Personifikation der Seele

Cesare Ripa vermag in seiner »Iconologia« alles zu personifizieren: Tugenden, Laster, Erdteile, Jahreszeiten, Temperamente – und natürlich auch die Anima.

Iconologia Overo Descrittione Di Diverse Imagini cavate dall'antichità, & di propria inuentione, Roma 1603. — Digitalisat: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ripa1603

Bild und Text aus: Erneuerte Iconologia oder Bilder-Sprach: Worinnen Allerhand anmuhtige Außbildungen von den fürnehmsten Tugenden Lastern menschlichen Begierden [...] Frankfurt a. Main, 1669 — Digitalisat: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ripa1669

Ein gar schön und anmuthiges Jungfräulein/ mit einem von dünnem und durchsichtigem Flor bedeckten Angesicht/ hat ein zartes und hellgläntzendes Kleid an/ auf dem Rücken aber ein paar Flügel/ und zu öberst auff ihrem Haupt einen Stern.

Obwohl die Seele/ wie von den Theologen gelehrt wird/ kein leibliches Wesen hat/ sondern ein Geist und unsterblich ist/ nichts desto weniger kan solche gar füglich dergestalt vorgebildet werden/ damit der Mensch/ so mit den leiblichen Sinnen und der Einbildung genau verbunden ist/ solche desto eher begreifen könne/ und sich nicht andere Gedancken in Sinn nehme/ wodurch etwan Gott/ oder die Engel/ ohnerachtet sie ein lauter geistliches Wesen sind/ pflegen vorgebildet zu werden.

Es wird aber die Seele als ein liebliches und holdseliges Jungfräulein vorgestellet/ weilen solche von dem Schöpffer aller Dinge/ der da aller Schön= und Vollkommenheit rechte Brunnquell und erster Ursprung/ nach seinem Ebenbilde erschaffen und gemachet ist.

Ihr Angesicht ist mit einem dünnen Flor bedecket/ dadurch anzudeuten/ daß/ wie Augustinus im Buch de definit. anim. oder Beschreibung der Seele sagt/ selbe ein unsichtbares Wesen seye/ welches menschliche Augen nicht ersehen können: Und wiewol sie des Leibes Forma substantialis, oder wesentliche Form ist/ so kan sie doch an dem Leib nicht klar und augenscheinlich erkandt werden/ sondern wird allein durch gewisse äusserliche Verrichtungen von den menschlichen Sinnen gefasset und begrieffen. Ihr hellgläntzendes Kleid ist ein zeichen ihres reinen und vollkommenen Wesens. Der Stern aber/ so über ihrem Haupt schwebet/ deutet auff ihre Unsterbligkeit: Massen dann auch die Egyptier die Unsterbligkeit der Seele durch einen Stern vorgebildet/ wie Pierius Valerianus im 44. Buch seiner Hieroglyphicor[um] davon Meldung thut. Die Flügel an den Schultern bemercken der Seele Hurtigkeit und geistliches Wesen/ wie dann auch die zwey fürnehmste Kräfften/ so sie hat/ als nemlich den Verstand und Willen.


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