UZH News
Mediadesk
Agenda
Share via mailShare on XingShare on LinkedIn

Artikel nach Fachgebieten:

 
05.12.2012
Ausbildung von Gymnasiallehrpersonen

Aus Wissenschaft wird Unterricht

Theorie und Praxis zu vereinbaren, ist für angehende Gymnasiallehrerinnen und -lehrer oft schwierig. Unterstützung bei den ersten Schritten ins Berufsleben finden sie bei den Fachdidaktikprofis an der UZH. Ein Bericht aus der Pultperspektive. 

KommentarKommentare

Marita Fuchs

erste Stunde
Erste Deutschstunde für die angehende Gymnasiallehrerin Andrea Schaufel: Die Schülerinnen und Schüler sind mit Engagement bei der Sache – auch aus Solidarität mit der Anfängerin. (Bild: Frank Brüderli)

Deutschunterricht in der Klasse 3c, Kantonsschule Stadelhofen Zürich. Die 16- bis 17-jährigen Schülerinnen und Schüler wissen, dass ihre Lehrerin heute nicht vorne stehen, sondern in der Bankreihe Notizen machen wird. Am Pult stattdessen eine Debütantin: Andrea Schaufel erteilt heute die erste Deutschstunde ihres Lebens.

Die Glocke ertönt. Es geht los mit der Frage, was die Schüler mit dem Namen Woyzeck assoziieren: «Aggressiv, männlich, fremd, polnisch ...» Die Schüler kommen in Schwung, das Interesse ist geweckt. Für Andrea Schaufel ist das der Moment, die wahre Geschichte des Johann Christian Woyzeck zu erzählen, eines einfachen Perücken-machers, der seine Geliebte tötete. Es ist eine Geschichte, die Anfang des 19. Jahrhunderts von Zeitschriften sensationslüstern aufgenommen wurde, unter der Rubrik «Gemischtes». Die «true story» diente Georg Büchner dann als Vorlage für sein Drama «Woyzeck».

Ziel der Stunde ist es, zu zeigen, wie Autoren mit Quellenmaterial arbeiten, sich auf historische Texte beziehen und wie sich das in Büchners Drama widerspiegelt. Die angehende Lehrerin wirkt vor der Klasse souverän und sicher – später erzählt sie, dass sie sehr aufgeregt war. Auch die Schüler machen gut mit, man spürt eine gewisse Solidarität mit der Anfängerin.

Der schwierige Teil

Das gelbe Reclam-Heft vor sich, lesen sie reihum eine Szene. Die Sprache ist sperrig, nicht allen geht der Text locker über die Lippen. Für Andrea Schaufel kommt nun der schwierige Teil. Sie legt den Schülern Zitate aus einer Quelle vor, in der über die Zurechnungsfähigkeit der historischen Figur Woyzeck verhandelt wird. «Der Inquisit hegt allerhand irrige, phantastische und abergläubische Einbildungen, von verborgenen und übersinnlichen Dingen ...» Die Schüler tun sich schwer, diese Sprache zu verstehen und Referenzpunkte im Drama zu finden.

Andrea Schaufel versucht, die Schüler auf entsprechende Textstellen zu stossen. Es kommen nur zögernd Antworten. Nach einiger Zeit glaubt sie, die Schüler hätten alles verstanden. Dass dem nicht so ist, wird erst klar, als eine Schülerin konsterniert fragt, was denn nun real sei und was nicht.

Nachbesprechung
Nachbesprechung: Fachdidaktikerin Eva Pabst (2.v.l.) im Austausch mit ihren Studierenden Michaela Schwabe, Nicole Schönenberg, Andrea Schaufel. (Bild: Frank Brüderli)

Unterrichtsgeschehen analysieren

«Die Schülerinnen und Schüler durch gezielte Fragen herauszufordern und Denkbewegungen in Gang zu setzen, ist schwer und muss geübt werden», sagt Eva Pabst in der Nachbesprechung. Pabst ist Deutschlehrerin an der Kantonsschule Stadelhofen und Fachdidaktikerin für das Fach Deutsch in der Abteilung Lehrerinnen- und Lehrerbildung Maturitätsschulen des Instituts für Erziehungswissenschaft (LLBM). Expertenwissen für Novizen zugänglich zu machen, sei eine Kunst, die man erst nach und nach lerne.

In einem Teil ihrer Ausbildung absolvieren die Lehrdiplom-Studierenden zehn Übungslektionen. In fünf davon hospitieren sie, bei weiteren fünf unterrichten sie selbst. In einer der fünf Unterrichtslektionen ist eine Fachdidaktikerin oder ein Fachdidaktiker dabei. Für das Fach Deutsch ist es Eva Pabst. Sie ist eine von fünf Dozierenden für Fachdidaktik Deutsch. In der Regel werden die Stunden vor- und nachbesprochen. Gefördert werden soll damit auch die Fähigkeit und Bereitschaft der angehenden Lehrerinnen und Lehrer, ihren Unterricht selbstkritisch zu hinterfragen – eine Grundvoraussetzung zur Qualitätssicherung des Unterrichts an den Gymnasien.

Bevor sie ihre erste Stunde halten, haben die Lehrdiplom-Studierenden hospitiert, und sich aus dem Unterricht erfahrener Lehrpersonen Anregungen geholt. Das geschieht mit einem durchdachten Konzept: Beobachtungsaufträge richten die Aufmerksamkeit auf bestimmte Teilaspekte des Unterrichts. Später werden die Resultate mit den Dozierenden am Institut für Erziehungswissenschaft besprochen.

Hospitationen und Übungslektionen finden an allen Gymnasien statt und werden von Praktikumslehrpersonen begleitet: Das sind im Kanton Zürich etwa 1200 Lehrerinnen und Lehrer, die Studierende der Gymnasiallehrerausbildung betreuen und mit ihnen die Stunden besprechen.

Scharnier zwischen Theorie und Praxis

Die Praktikumslehrpersonen sind engagierte Pädagogen, die von ihren Schulen ausgewählt werden und diese Zusatzaufgabe gegen ein Entgelt übernehmen. Die berufspraktische Ausbildung der Studierenden im Praktikum hat einen hohen Stellenwert.

Der Austausch und die Zusammenarbeit zwischen den Praktikums-lehrpersonen an den Schulen und den Dozierenden für Fachdidaktik an der Universität Zürich sind deshalb wichtig. «Die Fachdidaktik bildet das Scharnier zwischen Berufspraxis, Fachstudium und Erziehungswissenschaften», sagt Anita Pfau, Fachdidaktikerin für Italienisch.

Heute werden Praktikumslehrpersonen regelmässig zu Kursen eingeladen, die den Dialog zwischen Theorie und Praxis fördern sollen. Für neu berufene Praktikumslehrpersonen ist es Pflicht, am Einstiegskurs «Unterrichtspraktika betreuen» teilzu-
nehmen. Damit solle unter anderem die Kohärenz zwischen den verschiedenen Teilen des Lehrdiplom-Studiengangs gestärkt werden, sagt Pfau.

Praxiscoaching für den Unterrichtsalltag

Im Hinblick auf die Verbindung von Theorie und Praxis gab es früher einige Kritik von Studierenden: Praktikumslehrpersonen würden oft mit anderer Stimme sprechen als die universitäre Didaktik und Erziehungswissenschaft. Die Abteilung LLBM
will Abhilfe schaffen, indem sie die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten für Praktikumslehrpersonen erweitert, professionalisiert und damit den Dialog zwischen Theorie und Praxis fördert.

«Seit dem Frühjahr 2012 beschäftigt sich eine Arbeitsgruppe mit einer Reform der Lehrerinnen- und Lehrerbildung, beteiligt sind auch Vertreter der Schulpraxis», sagt Professor Franz Eberle, Direktor der Abteilung LLBM. Er hat die Abteilungsleitung seit dem 1. Februar dieses Jahres inne. Mit der Berufung von Professor Fritz Staub, einem Experten im Bereich des fachspezifisch-pädagogischen Coachings, werde zudem die Verbindung von Theorie und Praxis gestärkt, meint Eberle.

Die angehende Gymnasiallehrerin Andrea Schaufel jedenfalls freut sich auf die nächste Stunde, in der sie denselben Woyzeck-Stoff in einer anderen Klasse unterrichten wird. Dafür hat sie sich noch weitere knifflige Fragen ausgedacht.

Marita Fuchs, Redaktorin, UZH News