Johannes PAULI, O.F.M. (nach 1450 – um 1520), »Schimpf und Ernst« (Erstdruck Straßburg: Johannes Grieninger 1522), hg. Hermann Oesterley, Bd. 1: Text (Bibliothek des litterarischen Vereins 85), Stuttgart 1866)

Von Schimpff das 58.

Nach der Geschrift Kappen zerlegen.

Uf ein Zeit ward ein Beichtvatter, ein Ordenßman von einem Edelman zů Gast geladen, er solt mit im essen. Da man nun zů Tisch gesaß und aß, da was er da und seine zwen Sün und seine zwo Döchteren, die sassen auch da. Da nun das Gebratens kam, da was ein Rebhůn oder ein gebratner Kappen, was es dan was. Der Edelman legt dem Ordenßman den Kappen uff seinen Deller, er solt in zerlegen. Der Ordenßman legt im den Kappen widerumb für und sprach: ›Ich kan nichtz damit; wer wolt mich leren Hüner zerlegen?‹ Der Edelman sprach, er müst in zerlegen, und legt im den Kappen widerumb uff den Deller. Der Münch sprach: ›Můß ich in zerlegen, so wil ich in nach der Geschrifft zerlegen.‹ Die Frau sprach: ›Ja, Her, das thůn, zerlegen in nach der Geschrifft!‹ Der Münch schneid dem Kappen den Kopff ab und legt in dem Edelman für. Darnach schneid er den Kragen ab, und legt in der Frawen für. Darnach schneid er dy Flügel ab und legt sie den zweien Döchtern, den zweien Junckfrawen für. Darnach schneid er die zwen Schenckel ab und legt sie den zweien Sünen für; und den gantzen Kappen aß er allein und gab niemans nichtz davon.

Da der Münch nun den Kappen also allein uff het gessen, da sprach der Edelman: ›Her Beichtvatter, wa stot das geschriben, das man die Kappen also zerlegen sol?‹ Der Münch sprach: ›Juncker, in meinem Haupt stodt es geschriben. Ir sein das Haupt in euwerem Hauß, darum hat euch billich das Haupt von dem Kappen zůgehört. Mein gnedige Frau ist die nechst nach euch und das nechst nach dem Kopff, und hat ir billich der Kragen zůgehört. Und den Junckfrawen gehören dy Flügel zů, die fliegen in iren Sinnen hin und her und haben Sorg, was sie für Man überkummen und wie sie versorgt werden; darumb haben inen von Recht die Flügel zůgehört. Und den zweien Sünen gehören die zwen Schenckel zů, darumb das uff inen das gantz Geschlecht stot, und die Schenckel tragen den gantzen Kappen; darumb gehören inen billich die Schenckel zů. Nun ist es ein ungestalt Ding umb ein Fogel, der weder Kopff noch Kragen oder Flügel noch Schenckel hat. Und ein Münch in einer Kutten hat den Schnabel an dem Rucken, darumb so hat der Kap mir zůgehört.‹


Hans SACHS, Der Mönch mit dem Kapaun.
(4. August 1558)

Ein Edelmann im Baierland,
Von gutem Stamm, doch ungenannt,
Hatt' einen Mönch zu seinen Fladen
Am heil'gen Ostertag geladen.
Derselbe sein Beichtvater wâs.
Selbsiebend er zu Tische saß;
Der Edelmann saß obenan,
Zur Seite saß sein Weib ihm dann
Und neben ihr zwei junge Söhn'
Und dann zwei junge Töchter schön.
Der Mönch macht' voll die Siebenzahl
Und saß beim Ritter bei dem Mahl
Und auch das Benedicite sprach.
Da setzt' man auf den Tisch darnach
Den geweihten Fladen mit den Eiern,
Wie das ist Brauch im Lande Baiern.
Von dem Geweihten aß jedermann.
Dann bracht' man einen Kalbskopf an
Auf einer Platt' mit viel Kalbsfüßen,
Daß sie den Hunger thäten büßen.
Als man das von dem Tisch wegnahm,
Die gelbe Ostersuppe kam.
Nach dieser trug man auf den Tisch
Eine Platt' mit heißgesottnem Fisch.
Da fing der Mönch zu essen an,
Daß Schweiß ihm übers Antlitz rann.
Es ward nach allem dem zuletzt
Ein Kapaun gebraten aufgesetzt.
Den thät der Edelmann hoch preisen
Und legt', um Ehr' ihm zu erweisen,
Dem Mönch den feinen Braten für,
Daß er ihn sollte nach Gebühr
Gar höflich und artig zerlegen.
Der Mönch gab Antwort ihm dargegen:
»Junker, ich kann auf meinen Eid
Nicht viel Gepräng' und Höflichkeit.
Soll ich zerlegen diese Speise,
So thu' ich's nach der alten Weise,
Wie man es that in alten Tagen.«
Die Edelfrau thät darzu sagen:
»Ja, Herr, zerlegt ihn ungestört,
Wie es die Alten euch gelehrt.«
Das Messer nahm der geschorne Tropf,
Schnitt dem Kapaune ab den Kopf
Und legt' den vor dem Edelmann;
Nach dem er sich nicht lang' besann,
Den Kragen dem Kapaun abschnitt,
Beehrt' die Edelfrau darmit.
Dann thät er ab die Füße schneiden
Und gab sie hin den Söhnen beiden.
Nach dem schnitt er die Flügel ab
Und jeder Tochter einen gab
Und legte ihn ihr höflich für.
Den Kapaun behielt er vor seiner Thür',
Der feist und ganz fürtrefflich war,
Und fraß in seinen Hals ihn gar
Und keinem etwas darvon gab
Und nagt' das Bein sein sauber ab.
Sie sahn das Mönchlein alle an.
Zuletzt sprach doch der Edelmann:
»Mein Herr, auf welcher hohen Schule,
Auf welcher alten Meister Stuhle
Ward das Zerlegen euch gelehrt?«
Der Münnich sprach: »Ich hab' verehrt
Euch, werther Junker (mir das glaubt!),
Den Kopf, weil ihr doch seid das Haupt
Und aller Weisheit thut regieren,
Die Unterthanen zu ordiniren,
Auch mannhaft seid in Krieg und Streiten,
Wenn ihr zu Fürstendienst thut reiten.
Den Kragen legt' ich vor die Frauen,
Die nach euch hat das meiste Vertrauen.
Die muß am Abend und am Morgen
Die Küche und das Haus versorgen,
Muß lassen Vorrath stets eintragen,
Was man muß haben in dem Kragen.
Ein jeder eurer Söhn' bekam
Einen Fuß, weil euer Geschlecht und Stamm,
Eur Schild und Helm und Wappen gut
Auf ihnen stehet und beruht.
Nach dem schnitt ich die Flügel ab,
Die ich alsbald verehret hab'
Den Töchtern, daß ich gebe kund,
Daß sie zur Liebe flügg' und rund,
Wo sie geschmückt mit Reverenzen
Sind bei der Edelleute Tänzen,
Wo mit freundlichem Augenblicken
Die Lieb' mit Lieb' sich thut erquicken.
Von dem Kapaun ist mir, ihr Lieben,
Nur der verstümmelte Rumpf geblieben.
Ich nahm mich seiner an als Armen
Und aß ihn selber aus Erbarmen,
Weil ich auch also hilflos bin
Und flieg' im Lande her und hin,
Bin ein Vogel und flügg' doch nicht,
Der Schnabel mir am Rücken liegt,
Ich bin geschoren wie ein Narr,
Die Kutt' hat Eselfarbe gar,
Bin wie ein Dieb gegürtet worden,
Seitdem ich bin im Barfüßerorden,
Und gehe barfuß wie die Gans.
Ist das nicht wahr, mein Junker Hans?«
Der Edelmann des Mönches lacht',
Daß er so schlau es ausgedacht
Und sich verschafft das beste Stück,
Den Braten schnitt mit solcher Tück'
Und ihn allein schlang in den Hals. –
Er lud ihn nimmermehr nochmals.

Der Beschluß.

Aus diesem Schwank die Lehre nehmt:
Ist wo ein Gast so unverschämt
Vor der Herrschaft und andern Gästen,
Daß er bei Tisch greift nach dem Besten
Und sich der Schleckerbißlein fleißt,
Dafür nur lahme Zoten reißt,
Dem höret man wol zu und lacht,
Doch wird von jedem still gedacht:
O Pfui! du unverschämte Sau!
Auch denkt im Hause Herr und Frau:
Der ist mit Unflath arg besessen,
Kann nichts als Saufen, nichts als Fressen,
Als woll' es ihm entwischen immer;
Und läd't die Sau fortan dann nimmer.
Der Gäst' gibt's viel jenseits des Bachs
Und diesseits auch, so spricht Hans Sachs.


Quelle: Balthasar Schnurrn vollständiges, und schon aller Orten bekandtes Kunst- Hauß- und Wunder-Buch/ darinnen nicht allein allerhand zur Haußhaltung nütz- und dienliche Sachen/ sondern auch andere rare und approbirte Wunder- und Kunst-Stücke begriffen.[…] Franckfurt am Mayn/ in Verlegung Johann Peter Zubrodt und Johann Haaß. Im Jahr 1676.

Vgl. das Tranchierbuch in: [Georg Grefflinger] Ethica Complementoria Das ist: Complementir-Büchlein/ In welchem enthalten/ eine richtige Art/ wie man so wol mit hohen als nidrigen Standes-Personen: bey Gesellschafften und Frauen-Zimmer Hofzierlich reden und umgehen solle, Amsterdam 1673. – http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN61591750X

Gründliche und Deutliche Anweisung zum Trenchiren : Anleitende, Wie ein Trenchicant nicht allein sich vor der Tafel stellen, sondern auch die Gelencke an sich selbst zierlich treffen, und in Vorlegung der Speisen verhalten soll / Allen andern dieser Wissenschafft Liebhabern zum Besten in öffentlichen Druck vorgestellet von J. C. M., Jena 1683. – http://www.slub-dresden.de/sammlungen/digitale-sammlungen/werkansicht/cache.off?tx_dlf[id]=8617

Weitere Hinweise: Artikel im Grimmschen WB, vgl. auch unter trenchiren u.dgl.

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