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Kritik an der Allegorese

Allegorese

In jeder Schriftreligion, die sich auf altehrwürdige Texte beruft, ergibt sich folgendes Dilemma: Die im Textkorpus (in der Bibel) niedergelegten Texte stammen aus fernen Zeiten, während der Leser sich in einer Epoche befindet, die religionsgeschichtlich weitergeschritten ist, und in der andere lebenspraktische Erfordernisse anstehen. Anderseits hat der heilige Text einen bleibenden normativen ›An-Spruch‹. Es stellt sich immer neu die Aufgabe, das Überkommene behutsam zu aktualisieren. Dabei gilt:

(a) Der Leser will aus dem Text Aufschluss über seine Situation in der Welt, sein Sollen und seine Hoffnungen gewinnen. Er kann diese Auskunft erwarten, denn vom Text gilt als ausgemacht, dass jedes Wort zum Heil der Menschen gesagt ist. (b) Der Leser ist nicht bereit, am Text irgend etwas zu ändern, denn der Text gilt ihm – weil inspiriert – bis in den letzten Buchstaben hinein als sakrosankt.

Es gibt eine Möglichkeit, beide Randbedingungen zu erfüllen: Man nimmt an, der überlieferte Text sei eine Allegorie eines verborgenen Hintersinns. Dieses ›Allegorese‹ genannte Verfahren lässt einerseits den Wortlaut stehen, führt anderseits zu einem zweiten situationsadäquaten Text, von dem gilt, dass im ersten enthalten ist. Für die Christen besteht das Ziel der Auslegung immer in neutestamentlichen Aussagen oder Glaubenswahrheiten.

Das Verfahren funktioniert immer, bei jedem Text, das ist das Problem. Vgl. die Zufallsandachten. Imemr wieder haben sich Kritiker zu Wort gemeldet.

Einsichten der Kirchenväter und des Mittelalters

AUGUSTIN, ›de civitate Dei« XVI,ii,3: Non sane omnia quae gesta narrantur, aliquid etiam significare putanda sunt …

Nicht als ob alle erzählten Begebenheiten auch schon auf etwas hinzuweisen hätten, […]. Nur durch die Pflugschar wird die Erde aufgerissen; aber um diese Wirkung zu erzielen, sind doch auch die übrigen Teile des Pfluges notwendig; und nur die Saiten von Zithern und ähnlichen Tongeräten dienen zum Hervorbringen von Tönen; aber damit sie das leisten können, schließt das Gefüge der Tongeräte auch sonst noch Bestandteile in sich, die von den Spielern nicht angeschlagen werden; aber was auf Anschlag tönt, steht doch eben in innigem Zusammenhang mit den übrigen Bestandteilen. So wird auch in der prophetischen Geschichte manches erzählt, was keine allegorische Bedeutung hat, womit aber das, was solche Bedeutung hat, in Zusammenhang steht, sozusagen gemeinsam aufgereiht ist.

Einwand des jüdischen Dialogpartners in des GILBERT CRISPIN (ca. 1055–1117) »disputatio Judæi et Christiani«: Ubique vultis, allegorias et figuras posuistis … Non enim sensum vestrum Scripturae subditis, sed sensui vestro Scripturam subponitis.

ALANUS AB INSULIS († 1202): Die Autorität habe eine wächserne Nase, die in verschiedene Richtungen gezogen werden könne: Sed quia auctoritas cereum habet nasum, id est in diversum potest flecti sensum. (De fide cath. I, 30, MPL 2I0, 333 A)

NIKLAUS VON LYRA (ca. 1270–1340): Sciendum enim est, quod sensus litteralis est multum obumbratus propter modum exponendi, communiter traditum ab aliis: qui, licet multa bona dixerint, tamen parum tetigerunt litteralem sensum, et sensus mysticus intantum mulitiplicaverunt, quod sensus litteralis inter tot expositiones mysticas interceptus, partim suffocatur.

Literatur: Henri DE LUBAC, S.J., Exégèse médiévale. Les quatre sens de l’Ecriture. 4 Bände, Paris: Aubier 1959-1960; v.a. Band II/1, pp. 99–128 “Où est le ‘sens propre’?”

Humanismus

LUTHER, Tischreden, Weimarer Ausgabe Band 5, Nr. 5285: (anno 1540)

Doctor dixit: Ich kan nymmer arbeiten, auch nymmer reden. Weil ich jung war, da war ich gelertt, vnd sonderlich, ehe ich in die theologia kam, da gieng ich mit allegoriis, tropologiis, analogiis [bessere Lesart: anagogiis] vmb vnd machte lauter kunst; wens itzt einer hette, erhilts vor eitell heiltumb. Ich weiß, das ein lauter dreck ist, den nuhn hab ichs faren lassen, vnd diß mein letzte vnd beste kunst: Tradere scripturam simplici sensu, denn literalis sensus, der thuts, da ist leben, trost, krafft, lehr vnd kunst inen. Das ander ist narren werck, wie wol es hoch gleist.

François RABELAIS, »Gargantua und Pantagruel« (1. Buch Lyon 1532, 2. Buch Lyon 1534, 3. Buch Paris 1546) Übersetzung von Gottlob Regis 1832.

… Nach dessen Fürbild nun ziemet euch Klugheit, daß ihr fein riechen, wittern und schätzen mögt diese edeln Schrifften vom dicken Schmeer, die man zwar leichtlich pürschen mag, schwer aber treffen: dann mittelst fleißigen Lesens und steter Betrachtung das Bein erbrecht und den substantialischen Mark draus sauget, dieß nämlich was ich unter diesen Pythagorischen Symbolis verstanden hab, in gewisser Hoffnung daß euch solch Lesen witzigen und erleuchten wird. Denn ihr sollt wohl einen anderen Schmack und tiefverborgenere Lehr drinn finden, die euch höchstüberschwengliche Sacrament und schaudervolle Mysterien offenbaren wird, beydes was unsre Religion, als Welt- und Regentenstand, wie auch die Hauszucht angeht.
Glaubt ihr auch wohl, auf euern Eyd, daß Homerus, als er die Ilias und Odyssee schrieb, jemals an die Allegorien gedacht hab die aus ihm auskalfatert Plutarchus, Eustathius, Phurnuthus, Heraklides Ponticus und was aus ihnen Politian gestohlen hat? Wo ihr es glaubt, kommt ihr weder mit Händen noch Beinen zu meiner Meinung die besagt, daß dem Homero dergleichen so wenig im Traum erschienen als dem Ovid in seinem Metamorphosen die evangelischen Sacrament, wie sie ein Bruder Hans Laff und wahrer Speckschnäppel sich drinn zu erweisen gemartert hat, ob er vielleicht mehr Narren wie Er, und wie man spricht, Deckel auf seinen Topf fänd.
So ihr es aber nicht glaubt, ey was wehret euch mit dieser muntern und neuen Chronik nicht eben auch also zu thun? Wiewohl Ich, derweil ichs dictirt, so wenig drauf gedacht hab als ihr, die ihr wohl trinkt so gut als ich.

Johann FISCHART, »Geschichtklitterung« (Über- und Fortsetzung des ersten Buches von Rabelais »Gargantua«). Erstdruck: 1575; zwei jeweils erweiterte und veränderte Auflagen 1582 und 1590.

DUNKELMÄNNERBRIEFE

Zur Entstehung der Satire vgl. hier (PDF-Datei 1 Seite A4)

XXVIII. Bruder Konrad Dollenkopf an Magister Ortuin Gratius.
Schon weiß ich alle Fabeln des Ovid in den Metamorphosen auswendig und kann sie auf vielerlei Weise erklären, nämlich natürlich, wörtlich, geschichtlich und nach dem Geiste, was jene weltlichen Poeten nicht verstehen. Unlängst frug ich einen von ihnen: »Woher kommt der Name Mavors?« Da gab er mir eine Bedeutung an, welche nicht richtig war; ich habe ihn aber auch zurecht gewiesen und gesagt: »Mavors heißt er, weil er gewissermaßen die Männer verschlingt (mares vorat)«; da war er geschlagen. Hierauf frug ich: »Was wird allegorisch durch die neuen Musen bezeichnet?« Auch das wußte er nicht, und ich sagte ihm, die neuen Musen bezeichneten die sieben Chöre der Engel. Drittens frug ich: »Woher kommt der Name Merkurius?« Da er es aber nicht wußte, sagte ich ihm, Merkurius heiße so etwas, wie »Vorsorger für die Kaufleute (mercatorum curius)«, weil er der Gott der Kaufleute ist und Sorge für dieselben trägt. So sehet Ihr denn, daß jene Poeten jetzt in ihrer Kunst nur nach der buchstäblichen Bedeutung studieren und von Allegorien und geistigen Erklärungen keinen Begriff haben, weil sie fleischliche Menschen sind, und, wie der Apostel 1. Korinther im Zweiten schreibt: »Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geiste Gottes.«
Allein Ihr könnet fragen: »Woher habt Ihr jene sinnreiche Erklärungsweise?« Ich antwortete: Kürzlich habe ich mir ein Buch angeschafft, das ein gewisser Magister Angelikus aus unserem Orden, namens Thomas von Walleys, verfaßt hat [1509 gedruckt]; dieses Buch behandelt die Metamorphosen des Ovid und erklärt alle Fabeln allegorisch und der geistigen Bedeutung nach. Der Mann ist so tiefgelehrt in der Theologie, daß Ihr es gar nicht glaubet. Ganz gewiß hat ihm der heilige Geist diese so große Gelehrsamkeit eingegossen. Er verzeichnet nämlich darin vergleichende Stellen der heiligen Schrift mit den Dichterfabeln, wie Ihr aus dem abnehmen könnet, was ich jetzt anführen will.
Ueber den Drachen Phito, welchen Apollo erlegte, schreibt der Psalmist: »Jener Drache, den du gemacht hast, daß er darin scherze«; und wieder: »Auf Ottern und Basilisken wirst du gehen.« Über Saturn, der als alter Mann und Vater der Götter, welcher seine Kinder verschlingt, vorgestellt wird, steht bei Ezechiel geschrieben: »Die Väter werden ihre Kinder in dir fressen. « Diana bezeichnet die allerheiligste Jungfrau Maria, welche mit vielen Jungfrauen hier und dort wandelt, und daher steht von ihr im Psalter geschrieben: »Die Jungfrauen, die ihr nachgehen, führet man zu dir«; und an einer anderen Stelle: »Ziehe mich dir nach, so laufen wir, daß man deine Salbe rieche.« Ebenso heißt es von Jupiter, als er die jungfräuliche Calisto entjungfert hatte und zum Himmel zurückkehrte, bei Matthäus, Kap. 12: »Ich will wieder umkehren in mein Haus, daraus ich gegangen bin.« Gleichergestalt wird bei der Dienerin Aglauros, welche Merkurius in einen Stein verwandelte, auf jene Versteinerung Hiob 42 hingedeutet: »Ihr Herz ist so hart, wie ein Stein.« Und hinwiederum, als Jupiter sich an der Jungfrau Europa verlustigte, findet sich [hierüber] in der heiligen Schrift eine Stelle, die ich früher nicht kannte; er sagte nämlich zu ihr: »Höre, Tochter, schaue darauf und neige dein Ohr, denn der König hat Lust an deiner Schöne gehabt.« [usw.]

Übersetzung von Wilhelm Binder aus dem Jahr 1876 bei: http://gutenberg.spiegel.de/buch/dunkelm-4489/11

Vgl. die Satire von Johannes PAULI.

Epoche der Aufklärung

Friedrich Andreas Hallbauers Eloquentiae & Poeseos P. P. O. Anweisung Zur Verbesserten Teutschen Oratorie Nebst einer Vorrede von Den Mängeln Der Schul-Oratorie, (3. Auflage) Jena: J. B. Hartung 1736.

Faksimiledruck: Kronberg Ts.: Scriptor 1974.

http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/67658/1/cache.off

Seiten 328–331. (Danke, SLUB Dresden, dass die Seitenzahlen in der digitalen Edition oben rechts so einfach aufzurufen sind! Das ist ein feiner Service.)

Epoche der Romantik

Karl Philipp Moritz: Götterlehre oder mythologische Dichtungen der Alten. Berlin, 1791. > http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/moritz_goetterlehre_1791?p=23

Die Göttergeschichte der Alten durch allerlei Ausdeutungen zu bloßen Allegorien umbilden zu wollen, ist ein eben so thörichtes Unternehmen, als wenn man diese Dichtungen durch allerlei gezwungene Erklärungen in lauter wahre Geschichte zu verwandeln sucht.

Moritz wendet sich mithin gegen die Allegorese ebenso wie gegen die euhemeristische Auslegung, wie sie etwas Hederich betrieben hat.

Literatur:

Peter-André Alt, Begriffsbilder. Studien zur literarischen Allegorie zwischen Opitz und Schiller, Tübingen: Niemeyer 1995 (Studien zur deutschen Literatur 131).

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