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07.09.2009
Phonogrammarchiv

In den Papptrichter sprechen

Von den Dialekten der Bündner Täler bis zum Genfer «Patois»: Das Phonogrammarchiv der Universität Zürich beherbergt Sprachaufzeichnungen aus allen Ecken und Winkeln unseres Landes. Jetzt feiert das älteste Tonarchiv der Schweiz den hundertsten Geburtstag mit einer Ausstellung im Lichthof des Kollegiengebäudes.

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Roger Nickl

Phonograph
Phonograph: Bereits 1909 Stimmen auf Wachsplatte gebannt. (Bild: Phonogrammarchiv)

Wussten Sie, dass ein Esslätzchen im Kanton Zürich auch ein «Musueli» ist? Dass die Neuenburger der Karotte manchmal «rifnàla» sagen und dass im Südtessin zuweilen eine «slüscia», ein Gewitter, aufzieht?

Dialekte sind in ihrer reichen Vielfalt eine wahre Schatztruhe für Sprachforscher. Um gesprochene Mundarten aufzuzeichnen und zu untersuchen, sind deshalb schon Anfang des 20. Jahrhunderts Wissenschaftler der Universität Zürich (UZH) in alle Schweizer Landesteile gereist.

Dialekte auf Wachs gebannt

Mit dabei war jeweils ein kleines Kästchen aus Holz und Metall, auf dem ein grosser, schwarz lackierter Papptrichter sass. Dieser Phonograph, der nun im Phonogrammarchiv der UZH zu bestaunen ist, sieht für heutige Augen unscheinbar und etwas skurill aus: Anfang des 20. Jahrhunderts war das Gerät aber absoluter High-Tech. Bereits 1909 wurde damit die Stimme von Catharina Streiff durch den damaligen Germanistikprofessor Albert Bachmann auf eine Wachsplatte gebannt.

Phonograph mit Wachsplatte
Phonograph mit Wachsplatte: Anfang des 20. Jahrhunderts ein absolutes High-Tech-Gerät. (Bild: Pnonogrammarchiv)

Die Aufnahme der 22-jährigen Studentin, die eine Erzählung in Glarner Mundart in den Papptrichter sprach, war der Grundstein für das Phonogrammarchiv, das Bachmann zusammen mit dem Romanistikprofessor Louis Gauchat bald darauf ins Leben rief.

Zuerst waren es vor allem Studentinnen und Studenten, die Dialekttexte aus ihrer Region in den Phonographen sprachen. Doch schon bald schwärmten die Sprachforscher der UZH in alle Ecken und Winkel der Schweiz aus, um Mundartbeispiele aus den vier Landessprachen zusammenzutragen. «Einerseits wollte man damit aussterbende Dialekte dokumentieren», sagt Dieter Studer, der das Phonogrammarchiv heute betreut, «andererseits wollten die Forscher die Schweizer Dialektlandschaft und ihre Unterschiede so engmaschig wie möglich erfassen.»

Acetatplatte
Plattenhülle mit Acetatplatte aus dem Bestand des Phonogrammarchivs: Gesamthaft über 900 Aufnahmen auf unterschiedlichsten Tonträgern archivert. (Bild: Phonogrammarchiv)

So ist über die Jahrzehnte hinweg ein einmaliges Spracharchiv entstanden. Heute verfügt es über rund 900 eigene Aufnahmen auf den unterschiedlichsten Tonträgern. Darunter befinden sich Raritäten wie etwa Tondokumente mit Rätoromanisch aus dem Samnaun oder Westjiddisch aus dem aargauischen Surbtal – Sprachen, die es heute nicht mehr gibt.

Sprachschätze digitalisieren

In diesem Jahr feiert das Phonogrammarchiv das hundertjährige Bestehen seiner Sammlung. Zu diesem Anlass haben Dieter Studer und sein Kollege Michael Schwarzenbach eine Ausstellung konzipiert, die vom 7. bis 25. September im Lichthof des Kollegiengebäudes Geschichte und Arbeit des wissenschaftlichen Archivs beleuchtet.

Parallel zur Ausstellung findet an der UZH vom 7. bis 9. September der dritte Kongress der Internationalen Gesellschaft für Dialektologie des Deutschen zum Thema «Dynamik des Dialekts. Wandel und Variation» statt.

Die Ausstellungsmacher erhoffen sich durch diese Gleichzeitigkeit nicht zuletzt auch aus Fachkreisen eine erhöhte Aufmerksamkeit für die Arbeit und die Angebote des Archivs. Interessant ist der Bestand des Phonogrammarchivs besonders für Forscher, die sich historisch mit der Phonetik, Phonologie und Prosodie von Dialekten beschäftigen.

Studerli und Schwarzenbach
Dieter Studer (links) und Michael Schwarzenbach vom Phonogrammarchiv: Mit Ausstellung zum hundertjährigen Jubiläum auf die Angebote des Archivs aufmerksam machen. (Bild: Roger Nickl)

Aktuell macht das Archiv keine neuen Sprachaufzeichnungen mehr. Denn in vergangenen Zeiten lag das aufnahmetechnische Know-how bei einigen wenigen Spezialisten und so waren die Tonträger, die das Phonogrammarchiv produzierte, eine wichtige Dienstleistung für die Dialektforschung.

Heute dagegen kann mit der einfach zu handhabenden Digitaltechnik jede Forscherin und jeder Forscher selbst eigene Aufnahmen machen. Deshalb haben sich die Mitarbeiter des Phonogrammarchivs in den letzten Jahren vor allem darauf konzentriert, die Schätze des Archivs in digitaler Form einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. So ist etwa eine 12 CDs umfassende Sammlung der ersten Sprachaufnahmen von 1909 bis 1923 entstanden.

Oder – zumindest vom Umfang her etwas weniger gewichtig – die CD «Bündner Walser erzählen», ein Blumenstrauss aus traurigen, lustigen und sagenhaften Erzählungen im Walserdialekt aus den 1920er-Jahren.

Gerade die Digitalisierung der frühesten Dialektaufnahmen war aber auch eine pure Notwendigkeit, wollte man die historischen Tonträger für die Zukunft retten. Denn die Wachsplatten waren schon in den Jahren, als sie mit dem Phonographen bespielt wurden, äusserst heikel und die Aufnahmen nach jedem Abspielen deutlich weniger hörbar. Zudem wurden einige Platten mit der Zeit von Pilzen befallen und zerstört.

«Stimmen der Heimat»

Momentan bereiten Studer und Schwarzenbach die neueste Text- und Ton-Edition vor: eine Dokumentation von Dialekten aus der ganzen Schweiz, die das Phonogrammarchiv unter dem Titel «Stimmen der Heimat» für die Landesausstellung 1939 in Zürich zusammengestellt hat. Herauskommen soll sie Ende dieses Jahres.

Zudem arbeiten die beiden Sprachforscher daran, die Bestände des Archivs in einer digitalen Datenbank zu katalogisieren und diese über Internet zugänglich zu machen. Damit das Dialektgedächtnis der UZH auch in Zukunft noch vielen Forscherinnen und Forschern nützen kann.

Im Anhang finden Sie vier Aufnahmen (je 50-60 s) aus dem Digitalisierungsprojekt «Stimmen der Heimat».

Bosco-Gurin (TI), Hans Tomamichel: Ds Jaar üss und e

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Ich be en Gurynner; ich will nech ewèng zèllä vo Gurynn. Äch, es escht ewèng es Lotterdoorftschi, aber glych es hebs, ind ich häs eso mächtig gäärä. Wènn sch isch öww ewèng hennä um hènn, so hewwer glych no ds Rächt, nisch zwèrän un brechtän. Mu hèt z wäärchun nu was mu magg. Dä Langsi enngändi Braachut cha mu afa d Geis üslaa, es par Ässer wèniger am Baarnä. Mu escht froo, bsunders, wènns eso e lènngä Wenter gsynn escht un ds Heww scho gotzts escht. Dernaa geit scho ds Höwwu loos; d Wyber tien d Schnettä zwäg machu, un wènn alls zwäg escht, cha mu afa höwwu un grèschtu. Wèmmu d Häärperä gsotzt hèt, dè geät mu de Rächä un tuet d Greft einfach zuetèckä. Nüww chunund sch dè wagsä, un es brüücht nu ewèng hebs, waarms Wätter un Gottus sägä. Ds Chryz uf um Acher tarff mu öw net vergässä; d Aane hèd isch es eischter gseit, schi wagsän dè bèsser.

Brugnasco (TI), Pia Calgari: Ciò che racconta la Pica

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U s è töcc-fò chèl maladéto témp. L a scmanzó sgiöbia a drachè u fiochéva a brèsc vèrt, pö l a rüzó, l a müsló, l a scbrodó scbàch e u s è töcc-fò, l è nicc u só, chju sa sént antéra, l è u gabàŋ di porìt, com u disévan chji pòuwri vicc. Adés la Pica l è ö sul sc-chjalèwro chj la cusìs una sambrüca al sö béisc, e l a lüró in sctó àmen da pazzè una piraca u libròch. L è mata dré i chjèuwri; i la fan nè in crìscto, chji nüdiéuwri, chj-én sémpru scè a prüchjè vìa i sctelèt det la sò chjè. Léi la i chjascia: „Vìa da chjö bodói det rèssi, maladéti marfis“! L è una vegéta visc-

Clos du Doubs (JU), Jules Surdez: Le diaîle â môtie

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In soi di mois de Mairie que lai boirdgerie reveniaît di tchaimpois les tchievres, le tchevrattes, le tchevris e le boc veniennent tchaimpoyie chus le cemetére. Cman le boc voyé dedôs le tchaipat que les pouetches di môtie ètint grôsses œuvies, è monté lai nê des fannes et peus se botté ai maindgie les boquats de l’âtê de lai Sainte-Vierdge. El étaît che bin coitchie derrie les potats de boquats q’en n’y voyaît quâsi ren que les doues ècouenes. Tiaind que le ciaivie eut soinnê les Avè-Mairiâ, en lai demé des heûtes, èl allé â tchaincé rempoire lai laimpatte ai hoile. Aiprès avoi faît de lai cièrance è se dépâdjè de redéchendre lai grôsse nê. Mains en tchaimpaint in côp d’œîl dechus l’âtê cieuri de kai Sainte-Vierdge ât-ce qu’è n’allé pe vouere les ècouenes di bouétchat! E baillè in raîlè que fesé ai rombenê les fenétres et se botté ai ritê cman s’èl aivaît aivu enne vouépriere â tiu. E feut en lai tiure en trâs tchaimbèes. „Monsieu le tiurie, è y é le diaîle a môtie!“ -- „J saivôs bin que tot nos velaît tchoire dechus, dâs tiaind le baîchattes aint dainsie â Graind- Rôsaîre.“

Breil-Danis (GR), Surselvisch, Sep Modest Nay: La perdanonza de tschels onns

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… ils jasters lavagan
Tut ozildi e trubestgan las bunas reglas de meisa.
Pli da vegl havev’il gentar tut in auter register;
Gl’era lu in inschign, in strapaz de magliar perdanonza.
Vev’ins bugnau il magun culla suppa de fava stupenta,
Sche prendev’ins in tec narunchel ni dir en pischada;
Quei fageva talien, gizzav’ils dents ed unscheva la gula.
Lu purtav’il patrun il fortem, sutterraus en bizochels
Mellens sco gl’aur e famus, per dar fundament allas tratgas.
Quei magliav’ins pulit, ins ha buc adina carn frestga.
Ussa gizzav’il patrun il snueivel cunti de cuschina, 
Per stagliar sil taglier de lenn las carns ensaladas.
Cheu ferdavan stupent ils pèschs, ed ils tocs pitgarina
Devan uni cullas bliuschas mo pauca lavur de lagouter;
Era de quella sort prendev’ins pulitas buccadas,
Carn d’armal carschent’il maguol e renforza las puolpas.

Roger Nickl ist Redaktor des Unimagazins.