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Einleitung:

Herrad ist urkundlich 1178 bis 1196 öfters bezeugt. Sie war Äbtissin des Augustinerkanonissenstifts Hohenburg/Sainte Odile im Elsass.

Die Handschrift des Hortus hatte 324 Blätter mit 153 Bildern; ist 1870 bei der Beschießung Straßburgs durch die deutschen Truppen verbrannt. Sie ist dank Kopien und Pausen von Benützern des 19.Jhs. einigermaßen rekonstruierbar.

Der Titel hortus deliciarum erklärt sich so: Isidor von Sevilla erklärt in den ›Etymologiae‹ (XIV, iii, 2) das griechische Wort paradisus als hortus; das synonyme hebräische Wort eden als deliciae; wenn man beide Sprachen zusammennimmt, ergibt sich hortus deliciarum, gleichsam Inbegriff des Paradieses.

Das Werk will ein Hausbuch sein, eine Enzyklopädie des christlichen und des Schul-Wissens seiner Zeit: Geschichte, Kalenderkunde, Kirchenrecht, Naturlehre, die zentralen Szenen aus beiden Testamenten der Bibel und wichtige Glaubensinhalte, Moralität.

Herrad hat das Buch – in Teamwork mit ihrem Konvent – quasi apicula … ex diversis sacre et philosophice scripture floribus zusammengetragen. Das heisst: es wurden Standardwerke exzerpiert, zum Beispiel Honorius Augustodunensis.


Quelle:

Herrad von [Landsberg, Äbtissin von] Hohenburg, († ca. 1196), »Hortus deliciarum«, ed. Rosalie Green, M. Evans, C. Bischoff, M. Curschmann, (Studies of the Warburg Institute 36), 2 vols., London / Leiden 1979.

Septem Artes

Das enzyklopädische Bild mit den Septem Artes (fol. 32r) ist häufig zu sehen, zum Beispiel in der Wikipedia.

Hier eine schematische Umzeichnung zur raschen Orientierung:

In den Schriftbändern (Tituli) ist zu lesen:

Philosophia; ethica, logica, phisica.Philosophie; Ethik, Logik, Physik [= Naturkunde] º
Omnis sapientia a Domino Deo est [Zitat aus Ecclesiasticus = Jesus Sirach 1,1]; soli quod desiderant facere possunt sapientes [Zitat aus Boethius, Consolatio IV, prosa 2].Alle Weisheit ist von Gott dem Herrn; allein die Weisen können alles, was sie wünschen, tun.
Septem fontes sapientie fluunt de philosophia qui dicuntur liberales artes.Siebenºº Quellen der Weisheit fließen aus der Philosophie, welche ›Freie Künste‹ genannt werden.
Spiritus sanctus inventor est septem liberalium artium que sunt grammatica, rethorica, dialetica, musica, arithmetica, geometria, astronomia.Der Heilige Geist ist der Erfinder der Sieben Freien Künste, als da sind …
Naturam universe rei queri docuit philosophia.Die Philosophie hat gelehrt, dass das Wesen jeder Sache wissenschaftlich untersucht wird.
Socrates; Plato; philosophi. 
Philosophi primum ethicam postea phisicam deinde rethoricam docuerunt.Die Philosophen haben zuerst die Ethik, danach die Naturkunde, danach die Rhetorik gelehrt.
Philosophi sapientes mundi et gentium clerici fuerunt.Die Philosophen waren die Weisen der Welt und die Kleriker der Heiden.
Arte regens dia que sunt ego philosophia subjectas artes in septem divido partes.Ich, die Philosophie – indem ich durch meine Kunst die Himmels-Sphären, die es gibt, beherrsche – teile die untergeordneten Künste in sieben Teile.
Grammatica; scope. – Per me quis discit vox littera syllaba quid sit.Die Grammatik [Attribut:] Fitze – Durch mich lernt man, was ein Laut, ein Buchstabe, eine Silbe sei.
Rethorica; stilus; tabula. – Causarum vires per me rethor alme requires.Die Rhetorik [Attribute:] Griffel und Tafel – Holder Redner, du erforschst durch mich das Vermögen der Ursachen.
Dialetica; caput canis. – Argumenta sino concurrere more canino.Die Dialektik [Attribut:] Hundekopf – Ich lasse die Argumente aufeinander los rennen? / einander folgen? nach Hundeart.°°°
Musica; lira; cithara; organistrum. Musica sum late doctrix artis variate.Die Musik [Attribute:] Lyra, Kithara, Drehleier – . Ich, die Musik, bin eine Lehrerin einer weiten, vielfältigen Kunst.
Arithmetica. – Ex numeris consto quorum discrimina monstro.Die Arithmetik – Ich bestehe aus Zahlen, deren Unterschiede ich aufzeige.
Geometria; circulus. – Terre mensuras per multas dirigo curas.Die Geometrie [Attribut:] Zirkel – Ich richte die Maße der Erde mit viel Sorgfalt.
Astronomia. Ex astris nomen traho per que discitur omen.Die Astronomie – Ich habe meinen Namen von den Sternen, durch welche man Voraussagen [zu machen] lernt.
Hec exercicia que mundi philosophia investigavit investigata notavit scripto firmavit et alumnis insinuavit. Septem per studia docet artes philosophia hec elementorum scrutatur et abdita rerum.Dies sind die Beschäftigungen, welche die weltliche Philosophie verfolgt; das Untersuchte festhält; durch Schrift fixiert; und den Schülern beibringt.
Poete vel magi; spiritu immundo instincti.Dichter oder Wahrsager, vom unreinen Geist ›inspiriert‹.
Isti immundis spiritibus inspirati scribunt artem magicam et poetriam id est fabulosa commenta.Diese, von unreinen Geistern inspiriert, schreiben magische und dichterische Kunst, d.h. erfundene Hirngespinste.
 übers. R.F., P.M.

º Diese Einteilung nach Aristoteles, Topik A,14 wurde übernommen von Augustin, Civitas Dei VIII,4 und Isidor, Etymologiae II, 24.

ºº Die Siebenzahl ist inspiriert durch die Sieben Gaben des Heiligen Geistes Jesaias 11,2f.; zur Quellenmetapher vgl. Ecclesiasticus (= Jesus Sirach) 1,5: Fons sapientiæ verbum Dei in excelsis.

°°° nach Art der Hunde: vielleicht ein Reflex des sog. ›Hunde-Syllogismus«. Sextus Empiricus berichtet im »Grundriss der pyrrhonischen Skepsis« (I, xiv, 62ff. – der Zusammenhang interessiert hier nicht) von einem Hund auf der Fährte eines Wilds, der an einer dreifachen Weggabelung nur zwei der drei Wege beschnuppert und dann den dritten nimmt, nach dem dialektischen Schluss:
das Wild muss den Weg A oder B oder C genommen haben;
A und B hab ich kontrolliert: hier ist es nicht;
also ist es auf Weg C.

Der zugehörige Text in dt. Übersetzung:

§ 115. Über die Philosophie und über die Sieben freien Künste, in welchen einige nach der Sintflut gründliche Kenntnisse erlangt haben; nach der Sintflut nämlich befleissigten sich die einen der Philosophie, andere – an Erkenntnisvermögen erblindet – der Dichtkunst und Magie.

“Philosophie” heisst ‘Liebe zur Weisheit’, daher nennt man sie “Philosophen”, das ist ‘die Weisheit Liebende’. Die Philosophie teilt sich in drei Bereiche: Ethik, Logik, Physik. Physik ist die die Natur betreffende Wissenschaft, Ethik ist die Wissenschaft, die die Moral betrifft, Logik diejenige Wissenschaft, die Vernunft und die Rede betrifft.

Der Physik ist das Quadrivium unterstellt – gleichsam als die vier Wege um zur Weisheit zu finden: Geometrie, Astronomie, Arithmetik und Musik. Diese vier Künste erörtern Wesen und Natur der Dinge. Das greichische “Gene” bedeutet im Lateinischen ‘Erde’; “metron” ist ‘Messung’, daher ist die Geometrie Erd-Messung. Astronomie ist die Wissenschaft von den Sternen. Arithmetik ist Wissenschaft von den Zahlen: “Rithmus” bedeutet ‘Zahl’; “moys” bedeutet ‘Wasser’; daher [der Name] Musik, gleichsam als die zum Wasser gehörende Wissenschaft, weil die Musiker gleich wie das Wasser durch “arsis” und “thesis”, das heisst durch Emporheben und Herabsenken ihre Lieder modulieren und auch weil ohne Flüssigkeit die Stimme kaum oder nicht erklingt.

Der Logik ist das Trivium unterstellt – gleichsam als die drei Wege um zur Weisheit zu finden: Die Grammatik, die Dialektik und die Rhetorik. “Dia” heisst ‘zwei’, “lexi” bedeutet ‘Rede’; Dialektik ist die die Zweizahl enthaltende Rede. Die Dialektik unterscheidet das Wahre vom Falschen. Sie grenzt auch das Falsche mithilfe der Wahrscheinlichkeiten abwägenden [?] Vernunft. Die Rhetorik befasst sich mit Mutmaßungen. “Gramma” heisst ‘Buchstabe’; Grammatik ist die Wissenschaft von den Buchstaben, wie wir mittels Fällen, Zeitformen, Bedeutungen, Numerus und Zeichen richtig reden.

So werden aus Quadrivium und Trivium sieben atheniensische Ernährer geboren, das heisst die Sieben freien Künste, welche darum “frei” genannt werden, weil sie die Seele von irdischen Sorgen befreien und sie darauf vorbereiten, den Schöpfer zu erkennen. Und sie werden “athenische” Ernährer genannt, weil das Studium bei den Athenern in größter Blüte stand.

Die Ethik wird in zwei Bereiche geteilt, in Theorie und Praxis. “Theos” ist griechisch und heisst ‘Gott’, das heisst ‘Erforscher’ [etymologische Brücke via “theaomai” = ‘betrachten’]; Theorie ist das spekulative bzw. kontemplative Leben. “Bractos” ist griechisch und heisst ‘Tat’; Praxis wird das aktive Leben genannt. Daher also ist die Philosophie Erkenntnis göttlicher und menschlicher Dinge.


Gregor Reisch, »Margarita philosophica«

Schematische Umzeichnung:


Literaturangaben:

Michael Stolz, Artes-liberales-Zyklen. Formationen des Wissens im Mittelalter, Tübingen: Francke 2004 (Bibliotheca Germanica 47, 1/2)
Katharina Ulrike Mersch: Soziale Dimensionen visueller Kommunikation in hoch- und spätmittelalterlichen Frauenkommunitäten. Stifte, Chorfrauenstifte und Klöster im Vergleich. Göttingen: V&R unipress 2012 (Nova Mediaevalia 10), S.113-124
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