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06.02.2013
Nachhaltige Informationsgesellschaft

«Von selbst geschieht nichts»

In Zukunft müssen wir lernen, knappe Ressourcen nachhaltig zu nutzen. Lorenz Hilty, Professor für Informatik und Nachhaltigkeit, entwirft ein Szenario, wie uns Software dabei unterstützen kann. Zu diesem Thema hat er eine wissenschaftliche Tagung organisiert, die in der nächsten Woche stattfindet. 

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Lorenz Hilty

Windräder
Windkraft: Nachhaltig ist es, wenn der Computer die Rechnerleistung von einem Ort bezieht, wo gerade der Wind bläst. (Bild: WalliNet)

Bald hat vielleicht jeder von uns einen persönlichen Software-Agenten, der die Nutzung knapper Ressourcen organisiert. Er ist umsichtig, er verhandelt mit anderen Agenten und entlastet uns im Alltag. Der persönliche Software-Agent kennt unsere Präferenzen genau.

Er weiss zum Beispiel, dass es mich auf meiner Reise nicht stört, eine Stunde später anzukommen, wenn ich dafür unterwegs konzentriert arbeiten kann. Er plant deshalb einen Umweg auf einer Bahnlinie, wo die Wagen fast leer sind. Dadurch weiss er auch, wie lange er mein Elektroauto als Energiepuffer ans Stromnetz vermieten kann. Er weiss sogar, dass ich meine Rechenleistung in der Cloud bevorzugt von einem Rechenzentrum an einem Ort beziehe, wo gerade der Wind bläst – für die Energie und für eine passive Kühlung. Und er sorgt dafür, dass meine Daten sich nur innerhalb von Rechtsräumen bewegen, die meine Anforderungen an den Datenschutz erfüllen.

Der Software-Agent ist ein Programm, das für mich auf Märkten für knappe Ressourcen handelt, vom Strassenraum über momentan verfügbare Energie bis zum sicheren Datenspeicher. Er nimmt für mich an diesen Märkten teil und handelt in meinem Sinne, damit ich mich darum nicht kümmern muss.

Leider ist dieser Alleskönner noch Zukunftsmusik, doch die Ideen dazu sind nicht neu. Denn Informatiker arbeiten seit den 1980er Jahren daran, Informationssysteme zu entwickeln, die der Nachhaltigkeit dienen.

«Grüne» Informationstechnologie

Damals standen Überwachungssysteme für Umweltbelastungen im Vordergrund und Simulationsmodelle, mit denen man die Dynamik der Umweltprobleme analysierte. Später wurden diese Ansätze im Fach Umweltinformatik gebündelt. Das Fachgebiet entstand analog zu anderen Spezialdisziplinen der Informatik – wie Medizininformatik oder Wirtschaftsinformatik –  ist aber trotz einiger Masterstudiengänge bis heute wenig bekannt.

Lorenz Hilty
Fordert einen Innovationsschub und gute Ideen für die Nutzung knapper Ressourcen: Informatikprofessor Lorzenz Hilty. (Bild: Marita Fuchs)

Mit dem beginnenden Bewusstsein für globale Klimaveränderungen entstand eine weitere Verbindung zwischen Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) und Nachhaltigkeit: Die IT-Industrie selbst prägte vor etwa fünf Jahren das Schlagwort «Green IT» oder allgemeiner «Green ICT». Zunächst ging es darum, den schnell wachsenden Stromverbrauch der der PCs, Server, Datennetze usw. zu verstehen und zu bremsen.

Überkontinentale Konferenz

Neben diesem «Green in ICT» genannten Ansatz entstand der Ansatz «Green by ICT». Dieser hat zum Ziel, Prozesse durch den Einsatz von ICT umweltschonend zu gestalten. Dies kann etwa geschehen durch intelligentere Steuerung und Regelung umweltbelastender Prozesse, oder indem man Daten statt Personen und Medien transportiert.

Wir haben beispielsweise eine Konferenz auf zwei Kontinenten gleichzeitig durchgeführt und einige hundert Teilnehmende durch modernste Telepräsenz-Methoden verbunden, sogar in den Kaffeepausen für informelle Gespräche. Dieses aufwändige Experiment verbrauchte zwar zusätzliche Energie und zog auch zusätzliche Teilnehmer an, aber schon ein einziger vermiedener Flug hat diesen Aufwand mehr als ausgeglichen.

Nicht alles, was «smart» ist, ist auch nachhaltig

Es ist verfehlt anzunehmen, dass unsere Produktions- und Konsummuster durch die Möglichkeiten der Informationstechnologie automatisch nachhaltiger werden. Denn die typische Anwendung von ICT besteht darin, vorhandene Prozesse schneller oder billiger zu gestalten, was über eine steigende Nachfrage in der Regel zu höheren Umweltbelastungen führt, dem so genannten Rebound-Effekt.

«Smart» und effizient bedeutet also nicht automatisch «grün» und nachhaltig. Das beste Beispiel dafür liefert die ICT selbst: Eine Rechenoperation benötigte vor 40 Jahren eine Million Mal mehr Energie als heute. Trotz dieses Effizienzfortschritts wurde der gesamte Energieverbrauch der ICT insgesamt nicht geringer, sondern verdoppelt sich derzeit etwa alle fünf Jahre. Die Ursache: Die Nachfrage wächst noch schneller als die Energieeffizienz.

Nachhaltige Informationsgesellschaft

ICT könnte uns trotzdem helfen, zu einem nachhaltigen Lebensstil zu finden. Hierzu ist ein Rahmen notwendig, der die Nutzung von Ressourcen begrenzt, deren Kapazität sich nicht beliebig ausbauen lässt.

Solange wir in der Illusion einer potenziellen Unbegrenztheit knapper Ressourcen leben, wirtschaften wir nicht nur auf Kosten nachfolgender Generationen, wir verpassen auch die Innovationen, die durch das Respektieren der Grenzen angeregt würden. In einer nachhaltigen Informationsgesellschaft wären solche Grenzen gesetzt  – wie zum Beispiel 2000 Watt pro Person – und ICT würde die Kreativität entfesseln, die wir brauchen, um damit umzugehen.

Lorenz Hilty, Professor für Informatik und Nachhaltigkeit an der UZH