UZH News
Mediadesk
Agenda
Share via mailShare on XingShare on LinkedIn

Artikel nach Fachgebieten:

 
23.11.2012
Ur- und Frühgeschichte

Kriege im Ohr

Im Rahmen einer Vorlesung der Abteilung Ur- und Frühgeschichte kam es am Donnerstag zu einer besonderen Begegnung. Chrigel Glanzmann war da, der Lead-Sänger der erfolgreichen Pagan-Metal-Band «Eluveitie». Ihn verbindet mit den Studierenden das Interesse für die Gallischen Kriege – und für Archäologie.  

KommentarKommentare

Claudio Zemp

Chrigel Glanzmann war da, der Lead-Sänger der erfolgreichen Pagan-Metal-Band «Eluveitie».
Hat einen emotionalen Zugang zur Geschichte: Eluveitie-Sänger Chrigel Glanzmann (links) im Seminar von Historiker Eckhard Deschler-Erb. (Bild: Claudio Zemp)

Die Geschmäcker sind zum Glück verschieden, doch Bands wie «Eluveitie» einen die Menschheit insofern, dass sie überall Kopfschütteln auslösen. Fans nicken zum Metal-Sound gern rhythmisch, andere haben Mühe zu verstehen, wieso man bei diesem Lärm von Musik spricht. Zweifelsohne gehört die achtköpfige Gruppe aber zu den erfolgreichsten Schweizer Musikexporten überhaupt.

Seit mehr als 10 Jahren tourt sie durch die ganze Welt, stürmt die Hitparaden, wird im Internet millionenfach angeklickt. Eluveitie ist eine der führenden Bands Europas dieser populären Subkultur. Pagan oder Irish Folk Metal unterscheidet sich von anderen Schwermetallrockbands durch den Einsatz von alten Volksmusikinstrumenten wie Fideln, Sackpfeifen oder Flöten. Die Kritik attestiert Eluveitie, dass sie in ihrem Genre durch aufwändige und vielschichtige Produktionen neue Massstäbe gesetzt hat. So hat sie in ihr neustes Epos sogar Zuger-Örgeli, Hackbrett und einen gemischten Chor integriert.

Emotionaler Zugang

Doch Musikkritik war nicht der Grund, warum Dozent Eckhard Deschler-Erb den Eluveitie- Sänger Chrigel Glanzmann eingeladen hatte. Der 37-jährige Kopf der Band interessiert sich nämlich für das gleiche Thema wie die Studierenden der Frühhistorik, welche die archäologische Vorlesung «Als die Römer kamen» besuchen.

«Es geht mir darum, einmal einen völlig anderen, viel emotionaleren Zugang zur Geschichte genauer zu betrachten», sagte Deschler-Erb, der sich von der Ausstrahlung der Band beeindruckt zeigte: «Es ist erstaunlich, wie so junge Menschen für etwas begeistert werden, das vor 2000 Jahren passiert ist.»

Interessierte Zuhörerschaft
«Bei der Rekonstruktion des helvetischen Dialekts stützt sich die Band auf archäologische Erkenntnisse und historische Funde», erzählte Eluveitie-Sänger Chrigel Glanzmann. (Bild: Claudio Zemp)

Metal-Band vertont den Gallischen Krieg

Eluveitie hat in ihrem aktuellen Konzept-Album «Helvetios» die Gallischen Kriege vertont – aus Sicht der Helvetier. Texter Chrigel stellte sich vor als Sänger der Band. Er sei auch jener, der sich bei der Band um den «historischen Kram» kümmere. Ihm gehe es darum, die gallische und keltische Geschichte und Kultur in flüssige Musik zu verpacken. Interessant ist die Parteinahme der Band für die damaligen Verlierer.

Dabei ist Eluveitie allerdings auch auf die Schilderung der Gegenpartei angewiesen, denn die einzige schriftliche Quelle zu jenen Kriegsjahren sind eben Gaius Julius Caesars «De Bello Gallico». Der römische Feldherr erzählt in diesem Kriegsbericht seinen Sieg über die Kelten nach. Eluveitie hat sich in ihrem Werk vorgestellt, wie wohl die vertriebenen Einheimischen den Einfall des Eroberers Caesar erlebt haben.

Sprache nachbauen

Das Interesse der Musiker an den Kelten beschränkt sich nicht auf das Studium von alten Schriften. Die Texte von Eluveitie’s Nachvertonung der Gallischen Kriege sind in gallischer Sprache. Bei der Rekonstruktion des helvetischen Dialekts stützt sich die Band auf archäologische Erkenntnisse und historische Funde.

So wurde der gallische Dialekt anhand von archäologischen Funden wie Zinkplättchen und Inschriften rekonstruiert. Dies tat die Band in Zusammenarbeit mit Historikern der Universität Zürich sowie Keltologen der Universität Wien, wie Glanzmann erzählte. Seine zuerst englisch oder deutsch verfassten Texte übertrug er dann so ins «Gallische». In den Musikvideos der Band werden auch möglichst authentische Gegenstände gezeigt, etwa Replikate von keltischen Schwertern oder ein gallisches Gewand mit Original-Fibel, wie sie aus dieser Zeit gefunden wurde. Für die Produktion des CD-Booklets wurde ein Fotograf an die Originalschauplätze der Kriege geschickt.

Ohne Absicht und Ziel

Gastgeber Deschler-Erb befragte den Sänger zu der Absicht hinter dieser künstlerischen Verkörperung der Vergangenheit. Taugt die Musik gar als Soundtrack im Geschichtsunterricht? Glanzmann verneinte jegliches Ziel, es gehe im primär um die Freude an der Geschichte selbst. Die Kelten hätten ihn seit je fasziniert, doch die Band habe keine Botschaft: «Ich bin kein Freund von Botschaften. Wer eine Botschaft sucht, geht in die Kirche oder an eine politische Veranstaltung, nicht an ein Musikkonzert.»

Die Schweizer Folk Metaller kommen auch in anderen Kulturkreisen wie etwa in Asien an, obwohl auch dort niemand ein Wort versteht. «Die Leute achten nicht auf Texte, sie wollen nur den Kopf schütteln», sagte der Sänger. Und welchen Bezug von den Helvetiern macht die Band zu den Schweizern von heute? «Es wäre wissenschaftlich falsch, diesen Link zu machen», sagte Glanzmann. Er glaube aber auch, dass nichts spurlos verschwinde. So sehe er in der Art, wie heimische Politiker verhandeln, durchaus Gemeinsamkeiten zum Vorgehen der helvetischen Unterhändler vor 2000 Jahren.

Menschliche Tragödien

Eine weitere Frage aus dem Publikum, ob das musikalische Nachspielen der Vergangenheit für ihn eine Realitätsflucht sei, verneinte der Sänger. Es sei müssig, in einer anderen Zeit leben zu wollen. Letztlich besingt die Band in ihrer historischen Fiktion das Schicksal einer verschwundenen Kultur, die sie mit einigem Pathos und viel Mystik wieder aufleben lässt.

Das kann zuweilen sehr grausam geraten, wenn man sich zum Beispiel die Gräuel vorstellt, welche die 20'000 Opfer erlitten, die bei der Schlacht um Alesia  im heutigen Burgund verhungerten. Eluveitie gibt in ihrem Werk auch diesen Opfern eine Stimme, sagte Chrigel: «In der Geschichte geht es immer um Menschen, das sollte man nie vergessen.»

Claudio Zemp ist freischaffender Journalist in Zürich.