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Zugänge zur Analyse von Allegorien

Ein solches Frageraster dient dazu, auf Ideen zu kommen, um Texte bzw. Bilder zu analysieren. Es leitet an, Allegorien zu beschreiben. Es ist keine Theorie des Allegorischen. Ich (Paul Michel) stehe dazu, dass ich hier meine Auffassungen niedergeschreiben habe.

Übersicht:

Dingallegorie – Personifikationsallegorie – Allegorese

Allegorie-Auslöser

Beschaffenheit des Signifiant

Präsentationsformen

Brücken-Elemente

Wissen über das Signifié

Funktionen der Allegorie

Ästhetik der Allegorie

Geschichte

Ebenen der Betrachtung

Anhang: Exempla


Quintilian, Institutio Oratoria VIII, vi, 44: Allegoria, quam inversionem interpretantur, aut aliud verbis, aliud sensu ostendit, aut etiam interim contrarium. > http://www.thelatinlibrary.com/quintilian/quintilian.institutio8.shtml#6

Isidor, Etymologiae I,xxxvii, 22: Allegoria est alieniloquium. Aliud enim sonat, et aliud intellegitur. > http://www.hs-augsburg.de/~harsch/Chronologia/Lspost07/Isidorus/isi_et01.html#c37

Beda Venerabilis, De schematibus et tropis sacrae Scripturae 2,12 (PL 90, 184): Allegoria est tropus quo aliud significatur quam dicitur.


(1) Die Vielfalt des Phänomens und einige Grundmuster

Um einen Text oder ein Bild zu analysieren, lohnt es sich nicht, sich den Kopf zu zerbrechen, was beispielsweise Goethe oder Walter Benjamin über die Allegorie gesagt haben. Freilich, man kann sich dort anregen lassen, welche Beschreibungskategorien sie herausdestilliert haben, aber ganze Theoriekomplexe würde ich (PM) nicht übernehmen. Oft sagen die Theorien mehr aus über die Leute, die sie aufgestellt haben, als über die Phänomene, die sie zu erklären vorgeben. Die Terminologie vergisst man am besten, sondern liest genau die Quellen.

Es gibt eine bunte Fülle von allegorischen Gestalten. Sie unterscheiden sich hinsichtlich der Struktur des Bild-Teils, hinsichtlich der semiotischen Bezüge zwischen Bild- und Sach-Teil, hinsichtlich ihrer Funktion u.a.m. Es ist klug, sich diesen unterscheidenden Merkmalen akribisch zu widmen, dann gewinnt man Gesichtpunkte, mit denen man bislang unbekannte Texte/Bilder beschreiben kann. — Eine Allegorie zur Erklärung: Es ist wie mit den Dialektgeographie. Es gibt kein "Schweizerdeutsch", sondern nur regionale Mundarten: Stadt Basel, Lötschental (Wallis), Trasadingen usw. Die Forschung unterscheidet sie nach linguistschen Gesichtspunkten: Dehnung des mhd. kurzen Vokals in offener Silbe; dreiförmiger Verbalplural; Monophthongierung des mhd. ei zu lang a usw. Mit solchen Kriterien lässt sich dann auch der Dialekt von Altstätten im Rheintal beschreiben.

Immerhin: Allen Allegorien ist gemeinsam, dass sie (A) eine Reihe (bzw. eine Serie, ein Konglomerat, eine Struktur usw.) von (B) auf einander bezogenen Pendants bilden, die (C) zwei verschiedenen Weltbereichen angehören; einem konkreten Weltausschnitt und einer abstrakten Sphäre.

Um uns zu verständigen, brauchen wir ganz wenige Arbeitsbegriffe, die wir aber nicht gleich mit Assoziationen vollstopfen (»Aber so kann man doch nicht reden: das Bild ist doch die gemeinte Sache!« oder »Damit wird ja bereits eine ganze Semiotik-Theorie impliziert, die ich aber keineswegs teile!«):

Bildteil, Modell, signifiant, designans ----- Sachteil, Explanandum, signifié, designatum.
Das was zwischen diesen beiden Größen vermittelt: ›Brücken-Elemente‹ (früher oft als ›tertium comparationis‹ bezeichnet: das dritte, worin die Pendants übereinstimmen)

Zwei Grundgestalten sind – obwohl das viele Handbücher nicht tun – aufgrund ihrere Genese deutlich zu unterscheiden: Ding-Allegorie und Personifikations-Allegorie. Die beiden sind oft ineinander gearbeitet: z.B. in der »Psychomachie« des Prudentius.

Ferner ist zu unterscheiden, wenn auch im aktuellen Fall kaum trennbar: der expressive und der interpretative Aspekt des Allegorischen.

Dies stellen wir zunächst vor, um uns im folgenden darauf beziehen zu können.

Beim Lesen merke man sich gleich einige Tricks und Kniffe:

immer nützlich ist die ›genealogische‹ Frage nach dem Keim der ganzen Gestalt: zentrale Metapher, idiomatische Redewendung?
immer nützlich ist das Anlegen einer Tabelle (eines ›grid‹), auch und vor allem, wo man sie nicht ausfüllen kann.

Ding-Allegorie

Die Welt der signfiés besteht aus: einer Kreatur , einem geographischen Element, einem Artefakt, einem Arbeitsprozes, einer menschlichen Handlung u.ä.

Man versucht die Textelemente tabellarisch anzuordnen. Beispiel: Eine launige Tischrede beim 10jährigen Jubiläum des Laienorchesters »Caecilia Oberstrass«. Auf dem Tisch steht ein bunter Strauss. Der Redner allegorisiert ihn:

Elemente der signifiant-Welt; (›res‹)›Brücken-Elemente‹; ferner TextsignaleZwischergebnisse, als *Metapher* stehenbleibendPendants in der siginifié-Welt
Blumenstrauss, enthaltend …  unser Orchester
Rosen"das bedeutet" Frau N.N.
Veilchenlässt gerne den Kopf hängen Frau X.Y.
Lianeanschmiegsam Herr U.V.
Vergissmeinnicht  Ø [wer ist wohl gemeint?]
Distelstacheligbleibt immer etwas *stachelig*der Kassier
5 goldene Bänder…Fünfzahl der 5 Notenlinien die Musik
… halten den Strauss zusammen"zusammenhalten" passt in beiden Welten hält die Orchestermitglieder zusammen

Es brauchen nicht alle Elemente im Text realisiert zu sein = alle Kästchen ausgefüllt zu werden. Was man als Interpret ergänzen kann, setzt man in […]. Ø bezeichnet Leerstellen.

Personifikationsallegorie

Man überlege sich die Genese -- wofern nicht die Personifikation analog zu antiken Göttern einfach gesetzt wurde (z.B. Pax oder Natura gleich behandelt wie Minverva)

[a] Verbmetaphern prata rident. – ich bin der minne undertân. Das Verb verlangt ›eigentlich‹ ein menschliches Subjekt; Kontexteinfärbung. Das Subjekt bekommt etwas Menschliches.
Die grammatikalische Subjekt-Prädikat-Struktur wird gern als Täter-Handlung-Aussage aufgefasst (Hypostasierung). Wittgenstein: »Man könnte auch von einer Tätigkeit der Butter sprechen, wenn sie im Preise steigt.« (Ph.U. § 693)

[b] Ausbau: statt *der Streit erhebt sich erneut: Er fürchtet sich bei jedem Wort, es möchte aus dem Abgrunde der Streit wieder sein struppicht Haupt erheben. (Gotthelf)

[c] besonders für Personifikation anfällige Gebiete: Strebungen, Gefühle (Hass, Angst, Neid), natürliche Bedürfnisse (Hunger, Schlaf), unserere Willkür entzogene Mächte (Sünde, Tod, Gnade): die Wut hat mich gepackt, die Sünde fesselt mich, das Gewissen plagt mich.

[d] weiterer Ausbau: das vorerst blasse ›abstractum agens‹ will motiviert werden:

[d1] Attribute werden dem Subjekt zugeordnet, z.B. die Avaritia ist mager und blass, ärmlich gekleidet, in der Hand hält sie einen zugeknöpten Geldbeutel. Der Geiz wird umgeben mit Attributen des Geizigen.
[d2] Bildlichkeiten verstärken die Attribute:

  • Metonymie: die Zeit hält eine Uhr (das Instrument steht für das damit Gemessene)
  • Metapher: der Tod hält eine Sense in der Hand (beruht auf einem Gleichnis: Es liegen die Menschen wie Halmbüschel hinter dem Schnitter Jer 9,21)

[d3] Statt menschlichen Figuren sind Tiere die Träger der Personifikation, z.B. Die Violentia wird durch einen Bären ›ursifiziert‹

[e] weiterer Ausbau zum Mikro-Drama: Die Personifikationen handeln: Kämpfe zwischen Tugenden und Lastern (Psychomachie)

interpretative vs. expressive Allegorie

Die Technik der allegorischen Inbezugsetzung kann verwendet werden, um – einfach ausgedrückt – einen abstakten Sachverhalt ›einzukleiden‹ oder umgekehrt, um aus einer realistischen Beschreibung etwas Geistiges herauszuinterpretieren (das nennt man in der germanistischen Mediaevistik mit einem Kunstwort oft »Allegorese« [< allegorische Exegese]).
Welt der Apotheke<< expressive Anwendung: Allegorie
interpretative Anwendung: Allegorese >>
religiöse Welt
Apotheker Christus
Kunde Sündiger
Medizin Sakrament der Buße
schmeckt bitter tut weh
usw. usw.

Bild aus: Gallica BnF Fr. 1537

(2) Allegorie-Auslöser

Im Gegensatz zur Metapher, die quer steht zum Kontext des Satzes und so nach einer Deutung schreit, sind Allegorien oft in sich irgendwie verständlich: es wird eine Reise erzählt oder eine Mühle gezeichnet. — Welcher Anlass zwingt den Leser/Betrachter, einen Text / ein Bild als Allegorie zu deuten?

  • Der Text / das Bild enthalten eine explizite Deutung oder wenigstens eine Weckformel (»wer Ohren hat zu hören, der höre!«)
  • die Darstellung enthält Einsprengsel von habitualisierten Metaphern, die bei der Interpretation in den Kontext ausgreifen können
  • Tituli (Schriftbänder) deuten einzelnen Personen, Elemente im Bild
  • die Darstellung ist von einer sonderbaren Extravaganz, sie enthält Inkompatibilitäten
  • Der Text / das Bild ergäbe wenn er/es ungedeutet stehenbliebe, keine Pointe; er/es bleibt irgendwie witzlos
  • Der Interpret weiss, dass der Text / das Bild etwas anderes bedeuten muss (das Alte Testament spricht immer auch von Christus oder der Ecclesia; der manifeste Trauminhalt spricht immer vom Oedipus-Komplex o.ä.).

Der Anstoß zu einer Deutung kann sehr dezent sein. Beispiel: Goethes Sonett »Mächtiges Überraschen«Boreas ist eine (weibliche) Bergnymphe; dass der Fluss neues Leben gewinnt, tönt seltsam: eher wird man auf die Spur vita nuova gelenkt – ...

(3) Beschaffenheit des Siginifiant (Bildteil, Modell, Desigans)

Die Gestalten des Bildteils bei der Dingallegorie sind verschieden: Erscheinungen aus der Natur (Lauf der Planeten), Lebewesen (Pflanzen, Tier, der Organismus des Menschen), mythologische Gestalten und ihre Teaten (Odysseus am Mastbaum), Artefakte (Haus, Kompass), Arbeitsprozesse (mahlen von Getreide, schleifen eines Spiegels, die Arbeiten des Weingärtners im Laufe des Jahres), andere menschliche Tätigkeiten (Spiele, Reise, Krieg), usw. Grundsätzlich gilt: Es gibt nichts in der Welt, was nicht allegorisierbar ist. (Man mache den Text an Mobiliar in der Wohnung oder in einem Kochbuch).

Es gibt aber auch Allegorien, die nicht einen natürlichen Gegenstand darstellen, sondern – meist vom Designat her aufgezäumt – ein Sammelsurium von Teilen, z.B. kann man den Wagen der Sünde von 7 Tieren ziehen lassen oder ein Kompositwesen aus 7 Tierbestandteilen zusammenfügen.

Damit eine Allegorie im vollen Sinne zustandekommt, müssen die Einzlelemente auf der Signifiant-Ebene eine zusammenhängende erkennbare Struktur ergeben (Lebewesen, Artefakt usw., s. oben). Ein loser Haufen von disjecti membra ist rhetorisch weniger glaubwürdig. Vgl. untersummative Gestalten.

Geschichten mit in dilemmatischen Situationen aus moralischen Motiven handelnden Figuren oder einer echten Intrige – z.B. Exempla, Fabeln – taugen schlecht als Allegorie, denn sie enthalten bereits eine leicht herausdestillierbare Handlungsanweisung. Der Ausleger muss ihnen zuerst das Rückgrat brechen, um ihnen einen zusätzlichen allegorischen Sinn abzunötigen. (Der Löwe bedeutet XY, das Lamm bedeutet UV; vgl. Überinterpretation; die Leiter des Freunds).

Erst wenn man den zeitgenössischen Kenntnisstand über das als Modell dienende Ding rekonstruiert, kann man sagen, welche Elemente der Text bzw. das Bild nutzt oder unterstellt, wie sie zusammenhängen, was ggf. nicht-explizit über die Pendants in der signifiant-Welt ausgesagt wird. Dazu gehören auch Kenntnisse der Mythologie und der Geschichte.

(4) Präsentationformen

  • Die Quellentexte und Bilder leisten es sich, gewisse Pendants nicht explizit zu nennen, d.h. uns Rätsel aufzugeben, oder Nonvaleurs anzubieten (es kommen Elemente vor, die überhaupt kein Pendant haben);
  • Manchmal bedeuten zwei Signifiants ein einziges Signifié (Synonymie); oder ein Signifiant hat zwei Signifiés (Homonymie);
  • Die Brücken-Elemente muss man oft als Interpret ergänzen. Dazu braucht es historische Sachkenntnise sowohl der Bild- als auch der Sachwelt.
  • Bei Dingallegorien gibt es die Anordnung: zuerst alle Elemente der Bildwelt – dann alle entsprechenden Elemente der Sachwelt (oder eben keines, dann bleibt das Rätsel). Oder die Anordnung: Element A der Bildwelt analog Element A' der Sachwelt – dann Element B der Bildwelt analog Element B' der Sachwelt (man nennt das »allegoria apertis permixta«).
  • Einige Elemente der Bildwelt kommen einfach deshalb vor, weil das Dinge oder die Figur so dargestellt werden müssen: wenn man als Bildelement einen Kopf braucht, dann muss er mit Augen, Ohren, Mund und Nase usw. abgebildet sein, auch wenn für das Funktionieren nur die Augen bedeutsam sind (›non-valeurs‹).
  • Es ist immer auch damit zu rechnen, dass in Makro-Allegorien Mikro-Allegorien eingebaut sind, dass sich zwei Bildbereiche verschränken, dass mehrere Bildfelder sich überlagern und dabei Schnittmengen bilden.

(5) ›Brücken-Elemente‹

Wie werden die Bezüge zwischen den Pendants begründet? Man muss – wenn die Deutung nicht ganz nicht explizit ist, die Eigenschaften des Signifiant aus Enzyklopädien u.a. zeitgenössischen Quellen eruieren.

Nützlich ist immer eine Bibelkonkordanz. Denn in der heiligen Schrift stehen oft die Metaphern, aus denen ganze Bildkomplexe entwickelt sind, z.B. Jer 9,20: Der Tod ist durchs Fenster gestiegen, ist eingedrungen in unserer Paläste. Wozu ein Exeget notiert: tropologice: per fenestras id est per sensus et oculos ad animae interitum mors peccatorum intrat.

Es gibt ganz verschiedene Brücken-Elemente:

  • Etymologie (Der Löwe bedeutete den Papst, weil beide Leo heissen; ein Seil, ›corda‹ bedeutet die Con-Cordia)
  • Ein Ding hat bestimmte Eigenschaften (im Mittelalter »proprietates« genannt): die kleinen Planeten kreisen um des grosse Zentralgestirn – so sollen auch ...
  • Ein Tier hat ein bestimmtes Verhalten: der Enhydros wickelt sich in Lehm, trocknet die Schicht an der Sonne, lässt sich vom Krokodil verschlucken und reisst ihm dann die Därme auf. So auch Christus ... (vgl. »Physiologus«)
  • Die Anzahl kann die Brücke abgeben: die apokylptische Stadt hat 12 Türme.
  • Oft bildet eine Metapher die Brücke: essen
  • Interessant ist eine genaue Bestimmung der Attribute von Personifikationsallegorien. Wenn man Attribut und das Designat in einen Satz zusammenbringt, fällt auf, dass ganz unterscheidliche Satzttypen entstehen:
    • der Zirkel der Geometria – mit dem Zirkel arbeitet der Geometer, typisches Werkzeug
    • der Geldbeutel der Avaritia – der Neidische verschließt den Geldbeutel, typischer Gestus
    • die Flügel der Nemesis oder der Fama – die Flügel verleihen ihr Ubiquität, typische Eigenschaft
    • die Fledermausflügel des Neides – hier wird eine Dingallegorie (Eigenschaften der Feldermaus) in die Personifikationsallegorie integriert

(6) Wissen über das Signifié

Beim Deuten hilft, wenn man sich in den zeitgenöss. Wissenstand über das Signifié versetzt. Beispiel: Wie viele Laster gibt es? Erst dann kann man sagen, ob die allegorische Repräsentation anderes / mehr / weniger sagt, als in anderen Diskurssen (z.B. scholastische Sündenlehren, nicht-allegorische Moraltraktate) üblich ist und was dann ggf. der Mehrwert der Allegorie ist.

Bei politischen Allegorien wird man sich selbstverständlich über die historischen Umstände der Zeit kundig machen, über die politischen Parteiungen, über die gerade diskutierten Dogmen usw.

Hier muss auch vom ›Seinsgrad‹ des Signifiés die Rede sein. Üblicherweise setzen wir auf die Seite des Signifiés ein sprachliches Abstraktum (die Seele, die Sünde, die Ehre, die Minne). Als wie ›real‹ diese Dinge eingeschätzt werden, ist ein Problem der mentalitätsgeschichtlichen Rekonstruktion, aber auch dessen, was man linguistisch als ›real‹ bezeichnen will. Der Universalienstreit lässt grüßen! Selbstverständlich wir man nicht naiv sagen wollen, das Signifant sei handfest real, das Signifié dagegen ›nur‹ eine psychische Größe. Aber man kann diese beiden Sphären unterscheiden, das genügt für die Analyse von Allegorien vollkommen. (Auch ein Ritter des 12. Jhs. wird wohl unterschieden haben, ob er ein Wesen aus Fleisch und Blut umarmt oder die ›Minne‹ hochschätzt. Jedenfalls Walther v.d.Vw. scheint den Unterschied zu kennen.)

(7) Funktionen der Allegorie

  • ›Versinnfälligung‹ abstrakter Sachverhalte (sagt sich leicht, was ist gemeint?)
  • Strukturierung des Amorphen: anhand einer einprägsamen Geschichte einer bevorstehenden Seefahrt kann ich einen ›Lebensabschnitt‹ in Phasen gliedern, diesen ihre Möglichkeiten Chancen und Gefahren zuordnen usw. Insofern als die Bildwelt in sich geschlossen und funktional ist, hilft sie, die nicht so gut gegliederte Situation bewältigen
  • Mnemotechnik. Anhand eines Bildes lassen sich abstrakte Dinge besser einprägen als durch das Auswendiglernen von Vokabeln.
  • Arkandsziplin: Wer den ›Schlüssel‹ zur Deutung nicht hat, wird vom Verständnis ausgeschlossen.
  • Euphemismus, Umgehung eines Tabus (gerne praktiziert bei schlüpfirgen Witzen, aber auch in politisch brenzligen Situationen, vgl. Reformationszeit)
  • Argumentatives Potential: Wenn die Isomorphie ziwschen Signifiant und Signifé feststeht, und wenn als Signifié eine Struktur verwendet wird, die logisch zwingend ist (z.B. der Mechanismus einer Mühle; die Gestalt eines in der Natur vorkommenden Tiers), dann kann von einzelnen Zügen des Signifiants auf unbekannte/angezweifelte Pendants des Signifié geschlossen werden, d.h. deren Existenz wird argumentativ gestützt.
  • u.a.m.

Können Allegorien eine kognitive Leistung erbringen? Was vermögen sie zu postulieren, was wir nicht schon wissen?

(8) Ästhetik der Allegorie

Allegorien haben eine Tendenz zum Verklausulierten; der Betrachter wird in die Rolle des Rätssellösenden versetzt, das ist ein eigener ästhetischer Reiz im Gegensatz zum Angemutet-Werden.

Allegorien sind nicht einfach ›Einkleidungen‹ eines Signifikans, das ausgepackt werden könnte wie ein Geschenk am Geburtstag. Interessant ist das Hin-und-Her zwischen den Ebenen, sind die Unbestimmtheitsstellen, die leichten Verschiebungen und Unstimmigkeiten (bei denen man oft nicht weiss, ob sie absichtlich komponiert wurden oder aufgrund einer gewissen Schalmpigkeit dort stehen...) .

(9) Haussen und Baissen im Laufe der Geschichte.

Es ist schwierig abzuklären, warum es Epochen gibt, in denen viele allegorische Werke entstanden sind (Spätantike, Spätmittelalter, Renaissance, Barock, vgl. die Wiederentdeckung zur Zeit des Expressionismus), und andere Epochen, die die Allegorie perhorreszieren (mittelhochdeutsche ›Klassik‹; ›Klassik‹ um 1800).

(10) Ebenen der Betrachtung

Es gilt, nicht durcheinanderzuwerfen:

  • zeitgenössische lexikon-artige Sammlungen von Allegorien (am besten erkennbar z.B. bei den sog. Emblembüchern wie dem von Alciati oder bei Bestiaren oder bei Petrus Berchorius). Hier bewegen wir uns linguistisch gesprochen quasi auf der Ebene der ›langue‹;
  • ›angewandte Allegorien‹, in einer echten kommunikativen Situation eine performative Wirkung erzielen wollende Allegorien, entweder einzeln (z.B. in einem Andachtsbild) oder in einen Text oder ein Bildprogramm eingebunden; in einer Predigt, einem Traktat einem Deckengemälde. Hier bewegen wir uns linguistisch gesprochen quasi auf der Ebene der ›parole‹. (Freilich kann man Allegorien vom ersten Typ auch andächtig lesen...);
  • zeitgenössische (also dem 16./17. Jh. angehörende) Allegorie-Theorien;
  • moderne, heutige semiotische Theorien bzw. Auffassungen, wonach es keine Siginfiant-Signifié-Bezüge gebe.

Bei den Promotoren der heutzutage im Schwange befindlichen "Bildwissenschaft" genießt Erwin Panofsky (1892–1968) einen schlechten Ruf. (Dass sein Zugang ein Werk etwa von Cy Twombly nicht erschließt, auch nicht erschließen will, ist wohl klar.)

Eine knappe Einführung mit Anwendungsbeispiel bietet Das Museum »Bibel und Orient« (Fribourg) auf seiner Homepage: http://www.bible-orient-museum.ch/index.php/de/ausstellungen/interaktives-museum

Ein Crashkurs findet sich auch hier: http://bildinterpretation.weebly.com/erwin-panofskys-interpretationsmodell.html {April 2017}

(10) Exempla sind anders gebaut als Allegorien

Exemplum: Es wird eine Handlung erzählt, die zu einer im Vergleich zur Ausgangssituation positiv oder negativ erscheinenden Situation führt; dies wird explizit (innerhalb der Geschichte oder durch die Erzählinstanz) taxiert, oder die Wertung wird implizit belassen.

Der Anwender muss zunächst die erzählte Geschichte ›stilisieren‹, von den dort vorkommenden speziellen Umständen und handelnden Personen abstrahieren, damit sie dann applizierbar wird.

So kann entweder die Bewertung einer dazu analogen Handlung erfolgen, oder eine Handlung als empfehlenswert bzw. als übel bewertet werden.

Im Gegensatz zur Allegorie gibt es keinen Element-für-Element-Bezug zwischen Modell und Explanandum, sondern einen Durchgang durch eine Abstraktion (in der Graphik ›pivot‹, d.h. Angel- oder Drehpunkt) genannt:

Eine klassische Sammlung von Exempla ist: VALERIUS MAXIMUS, Facta et dicta memorabilia / Denkwürdige Taten und Worte, lat./dt. übersetzt und hg. von Ursula Blank-Sangmeister, Stuttgart: Reclam 1991 (RUB 8695) — daraus ein Beispiel (5.6.2):

Als sich mitten auf dem Forum die Erde weit auftat und das Orakel besagte, der Abgrund könne nur mit dem aufgefüllt werden, was die Stärke des römischen Volkes ausmache, erklärte Curtius, ein junger Mann edelster Gesinnung und Familie, unsere Stadt zeichne sich besonders durch Tapferkeit und Waffen aus; und im Schmuck seiner militärischen Auszeichnungen stieg er aufs Pferd , gab ihm kräftig die Sporen und sprengte damit kopfüber in die Tiefe. Alle Bürger beeilten sich, ihm zu Ehren Feldfrüchte hinabzuwerfen, und gleich darauf sah die Erde wieder aus wie früher. Auf dem Forum Romanum erstrahlten später andere Glanzlichter, dennoch gibt es bis heute kein Beispiel, das der Vaterlandsliebe des Curtius gleichkommt.


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P.Michel – kleines Update September 2017 – 843

Page last modified on September 05, 2017, at 04:35 PM