Main.HeraklesAmScheideweg History

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Wenn wir nichts können, was sollen denn so viele Gesetze, so viele Gebote, so viele Drohungen, so viele Verheißungen [im Alten Testament]? Hier antwortet Paulus [Römerbrief 3,20; Galater 3,19]: Durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.''
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Wenn wir nichts können, was sollen denn so viele Gesetze, so viele Gebote, so viele Drohungen, so viele Verheißungen [im Alten Testament]? Hier antwortet Paulus [Römerbrief 3,20; Galater 3,19]: Durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.\\
Wir sind sicher, daß wir Gott gefallen, nicht durch das Verdienst unseres Werkes, sondern durch die Huld seiner uns verheißenen Barmherzigkeit
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Für viele Hinweise danke ich Daniel Candinas. – P.Michel – letzte Änderung: 27. Juni 2017 – {$PageCount}
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Für viele Hinweise danke ich Daniel Candinas. – P.Michel – letzte Änderung: 6. August 2017 – {$PageCount}
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'Gott verheißt den Demütigen […] mit Bestimmtheit seine Gnade. Ganz und gar aber kann sich kein Mensch eher demütigen, bis dass er weiß, daß seine Seligkeit vollständig außerhalb seiner Kräfte, Absichten, Bemühungen, seines Willens und seiner Werke gänzlich von dem Belieben, Beschluss, Willen und der Tat […] Gottes allein abhänge.\\
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Gott verheißt den Demütigen […] mit Bestimmtheit seine Gnade. Ganz und gar aber kann sich kein Mensch eher demütigen, bis dass er weiß, daß seine Seligkeit vollständig außerhalb seiner Kräfte, Absichten, Bemühungen, seines Willens und seiner Werke gänzlich von dem Belieben, Beschluss, Willen und der Tat […] Gottes allein abhänge.\\
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Wenn wir nichts können, was sollen denn so viele Gesetze, so viele Gebote, so viele Drohungen, so viele Verheißungen [im Alten Testament]? Hier antwortet Paulus [Römerbrief 3,20; Galater 3,19]: Durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.\\
Wir sind sicher, daß wir Gott gefallen, nicht durch das Verdienst unseres Werkes, sondern durch die Huld seiner uns verheißenen Barmherzigkeit
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Wenn wir nichts können, was sollen denn so viele Gesetze, so viele Gebote, so viele Drohungen, so viele Verheißungen [im Alten Testament]? Hier antwortet Paulus [Römerbrief 3,20; Galater 3,19]: Durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.''
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(4) Herakles wählt aufgrund des Ratschlags selbständig und zielstrebig (!) den Weg. Dagegen '''Cicero''', »de officiis« I, xxxii,118:
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(4) Herakles wählt aufgrund des Ratschlags selbständig und zielstrebig (!) den Weg. 

(4a)
Dagegen '''Cicero''', »de officiis« I, xxxii,118:
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(4b) Martin '''Luther''' sagt in seiner Schrift »de servo arbitrio« (1525 gegen Erasmus’ Schrift »de libero arbitrio diatribe« polemisierend verfasst), dass der Mensch in Bezug auf Dinge, die höher sind als er (die Seligkeit bzw. die Verdammnis) keinen freien Willen hat, sondern nur in Bezug auf das, was niedriger ist als er, z.B. seine irdischen Besitztümer.

Hier einige Textauszüge aus dem argumentativ dichten und weit ausgreifenden Text (Deutsche Übersetzung aus dem Lateinischen (Übers. ungenannt; einige Scan-Fehler), in > https://www.heiligenlexikon.de/Literatur/Martin_Luther_unfreier_Willen.htm )

''Es ist notwendig und heilsam für den Christen zu wissen, dass Gott nichts zufällig vorherweiß, sondern dass er alles mit unwandelbarem, ewigem und unfehlbarem Willen vorhersieht, sich vornimmt und ausführt. Durch diesen Donnerschlag wird der freie Wille zu Boden gestreckt und ganz und gar zermalmt.\\
'Gott verheißt den Demütigen […] mit Bestimmtheit seine Gnade. Ganz und gar aber kann sich kein Mensch eher demütigen, bis dass er weiß, daß seine Seligkeit vollständig außerhalb seiner Kräfte, Absichten, Bemühungen, seines Willens und seiner Werke gänzlich von dem Belieben, Beschluss, Willen und der Tat […] Gottes allein abhänge.\\
Der menschliche Wille ist in die Mitte gestellt (zwischen Gott und Satan) wie ein Zugtier. Wenn Gott sich darauf gesetzt hat, will er und geht, wohin Gott will, wie der Psalm (75, 22f.) sagt: Ich bin wie ein Tier geworden und ich bin immer bei dir. Wenn Satan sich darauf gesetzt hat, will und geht er, wohin Satan will. Und es steht nicht in seiner freien Entscheidung, zu einem von beiden Reitern zu laufen oder ihn sich zu verschaffen zu suchen, sondern die Reiter selbst kämpfen miteinander, ihn zu erlangen und zu besitzen.\\
Wenn wir nichts können, was sollen denn so viele Gesetze, so viele Gebote, so viele Drohungen, so viele Verheißungen [im Alten Testament]? Hier antwortet Paulus [Römerbrief 3,20; Galater 3,19]: Durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.\\
Wir sind sicher, daß wir Gott gefallen, nicht durch das Verdienst unseres Werkes, sondern durch die Huld seiner uns verheißenen Barmherzigkeit.''

June 27, 2017, at 10:24 PM by 130.60.206.133 -
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Für viele Hinweise danke ich Daniel Candinas. – P.Michel – letzte Änderung: 16. Juni 2017 – {$PageCount}
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Für viele Hinweise danke ich Daniel Candinas. – P.Michel – letzte Änderung: 27. Juni 2017 – {$PageCount}
June 27, 2017, at 10:17 PM by 130.60.206.132 -
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Die Bildkonfiguration wird auch christlich vereinnahmt. Mit P[ieter] Nagel [aktiv 1569–1604] fexit ist dieses Bild signiert:

%width=500px%Attach:lex_et_gratia.jpg

Quelle > https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nagel_Law_and_grace.jpg
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Die Bildkonfiguration wird auch christlich vereinnahmt. Mit "P[ieter] Nagel [aktiv 1569–1604] fexit" ist dieses Bild signiert:

%width=550px%Attach:lex_et_gratia.jpg

Quelle > [[https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nagel_Law_and_grace.jpg]]
June 27, 2017, at 10:14 PM by 130.60.206.132 -
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Die Bildkonfiguration wird auch christlich vereinnahmt. Mit P[ieter] Nagel [aktiv 1569–1604] fexit ist dieses Bild signiert:

%width=500px%Attach:lex_et_gratia.jpg

Quelle > https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nagel_Law_and_grace.jpg

Der Mensch (''ego miser'') steht zwischen zwei Männern: Moses und Johannes dem Täufer

Die Bildunterschrift: ''Lex per Moisen data est; gratia et veritas per Iesvm Christvum Dominvm nostrvm''

Auf der Moses-Seite: Sündenfall, Grab mit dem Skelett des Sünders, aber immerhin die erhöhte Schlange\\
Auf der Christus-Seite: die Kreuzigung, der Auferstehende, der Tod der Hölle
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Johann Christoph Salbach Philologischer-merckwürdiger Curiositäten/ Anhang und Fortsetzung Durch Beschreibung Der Sibyllen und andere dergleichen Wahrsagung Weibern-Geschichten/ Mit ihren Bildnüssen / Allen Liebhabern Historischer Wissenschafften zu Lieb aus der Englischen in die Hochteusche Sprach zum ersten mahl gebracht, In Verlegung, Ludwig Bourgeat, Universität-Buchführer in Mayntz 1678.

https://books.google.ch/books?id=WNZmAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_s
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%green%Johann Christoph Salbach, Philologischer-merckwürdiger Curiositäten/ Anhang und Fortsetzung Durch Beschreibung Der Sibyllen und andere dergleichen Wahrsagung Weibern-Geschichten/ Mit ihren Bildnüssen / Allen Liebhabern Historischer Wissenschafften zu Lieb aus der Englischen in die Hochteusche Sprach zum ersten mahl gebracht, In Verlegung, Ludwig Bourgeat, Universität-Buchführer in Mayntz 1678.%%

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https://books.google.ch/books?id=WNZmAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_s
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(2) Die Moral beruht auf einer Bifurkation, tertium non datur. Als gäbe es nicht die aristotelische Ethik des »Mittelwegs«. Aristoteles, Nikomachische Ethik 2, 6: Die Tugend / Vortrefflichkeit ist eine Haltung, die in der Mitte liegt, die durch vernünftige Überlegung bestimmt ist, und zwar durch die, mittels derer der Kluge die Mitte bestimmen würde. Sie ist aber Mitte von zwei Schlechtigkeiten, einer des Übermaßes und einer des Mangels. usw.  Bei Furcht und Mut ist die Tapferkeit die Mitte. usw.

(3) Der Rat der hübschen Frau und die Verlockungen eines prächtigen Lebens führen zwingend ins Verderben. An den Höfen zelebrierte die Leisure Class eine Kultur mit Mahlzeitorgien, Feuerwerken, Festzügen, Galanterien u.a.m , wo die Adligen sich in üppiger Pracht überboten.
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(2) Die Moral der Herakles-Geschichte beruht auf einer Bifurkation, tertium non datur. Als gäbe es nicht die aristotelische Ethik des »Mittelwegs«. Aristoteles, Nikomachische Ethik 2, 6: Die Tugend / Vortrefflichkeit ist eine Haltung, die in der Mitte liegt, die durch vernünftige Überlegung bestimmt ist, und zwar durch die, mittels derer der Kluge die Mitte bestimmen würde. Sie ist aber Mitte von zwei Schlechtigkeiten, einer des Übermaßes und einer des Mangels. usw.  Bei Furcht und Mut ist die Tapferkeit die Mitte. usw.

(3) Der Rat der hübschen Frau und die Verlockungen eines prächtigen Lebens führen zwingend ins Verderben. An den Höfen zelebrierte die Leisure Class eine Kultur mit Mahlzeitorgien, Feuerwerken, Festzügen, Galanterien u.a.m , wo die Adligen sich in üppiger Pracht überboten. (Vielleicht tragen die Varianten von Frölich und Hunold dieser Einsicht Rechnung.)
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Für viele Hinweise danke ich Daniel Candinas. – P.Michel – letzte Änderung: 18. Mai 2017 – {$PageCount}
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Für viele Hinweise danke ich Daniel Candinas. – P.Michel – letzte Änderung: 16. Juni 2017 – {$PageCount}
June 16, 2017, at 03:20 PM by 130.60.206.133 -
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Der skandalumwitterte Christian Friedrich '''Hunold''' (1680–1721), berüchtigt als galanter Kritiker der barocken Moralität, setzt '''1718''' in seine Ausgabe %green%Auserlesene und theils noch nie gedruckte Gedichte unterschiedener Berühmten und geschickten Männer zusammen getragen und nebst seinen eigenen an das Licht gestellt von MENANTES, Erstes Stück Halle im Magdeburgischen Neue Buchhandlung [1718]%% folgendes Titelkupfer, wo die beiden Wege am Ende wieder zusammenführen:

%width=350px%Attach:Menantes_1718.jpg

> http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10111708-3

''Erklärung des Kupfers. An den Leser.''

''Die Poesie zeigt dir den breiten Weg/\\
Der voller Anmuth stecket.\\
Doch Hercules geht eine rauhen Steg;\\
Der aber keinen Edlen schrecket.\\
Bist du geschickt/ so gehe beyde.\\
Wo nicht/ so meide\\
Der Poesie beliebte Bahn.\\
Alcides [ = Herkules] steigt getrost den Felsen an;\\
Er tritt zuerst auf Drachen.\\
Ihm folgt ein Held; dem werden Rosen lachen/\\
Wo itzo Dornen stehn/\\
Er wird vergnügt/\\
Nachdem er sich besiegt/\\
Zur Weisheit und zur Tugend gehn.''

In der Vorrede bringt er die bekannten Topoi zum Thema Nutzen der Poesie für einen tugendhaften Lebenswandel, dann fügt er hinzu, er wolle zeigen, ''Daß die Poesie ihre Liebhaber auf einem breiten und angenehmen Wege zur Weisheit und Tugend führe.'' Und: ''Man könne zur Weisheit und Tugend, nach welcher Hercules mit vieler Mühe auf einem rauhen Wege steiget, einiger massen durch die Poesie auf eine vergnügtere Weise gelangen.''

%green%Literaturhinweis: Wilhelm Voßkamp, Artikel »Christian Friedrich Hunold (Menantes)« in: Harald Steinhagen / Benno von Wiese (Hgg.), Deutsche Dichter des 17. Jahrhunderts. Ihr Leben und Werk, Berlin: Erich Schmidt 1984, S.852–870.

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Seltsam sind die Bildunterschriften auf diesem Kupfer:

%width=500px%Attach:Froelich_1644.jpg

%green%David Frölich (1595-1648) Bibliotheca, seu Cynosura Peregrinantium, hoc est, Viatorium, Ulm: Endter '''1644'''.%% >
http://digitale.bibliothek.uni-halle.de/vd17/content/pageview/9239713


Unter der züchtig gekleideten Frau mit dem zum Tempel führenden Berg im Hintergrund steht der berühmte Satz ''Per aspera ad astra'' – unter der üppig gekleideten Dame mit dem Lustgarten im Hintergrund steht ''Per læta ad l[a]etum'' [durch Freudiges zur Freude]. Dazwischen steht neutral ''moniti meliora sequemur'' [etwa: Ermahnt, werden wir das Bessere verfolgen.] Dass die Ermahnung zur Freude negativ zu verstehen sei, wird keineswegs gesagt.

Das Buch von Frölich enthält eine [[https://de.wikipedia.org/wiki/Apodemik|Apodemik]], d.h. eine Unterrichtung, wie man reisen soll.

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Der skandalumwitterte Christian Friedrich '''Hunold''' (1680–1721), berüchtigt als galanter Kritiker der barocken Moralität, setzt '''1718''' in seine Ausgabe %green%Auserlesene und theils noch nie gedruckte Gedichte unterschiedener Berühmten und geschickten Männer zusammen getragen und nebst seinen eigenen an das Licht gestellt von MENANTES, Erstes Stück Halle im Magdeburgischen Neue Buchhandlung [1718]%% folgendes Titelkupfer, wo die beiden Wege am Ende wieder zusammenführen:

%width=350px%Attach:Menantes_1718.jpg

> http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10111708-3

''Erklärung des Kupfers. An den Leser.''

''Die Poesie zeigt dir den breiten Weg/\\
Der voller Anmuth stecket.\\
Doch Hercules geht eine rauhen Steg;\\
Der aber keinen Edlen schrecket.\\
Bist du geschickt/ so gehe beyde.\\
Wo nicht/ so meide\\
Der Poesie beliebte Bahn.\\
Alcides [ = Herkules] steigt getrost den Felsen an;\\
Er tritt zuerst auf Drachen.\\
Ihm folgt ein Held; dem werden Rosen lachen/\\
Wo itzo Dornen stehn/\\
Er wird vergnügt/\\
Nachdem er sich besiegt/\\
Zur Weisheit und zur Tugend gehn.''

In der Vorrede bringt er die bekannten Topoi zum Thema Nutzen der Poesie für einen tugendhaften Lebenswandel, dann fügt er hinzu, er wolle zeigen, ''Daß die Poesie ihre Liebhaber auf einem breiten und angenehmen Wege zur Weisheit und Tugend führe.'' Und: ''Man könne zur Weisheit und Tugend, nach welcher Hercules mit vieler Mühe auf einem rauhen Wege steiget, einiger massen durch die Poesie auf eine vergnügtere Weise gelangen.''

%green%Literaturhinweis: Wilhelm Voßkamp, Artikel »Christian Friedrich Hunold (Menantes)« in: Harald Steinhagen / Benno von Wiese (Hgg.), Deutsche Dichter des 17. Jahrhunderts. Ihr Leben und Werk, Berlin: Erich Schmidt 1984, S.852–870.

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May 18, 2017, at 07:59 PM by 130.60.206.132 -
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Für viele Hinweise danke ich Daniel Candinas. – P.Michel – letzte Änderung: 26.4.2017 – {$PageCount}
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Für viele Hinweise danke ich Daniel Candinas. – P.Michel – letzte Änderung: 18. Mai 2017 – {$PageCount}
May 18, 2017, at 07:57 PM by 130.60.206.132 -
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Johann Pinicianus (1477/78 – 1542), Carmen ad libellum ut sibi patronum querat. Virtus et voluptas. Carmen de origine ducum Austriae et alia. Carmen de armis Venetorum, Augustae: Joh. Othmar '''1511'''.
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%width=360px%Attach:Karl_V.jpg

%green%Johann Pinicianus (1477/78 – 1542), Carmen ad libellum ut sibi patronum querat. Virtus et voluptas. Carmen de origine ducum Austriae et alia. Carmen de armis Venetorum, Augustae: Joh. Othmar '''1511'''%%.
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Vgl. %green%Franz Joseph Worstbrock, Artikel »Pinicianus, Johannes« in: Deutscher Humanismus 1480-1520. Verfasserlexikon Band 2 (2009ff.), Sp. 445-465.
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Vgl. Franz Joseph Worstbrock, Artikel »Pinicianus, Johannes« in: Deutscher Humanismus 1480-1520. Verfasserlexikon Band 2 (2009ff.), Sp. 445-465.
May 18, 2017, at 07:55 PM by 130.60.206.132 - pm
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Johann Pinicianus (1477/78 1542), Carmen ad libellum ut sibi patronum querat. Virtus et voluptas. Carmen de origine ducum Austriae et alia. Carmen de armis Venetorum, Augustae: Joh. Othmar '''1511'''.
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Johann Pinicianus (1477/78 1542), Carmen ad libellum ut sibi patronum querat. Virtus et voluptas. Carmen de origine ducum Austriae et alia. Carmen de armis Venetorum, Augustae: Joh. Othmar '''1511'''.
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Vgl. Franz Joseph Worstbrock, Artikel »Pinicianus, Johannes« in: Deutscher Humanismus 1480-1520. Verfasserlexikon Band 2 (2009ff.), Sp. 445-465.
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Vgl. %green%Franz Joseph Worstbrock, Artikel »Pinicianus, Johannes« in: Deutscher Humanismus 1480-1520. Verfasserlexikon Band 2 (2009ff.), Sp. 445-465.
May 18, 2017, at 07:50 PM by 130.60.206.132 - pm
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Holzschnitt von Hans Burgkmair d. Ä. zu dem in Prosadialogen gestalteten, den jungen Karl (geboren 1500; ab 1520 Kaiser Karl V. HRR), Maximilians I. Enkel, ermahnenden Spiel »Virtus et Voluptas«.

Attach:Karl_V.jpg

Johann Pinicianus (1477/78 — 1542), Carmen ad libellum ut sibi patronum querat. Virtus et voluptas. Carmen de origine ducum Austriae et alia. Carmen de armis Venetorum, Augustae: Joh. Othmar '''1511'''.

> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00013835/image_11

Vgl. Franz Joseph Worstbrock, Artikel »Pinicianus, Johannes« in: Deutscher Humanismus 1480-1520. Verfasserlexikon Band 2 (2009ff.), Sp. 445-465.

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!!Herakles am Scheideweg

(The Choice of Heracles/Hercules; Hercule à la croisée des chemins)

!!!Einleitung:


Die Zweiwegelehre hat heidnisch-antike wie jüdisch-christliche Wurzeln:

'''Xenophon''' (gest. nach 355 BCE), »Memorabilien« (= Erinnerungen an Sokrates) 2, 1, 21–34.

->''Als Herakles im Begriffe stand, aus dem Knaben- in das Jünglingsalter überzutreten, in dem die Jünglinge bereits selbständig werden und zeigen, ob sie den Weg der Tugend oder des Lasters zu ihrem Lebenswege machen wollen, sei er an einen einsamen Ort hinausgegangen, habe sich daselbst niedergesetzt, unschlüssig, welchen von beiden Wegen er einschlagen solle.''

->''Da habe er zwei Frauen auf sich zukommen sehen; die eine war schön anzusehen und edel, ihr Leib war rein, ihre Augen schamhaft, ihre Haltung sittsam; ihre Kleidung war weiß. Die andere war wohlgenährt bis zur Fleischigkeit und Üppigkeit, sie war geschminkt, so dass sie weißer und röter sich darzustellen schien, als sie wirklich war, und ihre Haltung so, daß sie gerader zu sein schien als von Natur; die Augen habe sie weit offen gehabt und ein Kleid aus feinem Stoff getragen, aus dem  die jugendliche Schönheit hindurchschimmerte; wiederholt habe sie sich selbst angesehen, aber auch sich umgesehen, ob sie auch ein anderer beschaue, oft habe sie auch nach ihrem eigenen Schatten hingesehen.''

->Die üppige Dame möchte Herakles verführen zu einem angenehmen Leben; die edle Frau stellt ihm Anstrengungen auf dem Weg zum Glück in Aussicht usw. – Den ganzen Text kann man in der Übersetzung von Otto Güthling (1883) hier nachlesen: http://gutenberg.spiegel.de/buch/xenophons-erinnerungen-an-sokrates-879/9

--> Bekannt war die lat. Fassung von Cicero, de off I,118. Das Exzerpt aus Xenophon mit der Hercules-Geschichte kursierte in lateinischen Übersetzungen seit der Mitte des 15.Jhs. in Hss.; vgl. David Marsh, in: Virginia Brown, Paul Oskar Kristeller u.a., Catalogus Translationum Et Commentariorum: Medieval and Renaissance Latin Translations and Commentaires, Vol. 7, Washington, D.C. 1992, pp. 164ff. und Wuttke S. 118ff. – Der griechische Text der Memorabilia wurde erst 1516 im Druck ediert.


'''Matthäus-Evangelium''' 7,13-14: ''Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind's, die auf ihm hineingehen. Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind's, die ihn finden!''

->Schon in Jeremias 21,8 ist das Bild ausgeprägt: ''Siehe, ich lege euch vor den Weg des Lebens und den Weg des Todes''. Sprüche 28,6. 18 erscheinen die zwei Wege als fest geprägter Terminus. In der altjüdischen Literatur ist das Bild ziemlich häufig, vgl. %green%[Hermann Strack] / Paul Billerbeck, Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch, 6 Bde., München 1922–1961, Bd. I, 460–464.%%

Die '''bildliche Umsetzung''' der Zweiwegelehre hat unterschiedliche Ausprägungen.

Die Vorstellung des Buchstabens '''Y''' findet sich als prägnant ausformulierter Text zuerst bei '''Persius''' (34–62), Satire III, Vers 56f. Er schreibt (gegen die verweichlichte römische Jugend):

''et tibi quae Samios diduxit littera ramos\\
surgentem dextro monstrauit limite callem.''

''Auch zeigte dir jener Buchstabe, der die pythagoreischen Äste auseinanderklaffen [ließ >] lässt, durch seinen rechten Strich den emporsteigenden Bergpfad.''

->Kommentar: ''littera'' ist das Subjekt von ''diduxit''. – ''Samios ramos'' (Akkusativobjekt): Pythagoras stammt aus Samos. – ''diduxit'': ›diducere‹ ›auseinandersperren‹; der resultative Charakter des Perfekts ''deduxit'' (wie im Griechischen) wird als Präsens wiedergegeben. – ''dextro limite'': mit dem rechten Strich.

->In den beiden Versen sind bereits die Bildpotentiale angelegt, die später immer wieder vorkommen: ''littera'': der Buchstabe Y – ''rami, diducere'': die gegabelten Zweige am Baum – ''callis'': der Weg – ''surgens'': aufsteigend, bergan – ''dexter'': rechts.
 

-<Die sparsamste Variante zeigt nur den (von Pythagoras oder einer Trägerfigur emporgehaltenen) Buchstaben '''Y'''.

-<Das Y kann ausgestaltet sein als zwei Zweige an einem Stamm: der eine verdorrend, der andere blühend.

-<Es kann eine Weggabelung in einer Landschaft gezeigt werden, entweder schlicht oder mit entsprechenden Stationen ausgebaut wie auf dem Bild von Charlotte Reihlen.

-<Es können auch die beiden Frauengestalten aus Prodikos’ Erzählung bei Xenophon dargestellt sein: eine üppige (gern nackte) und eine karge (züchtig bekleidete) Frau.

-<Die Konnotationen von rechts und links: Zu erinnern ist an die

--<Szene der Kreuzigung: Zur Linken von Jesus ist der böse Schächer mit verkrümmtem Körper, ggf. empfängt ein Teufelchen seine aus dem Mund austretende Seele – zu seiner Rechten ist der reuige Schächter (apokryph Dismas genannt), zum Himmel aufblickend, ggf. mit Heiligenschein.

--<Szene des Jüngsten Gerichts: zur Linken des Haupts von Gottvater ein Schwert; zur Rechten eine Lilie. – Die Sünder werden zu seiner Linken abgeführt; die Guten wandeln zu seiner Rechten ins Paradies.

--<Herakles: Es gibt zwei Varianten. Variante (1): vom Betrachter aus ist der Tugendweg rechts (so bei Jakob Locher) links (so bei Gerard de Jode, J.-J. Boissard); – Variante (2): vom zum Betrachter blickenden Herakles aus ist der Tugendweg rechts, das heißt: rechts im heraldischen Sinne (so bei Lucas Cranach, G.Rollenhagen, Ch. Murer, C. Meyer). So auch bei T. Stimmer, aber mit der Komplikation, dass sich Herakles ins Bild wendet.


Wir folgen den Dokumenten chronologisch.

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Wegen ihrer multiplizierenden Potenz sei aus der Fülle der Belegstellen hervorgehoben die Stelle bei '''Isidor von Sevilla''', »Etymologien« (I,iii,7), der sagt, dass der rechte Weg beschwerlich (''dextra pars ardua'') ist, der linke bequemer (''facilior''): 

->''&#933; litteram Pythagoras Samius ad exemplum vitae humanae primus formavit; cuius virgula subterior primam aetatem significat, incertam quippe et quae adhuc se nec vitiis nec virtutibus dedit. Bivium autem, quod superest, ab adolescentia incipit: cuius dextra pars ardua est, sed ad beatam vitam tendens: sinistra facilior, sed ad labem interitumque deducens. De qua sic Persius ait (3,56):\\
Et tibi qua Samios deduxit littera ramos,\\
surgentem dextro monstravit limite callem.''

Der Kirchenvater '''Basilius von Cäsarea''' († 379), »Mahnwort an die Jugend über den nützlichen Gebrauch der heidnischen Literatur« (Ad adolescentes), kennt die Geschichte:

->4. Kapitel […] ''der Sophist von Chios [Prodikos] hat sich irgendwo in seinen Schriften ähnlich zur Tugend und zum Laster geäußert; auch ihm müssen wir unsere Aufmerksamkeit schenken; denn der Mann ist nicht zu verachten. Sein Bericht – ich entsinne mich nur des Inhaltes; denn vom Wortlaut weiß ich nur soviel, daß er schlicht und in ungebundener Rede gesprochen – besagt etwa folgendes: Dem jungen, etwa euch gleichaltrigen Herkules seien in der Schwebe, welchen Weg er einschlagen solle, ob den beschwerlichen Weg zur Tugend oder den andern, ganz leichten, zwei Frauen erschienen, nämlich die Tugend und das Laster. Obschon sie geschwiegen, hätten sie schon in ihrem Äußern ihre Verschiedenheit verraten. Die eine, künstlich aufgeputzt und verschönt, sei vor Lust und Schmachtung fast vergangen und hätte in ihrem Gefolge einen ganzen Haufen von Vergnügen gehabt, habe diese und noch mehr angeboten, um so den Herkules an sich zu locken. Die andere sei mager und schmucklos gewesen und ernst ihr Blick, und sie hätte ganz anders gesprochen: sie habe nichts Leichtes und Angenehmes in Aussicht gestellt, sondern unzählig viel Schweißtropfen und Mühen und Gefahren allüberall zu Wasser und zu Lande; aber zum Lohne dafür würde er, wie jener Bericht lautet, ein Gott werden. Ihr nun sei Herkules bis zu seinem Tode gefolgt.''

->%green%Des heiligen Kirchenlehrers Basilius des Grossen ausgewählte Schriften, aus dem Griechischen übers.,Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 47) Kempten / München: Kösel / Pustet 1925. – Digital (EDV-lesbar):  http://www.unifr.ch/bkv/kapitel2129-3.htm

Und damit endlich einmal ein deutschsprachiges (und damit leichtverständliches!) Zitat zum Zug kommt, hier die Stelle aus '''Notker'''s Kommentar zu Martianus Capella:

->''»Literam quoque quam prudens samius .i. phitagoras estimauit asserere uim mortalitatis. in locum proximum sumit.« Sî nám ouh nâh témo  chi . dén bûochstáb tén phitagoras . fóne samo insula . uuânda dero ménniscôn lîb zéigôn . íh méino . y. dér fóne éinemo zínken in zuêne síh spáltet . álso óuh ter ménnisco nâh tero chíndiskûn éinfalti . éinuueder gefáhet zu zéseuuûn . also zu uuínsterûn. dáz chît ad uirtutes . álde ad uitia''

->%green%Ausgabe von Sehrt / Strack 1935, S.124; Handschrift: Stiftsbibliothek S.Gallen, Codex 872; Digitalisat der Hs.: http://e-codices_csg-0872_091

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%width=400px%Attach:Y_Ps_Vergil.jpg

Ein pseudo-vergilisches Gedicht; aus der Vergil-Ausgabe des Sebastian Brant Straßburg 1502. (Der Text galt im 16. Jh. als antik; er wird noch von Cesare Ripa zitiert. Moderne Datierungen schwanken zwischen dem '''5. und 11. Jh.''')

%green%Publij Virgilij maronis opera cum quinque vulgatis commentariis … expolitissimisque figuris atque imaginibus nuper per Sebastianum Brant superadditis, … 1502.%% — Digitalisat:
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/vergil1502 --- unter "Kleinere Schriften"

''Littera Pythagorae discrimine secta bicorni,\\
Humanae vitae speciem praeferre videtur. \\
Nam via virtutis dextrum petit ardua callem\\
Difficilemque aditum primum spectantibus offert, \\
Sed requiem praebet fessis in vertice summo.\\
Molle ostentat iter via lata, sed ultima meta\\
Praecipitat captos; voluitque per ardua saxa.\\
Quisquis enim duros calles [casus] virtutis amore\\
Vicerit, ille sibi laudemque decusque parabit.\\
At qui desidiam luxumque sequetur inertem\\
Dum fugit oppositos incauta mente labores\\
Turpis inopsque simul miserabile transigit aevum.''

Hans Sachs hat das am 24. Juli '''1534''' so umgedichtet:

''Der buchstab Pitagore Y, bayderley straß, der tugent und untugend.''

''Virgilius, der best poet,\\
Gantz klerlichen beschreiben thet\\
Zu undterricht der zarten jugend\\
Beyde der wollüst und der tugendt\\
Durch ein kriechischen buchstab (wist!),\\
Der hie oben verzeichnet ist,\\
Welchen Pitagoroß erfand\\
Und wirt ein ypsilon genandt,\\
Virgilius der spricht (versteh!):\\
Dieser buchstab Pytagore\\
Ist oben zerspalten von weytten\\
Gleich wie zway hörner auff baid seyten,\\
An zu schawen, sam zeig er, das\\
Menschlichs lebens zwayerley straß.''

''Erstlich der hoch weg zayget an\\
Der tugend straß, der ghrechten pan;\\
Die bringet erstlich im anfang\\
Entgegen ein hertten angang;\\
Den müden aber gibt er rhu.\\
So sie kummen hin nauff darzu\\
Der höchsten tugentsamen spitzen,\\
Da mügen sie geruhsam sitzen.''

''Die ander straß gar senfft und weit\\
Zeigt uns an die wollustbarkeit.\\
Aber das letst zil stürtzt die armen\\
Ab durch die felsen an [ohne] erbarmen.''\\

''Wer nun der hertten fell entpfind,\\
Durch lieb der tugend uberwind,\\
Der wirt im zu ewigen zeitten\\
Lob, ehr und grosses preiß bereyten.\\
Wer aber in faulkeyt besteht\\
Und dem schnöden wollust nach geht,\\
Sich vor der tugent arbeit hüt\\
Mit unfürsichtigem gemüt,\\
Der selbig arm, elend und schendlich\\
Verzeren muß sein alter endlich.''

''So end sich des poeten dicht,\\
Ein schöne kurtze undterricht\\
Zwischen dem wollust und der tugend\\
Zu Warnung der blünden Jugend,\\
Die allmal ein falsch urtail feit,\\
Wollust für tugend ausserwelt.''

''Der tugent straß haist streng und hart,\\
Langwillig und trawriger art;\\
Derhab sie auch mit grossem hauffen\\
Der schnöden woüst nach ist lauffen.\\
Die Straß dünckt sie süß, senfft und gut.\\
Darauff verdirbt manch junges blut.''\\
[…]

%green%Hans Sachs, Werke hg. Adelbert von Keller Band III, S.92–94 (Bibliothek des Litterarischen Vereins in Stuttgart CIV), Tübingen 1870.

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'''Sebastian Brant''', »Narrenschiff« ('''1494'''); Kapitel 107 (moderne Zählung) ''Von lon der wisheit''

''Z&#367;r rechten hand fyndt man die kron\\
Z&#367;r lyncken hant / die kappen ston\\
Den selben weg / all narren gon\\
Vnd fynden entlich / bœsen lon''

%width=300px%Attach:BRANT_NS_107.jpg

OCR_Text bei http://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/15Jh/Brant/bra_n107.html

Digitalisat: http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00036978/image_295

Der Text bei Brant nimmt ausführlich Bezug auf ''Hercles''. Die beiden Zweige des Y werden mit Krone und Narrenkappe markiert; auf der (im heraldischen wie moralischen Sinne) rechten Seite steht ein schlicht gekleideter Gelehrter mit Buch / links ein protzig gekleideter Mann ohne Buch; wenn der Hintergrund etwas besagt: rechts vor einem Wald / links vor einer Stadt.

Tobias Stimmer hat in der überarbeiteten Ausgabe 1547 (hier ''Der  CVI. Narr'') das Bild verändert: Der Mann auf der Narren-Seite hält ein Buch / der Mann auf der rechten Seite in bürgerlichem Gewand hält kein Buch; allerdings hat er auch die Hintergründe ausgetauscht.

%width=400px%Attach:Stimmer_Y.jpg

Das passt besser zu den Eingangsversen Brants (und zu seinem Zitat 1.Cor 3,19: Sapientia hujus mundi stultitia est apud Deum):

''Noch grosser kunst steltt mancher thor\\
Wie er bald werd meyster/ doctor/\\
Vnd man jnn haltt/ der weltt eyn liecht''

%green%Welt Spiegel/ oder Narren Schiff darinn aller Ständt schandt vnd laster/ vppiges leben/ grobe Narrechte sitten/ vnd der Weltlauff/ gleich als in einem Spiegel gesehen vnd gestrafft werden: alles auff Sebastian Brands Reimen gerichtet; Aber/ […] Durch den hochgelerte Johan. Geyler in Lateinischer sprach beschrieben. Jetzt aber mit sonderm fleiß auß dem Latein inn das recht hoch Teutsch gebracht […] Durch Nicolaum Höniger von Tauber Königshoffen, Basel: Heinricpetri 1574.

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In der lateinischen Übersetzung des Narrenschiffs von Jacob Locher (1497) wird Herkules träumend gezeigt; eine Erfindung Brants, der sich von der Szene des Paris-Urteils hat inspirieren lassen (vgl. Panofsky S.58ff.)

%width=400px%Attach:concertatio_virtutis.jpg

Stultifera navis, a Jacobo Locher, cognomento Philomusum Suevum in latinum traducta translata, cum suppletionibus eiusdem Sebastian Brant, Basel: Johann Bergmann '''1497'''; fol. 130r: ''Concertatio virtutis cum voluptate'' —
Vorzüglich erschlossenes Digitalisat der TU Darmstadt: http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/inc-ii-219

%green%Nina Hartl, Die »Stultifera navis«: Jakob Lochers Übertragung von Brants »Narrenschiff«, Teiledition und Übersetzung. Münster u.a.: Waxmann 2001 (2 Bände); Nr. 114: Concertatio Virtutis cum Voluptate = Herakles am Scheideweg = Band I, S. 150ff. / II, S. 316–333 [Text und dt. Übersetzung]

(Erste) Bildunterschrift:

''Wettstreit  von Virtus und Voluptas\\
Betrachte den Kampf der Virtus und der schamlosen Voluptas, sieh sodann ihre eitlen Freuden! Herkules° so lesen wir, sah, als er einmal schlafend dalag, [vor sich] zwei unterschiedlich schwierige Wege. Die Beschaffenheit und das Ende beider und sein Leben und Ziel bedenkend, begann er den Weg der Virtus zu gehen.'' (Übersetzung von N. Hartl)

-->°) &#7944;&#955;&#954;&#949;&#912;&#948;&#951;&#962;, lat. Alcides, ist ein Beiname des Herakles (als ›Enkel‹ des Alkaios von Tirynth); hier Akkusativ ''Alciden'', abhängig von ''legimus'' + A_c_I.

Bild:

Auf der Bild-Ebene der Wirklichkeit liegt ein Mann mit Rüstung (den Helm mit Helmbusch hat er abgelegt) - Herakles - schlafend auf dem Boden (Rüstung: auch Bezug zur Vorstellung des ›miles christianus‹?). Die beiden Hügel mit Frauen gehören zur Bild-Ebene des Traums.

Die Bild-Ebene ist bildnerisch und inhaltlich zweigeteilt. Das entspricht den Ausdrücken ''concertatio'' (Titel) und ''conflictum'' (Z.1) sowie ''ambiguas / difficilesque''.

->Ein Weg verzweigt sich und führt auf zwei Hügel.

-->Der (vom Betrachter aus gesehen linke = falsche) Weg ist breiter und auf ihm gibt es keine Steine. Auf dem Hügel steht eine bis auf ein Band, das die Scham halb verdeckt, unbekleidete junge Frau (Gesicht ohne Falten) - gemäß dem Text die Wollust (voluptas) - vor einem blühenden Busch, aus dem ein Skelett (= der Tod) hervorschaut (vgl. im Text: ''gaudia vana''). Darüber entlädt sich ein Gewitter.

-->Der rechte (= richtige) Weg ist schmaler und steinig. Auf dem Hügel steht eine bis auf das Gesicht verhüllte alte Frau (Gesicht mit Falten) - gemäß dem Text die Tugend (virtus) - vor einem Gestrüpp. In der rechten Hand hält sie eine Kunkel, symbolisch für die häusliche Arbeit. Darüber wölbt sich ein Sternenhimmel.

Die im Text berichtete - hier im Traum stattfindende - Erwägung (''scrutans'') und Entscheidung (''virtutis coepit inire viam'') kann im Bild nicht dargestellt werden. Auf anderen Bildern weist Herakles mit einer Handgeste auf die rechte Seite.

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Der gelehrte Buchdrucker '''Geoffroy Tory''' (1480–1533) wollte mit seinem der Typographie gewidmeten Buch ''Champfleury'' von den gebrochenen Schriften zu einer an der antike orientierten Typographie führen. Über Anweisungen zum Schnitt der Buchstaben hinaus gibt er auch allegorische Auslegungen der einzelnen Buchstaben.

%green%Geoffroy Tory, Champ fleury. Au quel est contenu l’Art & Science de la deue & vraye Proportion des Lettres Attiques, qu'on dit autrement Lettres Antiques, & vulgairement Lettres Romaines proportionnees selon le Corps & Visage humain, Paris '''1529'''. — Vorzüglich erschlossenes Digitalisat mit maschinenlesbarem Text: http://www.bvh.univ-tours.fr/Consult/index.asp?numfiche=649 (Bibliothèques Virtuelles Humanistes - Bibliothèque municipale de Blois)

Zum Buchstaben Y (Le Tiers Livre, Lettre Y, fol 62v) bringt er die pythagoräische Geschichte:

''Pour vous bailler myeulx a cognoistre ceste Pytagorique / & divine lettre Ypsilon, je la vous ay figuree encores cy dessoubz et Imagineres que la jambe droicte & plus large est la voye de Adolescence, Le bras de la dicte Lettre qui est plus large, la voye de volupte. & le bras plus estroit / la voye de vertus / afin qu’en facez ung Festin pendu en l’estude & contoir de vostre bonne memoire, & vertueuse contemplation''

%width=400px%Attach:Tory_Champfleury_Y1.jpg

''Contemplez icy le gracieulx & beau Festin que je vous ay faict, o jeunes & bons amateurs de Vertus, & y prenez bien garde commant a la pante de la voye de volupte je ay figure & atache une espee, ung foit, des verges, ung gibet, & ung feu. pour monstrer qu’en fin de Volupte dependent & s’ensuyvent tous miserables maulx & griefz torments. Du coste de la voye de Vertus, je y ay faict une aultre pante, ou j’ay mis & atache en deseing & figure, ung chapeau de Laurier, des Palmes, des Sceptres, & une Coronne, pour bailler a cognoistre & a entendre, que de Vertus vient toute gloire pure, tout pris, tout honneur, & toute royalle domination.''

Ein zweites  Bild ist noch deutlicher:

%width=400px%Attach:Tory_Champfleury_Y2.jpg

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Nicolas '''du Chemin''' († 1576) druckt seit 1549 in Paris musikalische Werke; dabei verwendet er als Druckermarke das pythagoreische Y. Der Text: ''Elige'' (wähle aus) — ''via lata'' (der breite Weg) [führt zu] ''poenam'' (Bestrafung, Qual) / ''via arcta'' (der schmale Weg) [führt zu] ''gloriam'' (Ehre).

Attach:nicolas_du_chemin.jpg

(Ausschnitt) %green%Missa cum quinque vocibus … auctore D. Claudio de Sermisy, Paris '''1556'''.%% — http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b55008880s


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%width=500px%http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4b/Lucas_Cranach_d.%C3%84._-_Herkules_am_Scheideweg_%28Herzog_Anton_Ulrich-Museum%29.jpg

Das Bild von '''Lucas Cranach''' dem Älteren (1472–1553) (Quelle: [[http://goo.gl/RGrBWH|wikimedia]]) ist betitelt: ''Sollicitant iuvenem virtus ac blanda voluptas'' (Es irritieren den Jüngling die Tugend und die einschmeichelnde Sinnlichkeit.)

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%width=400px%Attach:lotto.jpg

'''Lorenzo Lotto''' malt '''1550''' eine »Allegoria degli appetiti dell’anima razionale«  ([[http://www.nga.gov/content/ngaweb/Collection/art-object-page.297.html|Washington, National Gallery of Art]]) Hier sind die beiden Orientierungen durch den grünenden und den abgebrochenen Teil eines Baumes realisiert, auf der guten Seite beschäftigt sich ein nacktes Kind mit Zirkel, Winkelmaß und dergleichen – auf der schlechten ergibt sich ein Faun dem Trunk; im Hintergrund ein Schiffbruch.

[[http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/7c/Lorenzo_Lotto_-_Allégorie_de_la_Vertu_et_du_Vice_1.JPG]]

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%width=400px%Attach:jode_mikrok.jpg

Aus dem Emblembuch von %green%Gerard '''de Jode''' (1509–1591), Mikrokósmos = Paruus mundus, Antwerpen: de Jode '''1579'''.%%

''Hercules elegit virtutis callem = Hercules wählte den Pfad der Tugend. Als Hercules unter einer Fichte schlief, erblickte er auf der einen Seite die Göttin der Tugend, die ihm einen schwierigen Weg in die Höhe wies, auf der anderen Seite Venus, die ihm einen angenehmen Weg zeigte, der jedoch abschüssig ist und ins Verderben führt.''

Digitalisat: http://www.uni-mannheim.de/mateo/desbillons/mikro/seite54.html

mit deutscher Übersetzung: Martin Meyer 1670: https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=uiuo.ark:/13960/t0xp7hh90;view=1up;seq=112

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Die Kombination des Y mit einem Baum kann auf der ›Bedeutungsaffinität‹ (W. Harms 1975, S.100f.) des pythagoreischen Buchstabens mit dem ''Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen'' (Genesis 2.9 und 17) basieren.

Auf dem Titel von Martin de Vos / Johann Sadeler [Kupferstecher], %green%Boni et mali Scientia et quid ex horum cognitione a condito mundo succreverit declaratio, Antverpiae '''1583'''%% ist der Baum, unter dem Adam und Eva (melancholisch) sitzen, in Form eines Y gestaltet; unten erkennbar die Schlange mit dem angebissenen Apfel im Maul; auf der Tafel steht das Y mit der Beischrift ''Humanæ vitæ species'' (etwa: so ist das Leben des Menschen beschaffen).

%width=600px%Attach:Scientia_boni_mali.jpg

Digitalisat: Wellcome Library, London, V0025305


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Das Motiv ist wie zu erwarten in der Emblematik beliebt.

%width=400px%Attach:boissard.jpg

• %green%Jean Jacques '''Boissard''', Emblematum liber […] avec l’interpretation Françoise, Metz: Jean Aubry & Abraham Faber '''1588'''.%% — Digitalisat: http://www.emblems.arts.gla.ac.uk/french/emblem.php?id=FBOa006

%width=400px%Attach:reusner_hercules.jpg

• %green%Nikolaus '''Reusner''' (1545-1602), Aureola Emblemata, Thobiae Stimmeri Iconibus affabre effictis exornatus, Straßburg: B. Jobin '''1587'''.%%

Das Bild von Tobias '''Stimmer''' erscheint zuerst in Fischarts Ehzuchtbüchlein (1578; weitere Auflagen 1591, 1597); dann in Holtzwarts Emblematum Tyrocinia (1581). (Reusner erfährt noch Auflagen 1591 und 1600.)

Die Wege links und rechts sind im heraldischen Sinne als bös und gut konnotiert, so wie auf den Bildern, wo Herakles den Bildbetrachter anschaut und wie ein Lehrer sagt: rechts ist der gute Weg. Stimmer zeigt den Herakles, als hätte sich dieser eben umgedreht, in Rückenansicht. Das fordert den Betrachter auf, sich mit Herakles zu identifizieren. Aber die Konnotationen von rechts und links stimmen so nicht mehr.

->Digitalisate: http://www.uni-mannheim.de/mateo/camena/reus4/jpg/s021.html  und  http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00071517/image_31

• %green%Gabriel '''Rollenhagen''' / Crispin de Passe, Nucleus Emblematum, Arnheim '''1611/13'''%%; unter dem Titel: Sinn-Bilder, (Bibliophile Taschenbücher 378), Dortmund 1983. – I,14 ''Nescio quo vertam mentem … Ich weiß nicht, wohin ich mich wenden soll.'' In griechischen Buchstaben über Herakles steht &#960;&#972;&#964;&#949;&#961;&#959;&#957; (póteron) = ›einer von beiden‹ / ›welcher von beiden‹ / ›ob … oder‹.

%width=400px%Attach:Rollenhagen_Nescio.jpg

Digitalisat: https://archive.org/stream/nucleusemblematu00roll#page/n80/mode/1up


Beim Emblem von '''Jacob Bruck''' führen die Enden des Y einerseits zu Palmzweig, Kronen, Kranz; anderseits zu Schwert mit darum gewickelter Fessel.

Links (betrachterseitig) ist ein römischer Triumphzug dargestellt, ein Zeichen großer Ehrerweisung; das Hausdach ist angeschrieben mit [regio? latus?] ''honoris'' – rechts steht eine Statue von Herakles mit Keule in der linken, den Äpfeln der Hesperiden in der rechten Hand und über den linken Unterarm gelegtem Löwenfell; das Hausdach ist angeschrieben mit ''virtutis''.

%width=400px%Attach:Herakles_Bruck_1615.jpg

Die Verse dazu [abgedruckt bei Henkel/Schöne, Emblemata, Sp. 1295]:

''Virtute meremur honores – Durch Tugend verdienen wir Ehre''

''Nach dem anfang ° wir finden balt/\\
  Zwen Weg/ der breit zur Straffe schalt. °°\\
Der schmale ist der Tugendt Steg/\\
  Die Tugendt ist der Ehren Weg.\\
Da erlangst du von Gott die Cron/\\
  Zum Triumph in deß Himmels Thron.''

°) Gemeint ist: bei Sonnenaufgang; nach dem französischen Text am Ende der Ausgabe von 1615 ''Si tost que nous voyons de Phœbus la lumiere. / Esclairer de nos yeux L'une & lautre paupiere'' Damit könnte gemeint sein: sobald man ins Alter der Vernunft kommt.

°°) ›zu Pein bzw. Tadel führt‹ (vgl. schalten-1 im Grimmschen Wörterbuch)

• %green%Iacobi â Bruck Angermundt cogn. Sil. Emblemata moralia & bellica, nunc recens in lucem edita '''1615'''.%% > https://archive.org/details/iacobiabruckange00bruc


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%width=300px%Attach:RIPA_libero_arbitrio.jpg

''La lettera Greca Y si aggiunge allo scettro per dinotare quella sententia di Pitagora Filosofo famoso, che con essa dichiarò che la vita humana haveva due vie, come la sopradetta lettera è divisa in due rami, del quale il destro è come la via della virtù, che da principio è angusta et erta, ma nella sommità è spatiosa et agiata, et il ramo sinistro è come la strada del vitio, la quale è larga et commoda, ma finisce in angustia et precipitii, sì come molto bene spiegano i versi, i quali si attribuiscono a Virgilio.''

%green%Cesare '''Ripa''', Iconologia Overo Descrittione Di Diverse Imagini cauate dall'antichità, & di propria inuentione, Roma '''1603'''%%: ''Libero Arbitrio'' (S.296) — Vgl. das Digitalisat: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ripa1603

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Eine interessante Kombination von Y und Leiter-Allegorie im Flugblatt »L’Eschelle du Ciel & de l’Enfer« ('''1603'''); beschrieben von Wolfgang Harms in: %green%Illustrierte Flugblätter aus den Jahrhunderten der Reformation und der Glaubenskämpfe. Herausgegeben von Wolfgang Harms. Bearbeitet von Beate Rattay. Kunstsammlungen der Veste Coburg 1983%%; Nummer 116.

%width=400px%Attach:Eschelle–1603.jpg

Die zum Laster verführende Personifikation ''L’Orgveil de la Vie'' sitzt auf einem Pfau – die nach unten in einen Höllenrachen führende Leiter hat als Holme ''La conuoitise des yeux'' und ''Le desir de la cher'' [chair ›Fleisch‹]; sie beginnt mit der Sprosse ''Curiosité'', weitere Sprossen sind z.B. ''Joie illicite'', ''Mesdicance'', ''Rebellion''.

Die vom Engel ''Grace de Dieu'' empfohlene nach oben führende Leiter beginnt mit der Sprosse ''Haine de peché'' und führt über ''Charité'' zu Gott (als Tetragramm ''JHWH'').

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''VIA PERDITIONIS ET VIA SALUTIS — Zwen Weeg/ deren einer zum Verderben/ der ander zum Leben führet.''

%width=600px%Attach:via_perditionis.jpg

%green%Kupferstich, Augspurg: D.Custos '''1617'''; abgebildet bei W.Harms / J.R.Paas / M.Schilling / A.  Wang, Illustrierte Flugblätter des Barock. Eine Auswahl, Tübingen: Niemeyer 1983; S.34f.

Die dekolletierte ›Dame Welt‹ (beachte das astronomische Symbol der Erde &#9793; auf dem Haupt) zeigt dem Kavalier den blüten-bestreuten Weg, der zum Höllentor führt; der Engel weist auf den Weg, der vorbei an Dornen zur gegen die bösen Geister geschützten Gottesstadt führt. Ein lateinischer Text in Distichen und ein deutscher in Knittelversen sind dem Bild beigegeben:

''Der junge Mensch ist zweiffels voll/\\
  Vnwissend/ welchen Weeg er soll\\
Zu gehn fürnemmen/ dann das Weib/\\
  So hie gebildet schön von Leib/\\
Jm zeigt der Welt Stoltz vnd Pracht.\\
  Vnd jhm weltliche Wollust macht/\\
So honig süß/ bildet jhm ein/\\
  Wie er mög allzeit frölich sein/\\
Vnd gut täg haben in seim leben/\\
  Wann er jhr Gehör solte geben/\\
So führt sie jhn den Weeg zur Höllen.\\
  Zu jhm sich aber thut gesellen/\\
Auff andrer seit/ ein guter Geist/\\
  Der jhm den Weeg zum leben weißt/\\
Mahnt jhn von der Welt Wollust ab/\\
  Ein schmalen vnd sehr rauchen Weeg/\\
Doch sey es der recht Himmel steg.''

Literatur: %green%Wolfgang Harms, Das pythagoreische Y auf illustrierten Flugblättern des 17. Jahrhunderts, in: Antike und Abendland, Band 21 (1975), S.97–110.

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Aegidius '''Albertinus''' (1560-1620) zitiert in seinem %green%Hiren schleifer, München Niclas Hainrich '''1618'''%% die antike Geschichte nur gerade an und zieht sonst ähnliche biblische Vorstellungen bei. Der Titel lautet: ''Der Hercules schläfft vnder einem baum.'' Der Text zum Bild beginnt: ''Es sahe der H.Johannes in seiner Offenbarung am 12.Cap. zwey Weiber/ die waren einander sehr vngleich/ die eine ward ein Braut deß Bräutigams genennt/ die andere aber ein Huer: Die Braut des Lambs verzehrte ihr Leben in der Einöd/ mit Müh vnnd Arbeit: Die andere aber in allerhandt Wollüsten'' […].

%width=300px%Attach:Albertinus_Hirnschl.jpg

https://books.google.ch/books?id=aFBOAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_s

Der Kupferstecher hat die beiden Frauengestalten mit Dornen bzw. Blumen umgeben; hinter der tugendhaften erhebt sich ein Berg. Aber die Symbolik des Baums (blühender/verdorrender Ast) hat er nicht ganz erfasst.

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%width=600px%Attach:Hercules_Murer_1622.jpg

'''1622''' verfertigen der Glasmaler Hans Heinrich Rordorf und der Verleger Johann Rudolf Wolf ein Emblembuch, dessen Bilder sie aus Bühnenbildern zu einem nie aufgeführten Drama '''Christoph Murer''' (1558–1614) beziehen und holprige Verse dazu schreiben.

XXXIX. ''Wäg zum Leben oder Todt – VIA VITAE vel MORTIS''

''Hercules/ der verrümbte Held/\\
  Als er sich an den Scheidweg stelt/\\
Seins gefallens solt erwellet han/\\
  Der Tugendt als der Laster ban:\\
Als er betracht jhr beyder end/\\
  Hat sich zum weg der Tugendt gwendt.''

aus: %green%XL emblemata miscella nova. Das ist: XL underschiedliche Außerlesene Newradierte Kunststuck: Durch Eeiland den Kunstreichen und Weitberuempten Herrn Christoff Murern von Zürych inventiret unnd mit eygener handt zum Truck in Kupffer gerissen; An jetzo erstlich Zuo nutzlichem Gebrauch und Nachrichtund allen Liebhabern der Malerey in Truckgefertiget/ vnd mit allerley dazu dienstlichen aufferbaulichen Reymen erkläret: durch Johann Heinrich Rordorffen/ auch Burgern daselbst. Gedruckt zuo Zürych bey Johann Ruodolff Wolffen. Anno .DC.XXII%% — Digitalisat: http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-10598 — Literatur: Thea Vignau-Wilberg, Christoph Murer und die ›XL Emblemata miscella nova‹, Bern: Benteli 1982.

Aus dem kleinen Ratssaal Winterthur hat sich eine Ofenkachel erhalten, die Murers Bild und Text übernimmt:

%width=480px%Attach:Ofenkachel_Wth.jpg

Veröffentlichung mit freundlicher Genehemigung des [[http://historischer-verein-winterthur.ch/site/lindengut/|Museums Lindengut Winterthur]], in dessen Sammlungsdepot sich das Objekt heute befindet.

Jos Murer hatte der Virtus-Gestalt nicht nur einen Spinnrocken als Attribut beigegeben; vor ihr liegen Maurer-Werkzeuge (und gleich dort hat Murer signiert: CM). Seine Tugend liest in ihrem Buch BIBLIA, während ihre Winterthurer Kollegin – weitaus passender zu den vor ihr liegenden Werkzeugen – in ihrem Buch LABOR liest. Winterthur hatte offenbar immer schon eine positive Haltung zur Arbeit.

Vgl. %green%Margrit Früh, Winterthurer Kachelöfen für Rathäuser (Diss. Uni Zürich 1977), in: Keramik-Freunde der Schweiz, Mitteilungsblatt Nr. 95 (Rüschlikon 1981); Tafel 22 / Abb. 34.%% Digitalisat > http://dx.doi.org/10.5169/seals-395155 


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%width=500px%Attach:Scheidwaeg_1652.jpg

''Am Scheidwäg nit verfehl, die rechte Straß erwehl.''

''O, es wöll, es wöll der Himmel! daß, zuo diser Zweyfelzeit,\\
die bald heüratreiffe Jugend von dem Scheidewäg nicht weit,\\
nicht verfehl der Tugendstraß, die zwar rüher [rauher] wird geschetzet\\
alß die sanfte Wollustbahn; aber nicht wie selbe letzet [Übles zufügt].\\
Tugendstraß zum Leben führet, in des Abrahamen Schoß [Luk 16,22],\\
da, wie Lazarus zuo werden höchster Freüden mitgenoß. \\
Aber jenner Wollustwäg, wie gebahnet er gepreiset,\\
mit dem Schlämmer in den Teich, ach! in Schwäfelteich verweiset.''

%green%Einer Tugendliebenden Jugend in Zürich, ab der Bürgerbibliothec für das '''1652'''. Jahr, verehrt.%%

Kupferstich von Conrad '''Meyer''' (1618-1689); Text von Johann Wilhelm '''Simler''' (1605-1672).

Vgl. die Beschreibung der Graphischen Sammlung Stift Göttweig: http://www.gssg.at/gssg/displayDocument.do?objId=If_023

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%width=450px%Attach:COMENIUS_Bivium.jpg

'''Comenius''': %green%Joh. Amos Comenii Orbis sensualium pictus. Hoc est omnium fundamentalium in mundo rerum & in vita actionum pictura & nomenclatura. Die sichtbare Welt / das ist / Aller vornemsten Welt=Dinge und Lebens=Verrichtungen Vorbildung und Benahmung, Nürnberg: Michael Endter '''1658''', Tafel CIX ›Ethica‹%%

%width=500px%Attach:Gailer257.jpg

Und noch 1832 heißt es: ''Dieses Leben ist eine Wanderschaft, oder ein Scheidweg, dessen linker Fußsteig breit, der rechte schmal ist; jener ist der des Lasters, dieser der Tugend. – Merke auf, Jüngling! ahme dem Herkules nach! verlaß den zur linken und verabscheue das Laster! Es ist zwar ein schöner Eingang, aber ein schändlicher und jäher Ausgang. […].''

%green%Neuer Orbis Pictus für die Jugend, oder Schauplatz der Natur, der Kunst und des Menschenlebens in 316 lithographirten Abbildungen mit genauer Erklärung in deutscher, lateinischer, französischer und englischer Sprache nach der früheren Anlage des Comenius bearbeitet und dem jetzigen Zeitbedürfnisse gemäß eingerichtet von J. E. '''Gailer''', Reutlingen: J. C. Mäcken 1832. Nr. 257.%%

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Postum erscheint ein Werk von '''Laurentius von Schnüffis''' (1633–1702): %green%Lusus mirabiles orbis ludentis. Mirantische Wunder-Spiel der Welt, vorstellend die zeitliche Eitelkeit und Boßheit der Menschen/ auch anweisend Zur wharen/ un ewigen Glückseeligkeit. Opusculum posthumum A V.P. Laurentij von Schniffis […] durch einen seiner Brüder zum Druck befördert und vermehrt. Auch mit schönen Kupffern gezieret, Kempten: Gedruckt durch Caspar Rollen, und Augspurg zu finden bey Andreas Maschenbauer '''1707'''.%%
(Druckerlaubnis datiert 1702)

> http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10119697_00005.html

> https://books.google.ch/books?id=9e5PAAAAcAAJ&dq=LAURENTIUS+Lusus+mirabiles+orbis+ludentis&hl=de&source=gbs_navlinks_s

Im Vorwort seht: ''Die Welt unter denen Menschen ist anders nicht als ein eitel Spielwerck/ wie auf einer Schau=Bühne/ wo man eine Comœdie agiret/ allerhand Abwechslungen und Spiele fürgestellet werden. Einer kegelt/ der andere wirfft Kugeln. Jender spielt mit Karten/ diser mit Würffeln. […] Alles aber/ und was dergleiche mehr ist/ bestehet in der Eitelkeit/ in dem Wahn und einer blossen Einbildung.'' – Dagegen setzt Laurentius sein Buch, in dem die Spiele allegorisch-moralisch gedeutet werden.

Das zweite Spiel ist ''Grad oder Ungrad.'' Vermutlich ist das Kinderspiel gemeint, das so geht: Ein Spieler hält eine Anzahl Murmeln in der Hand und fragt einen anderen, ob diese Zahl grad oder ungrad sei. Wenn richtig geraten wird, gewinnt der Rater eine Murmel; wenn falsch, verliert er eine.

Pater Laurentius deutet die ungrade Zahl allegorisch auf verschiedene Dinge, z.B. in Strophe 5: ''Creutz/ und Leiden/ Unglück und alles Ungemach/ Die in das Hetz offt tieff einschneiden Vorauß/ wo der Geist Gottes schwach: Dahero rathet man vil lieber Grad als ungrad in diesem Spil: Ungrad sie [die Menschen] schüttelt wie ein Fieber Und schreckt sie/ wie ein Crocodil'' – Strophe 11: ''Ungrad ist ein gewises Zeichen Der Liebe Gottes […] Grad ist gemeinlich bei Gottlosen.''

Die Figur auf dem zugehörigen Bild zeigt auf die beiden Wege: der des fröhlichen Hofmanns führt zu Flammenschwert und Zuchtrute – der des ein Kreuz Tragenden zu Palm- und Lorbeerzweig (?) im Strahlenkranz. Die Texte dazu: ''Auf Lust folgt Schmertz u: Leid | Auf Schmertz folgt Lust u: freid [Freude]. – Grad ist der weg der Höllen zu | Ungrad der weg zur Himmels ruh.''

%width=350px%Attach:grad_ist_der_Weg.jpg

(Im Digitalisat der kais.kön.Hofbibliothek ist leider das bezüglich Y ebenso interessante Frontispiz unbrauchbar abgelichtet.)

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Der skandalumwitterte Christian Friedrich '''Hunold''' (1680–1721), berüchtigt als galanter Kritiker der barocken Moralität, setzt '''1718''' in seine Ausgabe %green%Auserlesene und theils noch nie gedruckte Gedichte unterschiedener Berühmten und geschickten Männer zusammen getragen und nebst seinen eigenen an das Licht gestellt von MENANTES, Erstes Stück Halle im Magdeburgischen Neue Buchhandlung [1718]%% folgendes Titelkupfer, wo die beiden Wege am Ende wieder zusammenführen:

%width=350px%Attach:Menantes_1718.jpg

> http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10111708-3

''Erklärung des Kupfers. An den Leser.''

''Die Poesie zeigt dir den breiten Weg/\\
Der voller Anmuth stecket.\\
Doch Hercules geht eine rauhen Steg;\\
Der aber keinen Edlen schrecket.\\
Bist du geschickt/ so gehe beyde.\\
Wo nicht/ so meide\\
Der Poesie beliebte Bahn.\\
Alcides [ = Herkules] steigt getrost den Felsen an;\\
Er tritt zuerst auf Drachen.\\
Ihm folgt ein Held; dem werden Rosen lachen/\\
Wo itzo Dornen stehn/\\
Er wird vergnügt/\\
Nachdem er sich besiegt/\\
Zur Weisheit und zur Tugend gehn.''

In der Vorrede bringt er die bekannten Topoi zum Thema Nutzen der Poesie für einen tugendhaften Lebenswandel, dann fügt er hinzu, er wolle zeigen, ''Daß die Poesie ihre Liebhaber auf einem breiten und angenehmen Wege zur Weisheit und Tugend führe.'' Und: ''Man könne zur Weisheit und Tugend, nach welcher Hercules mit vieler Mühe auf einem rauhen Wege steiget, einiger massen durch die Poesie auf eine vergnügtere Weise gelangen.''

%green%Literaturhinweis: Wilhelm Voßkamp, Artikel »Christian Friedrich Hunold (Menantes)« in: Harald Steinhagen / Benno von Wiese (Hgg.), Deutsche Dichter des 17. Jahrhunderts. Ihr Leben und Werk, Berlin: Erich Schmidt 1984, S.852–870.

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Der berühmte englische Schauspieler David Garrick (1717–1779) war auf der Bühne ebenso gut in tragischen wie in komischen Rollen. Joshua Reynolds (1723–1792) malte '''1760/61''' das Bild »Garrick Between Tragedy and Comedy«, “a playful parody of the classical story of Hercules choosing between pleasure and virtue, designed to emphasise Garrick’s versatility”.


%width=450px%https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/7a/Reynolds-Garrick_between_tragedy_and_comedy.jpg

Quelle: wikipedia/commons

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Beim Kupfer von Johann Heinrich '''Lips''' (1758–1817) nach der Zeichnung von Robert Strange (1721–1792) in Johann Caspar Lavater, Physiognomische Fragmente I, Leipzig und Winterthur '''1775''', nach S. 124  handelt es sich offensichtlich um eine Kopie des Ölbilds von Nicolas Poussin (circa 1636/1637).

http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-36208

http://www.nationaltrustcollections.org.uk/object/732103

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!!Spezialfälle


Im Emblembuch des %green%Ludovicus van Leuven, Amoris divini et humani antipathia, Antwerpen 1629%% werden die beiden Wege auf zwei Bilder verteilt:

Attach:0149pldl1004.jpg  Attach:0149pldl1005.jpg

''Dvas ciuitates, duo faciunt Amores; Hierusalem facit Amor Dei, Babylonem facit Amor sæculi.''

Im Kontext und mit englischer Übersetzung auf http://emblems.let.uu.nl/ad1629_1_004.html und http://emblems.let.uu.nl/ad1629_1_005.html

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Eine seltsame Kombination oder Kontamination von pythagoreischem Y und dem Motiv des Lebensbaums zeigt ein (von Schreiber auf ca. 1460 datierter) Einblattdruck:

%width=450px%Attach:Der_freie_Wille.jpg

Wien, Grafische Sammlung Albertina, Inv.-Nr.: [=DG=]1930/204 > http://tinyurl.com/jrq6feg

Der Jüngling mit dem Titulus ''der freiwille'' steht auf einem gegabelten Baum. Ein Spruchband lässt ihn sprechen: ''Ich habe czweyerhande wege | hilf got daz ich de&#658; besten phlege.''

Auf der heraldisch linken Seite ruft ihm ein Teufel namens ''Werrebald'' u.a. – eine Geldkiste darreichend – zu: ''wiltu nach meyme [ = meynem] wiln leben | so wil ich dir diz gelt czu eygen geben''. Auf der guten Seite spricht ein Engel u.a.: ''mensche kere dich czu mir | das hymelrich daz gebe ich dir.'' (Oben erscheint Gottvater als Verheißung.)

Der Baumstamm wird von zwei teuflischen Gestalten abgesägt; links und rechts zeigen die Bilder von Mond und Sonne, dass damit die Zeit gemeint ist. Das erinnert an das Motiv der schwarzen und weißen Maus, die den Lebensbaum in der Einhornparabel bei »Barlaam und Josaphat« absägen.

Beschreibung bei %green%Wilhelm Ludwig Schreiber, Handbuch der Holz- und Metallschnitte des XV. Jahrhunderts, Band 4: Holzschnitte darstellend religiös-mystische Allegorien, Lebensalter, Glücksrad, Tod, Kalender, Medizin, Heiligtümer, Geschichte, Geographie, Satiren, Sittenbilder, Grotesken, Ornamente, Porträts, Wappen, Bücherzeichen, Münzen, Leipzig Hiersemann 1927; Nummer 1867 unter dem Titel "Der Jüngling auf dem Lebensbaum" > http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ihd/content/pageview/3558931

Interpretation von %green%Nikolaus Henkel, Schauen und Erinnern. Überlegungen zu Intentionalität und Appellstruktur illustrierter Einblattdrucke des 15. Jahrhunderts, in: Einblattdrucke des 15. und frühen 16. Jahrhunderts. Probleme, Perspektiven, Fallstudien, hg. von Volker Honemann / Sabine Griese / Falk Eisermann, Tübingen 2000, S. 209-244.

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''Die Sibyll von Tibur an der Albula'' hat das Y, das wir aus dem Emblembuch von Jean-Jacques Boissard kennen, neben sich auf einem Podest stehen.

%width=400px%Attach:Sibylle_mit_Y.jpg

''Templa meo Herculeum movit sub nomine Tibur.\\
Divorum interpres clara ubi visa fui.''

''Das herkulische Tibur ° gelobte unter meinem Namen Tempel, | wo ich als berühmte Deuterin der Götter in Erscheinung getreten war.''

°) weil es dort ein Herkules-Heiligtum gab; Anknüpfungspunkt für das Y im Bild; > [[http://www.perseus.tufts.edu/hopper/text?doc=Perseus:text:1999.04.0006:entry=tibur|hier]]

Johann Christoph Salbach Philologischer-merckwürdiger Curiositäten/ Anhang und Fortsetzung Durch Beschreibung Der Sibyllen und andere dergleichen Wahrsagung Weibern-Geschichten/ Mit ihren Bildnüssen / Allen Liebhabern Historischer Wissenschafften zu Lieb aus der Englischen in die Hochteusche Sprach zum ersten mahl gebracht, In Verlegung, Ludwig Bourgeat, Universität-Buchführer in Mayntz 1678.

https://books.google.ch/books?id=WNZmAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_s

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Eine '''Variante der Ikonographie''' der Entscheidungsfindung (decision making) lässt die einflüsternden Figuren weg und zeigt nur die Weggabelung Y, beruhend auf dem Text Matt. 7,13-14.

%width=400px%Attach:charlotte.jpg

Quelle (in guter Qualität): [[http://goo.gl/zqgX3x|Wikipedia]]

Ein in vielen Stuben noch im vergangenen Jahrhundert verbreitetes Andachtsbild war die von Charlotte Reihlen (1805–1868) entworfene und von Paul Beckmann ausgeführte Chromolithographie ''Der breite und der schmale Weg''.

Der Weg links führt durch das von Venus und Bacchus gezierte Tor, vorbei am Gasthof zum Weltsinn, bei dem gerade ein Maskenball ausgeschildert ist; an Theater und Spielhölle und Conversationshaus vorbei nach unter Blitzen brennenden und einstürzenden Städten – der Weg rechts vorbei an der Sonntagsschule, der Kinder-Rettungs-Anstalt und dem Diakonissenhaus ins Himmlische Jerusalem; alles mit Bibelzitaten kommentiert.

Betrüblicherweise gibt es, wenn man einmal links eingeschwenkt ist, kaum einen Durchgang zum schmalen Weg; immerhin an einer Stelle, wo ein Pastor auf ein Loch im Zaun hinweist. (Danke, Petra, für das Bild vom Flohmarkt!)

%width=550px%Attach:durchgang.jpg

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Eine andere '''Variante''' der Ikonographie der Entscheidungsfindung (decision making) lässt die Weggabelung Y weg und zeigt nur zwei einflüsternde Figuren.

••• Beispiel: »Weißkunig«. Dieser autobiographisch zu verstehende Text berichtet von der Geburt, der Kindheit und der Jugend und von der Herrschaft und den Kriegstaten Kaiser Maximilians I. (1559–1519). Das unvollendete Buch wurde erst 1775 gedruckt (die originalen Holzschnitte; Text in Neusatz). Das Leonhard Beck († 1542) zuzuschreibende Bild zeigt den jugendlichen Maximilian im Astronomie-Unterricht.

%width=500px%Attach:Weisskunig.jpg

Links (vom Betrachter aus gesehen) ein altes Weib, auf dem ein Teufelchen hockt, bedeutend die Schwarze Kunst der Seel verdamblich – rechts steht ein Mönch in Kutte mit Buch, darüber ein Engel, vertretend die wissenschaftliche Astronomie/logie. Der Text von Marx Treitzsaurwein sagt zu dieser Entscheidungsfindung – ein viel diskutiertes Thema der Zeit –  nichts.

Quelle: %green%Der Weiß Kunig, Wien 1775. – Reprint: Edition Leipzig 1985; hier Abb. 15.%%

••• Der junge Galan wird gezogen an einer Kette von einem Geistlichen und an einem Faden von einem Fräulein:

Attach:spieghel.jpg

''Die iungfraw mit ein faden zart\\
Zwingt mich mehr dan ein ketten hart.''

Quelle: %green%Nieuwen ieucht spieghel [Neuer Spiegel für die Jugend], Arnheim: Janssen 1617, Emblem Nr. 45 > http://emblems.let.uu.nl/nj1617045.html#folio_pb209


••• Die beiden zum Guten weisenden wie zum Bösen verführenden Personifikationen überleben in Karikaturen im Comic-Strip für Kinder:

Dans la bande dessinée « Tintin au Tibet », il y a un épisode fameux qui montre bien le combat entre notre petit ange et notre diable. (Aus einer zerbrochenen Flasche tropft Whisky, und MILOU, deutsch "Struppi" leckt daraus, kommt auf den Geschmack, dann:) Un combat spirituel s’engage entre le petit diable de Milou qui lui suggère de picoler sans retenu et son Ange qui le met en garde. Milou tente de résister à son Diable, mais, …

[[https://www.pinterest.com/pin/327073991659636237/]]  <abgerufen am 20.06.2015>

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%width=700px%Attach:MUCKI.jpg

Bild der Serie MUCKI, in der Wochenzeitschrift »Schweizer Familie« 1959–1961; Bild und Text von Paul Michel (senior, 1906–2000).

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••• Auch in der politischen Karikatur ist Herakles lebendig:

%width=600px%Attach:Horst_1981.jpg

Der französische Präsident Giscard d’Estaing rät dem ›Deutschen Michel‹ auf den Engel der Moral mit dem Friedenspalmzweig in der Hand zu hören und keine Waffen zu exportieren, ... — Karikatur von Horst Haitzinger (*1939) im »Nebelspalter« 1981 / Heft 6, S.7. (Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Satiremagazins Nebelspalter vom 26.1.2016)

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••• Und dann muss natürlich hingewiesen werden auf die ergreifenden Einflüsterungs-Szenen aus Otto Waalkes’ »Otto – Der Film« (1985)

%width=300px%Attach:Otto_Einblaeser.jpg

%red%Das Video ist aufgrund des Urheberrechtsanspruchs von Universum Film nicht mehr verfügbar.%%

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!!!Auch in der Musik ist das Motiv des Herakles am Scheideweg präsent:
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Georg Friedrich Händel (1685-1759), »The Choice of Hercules« (1751)

http://www.hyperion-records.co.uk/dc.asp?dc=D_CDA67298 (Mit vorzüglichem Begleittext)

Johann Sebastian Bach, weltliche Kantate »Hercules auf dem Scheideweg«, BWV 213 – aufgeführt im September 1733 in Leipzig zum Geburtstag des elf-jährigen Kronprinzen von Sachsen


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!!!Epilog:


Das Sinnbild von Herakles am Scheideweg ist geleitet von mehreren Vorstellungen. Es gab auch Alternativen. 

(1) Es gibt einen geradlinigen Weg zu einem Ziel, den man verfolgen soll.

Man braucht nicht bis zu Lessing zu gehen, der sagte: ''Es ist nicht wahr, daß die kürzeste Linie immer die gerade ist.'' (»Die Erziehung des Menschengeschlechts«, § 91) – oder Brecht, der Andrea sagen lässt: ''Angesichts von Hindernissen mag die kürzeste Linie zwischen zwei Punkten die krumme sein.'' (»Leben des Galilei« 14.Bild)

Zur politischen Klugheit gehörte während Jahrhunderten die Regel: Um bei widrigen Umständen dennoch zum Ziel zu gelangen, muss der Hofmann (mit einer noch heute gebräuchlichen Metapher) ›lavieren‹ können. Baltasar Gracián schreibt 1647: ''Ein weiser Mann […] bescheidet sich/ daß er bey dem auff ihn stürmenden Ungestüm/ eben als wie ein kluger Steuermann laviren und den Sturm mit Gedult aushalten müsse. Auff der See menschlichen Lebens ereignen sich vielerley Stürme und Ungewitter/ […]'' (»Handorakel« Maxime CXXXVI). Das Wort ›lavieren‹ kommt aus der Segeltechnik, wo es meint: ›gegen den Wind kreuzen‹ oder auch ›günstige Winde abwarten‹; vgl. Grimm, DWB s.v..

(2) Die Moral beruht auf einer Bifurkation, tertium non datur. Als gäbe es nicht die aristotelische Ethik des »Mittelwegs«. Aristoteles, Nikomachische Ethik 2, 6: Die Tugend / Vortrefflichkeit ist eine Haltung, die in der Mitte liegt, die durch vernünftige Überlegung bestimmt ist, und zwar durch die, mittels derer der Kluge die Mitte bestimmen würde. Sie ist aber Mitte von zwei Schlechtigkeiten, einer des Übermaßes und einer des Mangels. usw.  Bei Furcht und Mut ist die Tapferkeit die Mitte. usw.

(3) Der Rat der hübschen Frau und die Verlockungen eines prächtigen Lebens führen zwingend ins Verderben. An den Höfen zelebrierte die Leisure Class eine Kultur mit Mahlzeitorgien, Feuerwerken, Festzügen, Galanterien u.a.m , wo die Adligen sich in üppiger Pracht überboten.

(4) Herakles wählt aufgrund des Ratschlags selbständig und zielstrebig (!) den Weg. Dagegen '''Cicero''', »de officiis« I, xxxii,118:

''Wenn nach der Erzählung des Prodikos – so steht es bei Xenophon – Herakles, sobald er in die Jugendjahre kam, eine Zeit, die von der Natur gegeben ist zu wählen, welchen Lebensweg  ein jeder beschreiten will, hinausging in die Einsamkeit, dasaß, und als er zwei Wege sah, den einen des Genusses (voluptatis), den anderen der Tugend (virtutis), lange bei sich hin und her erwog, welchen Weg zu beschreiten besser sei – so konnte das vielleicht einem ›Spross des Zeus‹ begegnen, nicht aber uns (hoc Herculi, Iovis satu edito, potuit fortasse contingere; nobis non item, qui …), die wir jeweils die nachahmen, die nachzuahmen uns gut scheint, und uns nach deren Zielen und Streben treiben lassen. Meistens aber lassen wir uns, erfüllt von den Vorschriften der Eltern, nach ihrer Gewohnheit und Sitte (consuetudo, mos) lenken. Andere lassen sich dahintragen vom Urteil der Menge, und was der Mehrheit am schönsten scheint, das wünschen die meisten. Manche jedoch verfolgen aufgrund einer glücklichen und wertvollen Anlage ihrer Natur ohne Unterweisung durch die Eltern den rechten Lebensweg.'' (Übersetzung von Heinz Gunermann 1976)

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%width=600px%Attach:Mignard_Hercules_Carracci.jpg

Kupfer von Nicolas Mignard (1605—1668) nach dem Fresko von Annibale Carracci (1560–1609) im Palazzo Farnese in Rom

[[http://images.zeno.org/Kunstwerke/I/big/76m059a.jpg]]

[[https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/da/Nicolas_Mignard%2C_Hercules_at_crossroad_after_Annibale_Carracci.jpg]]

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!!!Literaturangaben:

Diese Zusammenstellung ist bestenfalls ein Trailer zu den magistralen Werken von Panofsky, D. Wuttke und W. Harms.

*Erwin Panofsky (1892–1968), Hercules am Scheidewege und andere antike Bildstoffe in der neueren Kunst. Leipzig, Berlin 1930 (Studien der Bibliothek Warburg 18). [Die Studie zu Herkules beginnt auf S. 37.]

*Dieter Wuttke, Die Histori Herculis des Nürnberger Humanisten und Freundes der Gebrüder Vischer, Pangratz Bernhaubt gen. Schwenter. Materialien zur Erforschung des deutschen Humanismus um 1500, Köln/Graz: Böhlau 1964 (Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte, Heft 7) [391 Ss.; Edition = S. 1–29]

*Wolfgang Harms, Homo viator in bivio. Studien zur Bildlichkeit des Weges, München 1970.

*Marc-René Jung, Hercule dans la littérature française du [=XVIe=] siècle. De l’Hercule courtois à l’Hercule baroque, Genève: Droz 1966 (Travaux d’humanisme et Renaissance 79).

*Hubert Silvestre, Nouveaux témoignages médiévaux de la Littera Pythagorae. In: Le Moyen Age 79, 1973, S. 201&#8722;207.

*Hubert Silvestre, Pour le dossier de l’Y pythagoricien. In: Le Moyen Age 84, 1978, S. 201&#8722;209.

*Jochen Schmidt, Herakles als Ideal stoischer Virtus von der Antike bis 1800; In: Barbara Neymeyr / Jochen Schmidt / Bernhard Zimmermann (Hgg.), Stoizismus in der europäischen Philosophie, Literatur, Kunst und Politik. Eine Kulturgeschichte von der Antike bis zur Moderne, Berlin / New York: de Gruyter 2008, Bd. 1, S. 295-342.

*Christiane L. Joost-Gaugier, Pitagora e il suo influsso sul pensiero e sull’arte, Edizioni Arkeios 2008 (Übers. aus dem Englischen), pp.: 257-60: »La Y pitagorica, un simbolo di scelta« mit einem Bild (Fig. 47), wo der Baum des Lebens im Paradies vor dem Sündenfall als Y dargestellt ist.


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Für viele Hinweise danke ich Daniel Candinas. – P.Michel – letzte Änderung: 26.4.2017 – {$PageCount}
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