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Mansilla, Hugo C.F. (La Paz) 1998
Die Theorie der dauerhaften Entwicklung in Lateinamerika: Eine neue Ideologie der Staatsbürokratie und der herrschenden Eliten?
Im Mittelpunkt von Darstellung und Analyse steht der instrumentelle Gebrauch, den zur Zeit in Lateinamerika die Staats- und Wirtschaftseliten mit der Theorie der nachhaltigen Entwicklung höchstwahrscheinlich betreiben, und nicht der innere Wert dieser Theorie, die noch über ein beträchtliches Entwicklungspotential verfügt. In den hochindustrialisierten Ländern hat diese Theorie einen unverzichtbaren Beitrag zur Klärung einer stets komplexer werdenden Umweltsituation, zur Entfaltung eines als zunehmend dringlicher empfundenen internationalen Umweltrechts und zur Gestaltung einer mannigfaltigen Praxis im lokalen Bereich geleistet. Durchaus positive Orientierungsleitwerte, wie z. B. Umweltentlastung durch industriellen Strukturwandel, Ökoeffizienz, nachhaltiges Wirtschaften sowie Erhöhung und Sicherung der Lebensqualität sind mit ihr eng verbunden.
In der Dritten Welt ist diese Theorie durch kritisch-wissenschaftliche Originalleistungen nicht modifiziert worden. Breite Gesellschaftssektoren haben sie beinahe widerstandslos akzeptiert, weil ihre praktisch-instrumentellen Aspekte sofort sichtbar wurden. In Lateinamerika erfreut sich die Theorie der nachhaltigen Entwicklung einer nicht zufälligen Beliebtheit bei den verschiedensten sozialen Akteuren, politischen Parteien und ideologischen Richtungen.
Es gilt nunmehr, die Gründe für diese Popularität zu erhellen und der Frage nachzugehen, ob diese Theorie eventuell zu einer verzerrten Wahrnehmung von Umweltsituationen beiträgt - unabhängig vom ursprünglichen Willen ihrer Urheber. Dies hat höchstwahrscheinlich damit zu tun, dass diese Theorie die Möglichkeit von unbegrenztem Wirtschaftswachstum bei gleichzeitiger Schonung der Naturkreisläufe postuliert. Diese Vorstellung entspricht tiefen Sehnsüchten und Bedürfnissen der kollektiven Mentalität Lateinamerikas. Man muss deshalb erkunden, welche Prioritäten die Regierungen und Eliten der Region in Bezug auf das Verhältnis von Entwicklungszielen und Umweltsituationen wirklich gesetzt haben, Prioritäten, die hinter der üblichen und heute politisch notwendigen Rhetorik des Umweltschutzes stehen und von denen letztlich die Praxisgestaltung abhängig ist.
Aus diesem Grund muss man die Frage untersuchen, ob und inwieweit die Theorie der nachhaltigen Entwicklung als eine Rechtfertigungs- und Entlastungsideologie zu bezeichnen ist und welche materiellen Interessen gegebenenfalls hinter der begeisterten Rezeption dieser Theorie stecken könnten. Diese Thematik erfordert eine Erhellung des soziokulturellen Bezugsrahmens, der jene breite Aufnahme und Popularität der Theorie der nachhaltigen Entwicklung ermöglicht hat. Soziokulturelle, historische und mentalitätsmässige Aspekte müssen, wenn auch kursorisch, herangezogen werden, um eine adäquate Erklärung zu leisten, warum in Lateinamerika eine von aussen kommende Lehre so kritiklos und von so verschiedenartigen Gruppierungen akzeptiert worden ist.
Vorwegnehmend kann man anmerken, dass sich die Theorie der nachhaltigen Entwicklung höchstwahrscheinlich in die Reihe konventioneller Doktrinen bruchlos eingliedert, die einer beschleunigten Modernisierung das Wort reden. Oder anders formuliert: Die Theorie der nachhaltigen Entwicklung bildet möglicherweise die modisch angepasste Fortsetzung konventioneller Lehren zur beschleunigten Modernisierung.
Wie zahlreiche Regionen der Erde leidet der lateinamerikanische Subkontinent unter verschiedenartigen Formen ökologischer Beeinträchtigung. Das Ausmass und die Intensität dieser Phänomene, die mehrheitlich anthropogen sind, haben in den letzten Jahrzehnten gewaltig zugenommen. Als besonders gravierend hat sich die Vernichtung des natürlichen Vegetationsmantels erwiesen, die in einer früher kaum vorstellbaren Reichweite und Schnelligkeit grenzenlose Bodendegradierung und Desertifikation mit sich gebracht hat. Zugleich sind sie aufs engste mit Problemen weltweiter Bedeutung verbunden Das betrifft vor allem die Veränderung des globalen Klimas (Treibhauseffekt), die Verringerung der Biodiversität und die Minderung des Energiepotentials des ganzen Planeten.
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Publiziert als: "Der Instrumentelle Gebrauch der Theorie der nachhaltigen Entwicklung in Lateinamerika", in: Schweiz.Z. Soziol./Rev. suisse sociol./Swiss Journ. Sociol., 26 (2), pp. 401-423, 2000
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