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Vasnacht krapffen:

[¶ von PM zur Lesehilfe eingefügt]

Welcher mensch ain edelen vasnacht krapffen wöl vnd och essen der sol disser andächtigen ler in sinem hertzen nit vergessen. Wen zů aim ietlichen vasnacht krapffen gehörent acht dinck. Zů dem ersten semelin mel. aijer. wasser. gewürtzte füll. salz. öl. fwr vnd ein pfan dar in der krapff gebachen werd. Waß bedüttend disse acht dinck?

¶ Diß semel mel betüt ain rain lutter läben mit ainem starcken gůtten gewissen. ¶ Die aijer bedüttend ain andächtig gebätt vnd ain loblich oppfer dem almechtigen gott ze lob vnd ze ere. Die temperier vnd vermisch vnder ain ander denn mit ¶ wasser ainer waren volkomenen rúw diner sünde. ¶ Darnach salz den taig mit beschaidenhait vnd mit ainem gaistlichen rewmüetigen läben. Vsß dem taig daz ist vsß dem hertzen [?] vnd mach darvsß ain krapffen der gott wol gefellichen ist vnd sij, vnd füll denn den krapffen mit dem ¶ gewúrtz ains andechtigen betrachten dez herten sterben vnd lidens vnsers hern Jhesu christi darin vindestu sicherhait vnd vollust nach begird dines hertzen. darnach wirff den krapffen in daz ¶ öll siner grundlosen herbarmherzigkait vnd lass in bachen in der wolhitzigen ¶ pfannen dines andechtigen herczen vnd inprinstiger göttlicher liebe vnd lass jn och wol prun werden in dem warmen ¶ für sines rosenfarben blůt in andechtiger prinnender lieb.

Den krapffen send junckher Jhesus dinem besunderen gaistlichen gespunß zwischen zwain silbernen schuisseln, die under schuissel sol sein willige Gehorsamkait aller göttlichen dingen nach dem willen gottes, dú ober schuissel sol sin ain emsige begerung aller himlischen ding. Dú zwu silbern schuisseln sollent sin verdeckt mit ainer wissen zwechel ains gůten vnd wol bwerten schinenden exempels aller obgenanten ding.

Wer sol aber dú schuisseln mitt dem edelgezierten krapffen schenken dem zarten gespons Jhesu? niemant anderst denn dú edle rainú sel, dú sol in wissem klaid aller vnschuld geklaidet sin. Ain guldin crentzlin sol sy och hangen an ir hertzen mit dem sy herlost hat Jhesus ir gemachel von dem ewigen tod. Die sol och haben an irem halz ain grönes crentzlin von mengerlayen wolschmeckenden blůmen aller gůtten werck dú sy geton hett her in dißer zyt.

Mit der also wolgezierten Sel wird Jhesus vasnacht halten vnd sy och zu hus laden in daz ewig leben vnd wirt mit ir tailen sin wolschmeckenden himlischen vasnacht krapffen mit vberflüssigen gnaden in sim rechten vaterland vnd wirt ir darnach vffsetzen vnd ze lone geben ain schon cron von golt vnd von edelm gestain zů aim zaichen daß sy vberwunden hat all widerwertikait diser welt vnd wirt ir och ain guldin vingerlin anstossen zů ainer bestettung daß sy ewiclich an end nimer mer von irem gaistlichen vasnachtbůlen vertriben sol werden vß dem ewigen leben. Daz geschech vns allen AMEN.

Quelle:

Nach der Hs. Donaueschingen cod. 267 hg. Joseph von Laßberg in: Anzeiger für Kunde der teutschen Vorzeit 5 (1836), S.212f. http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ihd/periodical/pageview/278888

http://www.handschriftencensus.de/werke/3704

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Erläuterungen:

Makrostruktur des Texts:

(A) Zubereitungsprozess der Krapfen – mit Allegorese der Zutaten

(B) Die Bäckerin überbringt den Krapfen ihrem Gespons in einer Schüssel – mit Allegorese auf die anima (mit Tugenden) und XPC

(C) geistliche Fastnacht zwischen dem Buhlen XPC und der Seele (Kontrafaktur im klösterlichen Kontext: wir Nonnen haben auch einen buolen, aber unserer ist Christus!)

Brauchtum: Der letzte Tag der Vorfastenzeit (“Güüdisziistig”) wird auch “Kräpfeldienstag” genannt (DWB). Hinweise in F.Zarnckes Kommentar zu Brants Narrenschiff (1854), S.465

›Sinnbrücken‹ zwischen Designans und Designatum im Teil (A):

<1> Semmel-Mehl — reines Leben, gutes Gewissen: Brot des Lebens (Joh. 6,35)

<2> Eier — Gebet, andächtiges Opfer

<3> Wasser — Reue der Sünden:

Quis dabit capiti meo aquam, oculis meis fontem lacrymarum? (Jer 14.17)
Quando orabas cum lacrymis, ego obtuli orationem tuam Domini (Tobias 12,12).
Beati, qui lugent (Mt 5,5).
Beati qui nunc fletis (Luc 6)
O aqua salutaris, per quam omne peccatum estruitur! O felix lavacrum, quod toties valet ad purgandum quoties pergandum indiget cor humanum. (Bernhard von Clairvaux)
Zum Bußsakrament vgl. Denzinger Nr. 1323. 1676 (tres partes pœnitentiæ: cordis contritio, oris confessio, satisfactio) – Heinrich von Langenstein, »Erchantnuzz der sund« I,7: Dy rew schol volchomen sein vnd anczig mit dem fürsacz, dy svnd ze peichten vnd ze puzzen, wann her Dauit spricht: ich wil mein pet waschen all nacht mit meinen zêchern (Ps 6,7)
  • H. G. Weinand, Tränen. Untersuchungen über das Weinen in der deutschen Sprache und Literatur des Mittelalters, Bonn 1958.
  • Louise Gnädinger, Wasser – Taufe – Tränen, in: Wolfram-Studien II (19##), S. 53-71.

<4> gewürzte Fülle — Betrachten der Leiden Christi

Gewürz duftet erst, wenn es im Mörser zerstoßen wird. Adams von Sankt Viktor Sequenz zum Martyrium des hl. Laurentius: Parum sapis, Vim sinapis, Si non tangis, Si non frangis, Et plus fragrat, quando flagrat Tus injectum ignibus.
Passionstraktat des Heinrich von St. Gallen: Und also wart aller sin [Jesu] lichnam czumult und czustossen als ein gewurcze in eime morser.

<5> Salz — reumütiges Leben, bescheidenheit:

Lauretus, »Sylva allegoriarum«, s.v. Sal:

<6> Öl — Barmherzigkeit Jesu

Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Luk 10,34): Auslegungen des Öls
Lauretus, »Sylva allegoriarum«, s.v. Olea, Oliva, Oleum:

<7> Pfanne — andächtiges Herz (wohl Spross-Allegorie aus <8>)

<8> Feuer — … brennende Liebe:

Brannte nicht unser Herz in uns ?… (Luc 24,32: Emmaus) – spiritu ferventes (Rom 12,11)
Hugo von Sankt Viktor, in Ecclesiasten Homilia I = PL 175,117. – Richard von Sankt Viktor, de quattuor gradibus uiolentæ caritatis, übers. von Margot Schmidt, München u.a.: Schönigh 1969: fervidus affectus, – amator, – caritas; fervor devotionis, amor fervidus, – igneus

Literaturangaben:

Kurt Ruh, Artikel “Geistlicher Fastnachtskrapfen” in: Verfasserlexikon Bd. 2, 1159–61.

Dietrich Schmidtke, Studien zur dingallegorischen Erbauungsliteratur des Spätmittelalters. Am Beispiel der Gartenallegorie (Hermaea N.F. 43), Tübingen 1982.

Judith Theben, Die mystische Lyrik des 14. und 15. Jahrhunderts. Untersuchungen - Texte - Repertorium (Kulturtopographie des alemannischen Raums 2), Berlin/New York 2010.


Hieronymus (um 347 – 419/420), Brief an Marcella (384)

Die Allegorie (Epist. XXII, nach Vallarsi XLIV) bezieht sich ähnlich auf eine konkrete Alltagssituation, die geistlich gedeutet wird.

Um uns über unsere körperliche Trennung durch geistige Unterhaltung zu trösten, tut jedes, was es kann. Ihr schickt Geschenke, wir Dankschreiben, doch so, daß, weil das Geschenk von verschleierten Jungfrauen kommt, wir darin gewisse verschleierte Geheimnisse nachweisen wollen. Der Bußsack deutet auf Gebet und Fasten hin; die Stühle, daß die Jungfrau ihren Fuß nicht auf die Straße hinaus setzen soll; die Kerzen, daß man mit angezündeter Leuchte die Ankunft des Bräutigams erwarten solle; die Becher zeigen auf die Abtötung des Fleisches und ein zum Martyrium stets bereitwilliges Herz hin. Denn »der berauschende Becher des Herrn, wie herrlich ist er!« (Ps 22,5) Wenn ihr aber auch Matronen kleine Fliegenwedel schenkt zum Verscheuchen dieser kleinen Tierchen, so liegt darin eine gewisse Hindeutung darauf, daß man schleunigst das üppige Leben ablegen müsse, weil die bald dem Tode verfallenden Mücken den Wohlgeruch der geistigen Salbung vernichten. So ist die Bedeutung für die Jungfrauen, so die figürliche Erklärung für die Matronen. Auf uns aber passen, obwohl in ungekehrtem Sinne, eure Geschenke. Das Sitzen paßt sich besser für die Müßiggänger, das Schlafen im Bußsacke für die Büßer, die Becher für die Zecher. Es mag auch angenehm sein wegen der nächtlichen Schrecknisse und der Ängstlichkeit der Gemüter, welche stets für ihr Gewissen fürchten, Kerzen anzuzünden.

https://www.unifr.ch/bkv/kapitel3095.htm

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