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14.10.2013Klimawandel

Moralischer Kompass

Der Klimawandel stellt die Menschheit vor komplexe ethische Herausforderungen. Im deutschsprachigen Raum gibt es dazu bisher wenig auch für Laien verständliche Literatur. Dominic Roser und Christian Seidel, bis vor kurzem Postdocs am Universitären Forschungsschwerpunkt Ethik, legen nun eine Einführung in die Ethik des Klimawandels vor.

Paula Lanfranchoni

El Nino

Zunehmende Wetterextreme: Stürmisches Wetter an der Küste von San Diego (USA) als Folge des Klimaphänomens El Niño. (Bild: Wikipedia)

Sie hätten sehr lange an ihrem Buch gearbeitet, und es sei «eine Gratwanderung zwischen Verständlichkeit und inhaltlicher Korrektheit gewesen», sagte Christian Seidel am vergangenen Freitag an der Buchvernissage im Rahmen des Network for Interdisciplinary Climate Change Researchvon UZH und ETHZ.

Das Buch Ethik des Klimawandels von Dominic Roser und Christian Seidel richtet sich weniger an Hochschulphilosophen als an ein breites Publikum - Entscheidungspersonen in Politik und Wirtschaft, im Bildungsbereich Tätige, NGOs und interessierte Laien. Das Ziel: Eine sachliche Darstellung von Pro und Kontra verschiedener Positionen. So, dass die Leserschaft ihre eigene Meinung hinterfragen und fundieren könne. «Einen moralischen Kompass» für das politische und individuelle Handeln.

Das Ende der Unsicherheiten

Christian Seidel ist Philosoph, Dominic Roser bringt einen ökonomischen und einen philosophischen Hintergrund mit. Die beiden Autoren holen ihr Publikum bei einer grundsätzlichen Frage ab: Weshalb stellen sich beim Klimawandel überhaupt moralische Fragen? Ist dieser Wandel nicht einfach ein Naturphänomen wie der Lauf der Gestirne? Nein, antworten sie.

Aus wissenschaftlicher Sicht gebe es heute keine ernsthaften Unsicherheiten mehr darüber, dass der Klimawandel stattfinde und dass der Mensch hauptsächlich durch Treibhausgasemissionen dazu beigetragen habe. Mit moralisch bedenklichen Folgen wie etwa Extremwetterereignissen, welche viele Menschen obdachlos machen und ihnen Hunger, Krankheit und Tod bringen.   

Ethische Leitfragen

Im Zentrum des Buches stehen drei klimaethische Leitfragen. Erstens: Sind wir aufgrund des Klimawandels überhaupt zu etwas verpflichtet? Zweitens: Falls wir zu etwas verpflichtet sind: Zu wie viel, damit es unseren Nachfahren ausreichend gut geht oder mindestens so gut wie uns? Drittens: Wie sind diese Pflichten zu verteilen, damit es global gerecht zugeht: Nach dem Verursacherprinzip? Dem Nutzniesserprinzip? Dem Prinzip der Zahlungsfähigkeit: Jeder nach seinen Möglichkeiten?

Im letzten Kapitel schlägt das Buch eine Brücke von der ethischen Theorie zur politischen Praxis und schliesst, etwas unvermittelt, mit einer Analyse des Marktes für Emissionen, bei dem «das letzte Wort noch nicht gesprochen ist».

Den beiden Autoren gelingt es, ihr Thema in einer klaren, anschaulichen Sprache an die Leserschaft zu bringen. Und sie illustrieren den komplexen Argumentationsdschungel immer wieder mit Beispielen aus dem Alltag. Hilfreich sind auch so genannte Argumente-Boxen, welche Pro und Kontra kurz auf den Punkt bringen und zum Weiterlesen animieren. Der Band bietet inspirierende Lektüre und stellt unerwartete Zusammenhänge her.

Persönliches Anliegen

Wie halten es die beiden Autoren selber mit dem Klimaschutz, fragt man sie am Rande der Vernissage. Christian Seidel arbeitet inzwischen an der Universität Erlangen-Nürnberg. Er ist per Zug angereist. Geflogen, sagt er auf Nachfrage, sei er in den letzten sechs Jahren ein Mal.

Mitautor Dominic Roser hat es, geografisch gesehen, schwerer. Er lebt heute in Oxford und ist Research Fellow am Oxford Martin Programme on Human Rights for Future Generations. Er sei, sagt er etwas zerknirscht, per Flugzeug gekommen, reise jedoch per Zug zurück. Und er versuche, so oft wie möglich auf elektronischem Weg zu kommunizieren.

Dass ihnen der Klimaschutz persönlich ein Anliegen ist, legen die beiden Nachwuchswissenschaftler auch am Schluss ihres Vorwortes offen. Es sei «ihre tiefe Hoffnung, dass wir beide, die Leserschaft und die Menschheit es nicht beim Argumentieren belassen, sondern den Klimaschutz aktiv und gerecht vorantreiben».

Dominic Roser/Christian Seidel: Ethik des Klimawandels. Eine Einführung: WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt 2013

Paula Lanfranchoni ist freischaffende Journalistin.

Links

Network for Interdisziplinary Climate Change Research

Ethik des Klimawandels (Wissenschaftliche Buchgesellschaft)

Universitärer Forschungsschwerpunkt Ethik

Tags

Veranstaltungen Publikationen Forschung Sozial- und Geisteswissenschaften Wirtschaftswissenschaften und Informatik Mathematik und Naturwissenschaften

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