche Nachfrage erst kommt, nachdem die Betriebe ihre Kapazitäten schon stark abgebaut haben, dann droht tatsächlich eine Inflation.

Noch ein Punkt ist mir an dieser Stelle wichtig: Wie immer man politisch zur Staatsaktivität steht, wir sind jetzt wie selten sonst mit einer Situation konfrontiert, in der das so genannte IS-LM Modell eine klare Antwort gibt: Erstens, wenn ein Schock die private Nachfrage unter den Gleichgewichtsoutput drückt, ist expansive Geldpolitik und/oder expansive Fiskalpolitik angebracht. Zweitens, je mehr sich die Ökonomie der Liquiditätsfalle nähert und je pessimistischer die privaten Investoren sind, desto mehr stösst die Geldpolitik an ihre Grenze und muss durch expansive Fiskalpolitik, also staatliche Nachfrageankurbelung ergänzt werden.

Als Dozent der Universität Zürich möchte ich hinzufügen: Ich bin stolz darauf, dass den Studierenden, die bei uns Makroökonomie I hören, diese wichtigen makroökomischen Zusammenhänge ausführlich vermittelt werden.

Prof. Falkinger

Makroökonom Prof. Josef Falkinger (Bild: zVg)

Die USA haben sich in den letzten Jahren auf über 10 Billionen US-Dollar verschuldet und sind damit zum meist verschuldeten Staat der Welt geworden. Kann eine so hoch verschuldete Nation überhaupt noch die Führungsrolle in der Welt beanspruchen?

Das Überraschende für mich im vergangenen Jahrzehnt war, dass die hohe Verschuldung der USA so lange keinen negativen Einfluss auf die Stellung der USA hatte – weder auf das Vertrauen der Investoren in die Stärke der US-Wirtschaft noch auf die Einschätzung politischer Kommentatoren. Makroökonomische Warnsignale wie niedrige Sparquote bzw. hohe private Verschuldung oder hohes Leistungsbilanzdefizit scheinen also durch andere Stärken wie Unternehmertum, Erfindergeist oder demografische Dynamik infolge Zuwanderung kompensiert werden zu können.

Tatsache ist, Auslandsverschuldung bedeutet, dass ausländische Investoren Eigentumsrechte an amerikanischen Immobilien, Produktionsstätten, Patenten etc. erwerben.

Grundsätzlich wird ein rationaler Investor seine Eigentumsrechte nicht nach politischen Gesichtspunkten ausüben, sondern um ökonomische Profitinteressen zu verfolgen. Einige Ökonomen meinen daher, Investitionen, hinter denen ausländische Staatsfonds stehen, seien bedenklich, jene von privaten Investoren nicht. Ich bin nicht so sicher, wie viel diese Unterscheidung im Ernstfall wirklich taugt; denn einerseits haben Oligarchen Einfluss auf den Staat, andererseits kann ein autoritärer Staat Einfluss auf die Entscheidungen privater Fonds nehmen.

Welche Auswirkungen haben so hohe Schuldenberge wie jene der USA auf die einzelnen Bürgerinnen und Bürger?

Der Schuldenberg ist ja zum Teil direkt der Schuldenberg der einzelnen Bürgerinnen und Bürger – zum Beispiel die Hypothek auf dem Haus. Hier sind die Folgen unmittelbar, von der Konsumeinschränkung bis zur Betreibung.

Bei der Auslandsverschuldung sind die Konsequenzen indirekter: Um Tilgungen und Zinszahlungen zu bedienen, müssen entweder neue Schulden aufgenommen werden oder sie werden durch Exportüberschüsse finanziert werden. Letzteres bedeutet, dass den US- Bürgerinnen und Bürgern vergleichsweise weniger importierte Güter und Dienstleistungen oder ein geringerer Teil der inländischen Produktion zur Verfügung stehen.

Wie können die USA aus der Schuldenfalle herauskommen? Wie schnell ist das möglich?

Indem sie mehr sparen. Kurzfristig ist das nicht möglich und auch nicht sinnvoll. Die Bekämpfung der Rezession lässt vorerst keinen Abbau der Schulden zu.

Brigitte Blöchlinger ist Redaktorin von unipublic

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Prof. Dr. Dr. Josef Falkinger

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