Ästhetik der Allegorie — Bemerkungen von Theoretikern

Karl Philipp Moritz (1756–1793), »Über die Allegorie«, in: Monats-Schrift der Akademie der Künste und mechan. Wissenschaften zu Berlin 1789. — Wieder abgedruckt in: Vorbegriffe zu einer Theorie der Ornamente, Berlin: Matzdorff 1793; S. 41–47.

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[Ausschnitt]

Sobald eine schöne Figur noch etwas außer sich selbst anzeigen und bedeuten soll, so nähert sie sich dadurch dem bloßen Symbol °, bei dem es, so wie bei den Buchstaben, womit wir schreiben, auf eigentliche Schönheit nicht vorzüglich ankömmt. —

Das Kunstwerk hat alsdann nicht mehr seinen Zweck blos in sich selbst, sondern schon mehr nach außen zu.

Das wahre Schöne besteht aber darin, daß eine Sache blos sich selbst bedeute, sich selbst bezeichne, sich selbst umfasse, ein in sich vollendetes Ganze sey. Ein Obelisk bedeutet — die Hieroglyphen daran bedeuten, etwas nach außen zu, das sie nicht selber sind, und erhalten blos durch diese Bedeutung ihren Werth, weil sie sonst an sich selber ein müßiges Spielwerk wären.

Soll nun ein schönes Kunstwerk b l o ß deswegen da seyn, damit es etwas außer sich andeute, so wird es ja dadurch selbst gleichsam zur N e b e n s a c h e — und bei dem Schönen kömmt es doch immer darauf an, daß es selbst die Hauptsache sey.

Die Allegorie muß also, wenn sie statt findet, immer nur untergeordnet und mehr zufällig seyn; sie macht niemals das Wesentliche oder den eigentlichen Werth eines schönen Kunstwerks aus. —

Wenn der borghesische Fechter z. B. auch außer sich selbst noch etwas bedeuten sollte, so würden wir doch bei der Betrachtung seiner innern Schönheiten, auf diese äußere Bedeutung wenig Rücksicht nehmen, weil er gar nichts weiter außer sich selbst zu bedeuten braucht um unsre ganze Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Wo die Allegorie statt findet, muß sie immer untergeordnet sie muß nie Hauptsache seyn — sie ist nur Zierrath — und b l o s allegorische Kunstwerke sollten eigentlich gar nicht statt finden, oder doch nie vorzüglich um der Allegorie willen für wahre Kunstwerke gelten.

°) Das Wort Symbol verwendet er (goethezeitlich) wie später Peirce: rein konventionelles Zeichen, vgl.

Bengt Algot Sørensen: Allegorie und Symbol. Texte zur Theorie des dichterischen Bildes im 18. und 19. Jahrhundert, Frankfurt/M.: Athenäum Verlag 1972.

Michael Titzmann, Allegorie und Symbol im Denksystem der Goethezeit. In: Walter Haug (Hg.), Formen und Funktionen der Allegorie, Stuttgart: Metzler 1979, S. 642–665.

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