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Hondrich, Karl Otto (Frankfurt a.M.) 2000
Transnationale Gemeinschaften als Agenten der Weltgesellschaft - zur Theorie und Empirie transnationaler und zivilgesellschaftlicher Entwicklung
Die Begriffe "Weltgesellschaft" und "Globalisierung" dominieren - teils komplementär, teils unabhängig voneinander - nicht nur den wissenschaftlichen, sondern auch den politischen, kulturellen, ökonomischen, kurz: den öffentlichen Diskurs. Der inflationäre Gebrauch des Globalisierungsbegriffes verleitet zu vielfältigen Definitionsangeboten. Ähnlich geht es dem Weltgesellschaftsbegriff, bei dem es ebenfalls zu begrifflichen Unschärfen kommen kann. Um diesem Problem zu entgehen, vertreten die VerfasserInnen in Anschluss an Albrow (1998: 259) die Auffassung, dass Weltgesellschaft im Wesentlichen auf grenzüberschreitenden Bindungen oder Kontakten von Individuen oder sozialen Gruppen beruht. Von entscheidender Bedeutung - das zeigen auch unsere Untersuchungsergebnisse - erscheint hierbei das Medium Kommunikation, das mehr denn je territoriale, politische oder kulturelle Grenzen durchlässiger macht. Insofern scheint Niklas Luhmanns These (1990: 27) "Gesellschaft ist Weltgesellschaft. Sie ist das, was sich ergibt, wenn die Welt durch Kommunikation vernetzt wird und über Differenzen rekonstruiert werden muss", plausibel. Unsere Forschungsergebnisse belegen ferner, dass dieser Ansatz, Weltgesellschaft zu begreifen, mit dem Konzept der kulturellen Globalisierung korrespondiert. Letzteres geht u. E. erstens mit einer neuen kulturellen Diversität einher, zweitens erfolgen Ausdifferenzierungsprozesse über ein globales Referenzsystem (Breidenbach/Zukrigl 1999), das zumindest im europäischen Raum auf große Akzeptanz stößt. Es geht im Sinne Robertsons (1998) um die Dialektik von Globalität und Lokalität, Herkunftsbindungen und Wahlheimat. Weltgesellschaft, so lautet ein Forschungsresultat, konstituiert sich durch Glokalisierungsprozesse, das heißt durch widersprüchliche Interaktionen im Kontext vermischter lokaler und globaler Kultureinflüsse. In der Weltgesellschaft, verstanden als sich abzeichnende Fortsetzung einer globalisierten Moderne, evoziert primär Kultur soziale Handlungen. Das soziologische Potenzial eines solchen Weltgesellschaftsbegriffs wird durch unsere Befragungen untermauert, deren gemeinsamer Nenner die Verarbeitung kultureller Differenzen darstellt.
Auch wenn diese Befunde angesichts der real existierenden Nationalstaaten und den Imperativen einer globalen Ökonomie provozieren mögen, man von Politik, Wirtschaft, Kultur und anderen Teilsystemen abstrahieren und die funktionale Differenzierung moderner Gesellschaften beachten muss, erscheinen sie den VerfasserInnen plausibel. Zumindest einige der vorliegenden Interviews gehen in diese Richtung. Doch geht es in dem Projekt Transnationale Gemeinschaften als Agenten der WeltgeseIlschaft weniger um eine Begriffsdefinition. Vielmehr wird den Mustern, Prozessen und Modalitäten lokaler und transnationaler Vergemeinschaftung in der Großstadt nachgegangen. Bislang wurde der Frage, wer die Weltgesellschaft gewissermaßen "macht", d.h. sie durch sein/ihr Handeln deutet, mit Leben erfüllt und fortschreibt, zu wenig Beachtung geschenkt. Ging es ursprünglich darum, zu untersuchen, welche sozialen Gruppen - klassische ArbeitsmigrantInnen oder transnationale Eliten, exemplifiziert an Befragungen in Frankfurt am Main -, sich als "de facto Agenten der Weltgesellschaft" (Beck 1993: 242) verorten lassen, zeigte sich bei den Interviews, dass die Generationen- und Herkunftsebene ebenfalls wichtig ist, um Aspekte ihres sozialen Handelns und damit zusammenhängende Einflussfaktoren (insbesondere die Rolle der Medien) zu erfassen.
Folgende Fragen schließen sich an: Wie lassen sich beide Gruppen und ihre Binnendifferenzierungen in Hinsicht auf wesentliche Merkmale (demographische Merkmale, Einstellungen und Haltungen zu Fragen ihrer Integration in soziale Bezüge) beschreiben? Welche Unterschiede lassen sich zwischen und innerhalb dieser Gruppen ausmachen? Gibt es bei MigrantInnen Unterschiede zwischen denen, die erst vor kurzem gekommen sind im Vergleich zu solchen der dritten Generation? Welche Konfliktlinien lassen sich ausmachen? Wie stehen die von uns befragten HolländerInnen, BritInnen, JapanerInnen und TürkInnen und ChinesInnen zu solchen Institutionen, die der interkulturellen Begegnung und Integration (Kulturvereine, ethnisch gemischte Sportvereine etc.) dienen und welche Unterschiede lassen sich hinsichtlich der Partizipation an solchen feststellen? Welche Unterschiede hinsichtlich der Homogenität bzw. Heterogenität ihrer sozialen Netzwerke und ihrer grenzüberschreitenden sozialen Beziehungen (transnationale Netzwerke) lassen sich feststellen?
Die Medialisierung der Welt ist mittlerweile allumfassend (Bolz 2001), und in jeder Großstadt existieren Zeitungsverlage bzw. Fernseh- und Rundfunkanstalten aus unterschiedlichen Ländern. Wer nutzt diese? Welche Bilder der Welt vermitteln diese Medien für ihr Publikum? Wie verändert die Nutzung dieser Medien das Bild der NutzerInnen über ihre (lokale) Welt und umgekehrt? Sind die Medien aus dem Herkunftsland für "MigrantInnen in der Diaspora" wichtig? Haben die Medien einen Einfluss auf das Selbstbild der MigrantInnen und der transnationalen Eliten? Sehen sie sich eher als "AusländerInnen", als "Deutsche", als "EuropäerInnen" oder als "WeltbürgerInnen". Für die von uns befragten MigrantInnen der dritten Generation ist die Frage von Interesse, welche Vorstellungen sie über das Land ihrer "Väter und Mütter" haben und inwieweit sich dieses Bild aus medialer Vermittlung speist. Inwiefern haben sich die fremdsprachigen Medien, die in Deutschland produziert werden in den letzten Jahren geändert? Wie stark ist der Bezug zum "Herkunftsland", wie stark zu Deutschland, wie stark zu so etwas wie einer "Weltgesellschaft"? Und schließlich: Welche Indikatoren für das Entstehen und Fortschreiben einer "Weltgesellschaft im Kleinen" sind auffindbar? Im Ganzen geht es um die Frage, ob sich in Frankfurt, nach unserer Hypothese eine "Weltgesellschaft im Kleinen", neuartige soziale Typenbildungen, neue - transnationale - Formen des sozialen Handelns im Kontext zwischen Herkunftsland/Herkunftskultur und dem/der hiesigen Wahlland/Wahlkultur feststellen lassen. Sind langjährige türkische oder japanische Migrantlnnen Brücken zwischen ihrer jeweiligen Herkunfts- und ihrer deutschen Wahlkultur? Wie verhält es sich mit der zweiten und dritten Generation? Sind diese in der Regel mobilen Personengruppen VermittlerInnen zwischen den verschiedenen Kulturen oder fungieren sie eher als ziellose Ufos, als oberflächliche Wanderer zwischen den Welten? Weiche Unterschiede gibt es in der japanischen, europäischen und türkisch-deutschen Wahrnehmung in einer enger zusammenrückenden Welt?
Report: Endbericht des Forschungsberichtes an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, 2001
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