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Untersummative Formen

Hier sind einige Grenzfälle des Allegorischen i.e.S. aufgelistet. Gemeint sind Texte, wo mehrere Signifiants (Metaphern) gereiht, angehäuft, agglutiniert sich auf ein gemeinsames Signifié beziehen, ohne dass sie sich zu einem innerlich logischen Gefüge (z.B. einem Organismus, einer Maschine, einem Arbeitsablauf oder dergl.) zusammenschließen. Eine Aneinanderreihung von Metaphern hat ästhetisch in der älteren Literatur seinen Reiz (rhetorisch: congeries Quintilian VIII,iv,26). – Der Begriff »untersummativ« stammt von Karl Bühler, Sprachtheorie, 1934.

Prediger (Qohälät), Kapitel 12

Das Gedicht fasst die Beschwerden des Alters in eine Reihe (nicht zusammenhängender) Vorstellungen (teils Metaphern, teils Erfahrungsmomenten). Die Deutung hat die Exegeten seit eh und je herausgefordert.

1 Denk an deinen Schöpfer in deinen frühen Jahren, ehe die Tage der Krankheit kommen und die Jahre dich erreichen, von denen du sagen wirst: Ich mag sie nicht!,

2 ehe Sonne und Licht und Mond und Sterne erlöschen und auch nach dem Regen wieder Wolken aufziehen: [Die Augen werden schwach; kaum ist Beschwerde überstanden, folgt die nächste]

3 am Tag, da die Wächter des Hauses zittern, die starken Männer sich krümmen, die Müllerinnen ihre Arbeit einstellen, weil sie zu wenige sind, es dunkel wird bei den Frauen, die aus den Fenstern blicken, [die Hände zittern; die Beine werden krumm; die ›Müllerinnen‹ ≈ die Zähne werden stumpf; die Augen verfinstert – ›Fenster‹ evtl. ≈ Augenwimpern]

4 und das Tor zur Straße verschlossen wird; wenn das Geräusch der Mühle verstummt, steht man auf beim Zwitschern der Vögel, doch die Töne des Lieds verklingen; [die Ohren werden taub]

5 selbst vor der Anhöhe fürchtet man sich und vor den Schrecken am Weg; der Mandelbaum blüht [das Haar wird weiß], die Heuschrecke schleppt sich dahin [die einst flinken Schenkel werden vom Podagra träge], die Frucht der Kaper platzt [die Kaper ist Symbol für die die Lust], doch ein Mensch geht zu seinem ewigen Haus [Grab] und die Klagenden ziehen durch die Straßen;

6 ja, ehe die silberne Schnur zerreißt [anatomisch: die Nerven?, allgemeiner symbolisch: die Fortdauer des Lebens], die goldene Schale bricht [das Herz, der Lebensgeist?], der Krug an der Quelle zerschmettert wird, das Rad zerbrochen in die Grube fällt, [der Ruin des Leibs]

7 der Staub auf die Erde zurückfällt als das, was er war, und der Atem zu Gott zurückkehrt, der ihn gegeben hat.


Honorius Augustodunensis

»De vita claustrali« (PL 172 1247)

Claustralis vita est ab ipso Domino instituta. Haec spiritualiter decem rebus assimilatur; sicut tota Ecclesia decem virginibus comparatur.

Est enim imprimis similis littori maris, quod de periculo maris venientes recipit, et pro securitate soliditatis patriae restituit. Totum quippe id saeculum est ut mare procellosum, quia sic turbatur bellis, ut mare procellis, et ideo qui inter insidias inimicorum timore aestuant, sunt velut hi, qui in tempestate maris fluctuant, qui vero inter bella et seditiones habitant, sunt ut hi, qui inter procellas et ventos navigant. Qui autem in pace degunt, sunt ut hi, qui in tranquillo mari navem vehunt; de quibus est dubium utrum ad littus incolumes perveniant. Multi enim cum ad littus pervenerint, iuxta littus incauti undis submerguntur. Qui autem littus cum onere attingunt, sunt hi, qui ad claustrum perveniunt; in quo secure venientes ad Patriam coeli redeunt. De hoc littore in Evangelio legitur, quod sagena missa piscibus plena in littus est educta, et boni pisces in vasa sunt electi; mali autem foras eiecti (Matth. XIII) ; quia videlicet sunt plures homines de salo saeculi per rete Scripturae extracti, et in claustralem vitam perducti. Obedientes ab angelis in paradisum recipiuntur, inobedientes foras in supplicium mittuntur. Sed et boni pisces sunt, qui in spirituali professione usque in finem perseverabunt; mali vero pisces sunt, qui relicto claustro ad saeculum redeunt.

Secundo est claustrum ut umbraculum, quod itinerantes obumbrat, et ab aestu refrigerat. Omnes enim, quos in negotiis saeculi cura anxiat, et sollicitudo premit, sunt, ut hi, qui difficile iter in magno aestu agunt, et umbrosum locum, quo se refrigerent, quaerunt. Qui dum ad claustrum Dei festinant, quasi in umbraculum declinant, in quo verum refrigerium inveniunt, et ut propheta ait: Securitatem a turbine, et a pluvia, vel ab hostibus et bellis (Isa. IV).

Tertio est ut lectus in quo requiescunt laborantes. Qui enim sub duro dominio sunt, et terrenis opibus inserviunt, in magno labore sunt. Hi cum ad claustrum perveniunt, quasi a labore in lecto requiescunt. De quo lecto dicit Dominus in Evangelio: Duo in lecto, unus assumetur, et alter relinquetur (Luc. XVII); significans duo genera hominum in claustro degentium, unum, quod carnalem requiem tantum diligit, aliud, quod spiritualem semper inquirit.

Quarto est asylum vel domus refugii. Quia sicut in lege erat civitas fugitivorum, in quam rei confugientes ab hostibus salvabantur; ita claustrum est unicum refugium reorum, in quo mundum fugientes a daemonibus salvantur.

Quinto est schola infantium, in qua parvuli in Christo a Magistro regula ad virtutes informantur.

Sexto est gymnasium in Ierusalem constructum, vel locus exercitii in Ecclesia constitutus, ubi tirones Christi ad varias pugnas vitiorum se exercent.

Septimo est ut carcer, in quo criminosi a lata via venientes incarcerantur, ut latam coeli aulam ingredi mereantur.

Octavo est caminus tentationis, in quo vasa gloriae probantur, [vasa vero contumeliae reprobantur.

Nono est similis inferno, in quo poenitentes purgantur, malevoli et duricordes suppliciis cruciantur.

Ad extremum et decimo assimilatur paradiso, in quo sunt deliciae Scripturarum, varia exercitia iustorum, diversa ligna pomorum.

Igitur claustrum est omnibus omnia; scilicet principibus, bellorum procellas fugientibus, est portus salutis; negotiatoribus, aestum curarum declinantibus, est refrigerii obumbraculum; servis vel arctatis, a nimio labore cessantibus, est lectus quietis; militibus hostes suos fugientibus, est certum asylum, ut firmum castrum; indoctis, schola virtutum inexercitatis, exercitium diversarum artium, vagis vel criminosis carcer, imo hospitium; inexpertis caminus probationis, poenitentibus infernus purgans, rebellibus infernus crucians, sapientibus et charitate ferventibus paradisus affluens deliciis, aeternis eos replens divitiis. Amen.

Inhaltübersicht und Erläuterung bei: Jörg Sonntag, Die Metaphorik des christlichen Klosters im Mittelalter, in: Geist und Gestalt. monastische Raumkonzepte als Ausdrucksformen religiöser Leitideen im Mittelalter, herausgegeben von Jörg Sonntag unter Mitwirkung von Petrus Bsteh, Brigitte Proksch und Gert Melville, Berlin / Münster: LIT 2016.


Burkhart von Hohenvels

1.
Nach des aren site ir êre
hôhe sweimet unde ir muot.
schande wenket von ir sêre,
sam vor valken lerche tuot.
swer ir gruoz nimt, derst vor schanden
banden frî; sîst sælden wer.

Wie ein Adler schwebt ihr Ansehen und ihre Gesinnung in großer Höhe. Schande flattert von ihr heftig weg, wie es die Lerche vor dem Falken tut. Wer auch immer in ihrer Gunst steht, der ist frei von den Fesseln der Schande; sie ist ein Bürge des Heils.

2.
Der wilde visch in dem bêre
nie gewan sô manegen wanc
als mîn herze in jâmers lêre
nâch ir; dest mîn fröide kranc.
wan mîn frîheit sich für eigen
neigen der vil lieben kann.

Der wilde Fisch in dem Netz erlebte nie ein so häufiges Hin und Her wie mein Herz im Impuls des Verlangens nach ihr; davon ist meine Freude angekränkelt. Denn meine Freiheit wird sich dem zuneigen, der intensiv lieben kann.

3.
Swie der affe sî gar wilde,
doch sô vâhet in sîn schîn,
sô’r im spiegel siht sîn bilde.
sus nimt mir diu frouwe mîn
sin, lîp, herze, muot und ougen
tougen, dest mîn ungewin.

Wie immer der Affe auch unmäßig wild sei, so fängt ihn doch sein eigenes Aussehen, wenn er im Spiegel sein Ebenbild sieht. Genau so raubt mir meine Herrin meinen Verstand, Körper, Herz, Gesinnung und Augen auf geheimnisvolle Art; das ist mein Unglück.

4.
Einen fürsten hân die bîen;
swar der vert, si volgent nâch.
mînen gedenken den frîen
ist sus nâch der lieben gâch.
ir vil fröudenfrühtic lachen
machen kann wol fröude mir.

Einen Herrscher haben die Bienen; wohin der sich bewegt – sie folgen ihm nach. Meine Gedanken an die Freiheit folgen so eifrig der Geliebten nach. Ihr so freudvolles Lachen vermag mir wirklich Freude zu bringen.

5.
Der einhürne in megede schôze
gît durch kiusche sînen lîp.
dem wild ich mich wol genôze,
sît ein reine sælic wîp
mich verderbet: an den triuwen,
riuwen mac si der gerich.

Das Einhorn im Schoße von Jungfrauen gibt um der Keuschheit willen sein Leben hin. Diesem Tier will ich mich gern vergleichen, seitdem eine reine, heilbringende Frau mich zu Grunde richtet: meiner Treu - meiner Reue kann sie Richter sein.

Textgrundlage: Deutsche Liederdichter des 13. Jahrhunderts, hg. Carl von Kraus (Text: Tübingen 1952 / Kommentarband: 1958); 2. Auflage durchgesehen von Gisela Kornrumpf, Tübingen 1978; 6. = Burkhart; Lied Nr. II.

Das Abtippen und die nhd. Übersetzung hat Erika Dietl (http://www.fabelnundanderes.at/burkhart_von_hohenfels.htm) besorgt. Besten Dank!

Literaturhinweis: Christoph Gerhardt, Burkharts von Hohenfels Nâch des aren site ir êre (KLD 6,II), in: Beiträge zur weltlichen und geistlichen Lyrik des 13. bis 15. Jahrhunderts. Würzburger Kolloquium 1970, hrsg. v. K. Ruh und W. Schröder, Berlin 1973, S. 54-67.


Allegorisch Sonnet

[hier in moderner Orthographie]

Amanda, liebstes Kind, du Brustlatz kalter Herzen,
Der Liebe Feuerzeug, Goldschachtel edler Zier,
Der Seufzer Blasebalg, des Traurens Löschpapier,
Sandbüchse meiner Pein und Baumöl meiner Schmerzen,

Du Speise meiner Lust, du Flamme meiner Kerzen,
Nachtstühlchen meiner Ruh, der Poesie Klistier,
Des Mundes Alecant, der Augen Lustrevier,
Der Komplimenten Sitz, du Meisterin zu Scherzen,

Der Tugend Quodlibet, Kalender meiner Zeit,
Du Andachtsfackelchen, du Quell der Fröhlichkeit,
Du tiefer Abgrund du voll tausend guter Morgen,

Der Zungen Honigseim, des Herzens Marzipan,
Und wie man sonsten dich mein Kind beschreiben kann.
Lichtputze meiner Not und Flederwisch der Sorgen.

Quelle: Herrn von Hofmannswaldau und anderer Deutschen auserlesener und bißher ungedruckter Gedichte anderer Theil. Leipzig, 1697. [Das Gedicht wird vom Herausgeber {Benjamin Neukirch} keinem Autor zugewiesen.] > http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/hoffmannswaldau_gedichte02_1697/?hl=AManda&p=334

Literaturhinweis: Jörg Jochen Berns, Die demontierte Dame. Zum Verhältnis von malerischer und literarischer Porträttechnik im 17. Jahrhundert, in: »Daß eine Nation die ander verstehen möge« = Festschrift für Marian Szyrocki zu seinem 60. Geburtstage. Hg. v. Norbert Honsza / Hans-Gert Roloff, (CHLOE Bd. 7) Amsterdam 1988, S. 67–96. — Wieder abgedruckt in: ders., Die Jagd auf die Nymphe Echo. Zur Technisierung der Wahrnehmung in der Frühen Neuzeit (Presse und Geschichte, Neue Beiträge, Bd. 53), Bremen 2011, S. 205–226.

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