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Allegorische Überinterpretationen von Texten, die ohne Allegorese schon einen Hinter-Sinn haben

Die Äffin mit den zwei Jungen

Der Käfer im Rosenhaus

Die Äffin mit den zwei Jungen

Eine bei den spätantiken Dichtern Babrios (Nr. 35) und Avianus (Nr. 35) überlieferte Fabel erzählt, dass eine Affenmutter Zwillinge geboren hat. Das eine Junge liebt sie, das andere vernachlässigt sie. Wie sie auf der Jagd verfolgt wird, nimmt sie das Geliebte an die Brust, das andere muss sich an ihrem Rücken festhalten. Bei der Flucht stolpert sie über einen Stein, und dabei erdrückt sie das geliebte Junge; das andre kommt unversehrt davon.

Holzschnitt von Virgil Solis (1514–1562) in: Fabulæ variorum auctorum nempe Aesopi s. graeco-latinae CCXCVII. […] Babriæ fabulæ graecolatinæ XI. […] Phaedri fabulae XC. […], Opera & Studio Isaaci Nicolai Neveleti, Francofurti, apud Christ. Gerlach & Sim. Beckenstein MDCLX.

Hier die mittelhochdeutsche Version des Strickers (um 1220 / 1250) (vgl. den Artikel ›Stricker‹ im Verfasserlexikon, Band IX, 417–449.

Ein jeger vuor in einen walt,
dâ wâren die affen ungezalt,
dâ wolder jagen inne.
dô sach er ein effine.
den hunden er vaste dar schrei.
diu effine het ir kint zwei:
der was si einem vil holt,
an dem andern hæte si verdolt,
daz ez hinder ir beliben wære,
daz was ir gar unmære.
si truoc daz liebe kint hin,
dô het daz leide den sin,
daz ez si umbe den hals gevienc
und ir sô vaste ane hienc,
daz siz ouch hin muose tragen.
dô begunde der jeger alsô jagen,
daz si niht mohte entrinnen.
des wart si wol innen
und warf daz lieber kint von ir.
daz was ir wille und ir gir,
daz si von dem leiden wære entladen;
daz machete ir vil grôzen schaden:
ez hienc ir an unz an die vart,
daz si dâ mit gevangen wart.

nu hoeret unde merket mich,
waz dem jeger sî gelich,
der die effine brâhte in nôt:
daz ist der vil gewisse tôt,
der uns allen ist beschaffen;
der jaget vil manigen affen.
nu merket diu kint beide,
daz liebe und daz leide:
daz liebe kint ist werltlich guot,
des man sich müelîche abe getuot;
daz hât vil maniger unz an den tac,
daz ers niht mêr gehaben mac.
die sünde sint daz leide kint;
swie leit si doch dem menschen sint,
si halsent sich doch vaste an in.
sô erz guot muoz werfen hin
und ez niht vürbaz bringen kan,
sô hangent im die sünde an,
unz in der tivel dar mit vâhet.
hæte er si ê versmâhet
und hæte sich ir abe getân,
sô würde er maniger nôt erlân.
[…]

Ausgabe: Der Stricker, Erzählungen, Fabeln, Reden, mhd./nhd., hg. Otfrid Ehrismann (RUB 8797), Stuttgart 1992 (Nr. 12)

Übersetzung (allegorische Pendants sind farbig markiert):

Ein Jäger ging in einen Wald;
da gab es zahllose Affen;
darin wollte er jagen.
Da sah er eine Äffin.
(5) Den Hunden schrie er laut zu, dorthin [zu rennen].
Die Affenmutter hatte zwei Kinder;
dem einen war sie sehr zugetan,
beim andern hätte sie eingewilligt,
dass es zurückgelassen worden wäre;
(10) das hatte sie gänzlich geringgeachtet.
Sie trug das liebe Kind mit sich.
Da hatte das ungeliebte den Gedanken,
dass es sie um den Hals fasste
und ihr so stark anhing,
(15) dass sie es auch mittragen musste.
Nun begann der Jäger so zu jagen,
dass sie nicht entrinnen konnte.
Das bemerkte sie
und warf das liebere Kind von sich.
(20) Es war ihr Wille und Wunsch,
dass sie von dem ungeliebten befreit worden wäre.
Dieses bereitete ihr großen Schaden:
Es hängte an ihr die ganze Stecke
bis es mit ihr gefangen wurde.

(25) Nun hört und versteht, was ich sage,
was mit dem Jäger zu vergleichen ist,
der die Äffin in Not brachte.
Das ist der unentrinnbare Tod,
der uns allen bestimmt ist.
(30) Der jagt manchen ›Affen‹ [übertragen].
Nun gebt acht auf die [Bedeutung der] beiden Kinder,
das geliebte und das ungeliebte.
Das geliebte Kind ist [bedeutet] das irdische Gut,
von dem man sich mit Mühe trennt.
(35) Das hält mancher fest bis an den Tag,
wo er es nicht mehr halten kann.
Die Sünde ist [bedeutet] das ungeliebte Kind.
Wie leid sie doch dem Menschen sind,
sie klammern sich doch fest an ihn.
(40) Wenn er das Gut hingeben muss
und nicht weiterhin behalten kann,
dann bleibt doch die Sünde an ihm hängen,
bis ihn der Teufel damit fängt.
Hätte er sie früher verachtet
(45) und hätte er sich von ihnen losgesagt,
so bliebe ihm manch Drangsal erspart.
Deutung des ersten Teils: Die Erzählung der Affenmutter hat ja zunächst einen einleuchtenden psychologischen Sinn: Wenn wir in Genzsituationen kommen, denken wir an das vor Augen Liegende und meinen, etwas preisgeben zu müssen, das uns nahesteht, quasi als Opfer, um aus der Bredouille zu kommen – und merken gar nicht, dass uns andere Dinge am Vorankommen hindern, die wir mitschleppen, obwohl wir sie gar nicht mögen.

Deutung des zweiten Teils: Der Stricker bringt eine seltsame Interpretation der Geschichte, die folgendermaßen funktioniert: er parallelisiert die Figuren der Geschichte Punkt für Punkt mit Größen aus der christlichen Sphäre:

Äffinder närrische Mensch
Jägerder Tod (in personifizierter Gestalt)
das geliebte Jungeirdische Güter
das ungeliebte Jungedie Sünde

Dieses Verfahren des Anbindens einer zweiten Bedeutungsebene Pendant-für-Pendant kennen wird aus den Bibelauslegungen und Predigten aus der Zeit der Kirchenväter bis ins Mittelalter und Barock. Die Fachwissenschaft hat dafür den Begriff der »Allegorese« geprägt.

Anmerkung: Auffällig ist, das der Stricker seinem Verfahren untreu wird, d.h. es nicht strikt handhabt: Er führt den Teufel ein, der in der Geschichte kein Pendant hat (die Rolle des Jägers ist ja besetzt durch den Tod). Und er gibt den Tip, sich rechtzeitig von den Sünden loszusagen (hæte er si ê versmâhet Zeile 44) – während ja die Äffin ja tatsächlich das ungeliebte Kind loswerden möchte, sich dieses aber gegen ihren Willen an den Rücken klammert. Man mag das als poetischen Patzer deuten oder als Hoffnungsschimmer, den der Stricker antönt: Wir könnten doch etwas tun...

Petrus Berchorius, »Reductorium morale«, de simia:

Petrus Berchorius (†1362) hat eine umfängliche Enzyklopädie verfasst, betitelt »Reductorium morale«, beendet ca. 1340. Alle Dinge der Welt werden aufgrund älterer Lexika beschrieben und allegorisch ausgelegt (daher der Titel: aufs Moralische zurückgeführt). Die älteste gedruckte Ausgabe der Enzyklopädie des »Reductorium morale« des Berchorius stammt aus dem Jahre 1521.

Secundum Isidorum, liber XII Quando simia habet duos filios et oportet eam fugere, illum quem plus amat inter bracchia sua portat. Alium autem ad collum retro dorsum ponit. Sed quando ab insequente arctatur, primum dimittit praedilectum. Alium autem, qui pendet ad dorsum, nequit dimittere. Et ideo pondere eius pressa a venatore capitur et ligat.

Simia est homo.

Duo filii sui sunt mundus et peccatum, id est mala delectatio et mala operatio.

Venator est mors vel diabolus, qui ab ipso ortu nativitatis hominem insequitur et impugnat.

Simia igitur est homo, qui per viam vitae huius fugit mortem et hostem.

Filium praedilectum scilicet mundum, delectationem et prosperitatem ponit inter brachia et amplexus, quia habet eum in affectione,

sed alium filium scilicet peccata et mala opera ponit retro, id est in oblivione de eis non curando, quia non habet ea ante faciem per memoriam et recordationem et dolorem. Facti sunt retrorsum et non in ante.

Jeremias 16,16 [?] Sed vere quando venatores, mors scilicet et diabolus instant, tunc praedilectum filium, scilicet mundanam prosperitatem et delectationem dimittit, quia scilicet secum nescit portare. Sed vere alium filium, scilicet peccatum vel mala opera non potest dimittere, quia fortiter haerent sibi. Sed oneribus eorum pressus in inferno capitur et ligatur. Jesaias 24,20: Gravabit eam iniquitas sua.

Übersetzung (Dank an Anne Broger, Juni 2005)

Nach Isidor, Buch XII: Eine Affenmutter hat zwei Junge, und wie sie fliehen muss, trägt sie jenes, das sie mehr liebt, in ihren Armen. Das andere aber setzt sie an ihrem Hals hinter/auf den Rücken. Aber wie sie von einem Verfolger in die Enge getrieben wird, lässt sie als erstes das sehr geliebte los. Das andere aber, das an ihrem Rücken hängt, kann sie nicht loslassen. Und deshalb, weil sie von dessen Gewicht (nieder)gedrückt wird, wird sie vom Jäge gefangen und gefesselt.

Der Affe ist der Mensch. Ihre zwei Jungen sind die Welt und die Sünde. Das heisst die schlechte Vergnügung und das schlechte Handeln. Der Jäger ist der Tod oder der Teufel, der den Menschen gleich vom Anfang seiner Entstehung verfolgt und bekämpft/ anfeindet. Der Affe also ist der Mensch, der auf dem Weg dieses Leben vor dem Tod und dem Feind flieht.

Das bevorzugte Junge, freilich die Welt, das Vergnügen und den Wohlstand, nimmt sie in die Arme und Umarmung(en), weil sie es in der Gunst hat (ihm gegenüber Zuneigung empfindet), aber das andere Junge, freilich die Sünden und die schlechten Werke setzt sie nach hinten, das heisst ins Vergessen, indem sie sich nicht um sie kümmert, weil sie diese nicht vor dem Gesicht (vor Augen) hat mittels des Gedächtnisses, der Erinnerung und des Schmerzes. Die Taten sind hinten und nicht vorn.

Jeremias 16,16 [?] Aber sie lässt dann wahrhaftig, als die Jäger, der Tod freilich und der Teufel, (sie) bedrohen, das bevorzugte Junge los, weil sie es natürlich nicht mit sich tragen kann. Aber das andere Junge, das heisst die Sünde oder die schlechten Werke, kann sie nicht loslassen, weil sie fest an ihr haften. Aber durch ihre Lasten (nieder)gedrückt, wird sie in der Hölle gefangen und gebunden. Jesaias 24,20: "Seine Ungerechtigkeit wird ihn belasten."

Aegidius Albertinus (1560–1620) hat Berchorius auszugweise übersetzt: Der Welt Tummel- und Schaw-Platz. Sampt der bitter-süssen Warheit. Darinn mit ein­führung viler schöner und fürtrefflicher Discurscen, nit allein die Natürliche, sondern auch Moralische und sittliche Eigenschafften und Geheimnussen der fürnemsten Creaturen und Geschöpf sehr lustig, Geist- und Politischer Weiß erklärt, und auf die Weltläuf gezogen werden, München 1612. – http://diglib.hab.de/drucke/21-phys/start.htm (Seite 197)

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Der Käfer im Rosenhaus

Der Stricker, Tierbîspel, hg. Ute Schwab (ATB 54), Tübingen 1968; Nr. III

Ein kever der was goltvar,
dô nam er eines hûses war,
daz siner schœne zæme:
in dûhte, swie genæme
ein hûs wesen möhte,
daz er wol drinne töhte
ze herren und ze wirte,
wan in des niht enirte
weder sîn muot noch diu zît –
do wart sin umbesuochen wît,
unz daz er eine rôsen vant.
da dûhte in schiere bekant,
daz er nû funden hæte
ein hûs, dar er inne stæte
vil gerne belîben solde,
daz wær reht als er wolde.
diu rôse hâte sich îngesmogen
und hâte diu bleter zuogezogen
(wan si des touwes anehanc
und ouch küeler âbent twanc),
des was si sinewel und sinhol.
do was der kever freuden vol,
daz er so wunneclîch gemach
nach sînem willen ie gesach.
er saz mit hôhen muote drin,
im gie diu naht mit fröuden hin.
in dûhte ê noch sît
nie so süeze dehein zît
als in diu naht dûhte,
unz in der tac belûhte.
dô diu sunne hôhe quam
und si den tou abe genam
dô wart ir schîn sô grôz,
daz sich diu rôse ûf slôz
und ir bleter elliu nider hienc.
dar nâch vil schiere ûf gienc
ein wolken harte swinde
mit einem vil starken winde,
der tet der rôsen manigen stôz;
sin weiben daz wart sô grôz,
daz si diu bleter muose lân;
er begunde ir alsô zuo gân,
unz er irs elliu benam.
wâr ir deheinez hin quam,
des enwart der kever niht gewar:
er gesaz ir aller samt bar,
im enwart niuwan der blôze dorn.
alsô hate er gar verlorn
den gemach, des er da hâte gegert,
des was er tôre vil wol wert.

Als dem keveren geschach,
der niht wan an die schœne sach,
alsô geschiht noch einem man,
der niht an wîben sehen kan
wan beidiu schœne unde iugent
und enwartet nie deheiner tugent.
dem wirt von rehte niuwe
beidiu scham und afterriuwe,
swenne er sich an si verlât
durch die schœne die si hât.
hât si denne tugende niht
wan die drie er dâ siht:
schœne, iunc und wolgeschaffen,
des wirt er ze einem affen
daz er dâ stæte wænet hân.
so beginnent diu wolken ûf gân:
daz ist ir unstæter muot
der im vil leide getuot;
der beginnet denne wanken
mit sô valschen gedanken,
daz alle ir êre vellec sint.
dar nâch kumt der starke wint:
diu werc, diu der gedank birt.
als er mit laster inne wirt,
daz er an der schœne hât verlorn
und oben ûf der schanden dorn
als ein tôre ist gesetzet,
an êren gar geletzet,
so muoz er danne selbe jehen,
daz im als dem kevern ist geschehen.
Swer als der kever wirbet,
ob des gewerft verdirbet,
diu klage hât vil rehten tôn:
tôren werc und tôren lôn,
die stant gefuoge einander bî.
swie schœne ein bœse wîp sî,
er koufet ir schœne sêre,
der ir grôze unêre
beidiu wîzen und lîden sol!
doch gan ich einem tôren wol:
swâ er in schanden wirt gesehen,
da ist im tôren reht geschehen.
ein schœne wîp ân êre,
diu enhât niht lobes mêre,
wan als diu schœne bluome hât,
diu uf einer grôzen kroten stât.\\

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Literaturangaben hierzu:

Klaus Grubmüller, Meister Esopus. Untersuchungen zu Geschichte und Funktion der Fabel im Mittelalter, (MTU 56), München 1977; bes. S. 418.
Dietrich Schmidtke, Geistliche Tierinterpretation in der deutschsprachigen Literatur des Mittelalters, Diss. Berlin (FU) 1968.
Paul Michel, ›Thesaurierte Exegese‹ bei Petrus Berchorius, in: Homo Medietas. Festschrift für Alois Haas zum 65. Geburtstag, hg. Claudia Brinker-von der Heyde und Niklaus Largier, Bern: Lang 1999, S. 97–116.

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