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Board World Society Studies E-Mail

Ziltener, Patrick (Zürich) 2001


Regionale Integration als Entwicklungsmodus in der Weltgesellschaft – der Fall Ostasien



Die sozialwissenschaftliche Literatur zu regionalen Integrationsprozessen ist in den 1990er Jahren rasant angewachsen. Man kann, nach derjenigen der 1960/70er Jahre, von einer 'neuen' oder 'zweiten Welle' von Studien sprechen. Diese Studien konzentrierten sich freilich auf Integrationsprozesse in nur drei Weltregionen: in Westeuropa, Nordamerika und dem pazifischen Raum. Die Bemühungen der ostasiatischen Staaten, Fortschritte bei der wirtschaftlichen und politischen Kooperation zu erzielen, haben demgegenüber weniger Aufmerksamkeit gefunden. Die Leitfrage des hier dokumentierten Forschungsvorhabens lautet daher: Muss die regionale Dimension in die Erklärung des Aufstieges Ostasiens eingeführt resp. angesichts der empirischen Evidenzen neu bewertet werden? Gibt es einen Integrationsprozess in Ostasien?

Die relative Vernachlässigung Ostasiens in der bisherigen Integrationsforschung dürfte vor allem drei Gründe haben: Erstens ist auf den ersten Blick Ostasien die Region mit der geringsten Tendenz zu handelspolitischen Präferenzabkommen. Zweitens hat die Kooperation zwischen den Staaten Ostasiens im Allgmeinen nicht die Tendenz, 'historische' Resolutionen und/oder grosse institutionelle Entwürfe hervorzubringen. Vor allem aber hatte, drittens, der Blick auf das 'ostasiatische Wirtschaftswunder' immer einen nationalgesellschaftlichen Bias. Der Aufstieg Ostasiens ist als 'Ensemble' nationaler institutioneller Modelle und Entwicklungspfade interpretiert und die transnational-regionale Dimension damit vernachlässigt worden. Ziel des hier beschriebenen Projektes war es, diese Lücke zu schliessen.

Das Forschungsprojekt ist qualitativ-empirisch angelegt. Zur Rekonstruktion eines gesellschaftlichen Makro-Prozesses wurden schriftliche und elektronische Quellen (inkl. Sekundärliteratur) erschlossen und ausgewertet sowie Interviews mit Akteuren geführt. Auf quantitativ-empirische Untersuchungen wird verwiesen, wo deren Resultate für die integrationstheoretische Argumentation von Interesse sind. Beobachtungszeitraum ist die Periode von 1945 bis heute; Entwicklungen vor 1945 werden nur am Rande berücksichtigt. Ostasien wird dabei, entsprechend den Konventionen, als Überbegriff für Nordostasien und Südostasien verstanden, also Asien unter Ausschluss Südasiens (Indien und seine Nachbarstaaten), Zentralasiens (Mongolei und Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetrepubliken) und des westlichen Teils des Kontinents. Die Fragestellung unterscheidet sich somit von der in der Literatur vorherrschenden. Ostasien, und nicht der umfassendere pazifische Raum, steht im Zentrum der Analyse. Der APEC-Prozess wird allerdings mitberücksichtigt, da er die Staaten Ostasiens miteinschliesst, dies aber vor allem im Hinblick auf die Frage, welcher Raum (und welche Ebene) der hauptsächlich relevante für die Integrationsanalyse ist.

Zur Beantwortung der Frage, ob es einen regionalen Integrationsprozess in Ostasien gibt, ist man auf Theorien angewiesen, die transnationale Prozesse in den Vordergrund stellen. Dafür bietet sich zunächst die neofunktionalistische Integrationstheorie an, die bis in die 1970er Jahre der dominante wissenschaftliche Ansatz zur Analyse von Integrationsprozessen war. Diese zielte auf die Formulierung einer allgemeinen Integrationstheorie, anwendbar auf Prozesse in verschiedenen Weltgegenden, die Forschung konzentrierte sich aber auf Westeuropa und Lateinamerika, wo die Hegemonialmacht USA Integrationsprozesse aktiv förderte. Ausserdem hat die These des Aufstieges Ostasiens als regionalem Integrationsprozess grosse Plausibilität aus einer Weltsystem-Perspektive. Deren Grundaussage ist es, dass nationale Entwicklung nicht aus sich selbst und durch eine Betrach-tung einzelner Länder befriedigend erklärt werden kann, sondern dass die unterschiedliche Position von Ländern im Rahmen der Zentrum-Peripherie-Arbeitsteilung in der Weltwirtschaft von zentraler Bedeutung für die Erklärung nationaler Entwicklung ist. Die These des Aufstieges Ostasiens als regionalem Integrationsprozess stellt die Weltsystemtheorie Wallersteinscher Prägung aber auch vor Probleme, da sie bisher keinen Begriff der (Welt-) Region und eine Theorie regionaler Integration erst in Ansätzen entwickelt hat.



Report: Schlussbericht zuhanden der Stiftung Weltgesellschaft, Zürich

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