UZH News
Mediadesk
Agenda
Share via mailShare on XingShare on LinkedIn

Artikel nach Fachgebieten:

 
09.01.2013
Philosophie

Arabische Aufklärer

Islamisten prägen unser Bild vom intellektuellen Leben in der arabischen Welt. Doch das Denken im Orient hat weit mehr zu bieten, wie eine breit angelegte Philosophiegeschichte zeigt, die Ulrich Rudolph herausgibt.  

KommentarKommentare

Susanne Huber

Avicenna
Der persische Gelehrte Avicenna (ca. 980-1037): Schuf die Voraussetzungen für eine neue Aristoteles-Diskussion. (Bild: drevnie)

Im Jahr 2000 wurde Ulrich Rudolph angefragt, einen 400-seitigen Beitrag über die arabische Philosophie herauszugeben. Geplant war dieser als Teil des Ueberweg-Projekts «Grundriss der Geschichte der Philosophie». Der Professor für Islamwissenschaften sollte darin die Zeitspanne vom 8. bis zum 12. Jahrhundert thematisieren, die für die mittelalterliche Scholastik in Europa wichtig geworden ist. Diese Beschränkung hätte die arabische Philosophie auf die Rolle als Vermittlerin des antiken griechischen Denkens in den Westen reduziert. Eine solche Darstellung drohte einmal mehr das westliche Vorurteil zu zementieren, rationales Denken sei in der islamischen Welt eine blosse Episode gewesen.

Philosophie der islamischen Welt bis in die Gegenwart

Doch Rudolph sah in der Anfrage eine Chance: Wäre es nicht an der Zeit, den Bogen endlich einmal ganz zu spannen und die Philosophie der islamischen Welt bis in die Gegenwart zu verfol­gen, anstatt im 12. Jahrhundert abbrechen zu lassen? Eine solch umfassende Geschichte ist bis heute nicht geschrieben worden. Rudolph ergriff die Gelegenheit und überzeugte das Kuratorium des Projekts von seiner Idee. Auf seine Initiative hin wurde ein internationales Grossprojekt in Angriff genommen, an dem auch führende Islamwissenschaftler aus Marokko, dem Iran und der Türkei beteiligt sind. Nun sollen vier Bände zur «Geschichte der Philosophie in der islamischen Welt» unter der Herausgeberschaft Rudolphs erscheinen. Der erste Band liegt seit kurzem vor.

Vernachlässigte Denktradition

Wie sich der Bogen dieser Geschichte spannen lässt, das war zu Beginn des Projektes nicht klar. Denn die Islamwissenschaft hat erst begonnen, die Philosophie der arabischen Welt als eine eigenständige, über das 12. Jahrhundert hinausreichende Disziplin systematisch zu untersuchen. «Man geht nun davon aus, dass es immer eine Philosophie in der islamischen Welt gab, und man traut den Islamwissenschaftlern zu, diese Philosophie darstellen zu können», sagt Rudolph, «nicht als Geschichte eines spezifischen muslimischen Denkens, sondern als Teil der universalen Geschichte der Philosophie.» Die vier Bände werden weit mehr als eine Forschungslücke schliessen. Sie können dazu beitragen, das schiefe Bild, das man sich im Westen bisweilen von der intellektuellen Tradition der islamischen Welt macht, geradezurücken.

Vierzehnhundert Jahre alte intellektuelle Geschichte

Oft verbinden wir die gegenwärtige islamische Kultur mit fundamentalistischem Dogmatismus. Deshalb erscheint uns die islamische Kultur als irrational. Rudolph erinnert daran, dass die islamistische Ideologie ein modernes Phänomen ist. Parolen wie «der Islam ist Religion und Staat zugleich» drücken kein politisches Konzept aus, das auf eine islamische Staatsform der Vergangenheit passen würde. «Indem wir die Blickweise der Islamisten übernehmen, simplifizieren und übergehen wir eine inzwischen bald vierzehnhundert Jahre alte intellektuelle Geschichte, in deren Lauf die islamische Welt völlig andere Möglichkeiten und Einsichten generiert hat.»

Kreativ und selbstbewusst

Gerade die Auseinandersetzung mit der Rationalität und der Frage, welche Rolle die Vernunft neben und in der Religion spielt, ist prägend für diese Geschichte. Welche Strategien die arabischsprachigen Philosophen des 8. bis 10. Jahrhunderts dabei entwickelt haben, lässt sich im nun erschienenen ersten Band der Reihe nachverfolgen. Die arabischen Denker orientierten sich zwar damals an der griechischen Philosophie. Sie gingen aber auch kreativ mit deren Denkmodellen um und wandten sie auf neue Fragestellungen an, die sich aus ihrem kulturellen und religiösen Kontext ergaben.

Islamwissenschaftler Ulrich Rudolph nennt diesen Prozess ein «Überformen» der griechischen Philosophie. Ein zentrales Thema der arabischen Denker war das Verhältnis von Philosophie und Religion. Im Kontext einer Offenbarungsreligion stellt sich die Frage, in welchem Zusammenhang Vernunfterkenntnis und offenbarte Wahrheiten stehen. Die arabischen Philosophen vertraten eine selbstbewusste Position: Für sie war klar, dass die gesamte Wirklichkeit vernunftgemäss erklärbar ist. Welche Rolle kommt dann aber Religion und Theologie neben der Philosophie zu?

al-Farabi
Al-Farabi (ca. 870 bis 950): Lernte von Aristoteles die verschiedenen Möglichkeiten des Argumentierens und Schliessens. (Bild: wikimedia)

Verhältnis von Philosophie, Theologie und Religion

Eine die weitere Diskussion bestimmende Antwort auf diese Frage gab al-Farabi (ca. 870 bis 950), der auch eine der herausragenden Figuren im ersten Band der neuen Philosophiegeschichte ist. Um das Verhältnis von Philosophie, Theologie und Religion zu bestimmen, klärte Farabi, welche Arten der Erkenntnis diese vermitteln. Von Aristoteles lernte er die verschiedenen Möglichkeiten des Argumentierens und Schliessens. Farabi verstand die aristotelische Einteilung einerseits methodisch – wie können wir vorgehen, wenn wir eine Erkenntnis darlegen wollen?

Andererseits war sie für ihn eine Analyse der verschiedenen Formen von Rationalität, denen er Philosophie, Religion und Theologie zuordnete. Eine Wahrheit kann in der Philosophie deduktiv aus ersten Prinzipien erschlossen und damit bewiesen werden. Sie kann aber auch in der Offenbarung durch «rhetorische» und «poetische Schlüsse» in Parabeln und Metaphern ausgedrückt werden. So wird sie Menschen zugänglich gemacht, die keine philosophische Bildung besitzen. Die Theologie schliesslich kann die offenbarten Wahrheiten verteidigen, indem sie ihr Dafür und Dawider in dialektischer Weise darlegt.

Noch einen Schritt über Farabi hinaus ging Avicenna (980–1037). Er legte ein philosophisches System vor, das auf der Unterscheidung von Essenz und Existenz basiert und in dessen Rahmen sich die Welt als Schöpfung denken lässt. Dieses beeinflusste auch die europäische Philosophie, es sollte aber vor allem das Modell für die Philoso­phie des islamischen Kulturkreises werden.

Verkannter Philosoph

Avicenna, mit dem der zweite Band der Reihe zum 11. und 12. Jahrhundert einsetzen soll, ist für die weitere Entwicklung der arabischen Philosophie eine Schlüsselfigur. Er löste Aristoteles als Autorität in der arabischen Welt ab und begründete eine neue, sich bis ins 18. Jahrhundert fortsetzende Tradition. Im Westen war zwar schon seit längerem bekannt, dass Avicenna einen entscheidenden Einfluss auf das islamische Denken hatte. Allerdings wurde postuliert, dass er diesem Denken eine Wendung ins Mystische und Theosophische gegeben habe und es deshalb eher eine orientalische Weltweisheit sei, in der Philosophie nicht mehr von Theologie und mystischer Schau unterschieden werden könne. Die neuere Forschung dagegen zeigt, dass diese Annahme falsch ist. Sie bildet die Grundlage für das Ueberweg-Projekt von Ulrich Rudolph.

Aufklärer und Fundamentalisten

Die Islamwissenschaftler haben sich die Aufgabe gestellt, die Philosophie als rationale Tradition zu verfolgen und in den weiteren Bänden über das 12. Jahrhundert hinauszugehen. Mit besonderem Interesse kann man den letzten Band erwarten: In ihm wollen sie aufzeigen, wie sich diese arabische Denktradition in der Moderne darstellt. Seit der Kolonialisierung und der Erfahrung, den westlichen Mächten unterlegen zu sein, stellt sich in der islamischen Welt die Frage neu, welche Rolle die Rationalität spielt und wie sie mit dem islamischen Erbe verbunden werden kann.

Im Zentrum der modernen Auseinandersetzung steht die Frage nach der eigenen Identität. Rudolph hält fest, dass die fundamentalistische Antwort darauf nur ein Teil der Diskussion ist, wie sie gegenwärtig in den Ländern des Maghrebs und des Nahen Ostens geführt wird: «Aufklärerische und antiaufklärerische Antworten gehören in dieser Auseinandersetzung dazu», sagt Rudolph. «Wie kann man die aufklärerischen Positionen – auch unter Rückgriff auf das eigene Erbe – stärken? Und wie ist mit den fundamentalistischen umzugehen? Das sind Fragen, welche sich den Denkern der islamischen Länder heute stellen.»

Kontakt: Prof. Ulrich Rudolph, ulrich.rudolph@uzh.ch

Finanzierung: Projekt: SNF, Philosophische Fakultät Zürich,

Druckkosten: SNF und Freiwillige Akademische Gesellschaft (FAG) Basel

Zusammenarbeit: Yale University, McGill University Montreal, University of Cambridge, CNRS Paris, Universitäten Bern, Bochum, Pavia, Istanbul, Rabat

Literatur: Ulrich Rudolph (Hg.), Renate Würsch (Mitarbeit): Philosophie in der islamischen Welt, Band 1, 8. bis 10. Jahr­hundert, Schwabe Verlag, Basel 2012

Susanne Huber, Journalistin.