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20.02.2013
Nationalbank-Präsident an der UZH

Gefahr noch nicht gebannt

Thomas Jordan, Direktionspräsident der Schweizerischen Nationalbank, verteidigte in einem Referat an der UZH die Geldpolitik der SNB. Sie trage nicht zum Ertragsbilanzüberschuss der Schweiz bei. Der Franken sei nach wie vor hoch bewertet.

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Adrian Ritter

Thomas Jordan
Wehrte sich gegen die Forderung, den Mindestkurs des Frankens gegenüber dem Euro aufzuheben: Nationalbank-Präsident Thomas Jordan. (Bild: Mirjam Graf)

Es war historisch beispiellos, in welchem Umfang die Schweizerische Nationalbank (SNB) im Sommer 2011 die Geldmenge ausweitete, um das Erstarken des Schweizer Frankens zu bremsen. Genützt hat es nichts, weshalb die SNB im September 2011 ankündigte, ab sofort keinen Euro-Franken-Kurs unter 1.20 mehr zu tolerieren. Die Nationalbank, sagte der damalige Nationalbank-Präsident Philipp Hildebrand, werde wenn nötig unbeschränkt Devisen aufkaufen, um das gesetzte Ziel zu erreichen.

«Mit dieser unkonventionellen Geldpolitik haben wir Neuland betreten», sagte Jordan am Dienstag in der Aula der Universität Zürich in seinem Referat. Er sprach auf Einladung des Schweizerischen Instituts für Auslandforschung (SIAF).

Dass ein solcher Mindestkurs nötig war und immer noch ist, werde im Ausland weitgehend anerkannt, zumal der Franken auf diesem Niveau immer noch hoch bewertet sei. Trotzdem werde bisweilen neben Ländern wie China und Japan auch die Schweiz kritisiert, eine «beggar-thy-neighbour»-Politik zu betreiben – also durch die Schwächung der eigenen Währung auf Kosten anderer Länder die eigene Wirtschaft zu stützen.

Preisstabilität als oberstes Ziel

Klares Zeichen dafür, dass die Währung nicht zu stark, sondern zu schwach sei, sind in den Augen der Kritiker die hohen Ertragsbilanzüberschüsse dieser Länder. Die Kritiker monieren auf die Schweiz bezogen: Die Nationalbank solle den Mindestkurs aufheben und eine weitere Aufwertung des Frankens zulassen. So würden Importe billiger und Exporte teurer.

Jordan widersprach dieser Forderung vehement: Sie basiere auf der Unkenntnis der Situation der Schweiz. Der Ertragsbilanzüberschuss werde kaum vom Wechselkurs, sondern von der internationalen Entwicklung beeinflusst. Die Nationalbank richte ihre Politik nicht an der Ertragsbilanz aus. Sie verfolge einzig das Ziel der Preisstabilität – unter Berücksichtigung der konjunkturellen Entwicklung.

Der Ertragsbilanzsaldo sei aber weder ein Indikator für die Preisstabilität noch für die Auslastung der Produktionskapazitäten in der Schweiz. Er umfasse hauptsächlich die Importe und Exporte von Waren und Dienstleitungen sowie die Kapitaleinkommen – also die Erträge auf Investitionen von Schweizern im Ausland und von Ausländern in der Schweiz. Bei einem Ertragsbilanzüberschuss nimmt ein Land im Verkehr mit dem Ausland mehr ein, als es ausgibt.

Jeder Saldo optimal

«Es gibt keinen optimalen Ertragsbilanzsaldo», so Jordan. Das eine Land spare lieber und lege das Geld im Ausland an. Ein anderes konsumiere und investiere mehr, als es selber spare und müsse deshalb Kapital importieren. Gefährlich werde es erst, wenn weltweit mehrere Länder grosse Ertragsbilanzdefizite auswiesen. In der Folge könnten die Kapitalgeber das Vertrauen verlieren und die Defizite dieser Länder nicht mehr finanzieren wollen.

Jordan verteidigte die Schweiz: Sie werde zu Unrecht für ihren Ertragsbilanzüberschuss kritisiert – er lag 2011 bei 8,4 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Die Situation in der Schweiz unterscheide sich von jener andere Ländern mit hohem Ertragsbilanzüberschuss – wie etwa China.

In der Exportnation China sei der Warenhandel für mehr als 80 Prozent des Ertragsbilanzüberschusses verantwortlich. In der Schweiz dagegen mache der Warenhandel nur einen Bruchteil des hohen Ertragsbilanzüberschusses aus. Dieser komme anders zustande als in China: Kapitaleinkommen auf den hohen Auslandvermögen der Schweiz, hohe Erträge des Finanzsektors aus dem Geschäft mit ausländischen Kunden und Gewinne insbesondere aus dem Rohstoffhandel seien dafür verantwortlich.

Bei allen drei Faktoren spielt laut Jordan der Wechselkurs kaum eine Rolle, da solche Geschäfte zumeist nicht in Schweizer Franken abgewickelt würden. Eine Aufwertung des Frankens würde die Ertragsbilanz somit nicht verändern.

Sicherheit geben

Dass der Franken 2011 so stark wurde, war gemäss Jordan eine Folge der internationalen Entwicklung. Die verängstigten Anleger suchten in der Schweizer Währung einen «sicheren Hafen». Dies bedrohte die Schweizer Wirtschaft akut und führte zu einer Deflation.

Die SNB musste deshalb handeln, nicht zuletzt, um der Wirtschaft Planungssicherheit zu geben. «Bei Zinsen von praktisch null ist die Durchsetzung des Mindestkurses das geeignete Instrument, um die Preisstabilität in der Schweiz zu gewährleisten», sagte Jordan.

Die Nationalbank begrüsste die leichte Abschwächung des Frankens gegenüber dem Euro seit Jahresbeginn. Eine Entwarnung aber gab er nicht: «Solange die fiskalischen und strukturellen Probleme der Eurozone nicht gelöst sind, ist die Gefahr eines plötzlich wiederkehrenden Aufwertungsdrucks auf den Franken nicht gebannt», so Jordan. Die Nationalbank werde deshalb den Mindestkurs weiterhin mit aller Konsequenz durchsetzen. Mit dem Mindestkurs habe sich die Schweiz keinen kompetitiven Vorteil geschaffen, im Gegenteil: «Der als Folge einer Fehlentwicklung am Devisenmarkt entstandene kompetitive Nachteil wurde nur teilweise verringert.»

Inflationsgefahr gering

In der Fragerunde nach dem Referat auf die Gefahr einer weltweiten Inflationswelle angesprochen, beruhigte Jordan: Bisher war eher Deflation zu beobachten. Man sei sich der möglichen Gefahr aber bewusst: «Die Nationalbanken werden ihre Verantwortung wahrnehmen.»

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.