zurück zur Übersicht

Münchener Sendbrief

Item daz her nach geschriben stet daz ist ein sant prif. Dyß ist ein prif, den schreib sy mir, do der feyel wuchs.

Der hohwirdig gruß Maria und daz demutig nydern unsers herren Jhesus Christus geb dir zu enpfohen den trost und wunsamikeit des gruß und ein tyffe demütykeit, dy dich ewiglich erhöhe in dem ewigen leben.

Und wyss, lybe tochter: Es ist yczund selten kein fogel, wye übel er syngt, er ticht iczund etwas, sych zu erlusten, und wesunder nun, wan dy wunicklichen tag dez meyen und des sumers kumen. Dez geleichen thu du auch. Und ab du als wol nicht kanst, als du gern wolst, ye doch so thu nach deinem vermugen und tycht in deiner wetrachtung etwaz gen der mynickleichen zeit der genaden.

Merck wy du dein hercz nu geben hast zu einem wurcz garten deinem gesponssen Christo,

daz er dar innen spaczyren gee und do klaub dy feyelein auß den lylgen und rössleyn.

Und dar umb syh in dein hercz und merck, wy der gart gestalt sey, ab nychcz dar innen sey, daz deinem lib mag myßfallen.

Gedenck, daz der czaun umb den gartten nit löcheret sey, daz ist, daß dein außwendig synn weslossen sein, wann durch dy löcher schlyffen gar gern

dy pfoben der hoffart
und dy hunt dez zorns
und dy schwein der unkeüscheit, der unkeüschen gedanck.

Und schölch tir zu wüllen den burtz gartten deines hertzen, daz dein gespanß nit dar innen wont.

Wirff dy steyn, daz ist zeitliche unnücz wekumernüß und sorgffelykeit, auß deinem herczen, daz dy plumen der tugent do mit nicht ver druckt werden.

Vnd gedenck auch, daz du den wurcz gartten deines herrczen zyrest als man denn yczund pfligt zu thun.

Wesunder dorn den zaun wol mit fleißiger fursychtigkeit und auf merckung,
daz dir dy feynt dy schecz, dy edellen margritten icht auß dem garrten stellen.
Klaub auch dar auß dy düren estlein daz ist dein alcz vergangens leben.
Wan so du dy an sychst durstig vnd dein hercz do mit wekumerst, so tustu als eines, daz in einer stynckenden gruben wült. So es ye mer dor innen wült, so es ye wirsser stynckt. Dar umb nym dy estlein und wirff sy in daz feüer der lieb und verpren sy dar innen.

Nym deinen gespanssen zu einem gerttner. Der wirt dir in dein hercz pflanczen dreyerley feyel.

Der erst ist gelber feyel, der der ist dy gotheit Christi. Der selb feyel hat fünff pletter.
Daz erst ist sein ewigkeit. Daz ander sein err. Daz drit sein gewalt. Daz fird sein gnad; da ist unaussprechliche freud. Das funfft ist der groß lust, der in im ist.
Dysen feyel nym nu fur dich und merck, waz groß gucz in einem yetleychen pletlein beslossen ist, der auslegung ich hab unterwegen gelossen umb der kurcz willen.

Nu was wol richen plümen und myniklicher wolrichender kreuter der mynikleych gertner in dein garten pflanczen wirt, ist daz du in wol wirst digen mit dem mist der dymutigkayt, daz du wirst, hoff ich, enpfinden, mer wenn ich oder iemant daz mag wol schreyben.

Den du alz ein pin und fleug offt in den garten auff ein ietleichs plumlein und saug dar auß alle susigkeyt und waz gucz dar innen beschlossen ist.

Mein liebe tochter, mein begerung wer, daz ich dich fast kond rayczen czu gotlicher lieb. Aber ich hofft, du habst und scholst nu vil lernen in dem lebendigen puch. Nu befilh ich dich deinem mynykleyhen gesponssen in sein mynireichs verwuntes hercz.

Quelle

München, UB, cod. ms. 277, 193v–196v (nordbair. um 1470)

Editiion in: Dietrich Schmidtke, Studien zur emblematischen Erbauungsliteratur des Spätmittelalters. Am Beispiel der Gartenallegorie, (Hermaea NF 44), Tübingen 1980; Seite 499f.

Kommentar und Hinweise:

nydern : niedrig machen (Phil 2, 7)
klaub (< klûben) : pflücken
pfoben = Pfauen
außwendig synn : äussere Sinne: Sinnesorgane vs. innere Sinne: geistige Kräfte. sorgffelykeit : Sorge
durstig : verlangend
wirsser : übler, schlimmer
digen (= dîhen) : gedeihen geraten
pin (= bîn) : Biene
gucz = guotes
fast : schnell, sehr

Anselm Salzer, Die Sinnbilder und Beiworte Mariens in der deutschen Literatur und lateinischen Hymnenpoesie des Mittelalters, mit Berücksichtigung der patristischen Literatur. Eine literar-historische Studie, (1886 - 1894); Nachdruck: Darmstadt, 1967.
Stephan Beissel, Geschichte der Verehrung Marias in Deutschland während des Mittelalters, 1909.
Dietrich Schmidtke, Artikel »Wurzgarten des Herzens« in: Verfasserlexikon, Band 10, Sp. 1460/61.

Seuse, Brief Nr. VI

Vineae florentes odorem dederunt, et vox turturis audita est in terra nostra. (Cant 2,12f.)

Also stet geschriben in der minne buoch.

W er ein fruhtlosen winterhalden saehi hin glentzen von gebluomter gezierde in sumerlicher schonheit, und einen swartzen rappen, mit fulem avsse erzogen, horti in des lieben turteltúblis art verwandlet sin, der moehte wol dem schoenen herren zarten, der so grossú wunder allein mag erzúgen. Mit welen froeden wennent ir, daz sich der herre in dem schoenen wingarten ergienge, der sieh so reht wol gestellet hetti, und wie wol ovch sinen getrúwen knehten ze muote weri, so der suesse smack als rehte wol trahti, daz er umb sich allen menschen lust brehti und die leiden slangen von siner kraft vertribi?

Ach, ir jungen, schoenen, zarten wingarten des himelschen vatters, ir schoenen lútseligen turteltúbli des goettelichen gemahels, gedenkend, wie lange ir wueste sint gelegen, wie manigen schoenen tag ir muessig sint gewesen, - und woelte got, daz ir muessig waerint gesin und nút mit dornen und mit bramen waerint erfúllet, die ir nu so arbeitseliklieh us rútent! Owe, ir kalten winde úppiger worten, ir starcken riffen zerganklicher minne, ir tiefen sne boeser unreiner geselleschaft, waz hant ir ebenlich versumet und mordes begangen an so manigem menschen! Wie reht selig der ist, der von úch gelidiget ist und mit der liehten sumerzit eins tugenthaften lebens durlúhtet ist!

Minú zarten kint, waz sol ich úch me schriben, denn daz minú ovgen hein manigen froelichen ovgenblik getan, so ich gie úber die schoenen heide florieren al durch die bluomen hin, und ich horte die himelschen harpfen der lieben voegellin iren zarten, schoenen, minnenklichen scboepfer loben, daz es durch den luft uf trang? Aber gewerlich, ob in beiden so froewet sich min hertze, so úwer anevangens heilig leben in so maniger gebluemter gezierde also suesseklich in guotem lúmden smacket, da von die ewig wissheit wirt gelobet und die menschen gebessret. Wan ir aber noch nút erstarcket sint, so sont ir úwer selbes dester bas war nemen, und sont úch selber umbzúnen als ein junges zwi vor dem vih aller menschen geselleschaft, die dis sinnes nút sint.

Eines dinges sont ir vorhin gewarnet sin: so die schoenen wingarten beginnent bluegen, daz ovch denne die bremen und die leiden kaefer beginnent stúrmen; und da der boese geist mit ime selber nút kann zuo komen gegen eime gesitten menschen, da reisset er aber sin gesinde zuo mit bittern schalkhaften worten oder mit boesen raeten, mit valschem wissagen in liep oder in leit. Und daz ist nút unbillich, wanne wissent fúr war, daz úch in keinem abbrechende uwers eigen willen niemer so we geschiht, im beschehe noch vil wirs, so er von siner eigen stat scheiden muos, die er so lange, so geruweklich hat besessen.

Und dar umb, mine jungen kint, mine zarten userwelten kint, stant vast in gotte und heint reht ein gantzes getruwen in got, wan er lat úwer nút! Ach, luogent, er ist als reht tugenthaft, er ist als reht hertzklich guetig, daz er es an sime milten hertzen nút moehte vinden, daz er den menschen moehte lan, der sich gentzlich an in mag gelan.

Eya, minneklicher ewiger vatter, ich bevilhe dir dine kint in dine goetteliche wissheit, daz du sú zúhest nach dime aller liebsten willen. Amen.

Quelle

Heinrich SEUSE, Grosses Briefbuch, Nr. VI; in: Karl Bihlmeyer (hg.), H.S., Deutsche Schriften, Stuttgart 1907, S.425f.


Bilder:

STEFANO DA ZEVIO †1451, Maria im Rosenhag

http://www.wga.hu/frames-e.html?/html/s/stefano/m_rosary.html

BLOCKBUCH »Canticum Canticorum«, niederländisch, ca. 1460/65


nach oben

Page last modified on January 08, 2014, at 11:22 AM