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Mystisches Badliedli

Eine Kontrafaktur (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Kontrafaktur) auf ein weltliches Lied, das nicht erhalten ist.

Woluff, im geist gon Baden!
do hin hat uns geladen
Des Vaters güetikeit.
[…]
Der sun wil uns medieren [heilen]
Der heilge geist hofieren [bedienen], Min sel, nu biss gemeit [sei fröhlich]!

Der herbst vnd ouch der meye
hand hie krafft manigerleye
uß gottes gnodenrich.
Wer sich purgirt mit ruwen [wer das Abführmittel der Reue nimmt]
vnd hat in gott getruwen,
Wil er sin leben nuwen [erneuern]
der lebet ewiklich.

Min sel, do sott dich hüetten
Vnd dich in tugend güeten [strärken]
vnd bade nut ze heiss!
Daz wasser diner lüsten
mag dich gar bald entrüsten [reinigen]
Trag zwüschen dinen brüsten
göttlicher mynne sweis!

Gar edel sie din spise,
Subtil und dorzů lise [leicht bekömmlich],
wilt du ein bader sin.
Daz grobe diner sünden
Sol tugend überwinden.
Wer wil gesuntheit vinden,
Der volg der lere min!

Lüstlich solt du spaczieren,
mit fröid und jubilieren
jn grüner hymmels ow [Himmels-Au].
In gilgen [Lilien] vnd in rosen
solt du mitt gotte kosen
on alelr sünde mosen [Flecken der Sünde],
Daz er dich freuntlich schow.

Gar warm solt du dich halten
Vnd dich nit lon [lassen] erkalten
nach diser mynne bad [nach diesem Liebes-Bad].
Din baden bůle [Bade-Gespielin] sye
die allerschönst Marie.
Ein gott vnd nammen drye
mit andacht zů dir lad!

Ir fröwlin all gemeine,
diss baden liedli reine
wunsch ich üch alle stund:
Daz üch gotts gnad erwarme,
geb Jhesus an den arme [euch JHS in die Arme lege]
daz er sich schier erbarme
Vnd mach die sel gesunt.

Quelle: Pfullinger Liedersammlung; Stuttgart WLB, Cod. theol. et phil. 4° 190, fol. 175r/v (um 1478/80); Edition in: Gedichte 1300–1500 nach Hss. und Frühdrucken hg. von Eva und Hansjürgen Kiepe (Epochen der deutschen Lyrik, Band 2), dtv 4016, München 1972; S. 329–331.

Eine Variante hier aus F. Vetter, Lehrhafte Litteratur des 14. und 15. Jahrhunderts:

Attach:badliedli_vetter.pdf

(Weltliche!) Badeszene aus dem Hausbuch von Schloss Wolfegg (ca. 1480), pag. 19a:

Literatur:

Judith Theben, Die Mystische Lyrik Des 14. Und 15. Jahrhunderts: Untersuchungen - Texte - Repertorium, de Gruyter 2010 (Kulturtopographie Des Alemannischen Raums 2); S.517f.


Murner, Geistliche Badenfahrt

Ein andechtig geistliche Badenfart/ des hochgelerten Herren Thomas mürner/ …, Straßburg: Johannes Grüninger 1514.

http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00083105/image_5

https://books.google.ch/books?id=x7BRAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_s

Die Badeprozeduren eines Heilbades sind in der Abfolge vom Wasser am Brunnen schöpfen – wärmen – Kleider ausziehen – schröpfen – Haare scheren – usw. allegorisiert. Gott ist der Bader; der Badevorgang wird gedeutet als reinigende Buße. Mit Holzschnitten.

Page last modified on November 28, 2015, at 11:43 AM