Göttliches Geschöpf oder menschliche Ware? Christliche Sklav/innen in Venedig (14.–16. Jh.)

Verantwortlich für das Postdoc-Projekt: Dr. Juliane Schiel

Abstract

Die Stadt Venedig besetzt für das Verständnis europäischer Sklaverei im Mittelalter eine Schlüsselposition. An ihrer Geschichte kann studiert werden, wie sich Lateineuropa an der Jahrtausendwende von einer „Lieferzone“ (Egon Flaig) für die muslimische Sklavenökonomie zu einer „perfect non-slaving zone“ (Jeffrey Fynn-Paul) wandelte, wie sich die Beulenpest des 8. Jahrhunderts und der „Schwarze Tod“ des 14. Jahrhunderts auf den europäischen Handel mit Menschen auswirkten, und wie auf die männliche Landwirtschaftssklaverei des Frühmittelalters ab dem 14. Jahrhundert zunehmend weiblicher Haussklaverei folgte.

Der politische und wirtschaftliche Sonderstatus der Stadt Venedig – zunächst als lateinische Siedlung unter byzantinischer Herrschaft, später als weitgehend autonome See- und Wirtschaftsmacht im Kontakt mit lateinischen, slawischen, byzantinischen und muslimischen Herren – ist zudem dazu angetan, weit verbreitere Klischeevorstellungen zu mittelalterlichen Formen von Sklaverei im multireligiösen Geflecht des Mittelmeerraums zu revidieren bzw. zu differenzieren.

Das vorliegende Habilitationsprojekt widmet sich dem Sonderfall der Versklavung von Christen durch Christen im Venedig des Spätmittelalters. Die Versklavung von heterodoxen und schismatischen Christen – überwiegend junge, unverheiratete Frauen aus dem russisch-orthodoxen, dem griechisch-byzantinischen und dem südosteuropäischen Raum – durch Lateiner war eine weit verbreitete Praxis jenseits normativer Diskurse über die Rechte und Freiheiten getaufter Menschen. Interessanterweise war gerade in Venedig, der Stadt, die sich angesichts der osmanischen Expansion gerne als „Schutzmacht der Christenheit“ inszenierte, der Anteil christlicher Sklav/innen besonders hoch.

Dieser Doppelbödigkeit von Diskurs und Praxis, von ideologischem Anspruch und sozioökonomischer Wirklichkeit soll in dem vorliegenden Forschungsprojekt nachgegangen werden. Die Ansätze der neueren Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie der Alltags- und Mikrogeschichte nutzend, ist dabei auf kleine und kleinste Einheiten zu fokussieren: auf Handelsverbände, Haushalts- und Familienstrukturen.