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21.02.2013
Quecksilber in der Medizin

Giftiges Heilmittel

Quecksilber gilt als hochgiftig und soll verboten werden. In der indischen und chinesischen Medizin spielt das Metall aber immer noch eine grosse Rolle. Die Indologin Dagmar Wujastyk, Postdoktorandin am Universitären Forschungsschwerpunkt Asien und Europa, hat einen Workshop zum Thema «Quecksilber in der Medizin» organisiert. Er findet heute und morgen an der Universität Zürich statt. 

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Dagmar Wujastyk

Quecksilber in der Medizin
Eine Reiterin lockt Quecksilber aus einem Brunnen: Motiv aus einer indischen Sage. Auch heute noch spielt Quecksilber in der indischen Medizin eine bedeutende Rolle. (Bild: Trustees of the Maharaja Sawai Man Singh II Museum, Jaipur)

Die Umweltminister der Vereinten Nationen haben im Januar 2013 ein Verbot von Quecksilber beschlossen. Das bei Zimmertemperatur flüssige, leicht verdampfende Metall gilt als hochgiftig und soll deshalb weltweit aus dem Handel verbannt werden. Quecksilberhaltige Batterien, Energiesparlampen, Thermometer und Quecksilberamalgame in Zahnfüllungen sollen bis 2020 nicht mehr hergestellt und verkauft werden.

Davon ausgenommen sind unter anderem Produkte, für die es keine quecksilberfreien Alternativen gibt oder solche, die in religiösen Kontexten verwendet werden. Erleichtert über diese Ausnahmeregelung waren vor allem Vertreterinnen und Vertreter verschiedener traditioneller asiatischer Medizinsysteme.

Breites Anwendungsgebiet

In diesen Traditionen ist Quecksilber nach wie vor Bestandteil besonders geschätzter medizinischer Präparate. So wird das Metall etwa in der Praxis des Ayurveda in Indien – nicht jedoch in Europa oder Nordamerika – verwendet. Meist handelt es sich um Quecksilber-Schwefelverbindungen, die mit Kräutern und Mineralien vermischt werden.

Zu den populärsten Präparaten gehören Vayugutika (gegen Asthma und rheumatische Erkrankungen), Vettumaran Gutika (gegen Fieber und Koliken) und Svasanandam Gutika (gegen Bronchitis und Asthma). Sie werden unter kontrollierten Bedingungen in modernen pharmazeutischen Betrieben hergestellt. Diverse indische Universitäten erforschen zudem die Anwendung solcher Präparate und setzen und überprüfen entsprechende Standards.

Produktion für den heimischen Markt

Im internationalen Handel spielen ayurvedische Quecksilberpräparate keine Rolle, da die meisten Länder inzwischen den Import von quecksilberhaltigen Medizinprodukten mit wenigen Ausnahmen verbieten. Aufsehen erregten allerdings kürzlich in den USA ayurvedische Produkte, deren pflanzliche Inhaltstoffe mit Quecksilber kontaminiert waren. Es waren nicht Präparate, die traditionell verarbeitetes Quecksilber enthielten. Die Kontaminierung war vermutlich die Folge einer Umweltverschmutzung mit Quecksilber.

Jahrhunderte alte Tradition

In der indischen Medizin wurde elementares, also unverarbeitetes Quecksilber nachweislich seit dem siebten Jahrhundert verwendet. Etwa ab dem 13. Jahrhundert waren quecksilberhaltige Produkte ein etablierter Bestandteil des Ayurveda. Mit ihnen wurden besonders schwere Krankheiten wie Tuberkulose, Typhus, Cholera und Syphilis behandelt.

Schon die frühen Autoren medizinischer Schriften waren sich der Gefahren der Quecksilbervergiftung bewusst. Sie entwickelten komplizierte Verfahren, um Quecksilber zu reinigen, zu entgiften und für den Konsum nutzbar zu machen.

Gemäss der orthodoxen ayurvedischen Position ist unverarbeitetes Quecksilber ein gefährliches Gift, dessen Einnahme zu schweren gesundheitlichen Schäden führt. Korrekt verarbeitet und angewendet hingegen stellt es ein hochwirksames und unschädliches Arzneimittel dar.

Dagmar Wujastyk ist Indologin und Postdoktorandin am Universitären Forschungsschwerpunkt «Asien und Europa» der UZH.