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Am Dienstag, 18. Dezember, 18.30 Uhr, berichtet Peter Stamm in einem Vortrag und im Gespräch mit Peter von Matt von seiner Arbeit am Robinsonstoff. Universität Zürich, Hauptgebäude Hörsaal KOL F 104.

Veranstaltung

17.12.2012
Der schweizerische Robinson

Gestrandete Familie

Der Schriftsteller Peter Stamm hat den Kinderbuchklassiker «Der schweizerische Robinson» neu erzählt. Peter von Matt schrieb dazu ein Nachwort. Im Interview mit UZH News erklärt er, was Kinder und Erwachsene an Robinsonaden fasziniert.

KommentarKommentare

Marita Fuchs

Der schweizerische Robinson
Gestrandet auf einer Insel im Indischen Ozean: Der Schriftsteller Peter Stamm hat den Kinderbuchklassiker «Der schweizerische Robinson» neu erzählt.  (Bild: zVg)

Peter von Matt, wann sind Sie erstmals mit dem «Schweizerischen Robinson» in Berührung gekommen?

Peter von Matt: Ich kannte das Buch als Schulbub. Wir hatten es zu Hause, in einer Bearbeitung aus den Dreissigerjahren. Es hat mich damals sehr fasziniert. Es besteht ja aus einer unabsehbaren Zahl von Expeditionen ins Innere einer von allen Tierarten bewohnten Insel. Jedes Mal kommt es zu einer neuen Gefahr oder einer unerwarteten Entdeckung. Das fand ich toll. Das Strickmuster ist einfach, aber es packt. Heute würden wir es vielleicht eine Familien-Soap nennen.

Hat Sie als jugendlicher Leser nicht irritiert, dass Daniel Defoes abenteuerliche Robinson-Gestalt von Johann David Wyss für eine brave Familiengeschichte adaptiert wurde?

Peter von Matt: Ich erlebte es eben nicht als brave Familiengeschichte. Solche kannte ich zur Genüge – sie waren zum Gähnen. Hier aber ging es ums Überleben durch Mut, Klugheit und den Einsatz aller Kenntnisse von Natur und Technik. Diese waren vor allem im Vater verkörpert, aber die Kinder wandten sie an. Und das war kurzweilig. Den originalen Robinson kannte und liebte ich auch und etwa gleichermassen. Die Idee des Berner Pfarrers, eine ganze Familie stranden zu lassen, war durchaus genial.

In sogenannten Robinsonaden wird die Geschichte von Gestrandeten erzählt, die einer unbekannten Welt ihr eigenes Gepräge geben. Worin unterscheidet sich der Schweizerische Robinson von anderen Robinsonaden?

Peter von Matt: Defoes Roman war ein Buch für Erwachsene, durchaus in moralisch-belehrender Absicht geschrieben, wie fast alles in der bürgerlichen Aufklärung. Seine Erfindung war eigentlich banal. Menschen, die allein auf einer Insel leben, gab es schon in der altgriechischen Literatur. Philoktet zum Beispiel. Defoe konnte nicht wissen, wie sehr sein Werk in die Weltkultur eingehen würde.

Es schlug aber dermassen ein, weil wenig später mit dem Rousseauismus das Leben in der reinen, menschenfreien Natur zu einem kollektiven Wunschtraum wurde. Für Robinson gibt es noch keine magischen Sonnenuntergänge am Palmenstrand. Die Insel war sein Gefängnis, basta. Zwei Generationen später wurden die Menschen süchtig nach einer solchen Existenz, und der Roman gewann ganz neue Bedeutungen.

Der «Schweizerische Robinson» ist in der Schweiz wenig bekannt. In den USA findet man das Kinderbuch jedoch in vielen Kinderzimmern. Warum hat das Buch in der Schweiz nie den Status eines Nationalepos erlangt?

Peter von Matt: Wenn Sie bei Google Bilder «The Swiss Family Robinson» eingeben, bekommen Sie eine Ahnung von der unerhörten Präsenz dieser Geschichte im angelsächsischen Phantasieleben. Vielleicht war die Schweiz zu weit vom Meer und der Erreichbarkeit exotischer Länder entfernt, als dass diese Bereiche selbstverständlicher Teil unserer kollektiven Phantasie hätten werden können. Im Unterschied etwa zu den Schauplätzen der Heidi-Romane, des zweiten Welterfolgs der Schweizer Literatur.

Die Alp gehört zu den symbolisch aufgeladenen Zonen der Schweiz. Das Meer und ferne Inseln erscheinen auch sonst nur zögerlich in der literarischen Produktion unseres Landes, in der Lyrik noch eher als im Erzählen. Aber ganz reicht diese Erklärung nicht aus. Es war ja auch nicht der Roman als Ganzes, der den Erfolg in den USA begründete, sondern vor allem die Episode mit dem Baumhaus.

Peter von Matt
«Peter Stamm hat mit erstaunlichem Fingerspitzengefühl das Altertümliche des Buches als Atmosphäre bewahrt und gleichzeitig die Weitschweifigkeiten gekappt»: Peter von Matt über den Autor der neu erzählten Robinson-Geschichte.  (Bild: Jos Schmid)

Johann David Wyss war Pfarrer am Berner Münster und schrieb das Buch um 1800 für seine vier Söhne – auch, um sie zu belehren. Gehen Ihnen als Leser des Buches die moralisierenden Bewertungen der Eltern im Buch nicht auf die Nerven?

Peter von Matt: Wenn uns in der Literatur das Moralisieren auf die Nerven geht, ist es meist eines aus vergangenen Zeiten. Tatsächlich moralisiert die Literatur immer. Wo sich diese Pädagogik mit aktuellen Trends von Richtig und Falsch, Gut und Böse deckt, haben wir nichts dagegen. Denken Sie nur an die Gender-Thematik in der Gegenwartsliteratur. Da wird oft massiv auf die Tube gedrückt.

Die Aufklärung erprobte neue Formen der Erziehung, weg vom Befehlen, Eintrichtern und Einprügeln. Man kann dieses Buch selbst als ein solches innovatives Erziehungsexperiment betrachten: Eine ganze Familie lernt gemeinsam durch gemeinsame Praxis. Aber um das zu begreifen, muss man historisch lesen und das historische Lesen auf seine Art spannend finden.

Die Figuren im Schweizerischen Robinson treffen auf ein Paradies, das sie ein Stück weit erobern und in dessen Gefüge sie eingreifen, zum Beispiel durch die Zähmung wilder Tiere. Wie schafft es der Autor, den Eingriff nicht als zerstörerisches Wirken – einen zweiten Sündenfall sozusagen – erscheinen zu lassen?

Peter von Matt: Die Naturerfahrung des 18. und 19. Jahrhunderts war noch geprägt vom Bewusstsein einer unabsehbar grossen wilden Natur, gegen die sich die Zivilisation verteidigen und abgrenzen musste. Heute hat sich das genau umgekehrt: Wir bauen Schutzzonen für die verbliebene Wildnis.

Das Eindrücklichste im Roman sind die vielen Formen des Zähmens und Kultivierens. Sie zeigen einen vernünftigen und sensiblen Umgang mit der Natur. Nur gegenüber den gefährlichen Tieren gibt es die alten Reflexe des sofortigen Tötens – wie wir sie heute noch gegenüber Mücken und Kakerlaken ausleben.

Die Figuren des Buches sind biedere, handwerklich geschickte Schaffer, die kaum an ihrer Isolation leiden. Ist die Darstellung von Siedlungspionieren Ihrer Meinung nach glaubwürdig?

Peter von Matt: Ist Pippi Langstrumpf glaubwürdig? Jeder Roman, insbesondere jedes Jugendbuch, hat seine eigene Logik, die sich nicht an der Form des Tatsachenberichts misst. Hier haben wir eine Abenteuergeschichte vor uns, die sich den Anschein einer realistischen Beschreibung gibt. Das ist nicht eine Frage der Wahrheit, sondern ein stilistischer Effekt.

Was hat Peter Stamm durch die Neubearbeitung des Stoffes geleistet?

Peter von Matt: Er hat mit erstaunlichem Fingerspitzengefühl das Altertümliche des Buches als Atmosphäre bewahrt und gleichzeitig die Weitschweifigkeiten gekappt. Er hat vieles verdichtet und prägnanter gemacht, den Wortschatz modernisiert, das Patriarchalische gedämpft. Den genuin erzählerischen und erfinderischen Kern aber, ohne den sich das Werk nie erhalten hätte, hat er wieder erlebbar gemacht. 

«Der Schweizerische Robinson»

Am Dienstag, 18. Dezember, 18.30 – 20.30 Uhr, berichtet der Schriftsteller Peter Stamm in einem Vortrag und im Gespräch mit dem emeritierten Germanistikprofessor Peter von Matt von seiner Arbeit am Robinsonstoff. Universität Zürich, Hauptgebäude Hörsaal KOL F 104.

Der Berner Stadtpfarrer Johann David Wyss verfasste  den «Schweizerischen Robinson» zwischen 1794 bis 1798. Die Erzählung handelt von einer sechsköpfigen Familie, die in neues Leben auf den Gewürzinseln beginnen möchte. Auf dem Weg dorthin wird sie schiffbrüchig, kann sich aber auf eine tropische Insel retten. In jahrelanger Arbeit verwandelt sie die Wildnis in ein behagliches Domizil. Als sich die Gelegenheit zur Rückkehr in die Zivilisation ergibt, entscheidet sie sich, zu bleiben.


Johann David Wyss: Der Schweizerische Robinson. Nacherzählt von Peter Stamm, Fischer-Verlag, Frankfurt am Main, 2012. 330 Seiten, 21.90 Franken.

Marita Fuchs ist Redaktorin von UZH News.