Barlaam und Josaphat

Der Stoff kommt aus Indien, wird in komplizierter Filiation über mehrere Zwischenstufen im Abendland bekannt und umgeformt. Für das MA ist wichtig, dass er bei Vinzenz von Beauvais († 1224) und in der Legenda Aurea (um 1260) erzählt wird, beides starke Multiplikatoren.

Zur Situierung der Allegorie vom Einhorn und dem Mann am Abgrund (Mot. J 861.1) muss man nur wenig Kontext kennen: Dem König Abenner aus Indien, der voll Grausamkeit das Christentum verfolgt, wird ein Sohn namens Joasaph [Josaphat] geboren. Ein Astrologe verkündet, dass J. dereinst ein grosser König, aber sich zum Chrstentum bekehren werde. Der König lässt daraufhin seinen Sohn in einem abgelegenen Palast erziehen, um ihm von allem Leid der Welt fernzuhalten. – der christliche Einsiedler Barlaam [‘der Erhabene’] verschafft sich, verkleidet als mit Edelsteinen handelnder Kaufmann, Zutritt zum Hof und wird Lehrer des Josaphat. Er erzählt eine Reihe von Parabeln.


Hugo von Trimberg († nach 1313),

H.v.T.»Der Renner«, hg. Gustav Ehrismann, (Bibliothek des literar. Vereins Stuttgart, Bde. 247/248/252/256), 1908-1911. Vers 23'531 – 23'591

Daz nu diu werlt sî tôren vol,
Daz hât hie vor bewêrt uns wol
Ein buoch heizet Barlaam Josaphat,
In dem diz mêre geschriben stât,
Von einem einhorne.
Daz ein einhorn einen man
Jagte, als ich gelesen hân:
Der lief als in dô twanc diu nôt,
Wenne er forhte den grimmen tôt
Von dem tiere enpfâhen.
Vil balde begonde er gâhen,
Daz er im entrünne
Und fride vor im gewünne.
Sus lief er an eins velses steige,
Der hete vür sich ein tiefe neige
Rehte als ein mûre abe ze tal.
Dô der arme in engsten qual,
Dô sach er under im einen sê,
In dem tûsent oder mê
Tracken und würme swummen.
In swefel, in beche si grummen
Ein ander und ginten ûf gein dem man:
Ich wên nieman gesagen kan,
In welhen engsten er dô wêr.
Er stuont und sach hin und her
Und sach ein böumelîn an dem velse
Under im, daz begonde er helse
Und hienc an im: dô sach er toben
Die würme under im, den einhorn oben.
Under des dô diz geschach,
Zwuo miuse er under im sach,
Diu eine was swarz, diu ander wîz:
Die leiten dar an iren flîz,
Wie si des böumelîns wurzeln gar
Schier ab genüegen. Nu wart gewar
Der arme in allen sînen nœten,
Den man drîn enden wolte tœten,
Daz ein honicseimelîn
Hienc neben im an einem zwîgelîn:
Daz leckete er in den nœten doch.
Seht, alsô tuon wir alle noch!
Der einhorn bezeichent den tôt,
Der uns alle bringet in nôt:
Der jaget uns ûf der helle sê;
Sô habe wir uns, müge wir niht mê,
An unsers lebens böumelîn;
Sô mügen wol die zwuo miuse sîn
Tac und naht, die unser leben
Abe nagent; und sehe wir kleben
Eins armen gelustes hongelîn;.
Neben uns, sô lâze wir alle die pin
Varn, diu uns künftic ist
Und lecken ze einer kurzen frist
Daz honic und wizzen doch niht alle,
Wenne der boum beginnet valle.
Ein valscher trôst hât uns vergeben:
Wir hoffen alle lange leben
Und lecken dirre werlde honic,
Swie vinster doch und ouch wie ronic
Der werlde walt si, durch den wir
Gên alle tage. Geloubet mir:
Swer ze der werlde sich dunket wîse,
Daz der die hôhen wîsheit prîse,
Die die heiligen wîlent hêten
An worten, an werken, an süezen rêten,
Des enwil ich niht gelouben.


Gesta Romanorum

hg. Hermann Oesterley, Berlin 1872, Cap. 168.

De eterna dampnatione.

Barlaam narrat, quod peccator similis est homini, qui, cum timet unicornium, recedit in baratrum; durn autem caderet, manibus arbustulam quandam apprehendit, que de profundo ascendebat, et aspiciens inferius, vidit ad pedem arboris puteum teterrimum et draconem horribilem arborem cingentem et ejus casum ore aperto expectantem; duobus autem muribus, quarum una erat alba, alia nigra, arborem incessanter corrodentibus in radice, sensit eam vacillare; quatuor quoque vipre albe a [basi] qua pedem fixerat procedentes totam foveam flatu suo mortifero intoxicabant. Elevans oculos vidit exitum mellis de ramis arboris stillantis, oblitusque periculi, in quo undique positus erat, illi dulcedini se totum dedit. Quodam autem amico ejus porrigente sibi scalam, ut egrederetur, melle delectatus distulit, et cadente arbore cecidit in os draconem, qui descendens in puteum ibi eum devoravit, et sic misera morte heu mortuus est.

Moralizacio. Carissimi, homo iste est peccator; unicornis est mors, qui hominem semper sequitur; baratrum est mundus iste; arbor est vita, que per horam diei et noctis quasi per murem album et nigrum incessanter consumitur; basis, ex qua procedunt vipre, est corpus humanum habens quatuor qualitates humorum, quibus inordinate compositis corporis compago dissolvitur; draco est diabolus; puteus infernus; dulcedo ramusculi delectacio peccati, per quam homo seducitur, ut periculum non intueatur; amicus est Christus aut predicator; scala est penitentia, cui cum homo differt acquiescere, subito vita deficiente in os diaboli cadit, qui eum in infernum devorat et rapit.

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Barlaam erzählt, dass der Sünder einem Menschen gleiche, der – als er vor einem Einhorn floh – in einen Abgrund stürzte. Bei seinem Fall packte er mit den Händen einen kleinen Baum, der aus der Tiefe emporragte; und als er hinunterschaute, erblickte er am Fuße des Baumes einen scheusslichen Pfuhl und einen schrecklichen Drachen, der den Baum umschlängelte und mit offenem Rachen auf sein Herabfallen lauerte. Zwei Mäuse, eine weisse und eine schwarze, benagten den Baum unaufhörlich an der Wurzel, und er fühlte ihn schwanken. Vier weisse Schlangen, die aus dem Vorsprung, auf den er seinen Fuß fest eingestemmt hatte, hervorkamen, verpesteten die ganze Grube mit ihrem tödlichen Atem. Da hob er die Augen auf und erblickte einen Honigquell, der von den Ästen des Baumes herabtröpfelte, und er vergaß die Gefahr, die ihn von allen Seiten umgab, und überließ sich dem süßen Genuss. Als ihm aber ein Freund eine Leiter hinhielt, um ihm herauszuhelfen, hieß er ihn warten, von der Honigsüße berauscht, und stürzte, als der Baum fiel, in den Schlund des Drachen, der in den Pfuhl hinabkroch und ihn verschlang. So starb er eines jämmerlichen Todes.

Moralisation. Meine Lieben, dieser Mensch bedeutet den Sünder; das Einhorn ist der Tod, der den Menschen ständig verfolgt; der Abgrund ist die Welt; der Baum ist das Leben, das durch Tag und Nacht wie durch die weisse und die schwarze Maus unaufhörlich verzehrt wird; der Vorsprung, aus dem die Schlangen hervorkommen, ist der menschliche Leib mit seinen vier Säften, die – wenn sie nicht in der rechten Zusammensetzung sind – den ganzen Körper zersetzen; der Drache ist der Teufel; der Schlund die Hölle; die Süßigkeit des Zweiges ist das Ergötzen an der Sünde, durch die der Mensch verführt wird; der Freund ist Christus oder der Prediger; die Leiter ist die Buße – wenn der Mensch es aufschiebt, ihr beizupflichten, sofort das Leben verliert und in den Rachen des Teufels stürzt, der ihn in die Hölle verschlingt und verschleppt.

Hier könnte der Text auch als Exempel verstanden werden: Es gibt eine Handlungs-Alternative: die Leiter des Freundes ergreifen. Dann wre die ganze allegorische Auslegung überflüssig.


Bild aus einer Inkunabel

Hie vahet an eyn gar loblich vnnd heylsam allen christglaubigen cronica. Sagend von eynem heyligen kunig mit namen Josaphat [Augsburg] [ca. 1476]

Quelle: http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0002/bsb00025330/images/index.html?seite=48&fip=193.174.98.30


Chinese Village Evangelism Poster

http://www2.wheaton.edu/bgc/archives/docs/chinaposters02.htm


Literatur

Irmgard Lackner, Artikel “Barlaam und Josaphat” in: Enzyklopädie des Märchens, I, 1243–1252.

Liselotte Wehrhahn-Stauch, Artikel »Einhorn«, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Band 4 (1958), Spalten 1504–1544. > http://www.rdklabor.de/wiki/Einhorn

Jürgen Werinhard Einhorn, Spiritalis Unicornis. Das Einhorn als Bedeutungsträger in Literatur und Kunst des Mittelalters. München 1976 (Münstersche Mittelalter-Schriften 13).

Lise Gotfredsen, The Unicorn, New York / London / Paris: Abbeville Press 1999.

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