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25.05.2011
Vertrauensfördernde Sexualhormone

Fremden vertrauen dank Oxytocin

Wenn die ökonomische und biologische Erforschung menschlichen Verhaltens aufeinander treffen, entsteht Neuroökonomie. Im Rahmen der ZIHP-Veranstaltungsreihe «Wissen-schaf(f)t Wissen» stellte der renommierte Ökonomieprofessor Ernst Fehr seine Erkenntnisse der noch relativ jungen Neuroökonomie einem breiten Publikum vor. 

KommentarKommentare

Lukas Egloff und Leandra L. Gassmann

Wieso verhalten sich Menschen altruistisch? Diese Frage ist für Wirtschaftswissenschaftler interessant, stellt doch ein ausgeprägter Egoist den Prototyp eines homo oeconomicus dar. Das Team um Professor Ernst Fehr von der Universität Zürich konnte nachweisen, dass unsere Hormone eine wichtige Rolle spielen, wenn es um die menschlichen Verhaltensweisen bezüglich Kooperation, Vertrauen und Grosszügigkeit gegenüber Mitmenschen geht.

Interessanterweise prägen sowohl das Neurohormon Oxytocin, das für das Einsetzen der Geburtswehen und das Einschiessen der Muttermilch in der Brust verantwortlich ist, als auch das Sexualhormon Testosteron, das die Ausprägung der männlichen Geschlechtsmerkmale auslöst, das soziale Verhalten des Menschen.

Soziale Nähe durch Oxytocin

Fehr verdeutlichte in seinem Vortrag die Wirkung von Oxytocin bei Tieren anhand zweier Wühlmausarten: den Präriewühlmäusen und den Bergwühlmäusen. Beide sind zwar biologisch fast identisch, unterscheiden sich jedoch stark im Sexual- und Sozialverhalten.

Präriewühlmäuse sind monogam und an sozialer Nähe interessiert. Das liege, so Fehr, an der variierenden Anzahl der Oxytocin-Rezeptoren im Gehirn, die dazu führe, dass das Oxytocin bei den Prärie- stärker als bei den Bergwühlmäusen wirke. Es liegt daher die Vermutung nahe, dass die bessere Wirksamkeit von Oxytocin bei Präriewühlmäusen eine Ursache der Präferenz für soziale Nähe sein könnte. Der nächste Schritt in Fehrs Forschung war offensichtlich: Es galt zu untersuchen, ob die Verabreichung von Oxytocin an Menschen ebenfalls zu einem veränderten Sozialverhalten führen würde. Dabei stand das Vertrauensverhalten der Menschen im Mittelpunkt des Interesses.

Prof. Ernst Fehr, Universität Zürich
Ernst Fehr: «Wenn wir von Vertrauen und Grosszügigkeit sprechen, sind das Begriffe, von welchen man bis vor zwanzig Jahren dachte, man könne sie gar nicht exakt messen.» (Bild: Magdalena Seebauer)

Wie aber werden Änderungen im Verhalten beim Menschen gemessen? Dazu Fehr: «Wenn wir von Vertrauen und Grosszügigkeit sprechen, sind das Begriffe, von welchen man bis vor zwanzig Jahren dachte, man könne sie gar nicht exakt messen.» Heute werden anhand von Vertrauensspielen die Verhaltensweisen verschiedener Menschen untersucht. Dank dieser Tests, bei welchen die Höhe des wechselseitig vorteilhaften Tauschs das Mass an Vertrauen widerspiegelte, konnte die Forschergruppe um Fehr eindeutig feststellen, dass Oxytocin das Vertrauen der Versuchspersonen in fremde Menschen zu steigern vermochte. Nach Fehr sei dieses Verhalten vor allem auf die Reduktion von spezifischen sozialen Ängsten und einer Veränderung der Wahrnehmung von Betrugsmöglichkeiten dank einer geringeren Aktivierung der Amygdala – dem Ort für Angst- und Aggressionsempfinden im Gehirn – zurückzuführen.

Oxytocin macht unsichere Männer bindungsfähiger

Um das Gesamtbild über die Auswirkungen von Oxytocin abzurunden, verwies Fehr auf die subjektive erhöhte Bindungssicherheit bei Männern mit unsicheren Bindungen in Beziehungen. Mit anderen Worten: Oxytocin macht unsichere Männer bindungsfähiger. Zudem erhöht dieses Neurohormon die Fähigkeit, Gefühlsregungen in Gesichtern zu erkennen und steigert die subjektiv wahrgenommene Vertrauenswürdigkeit von betrachteten Gesichtern. Könnte die bewusste (oder gar unbewusste) Inhalation von Oxytocin dazu führen, dass eine schwierige Position am Verhandlungstisch sanft durchgesetzt wird?

Fehr verwies auf Science-Fiction-Szenarien, denn «Oxytocin hat in der Luft eine sehr kurze Halbwertszeit». Er fügte zugleich ein kurioses Nebenergebnis von Untersuchungen zur Auswirkung von sozialem Stress an, das eine deutliche Differenz zwischen männlichem und weiblichem Verhalten in Jobinterviewsituationen aufzeigen. Bei der Anwesenheit der Lebenspartnerin fühlten sich die männlichen Probanden im Jobinterview deutlich weniger gestresst, während in der umgekehrten Situation die weiblichen Testpersonen durch die Anwesenheit ihres Mannes noch mehr gestresst waren.

Aggressive Wirkung von Testosteron relativiert

Vom Oxytocin zum Testosteron: Fehr führte zunächst die aus einer Studie erforschten Wirkungen des männlichen Hormons Testosteron bei Mäusen auf. Demnach sind ansonsten friedlich lebende weibliche Mäuse nach Injektion von Testosteron am Tag der Geburt beinahe so aggressiv wie die männlichen Mäuse. Grund genug für Fehrs Team, der Frage nachzugehen, ob Testosteron die Menschen aggressiver, risikofreudiger und egoistischer mache. Dies war erstaunlicherweise nicht der Fall. Fehrs Erklärung ist, dass Menschen mit erhöhtem Testosteron stärkeres Gewicht auf ihre Reputation und ihren Status legen und dementsprechend die Konsequenz aus asozialem und unfairem Verhalten fürchten. Diese Beobachtungen zeigen, dass – entgegen der Populärmeinung – ein erhöhter Testosteronspiegel Menschen kooperativeres Verhalten zeigen lässt.

Leandra L. Gassmann und Lukas Egloff sind Wirtschaftsstudierende im 4. Semester an der Universität Zürich.