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17.01.2013Evolutionsbiologie

Luftiges «Hotel Mama»

Nestflüchter oder Nesthocker: Das Brutverhalten von Vögeln ist unterschiedlich und verändert sich dynamisch im Laufe der Evolution. Der Biologe und Förderungsprofessor Michael Griesser sucht nach den Gründen.  

Marita Fuchs

Unglückshäher

Bietet seinen Kindern ein Leben nach dem Hotel-Mama-Prinzip: Der Unglückshäher. (Bild: Estormiz)

Im Frühling lassen sie sich gut beobachten: Fleissige Vogeleltern fliegen zwischen Nest und Futterplatz hin und her und stopfen die aufgesperrten Schnäbel ihrer Jungen. Mutter und Vater teilen sich dabei die anstrengende Arbeit der Brutpflege. Kinder und Eltern trennen sich, sobald die Jungen flügge werden. «Paarbrüter» nennt man Vögel, die zu zweit ihre Jungen aufziehen und anschliessend in die Welt entlassen. Viele Vögel brüten so, etwa die heimischen Kohlmeisen oder Störche.

Weniger bekannt ist, dass es bei Vögeln auch andere Modelle der Brutpflege gibt: Bei den «Kooperativen Brütern», wie den Rabenkrähen, leben die Vögel in Familien und wie bei uns Menschen helfen Heranwachsende, ihre jüngeren Geschwister aufzuziehen.

Eine weitere Form des Brutverhaltens zeigen die «familienlebenden Arten». Anders als bei den Paarbrütern oder den kooperativen Brütern bleiben die Jungen, nachdem sie flügge sind, bei den Eltern. Sie beteiligen sich allerdings nicht an der Brutpflege der nachwachsenden Generation, sondern geniessen den Schutz und die Fürsorge der Eltern. Ein «Hotel Mama» der Vogelwelt. Während sich die Forschung bisher intensiv mit Paarbrütern und Kooperativen Brütern beschäftigt hat, war lange unklar, was der Vorteil der familienbrütenden Arten ist.

Höhere Überlebenschancen im Schutz der Familie

Der Evolutionsbiologe und Förderungsprofessor Michael Griesser (42), der schon als Kind von Vögeln fasziniert war, untersucht das Verhalten von Vögeln, besonders der familienbrütenden Arten. Ein Vertreter dieser Art ist der Unglückshäher. Dieser Krähenvogel ist im Norden Europas beheimatet. Seinen Namen verdankt er einer Sage, die in Schweden erzählt wird: Schiesse man auf den Vogel, so sei das Gewehr unbrauchbar und verfehle sein Ziel. Der Naturforscher Carl von Linné taufte den harmlos aussehenden Vogel, deshalb auch auf den martialisch klingenden Namen «Perisoreus infaustus», der Unglückbringende.

Michael Griesser

Entdeckte, dass Paarbrüter sich zu Familienbrütern entwickeln können – und umgekehrt: Evolutionsbiologe Michael Griesser. (Bild: zVg.)

An der Universität Zürich studierte Griesser Biologie. Ihm fehlte jedoch die Auseinandersetzung mit Texten und Literatur, und weil er schon von Jugend an ein Faible für Schweden und seine fantastische Landschaft hegte, lag die Skandinavistik als Nebenfach nahe. Nach dem Studium schrieb er seine Dissertation an der Universität von Uppsala zum «Hotel Mama Prinzip» bei Unglückshähern. An diesem Thema arbeitete er auch als Postdoc.

Bis zu drei Jahre unter den Fittichen der Eltern

Unglückshäher sind Krähenvögel und leben in kleinen Familienverbänden. Die Jungvögel bleiben bis zu drei Jahren im Familienverbund. Sie profitieren von den Eltern, die ihnen Schutz und Nahrung bieten. Durch die Familie sind die Jungvögel vor Feinden geschützt, was durch ein ausgeklügeltes Warnsystem sichergestellt wird. Sie verfügen nämlich über eine komplexe Sprache zur Abwehr von Fressfeinden. Entdeckt ein Vogel – meist ist es der Vogelvater – einen potentiellen Feind, warnt er mit spezifischen Rufen seine Familienmitglieder. Die Laute umfassen dabei über 25 Rufe, die je nach Art der Bedrohung anders ausfallen. So klingt der Warnruf vor einer Eule anders als der vor einem Habicht. Die Häher rufen dabei umso häufiger, je enger die Verwandtschaft innerhalb ihrer Gruppe ist. Hier zeigt sich ein Vorteil des grossen Familienverbandes: Die Überlebenschancen der Jungvögel, die in der Familie bleiben, sind sehr viel höher, als wenn sie sich früh von den Eltern absetzen.

Nicht auf das Nest aufmerksam machen

Die Vorteile des kooperativen Brutverhaltens liegen auf der Hand: Die Vogelfamilie teilt sich die Arbeit, die Mitglieder fungieren als Nahrungsbeschaffer oder Babysitter, das spart Kraft und beide, die Eltern und die Jungtiere, profitieren. Die «Jugendlichen» helfen damit nicht nur ihren Eltern bei der Geschwisterpflege, sondern auch sich selber. Zudem erlaubt ihnen das elterliche Vorbild, später selbst gute Eltern zu werden.

Bei den Familienbrütern, deren Junge nicht bei der Brutpflege helfen, fällt dieser Vorteil weg. Dass sich die jugendlichen Unglückshäher nicht an der Brutpflege beteiligen, könnte auch daran liegen, dass nicht zu viele Vögel das Nest mit den Küken anfliegen sollen, denn das Hin- und Herfliegen zum Nest kann Nesträuber auf das Nest aufmerksam machen. 

Warum Vögel so verschiedenartige Formen des Sozialverhaltens zeigen und welche evolutionären Vorteile die jeweilige Variante hat, will Griesser mit seinem Forschungsprojekt «Die Rolle von Ökologie und Lebensgeschichte für die Evolution von Familienleben und kooperativem Brüten in Vögeln» im Rahmen seiner Förderungsprofessur klären. Drei Doktoranden stehen ihm dabei zur Seite.

Dynamische Prozesse der Evolution

Griesser konnte in seiner jüngsten Forschungsarbeit feststellen, dass sich das Familienleben der Vogelarten im Laufe der Evolution ändert. Er entdeckte, dass Paarbrüter sich zu Familienbrütern entwickeln können und diese wiederum zu kooperativen Brütern. Überraschenderweise kann diese Entwicklung jedoch auch in umgekehrter Reihenfolge ablaufen. «Die evolutionäre Entwicklung stellt sich als sehr dynamisch dar», sagt der Forscher.

Griesser arbeitete für diese erstaunlichen Erkenntnisse mit dem Stammbaum der Vögel. Er analysierte mit statistischen Methoden verwandte Arten. Interessant dabei ist die Beobachtung, dass kein Modell ein anderes verdrängen konnte. Griesser will jetzt herausfiltern, welche Gründe genau dieses Wechselverhalten verursacht. Im März werden die ersten Ergebnisse dazu vorliegen.

Marita Fuchs, Redaktorin UZH News.

Kontakt

Anthropologisches Institut, Prof. Michael Griesser

Tags

Mathematik und Naturwissenschaften

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