Nach der Welle
Der Tsunami von 2004 traf Sri Lanka schwer. In der Folge wimmelte es dort von Hilfswerken, die sich am Wiederaufbau beteiligten. Pia Hollenbach war in dieser Funktion mehr als zwei Jahre vor Ort. Heute analysiert sie als Doktorandin am Geographischen Institut die damaligen Erfahrungen. Sie beschreibt, wie das Hilfesystem funktioniert – und auch versagte.
KommentarKommentareAdrian Ritter
Frauen und ältere Menschen sitzen hilflos und apathisch inmitten der Trümmer ihrer Häuser und starren auf das inzwischen wieder friedliche Meer. Es ist ein trostloser Anblick, der sich Pia Hollenbach bietet, als sie im Januar 2005 einen Hilfskonvoi in den Süden Sri Lankas begleitet: «Nach zwei Stunden Fahrt konnte meine Seele nichts mehr aufnehmen und begann zu verdrängen.»

Aber Pia Hollenbach blieb. Mehr als zwei Jahre war sie für ein deutsches, kirchliches Hilfswerk in Sri Lanka tätig, verteilte Hilfsgüter und half den Wiederaufbau von Häusern und ganzen Dörfern zu koordinieren. Die «Welle», wie der Tsunami in Hilfswerkkreisen genannt wurde, hatte ihren Tribut gefordert: Mehr als 30'000 Menschen verloren allein in Sri Lanka ihr Leben, mehr als 100'000 Häuser waren zerstört.
Bürgerkrieg statt Besinnungszeit
Pia Hollenbach geriet in einen Strudel von Politik und der eigenen Logik des «Hilfsgeschäftes». So zerschlug sich die Hoffnung, der Konflikt zwischen den «Befreiungstigern von Tamil Eelam» (LTTE) und dem Staat würde durch den Tsunami eine «Besinnungszeit» erfahren. Anfang 2006 ging der Bürgerkrieg wieder los und die Hilfsorganisationen bewegten sich fortan mit ihren Projekten zwischen den Fronten.
Der Tsunami verstärkte gar die Spannungen zwischen den Konfliktparteien, indem etwa die im Norden beheimatete LTTE behauptete, die Hilfe fliesse vor allem in den Süden. Das stimmte auch, sagt Hollenbach, hatte allerdings ganz praktische Gründe: «Die Strassen in den Norden waren schlechter und die Kontrollen der LTTE so intensiv, dass einer unserer Hilfskonvois einmal drei Tage brauchte, um Fahrräder für Schulkinder hinzubringen. Das macht sich schlecht im Hilfsgeschäft, wo schnelle Erfolge gefragt sind.»

Keine Zeit für Qualität
Dieses Hilfsgeschäft und die Konkurrenz zwischen den Organisationen nahm neue Dimensionen an, indem der Tsunami Sri Lanka mehrere hundert zusätzliche Hilfsorganisationen bescherte. Diese waren vor allem damit beschäftigt, neue Unterkünfte zu bauen. Rund 90'000 Häuser entstanden in der Folgen in ganz Sri Lanka.
Pia Hollenbach war Co-Projektleiterin für den Aufbau eines neuen Dorfes, das 90 Häuser umfassen und auf einer ehemaligen Tee- und Kautschukplantage entstehen sollte. Sie wurde im Hilfsgeschäft je länger je frustrierter.
Etwa, weil viele Hilfsorganisationen die Qualitätskontrolle vernachlässigten: «Lokale Bauunternehmer zu unterstützen ist eine gute Idee, aber wenn diese beim Bau schlampen und billiges Material verwenden, worauf bisweilen ganze Dörfer wieder plattgemacht werden müssen, ist der Sache auch nicht gedient.»
Schnell musste es gehen, um Erfolge vorzuweisen. Zu schnell, findet Hollenbach: «Auch ein Desaster birgt Zeit für eine ordentliche Planung.» Auch der Staat habe bei der Qualitätssicherung seine Aufgabe nicht wahrgenommen, so die Geografin.

Das «schwäbische Dorf»
Für die Siedlung auf der ehemaligen Teeplantage hatten drei private Geldgeber in Baden-Württemberg eine Million Euro gesammelt, das Hilfswerk selber steuerte denselben Betrag bei. Das Projekt war aussergewöhnlich, weil das Hilfswerk einen rechtlich verbindlichen Vertrag mit den Geldgebern abgeschlossen hatte und daher stark an deren Vorgaben gebunden war.
Diese waren sehr konkret: Das Dorf sollte mit Solarzellen und dergleichen ökologisch mustergültig werden und, inspiriert von Beispielen in Deutschland, selbstverwaltet funktionieren.
2007 konnte das Dorf «German Haritha Gama» eingeweiht werden. Was die Qualität der Siedlung anbelangt, ist Hollenbach sehr zufrieden. Entstanden sind solide Bauten mit einem vorbildlichen Ökostandard, der etwa ein natürlich kühles Klima im Haus ermöglicht.

Die Handschrift der Geldgeber ist unverkennbar, wie sich nur schon am Namen zeigt. «German Haritha Gama sieht aber auch optisch aus wie ein Dorf im Schwäbischen», so Hollenbach. Die Selbstverwaltung allerdings funktionierte nicht. Den Bürgerinnen und Bürgern blieb die Idee fremd, auch wenn der sri-lankische Staat in jener Zeit ebenfalls die Devise der Dezentralisierung herausgab. Immerhin: Das Dorf verfügt über einen eigenen Brunnen. Dies ist umso wichtiger, als der Staat nicht wie versprochen die nötige Infrastruktur für neue Tsunami-Dörfer lieferte.
Freie Hilfe als Illusion
Durch politischen Einfluss der deutschen Geldgeber bei der Zentralregierung erhielt das Dorf schlussendlich immerhin Strom. Hollenbach war zwar froh darum, gleichzeitig waren ihr diese Vernetzungen und Spezialbehandlungen suspekt: «Die freie, unpolitische, selbstbestimmte Hilfe wurde zur Illusion.»

Hollenbach fühlte sich immer mehr als Spielball in einer Geber-Nehmer-Struktur. Zunehmend ging es darum, Schäden abzuwenden. So wollten die Geldgeber etwa Solarzellen aus Baden-Württemberg importieren und damit die dortige Wirtschaft unterstützen, obwohl auch in Sri Lanka Solarzellen erhältlich sind. Hollenbach und ihre Kollegen wehrten sich erfolgreich gegen die Idee – heute werden Solarzellen aus Sri Lanka verwendet.
Bisweilen musste sie sich sogar gegen den Geldsegen der eigenen Organisation wehren. Als sie 5000 Euro für das Veloprojekt für Kinder beantragte, schlugen die Verantwortlichen in Deutschland vor, doch grad 20’000 Euro einzuschiessen. Die Spendengelder müssen investiert werden. «Aber dieser Betrag war schlicht nicht nötig. Und ich wollte nicht lokale Organisationen aufblasen, überfordern und sie dann in sich zusammenfallen sehen.»
Zeit der Reflexion
Solche Geschehnisse und ihre eigene Rolle darin reflektiert Pia Hollenbach jetzt im Rahmen ihrer Dissertation am Lehrstuhl für Politische Geographie der Universität Zürich. Für insgesamt acht Monate reiste sie dazu wieder nach Sri Lanka, um zu erkunden, wie es dem Dorf nach dem Abzug der Hilfsorganisationen geht. «Es geht mir nicht darum, über richtig und falsch zu urteilen, sondern zu verstehen, warum die Dinge wie abgelaufen sind.»
Ihr Fokus gilt unter anderem dem Geben und Nehmen und den Machtstrukturen, die entstehen, wenn Lebensstile exportiert werden. Dies zeigte sich etwa bei der Eröffnungsfeier des Dorfes. Die Geldgeber sassen auf bequemen Stühlen im Schatten, die Bewohner auf Plastikstühlen teilweise in der heissen Sonne. Halb erfreut hätten die Dorfbewohner an den von den Geldgebern gewünschten folkloristischen Darbietungen teilgenommen. «Auch wenn die Absichten von Geldgebern noch so altruistisch sein mögen, entstehen Dynamiken, die nicht im ursprünglichen Sinn der Geldgeber sind.»

Die Dynamik des Helfens
Zur dieser Dynamik gehört, dass Hilfsorganisationen an sich fragwürdige Zustände und Geschehnisse mit der Zeit nicht mehr hinterfragen. «So kommen sie immer wieder in dasselbe Fahrwasser, auch wenn schon unzählige Hilfsprojekte evaluiert worden sind. Man lernt nicht viel daraus», so Hollenbach.
Immer wieder wird etwa betont, wie wichtig es sei, mit lokalen Organisationen zu arbeiten. Dies schütze aber nicht vor Fehlern, gerade wenn nach einer Katastrophe grosse Geldmengen sich über ein Land ergiessen.
«Wir haben viele Fehler gemacht», habe ihr der Kollege einer lokalen Organisation rückblickend gesagt. So hatte seine Organisation in den Deal eingewilligt, der LTTE 30 Prozent des Budgets eines Projektes zukommen zu lassen, um überhaupt ins nördliche Territorium eingelassen zu werden. Korruption, die den Geldgebern gegenüber natürlich verschwiegen wurde.
Erstes Paper veröffentlicht
Hollenbach hofft, mir ihrer Dissertation, die aus vier Journal-Artikel bestehen wird, zu einem Reflexionsprozess beizutragen. Anfang September hat sie im «Journal of Development Studies» gemeinsam mit einer sri-lankischen Forscherin ihre Analyse der Gesten und Rituale rund um den Wiederaufbau veröffentlicht.
Drei weitere Veröffentlichungen stehen bevor. In einem Artikel wird sie beschreiben, wie Organisationen unter Druck kommen, Erfolge vorzuweisen und sich dabei in einem Netz von Begünstigung und Politik wiederfinden.
Zukunft in der Entwicklungszusammenarbeit
Trotz der Desillusionierung möchte Pia Hollenbach weiter in der Entwicklungszusammenarbeit tätig sein. «Ich kann das grosse Hilfsgeschäft nicht ändern, aber es gibt Nischen, wo sich etwas zum Guten verändern lässt», sagt sie mit Blick zurück auf die Solarzellen aus Baden-Württemberg. Sie sieht ihre Zukunft zum Beispiel als Leiterin eines Regionalbüros einer Hilfsorganisation, die den Kontakt zur lokalen Bevölkerung pflegt. «Aber nach ein paar Jahren muss ein Projekt eigenständig funktionieren, sonst hat man etwas falsch gemacht.»
Nur halb bewohnt
Heute
sind in «German Haritha Gama» rund 40 von 90 Häusern permanent bewohnt. Das Dorf
ist dabei kein Einzelfall. Dies hängt zum einen damit zusammen, dass der
sri-lankische Staat seinen Versprechungen nicht nachgekommen ist. Abgemacht
war, dass der Staat die neu erbauten Siedlungen mit Strassen, Strom und Wasser
versorgt. Dies geschah oft nicht oder zog sich endlos in die Länge.
So
blieben zahlreiche neu erbaute Siedlungen Geisterdörfer. Ein anderer Grund
dafür ist, dass die Bedürfnisse der Bevölkerung zu wenig berücksichtigt wurden.
Wer will schon 20 Kilometer entfernt von seinem früheren Haus leben, wenn sein
Arbeitsplatz noch dort, ein Auto zu teuer und der öffentliche Verkehr nicht
existent ist?
So begannen die Bürger stattdessen zum Teil ihre zerstörten Häuser wieder aufzubauen. Der Staat hatte zwar eine Bauverbotszone entlang des Küstenstreifens eingerichtet, weil dort weitere Tsunamis drohen. Schlussendlich werden die Siedlungen heute aber geduldet.
Zur Person
Pia Hollenbach (36) studierte Geographie (Schwerpunkt Entwicklungsländer, Asien), Entwicklungsökonomie und Friedenspädagogik an der Universität Heidelberg. Anschliessend war sie unter anderem für die UN in Namibia und als Beraterin im Bereich Entwicklungszusammenarbeit tätig. Seit 2008 schreibt sie am Lehrstuhl für Politische Geographie der UZH bei Professor Benedikt Korf ihre Dissertation. Dabei wurde sie während drei Jahren durch den Universitären Forschungsschwerpunkt Asien und Europa finanziert.






