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Frau Welt

Honorius Augustodunensis († ca. 1150)

Speculum ecclesiae, Migne PL 172, 1058B

Legitur quod quidam patrum parvulum filium in heremo nutrierit, quem adultum luxuria titillaverit [kitzelte]. Pater autem jussit eum in heremum secedere et solus jejuniis et orationibus XL diebus vacare. Expletis vers XX diebus vidit tetram et nimis fetidam mulierem nudam super se irruere; cujus fetorem ferre non valens coepit eam a se repellere. At illa: »Cur, inquit, me tantum exhorrescis cujus amore tantum inardescis. Ego enim sum luxuriae imago, quae dulcis in hominum cordibus appareo, et nisi patri tuo obedisses, sicut et alii a me prostratus esses.« Ille vero grates Deo retulit qui eum a spiritu fornicationis eripuit.

Gesta romanorum, ed. Oesterley Nr. 202 (App. 6):


Exemplum der Arundel-Hs 406

Fuit miles quidam et potens totus mundo deditus qui quadam nocte solus ante castrum suum in virgultum [Gebüsch] plenum deliciis ut melius de mundi pompa et eius gloria recogitare posset, descendit. Unde cum iam dictis super cubitum suum innixus intenderet,
quaedam domina super estimationem humanam formosam et habitu decentissime disposita et ornata se ei presentavit, dicens: »Ecce assum [hier bin ich], quam tanto amore dilexisti, ad me accedas, ut bene prospicias.« Tali confortatus oraculo Dominam speciosissimam prospexit, se beatum reputans quod respectum et affatum [dass sie ihn angeredet hat] talis dominae perfrui meruit.
Cum illa: »sicut inspexisti mea anteriora, te rogo ut diligenter consideres mea posteriora.«
Quae cum ad eum convertisset, miles vidit eam plenam vermibus, putridine et immundiciis et fetore [putredo = Fäulnis; immunditia = Unreinlichkeit; foetor = ekliger Gestank] ita quod horror istorum omnem gloriam prius visam superaret.
Ad quem illa: »Ego sum gloria mundi. tales sunt fructus mei.« Ad haec verba ymago [die Erscheinung] disparuit et miles emendatus rediit.

Um 1273; zitiert bei: Walther von der Vogelweide, hg. und erklärt von Wilhelm Willmanns, 4.Auflage von Victor Michels, 2.Band: Lieder und Sprüche mit erklärenden Anmerkungen Halle 1924. — Darin: Nr. 74 (Lachmann 100,24ff.) Frou Werlt, ir solt dem wirte sagen … Anmerkung auf S. 353.


Konrad von Würzburg

Edward Schröder (Hrsg.): Kleinere Dichtungen Konrads von Würzburg. Bd. I: Der Welt Lohn. [u.a.]. Berlin: Weidmannsche Buchhandlung 1924, S. 1-11.

Text online (OCR-erfasst) > https://de.wikisource.org/wiki/Der_Welt_Lohn

Überlieferung > http://www.handschriftencensus.de/werke/213

Horst Brunner, Artikel »Konrad von Würzburg« in: Verfasserlexikon, Band 5 (1985), Sp. 272-304 .

Zusammenfassung von F. H. von der Hagen, in: Gesammtabenteuer Band III (1850), S. 395:

Ihr Weltmänner, höret von einem Ritter, der je nach der Welt Lohne rang. Mit Werken und Worten erwarb er hohe Ehre, daß er zu den besten in Deutschen Landen gezählt wurde. Er war bieder, gut, schön, und mit allen männlichen Tugenden geziert. Er trug sich köstlich, pirschte, beizte und jagte, vergnügte sich am Schach- und Saitenspiel, und wäre über tausend Meilen auf ritterliche Abenteuer geritten, Preis und hoher Minne Sold zu erringen. Er war stäts auf Frauendienst so beflißen, daß alle ihn lobten. Sein Name war Wirent von Gravenberg.

Noch eifrig auf Minne gerichtet, saß er eines Tages im Zimmer und las ein Buch von Minne-Abenteuern, und ergötzte sich an der süßen Rede bis zur Vesperzeit. Da trat ein Weib herein, so minniglich gebildet und geschmückt, daß ihresgleichen nie geboren ward; sie war schöner als Venus und Pallas und alle Göttinnen, die weiland der Minne pflagen. Ihr Antlitz glänzte wie ein Spiegel und erleuchtete den ganzen Palast. Was irgend von schönen Weibern gesagt und gesungen wird, übertraf sie weit. Ihr Gewand und ihre Krone waren über allen Preis köstlich.

Vor ihrer wundervollen Erscheinung erschrack und erblich Herr Wirent, sprang auf, empfieng sie höflich und ertheilte ihr den Preis der Schönheit. Sie dankte und hieß ihn unerschrocken sein: sie sei eben die Frau, welcher er bisher gedient, oft Leib und Seele für sie gewagt, stäts höflich und hochgemuth gewesen, alles Gute von ihr gesagt und gesungen, in ihrem Dienst wie ein Maienreis geblüht, und den Ehrenkranz getragen, als ein auserlesener Ritter. Sie sei nun gekommen, ihm ihre ganze Schönheit und ihren Lohn zu offenbaren. Der junge Ritter verwunderte sich, und sagte, er erinnere sich nicht, sie gesehen und ihr gedient zu haben: weil sie ihn aber darauf anspreche, wolle er mit Freuden ihr bis ans Ende dienen, und pries sich glücklich. Er fragte sie um Namen und Vaterland, ob er etwa von ihr singen oder sagen gehört habe.

Die Frau verkündigte ihm nun: ihr diene alles auf Erden, ihrer Krone beugen sich Kaiser und Könige, Herzoge, Grafen und Freiherren, und leisten ihr Gebot: allein Gott sei gewaltig über sie. Sie heiße Frau Welt und wolle ihn ihren Lohn für seinen langen Dienst schauen laßen.

Indem drehte sie sich um, und zeigte ihm ihren Rücken: der hieng voll Schlangen, Nattern und Kröten, war bedeckt mit Geschwüren und Blattern, auf welchen Fliegen und Ameisen wimmelten , und darunter Maden das Fleisch bis auf die Gebeine durchfraßen. Ein scheußlicher Gestank verbreitete sich; das glänzende Gewand ward zum schmutzigen Hader, und ihr minniglich leuchtendes Ansehen ward aschenbleich. Damit schied sie von hinnen.

Als der Ritter dieß Wunder sah, verschwur er sogleich den ferneren Dienst dieser Frau; er schied von Weib und Kind, nahm das Kreuz und fuhr übers Meer, dem Gottesheere zu Hülfe, wo er im Kampfe gegen die Heidenschaft durch stäte Buße dennochseiner Seelen Seligkeit erwarb.

Alle Weltkinder mögen dieses Märe merken: wie jammenrvoll der Welt Lohn ist, und wer in ihrem Dienste bleibt, die ewige Freude verliert.

Ich Konrad von Würzburg, rathe euch Allen, die Welt zu lassen, wollt Ihr die Seele bewahren.

Skulptur am Südportal des Doms von Worms

Abbildungen X und XI bei Stammler. — Im Gegensatz zu den häufig zu sehenden Darstellungen des ›Fürsten der Welt‹ (lat. mundus, masc.) ist hier eine weibliche Figur (mhd. Frau Welt) dargestellt.



Literaturhinweise

Wolfgang Stammler, Frau Welt. Eine mittelalterliche Allegorie, Freiburg (Schweiz) 1959 (Freiburger Universitätsreden NF 23).

Manfred Kern, Weltflucht. Poesie und Poetik der Vergänglichkeit in der weltlichen Dichtung des 12. bis 15. Jahrhunderts, Berlin / New York: de Gruyter 2009.

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