Zwischen Wohnung und Rückkehrzentrum: Eine Ethnographie zum Alltag geflüchteter Kinder und ihren Familien

Zwischen Wohnung und Rückkehrzentrum: Eine Ethnographie zum Alltag geflüchteter Kinder und ihren Familien

Kinder und Jugendliche machen gegenwärtig rund ein Drittel aller geflüchteten Menschen in der Schweiz aus. Obwohl ein Grossteil von ihnen in Begleitung von Familienmitgliedern ist, stehen be-gleitete geflüchtete Kinder – im Gegensatz zu unbegleiteten Minderjährigen – bislang kaum im Fokus der Forschung. Über ihren Alltag und ihre Lebenswirklichkeiten ist daher sehr wenig be-kannt. Vor diesem Hintergrund wird im vorliegenden ethnographischen Dissertationsprojekt unter-sucht, wie begleitet geflüchtete Kinder ihren Alltag sowie ihre hierbei relevanten sozialen Bezie-hungen gestalten. Im Sinne einer multi-sited ethnography werden geflüchtete Kinder und ihre Familien über eineinhalb Jahre hinweg auf ihren vom Asylsystem vorgespurten Wegen begleitet: von einer schliessenden Gemeinschaftsunterkunft in die nächste, bei sogenannt ‚hohen Bleibeper-spektiven‘ von der Gemeinschaftsunterkunft in die eigene Wohnung bzw. bei negativem Asylent-scheid in ein Rückkehrzentrum für abgewiesene Geflüchtete. Zur Kontextualisierung werden in diesem Rahmen jeweils auch ethnographische Gespräche und Interviews mit den Kindern sowie mit relevanten Personen aus ihrem Umfeld – etwa mit Familienmitgliedern, Freund*innen, Ange-stellten der Unterkunft, Lehrpersonen und freiwillig Engagierten – geführt.


Aus einer kindheits- und praxistheoretischen Perspektive liegt der Fokus auf dem Vollzug des All-täglichen durch die Kinder. Damit rücken ihre Interaktionen, aber auch die Konstellationen von Räumen, Zeiten und Artefakten und somit die Körperlichkeit und Materialität sozialer Praktiken in den Blick. Das Interesse richtet sich darüber hinaus auf die Frage nach der Beziehung zwischen Struktur und alltäglichem Handeln und damit auch nach den besonders wirkungsvollen, weil machterhaltenden, reproduktiven Praktiken in einem von Unsicherheiten sowie Macht- und Un-gleichheitsverhältnissen geprägten Feld. In diesem Kontext sollen auch die durch die Familien, Pro-fessionellen der Sozialen Arbeit, Lehrpersonen oder Freiwilligen vorstrukturierten Rahmenbedin-gungen sowie übergeordnete asylpolitische Regelungen mitgedacht werden und in den Blick ge-nommen werden, wie Kinder mit diesen umgehen. Dabei können nicht nur routinisierte, immer sehr ähnlich ablaufende Alltagspraktiken fokussiert werden, sondern auch misslingende, konflikt-hafte, ironisierende oder subversive Praktiken.


Das Dissertationsprojekt zielt darauf an, auf der Grundlage einer detaillierten empirischen Analyse Erkenntnisse über den Alltag und die – mitunter sehr verschiedenen – Lebenswirklichkeiten von begleiteten geflüchteten Kindern zu generieren und mehr darüber zu erfahren, welche Herausfor-derungen, aber auch Handlungsspielräume sich für Kinder und ihre Familien nach ihrer Ankunft in der Schweiz ergeben.