Herzkloster

Der sog. Sankt Georgener Prediger

hg. Karl Rieder (DTM 10), Berlin 1908; Nr. 6 (S.19–21)

Von maenger hande tugend gaischliches lebens.
Providentes bona non tantum coram deo etc.
Sant Paulus sprichet: »wir súllent ersam sin vor den lúten und wol geordnet vor Got«. Salomon sprichet in der minnen buoch: »únser herre hât sin minne in mir geordenet«.
Hie bi git er úns ze merkenn wie dú minne sol geordnet sin in únserm hertzen. reht alz daz closter geordnet ist, als sol ôch dú minne geordnet sin. nu muoss ain ieklich closter vier ding han, daz wol geordnet ist.
[…]

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Der Text des ›Georgener Predigers‹ ist eine Kombination von zwei Bildfeldern: Die Seele als Klostergebäude und die Tugenden als Klosterämter.

Es gibt auch Texte, in denen diese Bildfelder unvermengt vorkommen:

Einzelne Gebäudeteile bedeuten das Herz bzw. die Tugenden: Mit der maur guter werk wirt das kloster umfangen und die pfort der stille soll steteklich sein verslozen … In dem mittel sol werden gepflanzet ein palme, daz ist überwindung. … Vier wende sollen am kloster sein … Die want an dem morgen ist ermüd und erkentnis der snödigkeit der ontphovnge der geburt und all unsers lebens … die pfeiler, die das kloster tragen, das sein die gebot der alden und auch der neuen ee … (Bauer 1973, S.400ff.)
Einzelne Ämter im Kloster bedeuten Tugenden des Mönchs/der Nonne: In einem geistlichen kloster der sel sol got pryor sein, die bescheidenheit subprior. Die armut sol schaffer sein, die forcht pfortner, die diemütigkeit kleidermeister … (Bauer 1973, S.321ff.)
Von diesem Typ ist die Allegorie bei Mechthild von Magdeburg, »Fließendes Licht der Gottheit« VII, 36 (hg. von Hans Neumann, Band I: Text, besorgt von Gisela Vollmann-Profe, (MTU 100), München / Zürich: Artemis 1990; dazu im Kommentarband S. 155f.) — Hier der Text der Ausgabe von G.Morel 1869: Attach:Mechthild_von_Magdeburg_VII_26-1.pngAttach:Mechthild_von_Magdeburg_VII_26-2.pngAttach:Mechthild_von_Magdeburg_VII_26-3.png

Folgende Gebäudeteile [G] werden genannt: Gasthaus – Refektorium/Speisesaal (reventer) – Dormitoriuem/Schlafsaal (dormiter) – Kapitelhaus (capittel hûs)

In den ersten drei Gebäudeteilen sind jeweils drei Amtsträgerinnen [A] (jungfrowen) zuständig für moralische Handlungen [H]

Im Kapitelhaus findet gemäß Regula S.B. das Schuldkapitel statt, die Bekenntnis der Verfehlungen vor Abt und Brüdern/Schwestern. Hier hat der Text beinahe die Anlage einer Psychomachie; es bezichtigen einander des Übermaßes die Personifikationen
Ersamkeit — Demuot
Reht — Erbärmde
Minne — Beschaidenheit
.


Wer nur eine Augenschein nehmen will, kann sich mit der Kurzversion (abgedruckt bei Wilhelm Wackernagel, Altdeutsche Predigten und Gebete aus Handschriften, Basel 1876, S.609f.) begnügen:

Ein fridesam hercze ist ein kloster da ist got ein apt inne ¶ Bescheidenheit ist die eptissen ¶ Demuot ist ein priorin ¶ Gedult ist die custerin ¶ Göttlich forhte ist die portenerin ¶ Miltekeit ist die siech meisterin ¶ Die heilige triualtikeit ist die schuolmeisterin ¶ Gnode ist der priester ¶ Danckbarkeit ist die sengerin ¶ Armuot ist die schaffnerin ¶ Gehorsamkeit ist die klosterfrowe ¶ Andaht ist der kor ¶ Minne ist der altar ¶ Die engel sint die diener ¶ Bekenntnisse ist das criutz ¶ Vebung ist der cruczgang ¶ Gedehtnisse des todes ist der kirch hoff ¶ Barmherczikeit das siech husz ¶ Messikeit ist der reuentor ¶ Zuhtikeit der tisch ¶ Göttlicher trost ist die köcherin ¶ Götlich suesikeit ist die spise ¶ Kiuschkeit ist das slosshusz ¶ Einœte die zelle ¶ Ein gerüewic hercz ist der strosak ¶ Fride ist der bomgarte ¶ Swigen ist der weg ¶ Vndergon sind die böim ¶ Vollhertunge [Ausdauer] in tugenden vntz an das ende ist die fruht die wür eweklichen niesen werden Amen

Hugo de Folieto, »Claustrum animae«

Vgl. hierzu http://www.fschuppisser.ch/1kunst/hugo.html (und Unterseiten; Erstveröffentlichung 1981; gesehen am 16.08.2016)


Literaturhinweise:

Gerhard Bauer, Claustrum animae. Untersuchungen zur Geschichte der Metapher vom Herzen als Kloster, München: Fink 1973. [nur Band 1 erschienen]

Gerhard Bauer, Artikel »Herzklosterallegorien«, in: Verfasserlexikon Band 3 (1981), 1153–1167.

Wolfgang Braunfels, Abendländische Klosterbaukunst, Köln 1969.

Jörg Sonntag, Klosterleben im Spiegel des Zeichenhaften. Symbolisches Denken und Handeln hochmittelalterlicher Mönche zwischen Dauer und Wandel, Regel und Gewohnheit, Berlin: Lit Verlag 2008 (Vita regularis. Abhandlungen, Band 35).

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