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Berge, Aufstiege, Leitern, Stufen

Mit den Aufstiegsschemata werden verschiedene Gebiete gegliedert:

Die Bibelstellen mit der Jakobsleiter (Gen 28) und den Tempelstufen (Ezechiel 40) sind neutral, sie werden erst in der Exegese moralisch oder sonstwie vereinnahmt.
Tugenden, aszetische Leistungen: Hesiod; Benedikt; Johannes Klimakos; Herrad von Landsberg; Thomasin von Zerclære; Antonio Bettini; Mildmay Fane u.a.
dabei werden gelegentlich auch Mächte visualisiert, die die Aufsteigenden vom Weg abbringen wollen: Teufel oder Laster oder widrige Umstände: Johannes Klimakos; Herrad von Landsberg; Thomasin von Zerclære; Petrarkameister
Gebetsleistungen: David von Augsburg; Einblattdruck mit der Scala santa
Lebensalter: Jörg Breu u.a.
Seinsarten-Hierachie: Bovillus
logische Kategorien und wissenschaftliche Disziplinen: evtl. Llull; Nicostrata; J.J.Fux; Boethius
Es gibt auch Figurationen, wo oben negativ konnotiert ist: bei Hans Sachs sind oben am Berg die schlimmsten Lügner; Mechthild von Magdeburg bevorzugt einen Weg des Sinkens (entsprechend der kenosis: Philipperbrief 2,5–11).

In der moraldidaktischen und aszetischen Literatur werden die Menschen ermuntert und angeleitet aufzusteigen. Und es wird insinuiert, das sei kontinuierlich möglich, wenn man nur die Willenskräfte anstrenge und tugendhaft lebe. Klassisch sind die Aufstiegsschemata der ›Via triplex‹ (von links nach rechts zu lesen):

via purgativavia illuminativavia unitiva
ReinigungErleuchtungVereinigung
incipientesproficientesperfecti
anhebende lútezuonemende lútevolkomene lúte

Die psychische Realität ist indessen, dass Menschen auf diesem Weg keineswegs gradlinig nach oben voranschreiten, sondern sehr oft mitten auf dem Weg eine Krise der Gottferne erleben.

Literaturhinweis: Christel Meier, Krise und Conversio. Grenzerfahrungen in der biographischen Literatur des Hochmittelalters, in: Frühmittelalterliche Studien, 50. Band (de Gruyter 2016), S. 21–44. (Anhand von Otloh von St.Emmeran; Abaelard; Rupert von Deutz; Hildegard von Bingen)

Solche Fälle sind hier behandelt bei Mechthild von Magdeburg und Johannes Tauler


Hesiod

Jakobs Traum

Benediktsregel und Bernhard von Clairvaux

Honorius Augustodinensis De gradibus charitatis

Scala claustralium

David von Augsburg, Siben stafel des gebettes

Mechthild von Magdeburg

Johannes Klimakos und Herrad von Landsberg

Thomasin von Zerclaere

Johannes Tauler

Bettini / Baldini

Gebetsleiter

Petrarkameister und Hans Sachs

Lucas Cranach

Lebensalter

Hierarchien des geistigen Lebens

Aufstieg von den Kreaturen zu Gott

Erhard Schoen und Hans Sachs, Lügenberg

Andrés de Capilla

Christian Knorr von Rosenroth

Joachim Camerarius

Jakob Bornitz

Francicus Reinzer

Johann Joseph Fux

Scala Mahometi

Boethius Consolatio Philosophiae

Literaturhinweise


Hesiod

Hesiod (um 700 BCE), »Werke und Tage« (’Έργα καὶ ‛ημέραι) Verse 289ff. – Übersetzung von Thassilo von Scheffer, Wien 1935:

Vor Verdienst aber setzten den Schweiß die unsterblichen Götter.
Lang auch und steil erhebt sich zu diesem der Fußpfad,
Und zu Anfang auch rauh; doch wenn du zur Höhe gelangt bist,
Leicht dann zieht er dahin, so schwer er anfangs gewesen.

Man hat gesagt, dies sei die erste Formulierung einer Arbeitsethik, die im Gegensatz stehe zum Adels-Ethos, wie es Homer kennt.


Jakobs Traum

Genesis 28,11ff: Jakob zog aus Beerscheba weg und ging nach Haran. Er kam an einen bestimmten Ort, wo er übernachtete, denn die Sonne war untergegangen. Er nahm einen von den Steinen dieses Ortes, legte ihn unter seinen Kopf und schlief dort ein. Da hatte er einen Traum: Er sah eine Leiter, die auf der Erde stand und bis zum Himmel reichte. Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder. Und siehe, der Herr stand oben und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks. Das Land, auf dem du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. ...

Kathedrale von Bath

Westfaçade um 1520, (Aufnahme P.M.), vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Bath_Cathedral

Hugo von Trimberg, »Renner« (1300/1313)

Nemt einer kurzen leitern war,
Diu hât drî sprüzzel und ouch zwên
Leiterboume, die müezen stên
Gar vaste, si beginnent anders wenken
Und irn stîger abe swenken,
Der noch ist vor sünden kranc,
Daz er muoz vallen âne sînen danc!
Swer dise leitern stîgen sol,
Der bedarf ze dem êrsten wol,
Sol er vallen niht her abe,
Daz er wol gebîhtet habe
Und an die êrsten sprüzzel trete
Mit vasten, an die andern mit gebete,
Mit almuosen an die dritten,
Und daz er stê dâ mitten
Und mit vlîze goume
Daz die leiterboume
Iht von ein ander wîchen:
Seht, die sül wir gelîchen
Der liebe, der wir schuldic gote
Sîn und ouch nâch sînem gebote
Unserm ebenkristen.
Swer sîn bîhte wil fristen
Und sîn buoze, der entuot niht wol:
Nieman diu zwei ûf schieben sol.
Swer betet, vastet, almuosen gît
Und die zwuo liebe hât alle zît,
Der stîget ûf gein himelrîche
Mit manigen tugenden ordenlîche
Und mac diu genâde ouch im geschehen,
Daz er die leitern beginnet sehen,
Die her Jacob wîlent sach
Slâfende: hœrt wie daz geschach!
Dô her Jacob den segen enpfienc ...

Gustav Ehrismann: Der Renner von Hugo von Trimberg (Bibliothek des Litterarischen Vereins Stuttgart), Tübingen 1908-1912; dieser Passus ale e-Text bei http://www.staff.ncl.ac.uk/henrike.laehnemann/renner/Teil37.html

Holzschnitt von Tobias Stimmer zur Biblia sacra veteris et novi testamenti, Basilaeae M.D.L.XXVIII

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Benediktsregel

Kapitel VII: »de septem gradibus humilitatis«

lat. Text im Web:http://www.thelatinlibrary.com/benedict.html

deutsche Übersetzungen im Web:

http://www.benediktiner.de/index.php/die-ordensregel-des-hl-benedikt/die-geistliche-kunst/die-demut

http://www.stiftmelk.at/frame_regula.htm

Kommentar: Die Benediktsregel. Der vollständige Text, übersetzt und erklärt von Georg Holzherr, Abt von Einsiedeln, Zürich usw.: Benziger 1980 und Neuauflagen.

Bernhard von Clairvaux (um 1090-1153)

»de gradibus humilitatis et superbiae«

Text aus der Patrologia Latina 182,951–972 hier maschinenlesbar: http://www.binetti.ru/bernardus/16.shtml

Bernhard von Clairvaux, Sämtliche Werke lateinisch/deutsch, [aufgrund der Ausgabe von Jean Leclercq und H. Rochais, Rom 1957–77], hg. Gerhard B. Winkler u.a., Innsbruck: Tyrolia 1990ff.; Band II, S.38–135.

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Honorius Augustodunensis, »De gradibus charitatis«

Augustin formuliert in »de doctrina christiana« II, vii,10 ansatzweise ein Stufenmodell: Post istos duos gradus timoris atque pietatis ad tertium venitur scientiae gradum – Nach diesen zwei Stufen der Gottesfurcht und der Frömmigkeit gelangt man zur dritten Stufe, zur Erkenntniswissenschaft.

Hrabanus Maurus (ca, 784 – 856) übernimmt den Gedanken in »De clericorum institutione« III, 4, führt die Metapher aber noch weiter aus: De gradibus sapientiae et charitatis. Ante omnia enim opus est ei qui desiderat ad sapientiae pervenire culmen, Dei timore converti, ad cognoscendum eius voluntatem, quid nobis appetendum fugiendumque praecipiat – Von den Stufen der Erkenntnis und der Liebe. Zuerst tut es dem, der zum Gipfel (culmen) der Weisheit gelangen will, not, sich hinzuwenden zur Gottesfurcht.Post istos duos gradus timoris atque pietatis, ad tertium venitur scientiae gradum [übernommen von Augustin] PL 107,380D)

Honorius Augustodunensis (gest. 1150 /1151) ) baut das noch weiter aus in seiner »Scala coeli minor« (PL 172,1239ff.):

Cap. I. Scala coeli charitas est, cuius gradus diversae virtutes.
Ad aeternam gloriam perveniendi scala nobis hodie erigitur, per quam a fidelibus coeli culmen attingitur. Haec enim scala est charitas, per quam ad coeli fastigia tendit. […]
CAP. II. Primi tres hujus scalae gradus, patientia, benignitas et pietas.
CAP. III. Alii gradu simplicitas, humilitas, contemptus mundi, et voluntaria paupertas.
CAP. IV. Alti gradus pax, bonitas, gaudium spirituale, sufferentia.
CAP. V. Postremi gradus hujus scalae fides, spes, longanimitas, et perseverantia.
CAP. VI. Haec scala per timorem erigitur, quo ad summum perducta charitas ipsa in haereditatem Domini introducitur.

Vgl. die mhd. Adapation in: Altdeutsche Predigten, hg. Anton Schönbach 3 Bde., Graz 1886. Predigt Nr. 184 »Quam magna multitudo dulcedinis tue, domine« Band I, S.287–289. (Digitalisat nach > https://archive.org/stream/altdeutschepred00schgoog#page/n314/mode/1up)

287288289

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Guigo II. (Kartäuser, † 1193) »Scala claustralium«

deutsche Übersetzung als PDF greifbar bei http://de.wikipedia.org/wiki/Scala_claustralium

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David von Augsburg

Ausgehend von der Vision, in der Ezechiel den in Jerusalem neu zu errichtenden Tempel schaut (Ezechiel 40,22 und 26 »Und sieben Stufen führten hinauf ...«) unterscheidet David von Augsburg siben stafel oder grete des gebettes

Franz Pfeiffer, Deutsche Mystiker des vierzehnten Jahrhunderts, Band 1, Leipzig: Göschen 1845, S. 387–397. [bei Google Books] Text als pdf hier

maßgeblich ist diese Ausgabe:

David von Augsburg, Die sieben Staffeln des Gebetes, in der deutschen Originalfassung, hg. Kurt Ruh, München 1956 (Kleine deutsche Prosadenkmäler des Mittelalters 1) – als e-Text im Digitalen Mittelhochdeutschen Textarchiv

In der visuellen Rekonstruktion des Tempels von Leonhard Christoph Sturm (1669-1719), in: Sciagraphia templi hierosolymitani, Leipzig 1694, erkennt man die 7 Stufen:

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Mechthild von Magdeburg

Mechthild von Magdeburg, »Das fließende Licht der Gottheit«, nach der Einsiedler Handschrift in kritischem Vergleich mit der gesamten Überlieferung hg. von Hans Neumann, Band I: Text, besorgt von Gisela Vollmann-Profe, (MTU 100), München / Zürich: Artemis 1990.

Buch V, Kapitel 4 (S.156, Z.24ff.)

Swenne dú sele mit der minne zuge und mit maniger girikeit irs jagenden herzen nach gotte uf den hohen berg der gewaltigen minne und der schoenen bekantnisse komen ist, so tůt si als der bilgeri, der berge uf gestigen hat mit grosser gerunge, so stiget er anderhalp nider mit grosser vorhte, das er sich nit úberwerfe. Das ist, das die sele so sere durschinen ist in der hitze der langen minne und also unmehtig worden ist in der umbehalsunge der heligen drivaltekeit. So beginnet si ze sinkende und ze kůlende, als die sunne von der hochsten stat hernider gat und sinket untz in die naht. Weis got, also wirt es an der sele und ovch am libe vollebraht! Die minnenriche sele sinket harnider in dem zuge der ungruntlichen diemuetekeit und wichet ie vor dem, was ir got ze liebe tůt. Das ist ir vil bekeme von der edelen nature, die got und si in einer meinunge erfúllent. Aber si kert das ovge ir wollust von allen dingen, uf das si gotte vil lobes moege gewinnen. Der licham sinket ovch vil sere, wenne er sinem viande dienet und verswiget und sine vrúnde got ze eren vermidet. Die sele sinket noch fúrbas, wan si merer maht hat denne der licham. Si sinket mit grossem vlisse in die nidersten stat, die got in siner gewalt hat. O, wie getar ich dise stat den nemmen, die der sinkenden diemuetekeit nit erkennent.

Vgl. Niklaus Largier, Aufstieg und Abstieg: Die Symbolik des Wegs bei Rudolf von Biberach, Meister Eckhart und Johannes Tauler. In: Symbolik von Weg und Reise (Schriften zur Symbolforschung, Band 8), Bern: Peter Lang, 1992, S. 41-55.

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Johannes Klimakos

Johannes Klimakos († um 649) schrieb asketische Schriften, in denen er den Aufstieg zur Vollkommenheit vorzeichnete. Sein Hauptwerk ist »Klimax tu paradeísu« (Treppe zum Paradies):

Quelle: Wikipedia

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Herrad von Landsberg

aus: Herrad von [Landsberg, Äbtissin von] Hohenburg, († ca. 1196), »Hortus deliciarum«, – dieses Bild ist ein Behelf; vgl. die Abbildung in: ed. Rosalie Green, M. Evans, C. Bischoff, M. Curschmann, (Studies of the Warburg Institute 36), 2 vols., London / Leiden 1979; fol. 215v (Tugendleiter)

Transkription und Übersetzungsversuch des Texts [korrigierte Fassung 10.12.2009]:

(1) Hec scala significat ascensum virtutum et religiosum sanctitatis exercicium quo eterne vite corona adipiscitur. ¶ Diese Leiter bedeutet den Aufstieg der Tugenden und die Übung einer gottesfürchtigen Sittenreinheit, womit die Krone des ewigen Lebens erreicht wird.

(2) Huic scale primum plurimi innitentes postea diabolicis sagittis vulnerati retrahuntur et terrenis impedimentis ac concupiscentiis suis illecti et abstracti nequiter incurvantur. ¶ Die diese Leiter zunächst Besteigenden werden später, von teuflischen Pfeilen verletzt, heruntergezogen und – durch die irdischen Umgarnungen und ihre Begierlichkeiten verlockt und weggezogen – auf leichtfertige Weise gekrümmt (vom Weg abgebracht?)

(3) Angelica custodia. ¶ Die Wache der Engel

(4) Hec persona virtutis significat omnes sanctos et electos qui angelica custodia perducuntur ad celestia prernia. ¶ Diese Person(ifikation) der Tugend bedeutet alle Heiligen und Erwählten, welche durch die Obhut der Engel zum himmlischen Lohn geführt werden.

(5) Virtus autem hec est caritas. Sola enim virtus caritatis que ceteras virtutes continet ad accipiendam celestis premii coronam perveniet. ¶ Diese Tugend ist die Liebe (Caritas). Denn allein durch die Tugend der Liebe, welche die anderen Tugenden umfasst, gelangt sie dazu, den himmlischen Lohn zu empfangen.

(6)–(9) Virtus id est caritas. Dextera Domini. Corona vite. Demones sagittis suis scandentes ad alta- impugnant. ¶Diese Tugend ist die Liebe (7) Die Rechte (Hand) Gottes (8) Die Krone des Lebens (9) Die in die Höhe Steigenden greifen Dämonen mit ihren Pfeilen an.

(10) Septem sunt scale quibus ascenditur ad regnum celorum. Prima castitas. Secunda mundi contemptus. Tercia humilitas. Quarta obedientia. Quintus patientia. Sexta fides. Septima caritas de puro corde. ¶ Es sind sieben Leitern (Sprossen?), mit denen man ins Himmelreich gelangt: Reinheit – Verachtung der Welt – Demut – Gehorsam – Geduld – Liebe aus ganzem Herzen. [auf dem Bild erkennt man aber 15 Sprossen; vgl. Text # 741 in der Ausgabe]

(11) Hec sanctimonialis que omnes falsas sanctimoniales significat lenociniis et muneribus presbiteri seducta, pompis quoque seculi et diviciis parentum retracta seorsum tendit et coronam vite non apprehendit. ¶ Diese Nonne, welche alle falschen Nonnen bedeutet, durch Kupplerlohn und Geschenke eines Priesters verführt – zurückgehalten von der Pracht der Welt und dem Reichtum der Familie – hält sich abgesondert und gewinnt die Krone des Lebens nicht.

(12)–(14) Sanctimonialis; presbiter. Preciose vestes; urbes. Draco id est diabolus. ¶Nonne, Mönch (13) Kostbare Gewänder; Städte (14) Der Drache, das ist der Teufel.

(15) Draco iste insidiatur scandentibus. Hos omnes periculose ab alto cadentes potest Dominus medicina penitentie iterum ad virtutum culmen restituere. ¶ Dieser Drache lauert auf die Fallenden. Alle diese auf gefahrvolle Weise von hoch herab Fallenden vermag der Herr durch die Medizin der Buße wieder zum Gipfel der Tugend zurückzubringen.

(16) Heremita. Hic heremita falsorum heremitarum personam gerit qui ortum suum excolens et superfluis cogitationibus plantationi sue intendens, ab oratione retrahitur et a divine contemplationis dulced[ine cui vacare et inherere deberet] sequestratur. Ortus heremite ¶ Der Einsiedler spielt die Rolle der falschen Einsiedler, welcher – seinen Garten pflegend und sich mit überflüssigen Gedanken auf seinen Anbau konzentrierend – vom Gebet abgelenkt wird und von der Süßigkeit der Kontemplation, für die er sich frei machen und der er anhängen sollte, entfernt wird.

(17) Inclusus. Lectus inclusi in quo prolibitu requies ¶ Der Inkluse. Das Kanapee des Inklusen, auf dem er gerne ruht.

(18) Monachus. Iste monachus falsorum monachorum typum gerit qui proprietatibus et pecunie inhians cor suum a divinis officiis abstrahit et ubi est thesaurus suus immobiliter figit. Pecunia monachi. ¶ Der Mönch. Dieser Mönch steht für alle falschen Mönche; gierig auf Besitz und Geld wendet er sein Herz ab vom Gottesdienst und heftet es unentwandt dorthin, wo sein Schatz sich befindet. Das Geld des Mönches [im Beutel]

(19) Clericus. Iste clericus omnes falsos clericos designans crapule, luxurie, symonie, aliisque viciis deditur retrorsum cadit et minime ad acquirendam vite coronam in altum vadit. Mensa clerici; pisces; ciphus; ecclesia; amica clerici. ¶ Der Pfaffe. Dieser Pfaffe stellt alle falschen Kleriker dar; er gibt sich den Saufgelagen hin, der Verschwendung, der Simonie (Ämterkauf) und anderen Lastern; er fällt herunter und gelangt keineswegs in die Höhe zum Erwerb der Krone des Lebens. – Der Tisch des Klerikers, Fische, ciphus ?, die Kirche, die Freundin des Klerikers.

(20) Laica; miles. Iste miles et laica mulier omnes infideles laicos significant qui varium ornatum seculi amantes et fornicationi simulque avaritie atque superbie vacantes ad nostram prosternuntur et raro ad contemplandam vite coronam elevantur. ¶ Die weltliche Frau, der Ritter. Diese bedeuten alle Ungläubigen, die – den vielfältigen Schmuck der Welt liebend, sich sowohl in Hurerei als auch in Habsucht wie auch in Hoffart schwelgend – das Unsere niederwerfen und kaum zur Betrachtung der Krone des Lebens emporgehoben werden.

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Thomasîn von Zerclaere

Thomasin von Zirclaria, Der wälsche gast, hg. Heinrich Rückert 1852 (Reprint mit Namenregister hg. F.Neumann, Berlin 1965)

5809ff.:
Nu habet ir vernomen wol
von wiu ein man machen sol
die stiege diu zem obersten guot
komen müge. Swer hât den muot
daz er dar ûf komen wil,
der muoz gedenken harte vil
wier die stiege machen sol,
daz er dar ûf stîge wol.
[usw.]

e-Text in der Bibliotheca Augustana: http://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/13Jh/Thomasin/dwg5.htm#5.1


Cod. Pal. germ. 389

Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 389; fol. 91verso Bayern (Regensburg?), um 1256.

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Johannes Tauler († 1361)

Predigt (Vetter Nr. 39) Karissimi, estote unanimes in oratione etc. [Ausschnitt]

Nu wellen wir sagen von drin greten [von drei Graden; Stufen, Staffeln], die mag der mensche haben in dem nidersten, in dem mittelsten oder in dem obersten grate.

Der erste grat eins inwendigen tugentlichen lebens die do die richten leitent in die hochste nacheit [Nähe] Gotz, ist das der mensche kere ze mole sich in die wunderlichen werk und bewisunge der unsprechelicher gaben und der usflússe der verborgener guotheit Gotz, und dannanus wirt geborn ein üebunge, die heisset jubilacio.

Der ander grat das ist ein armuete des geistes und ein sunderlich in ziehen Gotz in einer qwelender beroubunge des geistes.

Das dritte das ist ein úbervart in ein gotformig wesen in einikeit des geschaffenen geistes in den istigen geist Gotz, das man einen weselichen ker mag heissen. Und die her in recht geratent, das enist nút glöiplich das si iemer von Gotte múgen gevallen.

[…]

Der ander grat ist also: wenne Got den menschen als verre hat usser allen dingen gezogen und er númme ein kint enist, und in gesterket mit der labunge der süessikeit, entrúwen, denne git man im guot hert roggin brot; er ist nu ein man worden und ist zuo sinen tagen komen. Dem alten menschen ist nútz und guot herte starke spise; im ensol númme milch und brot, und denne wirt im fúr gehalten und er wirt gefüert einen gar wilden weg, der gar vinster und ellent ist. Und in dem wege benimet im Got alles das er im ie gegab. Und al do wirt der mensche als gar ze mole zuo im selber gelossen das er von Gotte al zemole nút enweis, und kumet in alsolich getrenge das er nút enweis ob im ie recht wart und ob er einen Got habe oder nút habe und ob er es si oder nút si, und wirt im do so wunderlichen we und we das im alle dise wite welt ze enge wirt. Er enbevindet noch enweis sines Gottes ze mole nút, und aller ander dinge der enmag er nút, und ist im als er enzwischent zwei wenden hange und als hinder im ste ein swert und vor im si ein scharpfes sper. Was wil er denne tuon? Er enmag weder hinder sich noch fúr sich, denne er setze sich do nider und spreche: ›Got grüesse dich, bitterre bitterkeit vol aller gnaden!‹

Ausgabe: Die Predigten Taulers. Aus der Engelberger und der Freiburger Handschrift sowie aus Schmidts Abschriften der ehemaligen Straßburger Handschriften hg. von Ferdinand Vetter (DTM 11), Berlin 1910.

http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ihd/content/pageview/273148

http://tinyurl.com/ydz28um2

Literatur: Sr. M Engratis Kihm O.P., Die Drei-Wege-Lehre bei Tauler, in: Ephrem Filthaut O.P. (Hg.), Johannes Tauler, Ein deutscher Mystiker. Gedenkschrift zum 600. Todestag, Essen 1961, S. 268–300. — Louise Gnädinger, Johannes Tauler. Lebenswelt und mystische Lehre, München: Beck 1993; S. 147–169.


Antonio Bettini / Sandro Botticelli / Baccio Baldini

Quelle: hier

Der Kupferstich von Baccio Baldini (ca. 1436 bis 1487) – seine Stiche sollen nach den Zeichnungen von Sandro Botticelli gefertigt worden sein – erschien im Buch von Antonio Bettini (1396–1487), Monte Sancto di Dio, Florenz: Nicolaus Laurentii 10.IX.1477. (http://www.gesamtkatalogderwiegendrucke.de/docs/GW02204.htm)

Die Leitersprossen, die nach oben in den Himmel führen, wo Christus die Gläubigen zwischen den Engelschören erwartet, von unten nach oben:

PRVDENTIA
TEMPERANTIA
FORTEÇÇA
IVSTITIA
TIMORE
PIETA
SCIENTIA
FORTEÇÇA
[Fehler?]
CONSIGLIO
INTELLECTO
SAPIENTIA.

Die Holme der Leiter bedeuten ORATIONE und SACRAMENTO. Unten links der Teufel mit einer Kralle, angeschrieben CECITA. [Text dazu nicht gelesen]

Um 1480/90 wird das Bild als Holzschnitt wieder aufgenommen:

Quelle: hier

Hier sind nicht Leitersprossen gezeichnet, sondern Stufen den Berg hinauf angedeutet, angeschrieben mit (von unten nach oben): globen — miltikait — Beschaidenhait — Stetikait — Gerechtikait — Stercke — Willhait — Messikait — Gedultikait — gehorsamkait — Demutikait — getliche lieb.

In den Spruchbändern gibt jheſus u.a. folgenden Rat: All<e>n sunden vnd vntugenden muostu creffticlichen widerston vnd alle tugend hob / Und gewaltiglich durch distel vnd dorn gon, so magstu mit fre<u>den by mier vff dem berg ston.

Literatur: Peter Parshall und Rainer Schoch, Die Anfänge der europäischen Druckgraphik. Holzschnitte des 15. Jahrhunderts und ihr Gebrauch, Nürnberg: Verlag des Germanischen Nationalmuseums 2005; Nr. 91. (Hier auch die Spruchbänder transkribiert)


Gebetsleiter

Ein Einblattdruck [wohl Ende 15.Jh.] zeigt schlicht den Zusammenhang zwischen der Anzahl der Gebete (Paternoster und Ave Maria) und der Nähe zu Gott, den der/die Gläubige damit erreicht:

Quelle: [Cornelia Schneider u.a.], Blockbücher des Mittelalters. Bilderfolgen als Lektüre. hg von Gutenberg-Gesellschaft und Gutenberg-Museum, Mainz: von Zabern 1991; Abb. IV.32 (S.54) ohne präziseren Nachweis.

Erinnert sei an die Scala santa im Lateran.


Cicero / Petrarkameister / Hans Sachs

aus: Officia M. T. C. Ein Buch So Marcus Tullius Cicero der Römer zu seynem Sune Marco. Von den tugentsamen ämptern vnd zugehörungen eynes wol vnd rechtlebenden Menschen in Latein geschriben, Welchs auff begere Herren Johansen von Schwartzenbergs etc. verteütschet Vnd volgens Durch jne in zyerlicher Hochteütsch gebracht. Mit vil Figuren vnnd Teütschen Reymen gemeynem nutz zu gut in Druck gegeben worden, Augspurg: Steyner, 1531.

Schwar[t]zenberg übersetzt hier Cicero, de officiis II,x,37:

Nam et voluptates, blandissimae dominae, maioris partis animos a virtute detorquent; dolorum cum admoventur faces, praeter modum plerique exterrentur. Vita, mors, divitiae, paupertas omnes homines vehementissime permovent.

Moderne Übersetzung: Es werden aber diejenigen bewundert, die, wie man glaubt, die Übrigen an Tugend übertreffen und frei von jeder Schande sind, besonders aber von den Lastern, denen andere kaum widerstehen können. Denn die Freuden, die schmeichlerischsten Gebieterinnen, bringen den größten Teil der Menschen von der Tugend ab, und die Meisten lassen sich, wenn sich brennende Schmerzen nähern, übermäßig erschrecken; Leben, Tod, Reichtum und Armut beeindrucken alle Menschen aufs Ärgste. (vita, mors, divitiae, paupertas omnes homines vehementissime permovent.) Diejenigen, die diese Dinge weder fürchtend noch begehrend mit einer erhabenen und hohen Gesinnung verachten und die sich, wenn sich ihnen irgendetwas Bedeutendes und Ehrenhaftes bietet, diesem ganz zuwenden und mitreißen lassen: Wer sollte da nicht den Glanz und die Schönheit der Tugend bewundern? (Übersetzung von Rainer Lohmann, vgl. http://www.romanum.de/main.php?show=uebersetzungen/cicero/de_officiis/index.html)

Im Frühneuhochdeutsch von 1531 tönt das so: Dye wollust [Plural] als aller sänffte herscherin/ ziehen den meren teyl der gemüt von tugenten/ vnd werden noch mer erschreckt/ so sye dye fackeln [gemeint ist: die Qual] der schmertzen anrüren/ dann [denn] das leben/ der todt/ die reychtumb/ vnd armuot/ bewegen allermeyst den menschen.

Im Bild kommen Ding-Allegorien (Stufen-Leiter; Rüstung nach Epheserbrief 6, 11–17) und Personifikationsallegorien (die vier Gewalten) miteinander verquickt vor.

Hans Sachs (1494–1576), »Vier irrung der tugent«

In der blüweis Michael Lorenz. – 1. Januar 1544.

1.
Hört, wie ich in eim buch gemalet fant,
wie zu dem trone
aufwarts ein hohe leiter was,
da die küngin der tugent saß,
welche alle gar herlich krönen wolt,
die zu ir stiegen und erreichten iren sitz.
Mitten auf der leiter ein ritter stant,
geschmücket schone
mit harnisch, ritterlicher zir;
im stunt sein herz, mut und begir,
das in die küngin herlich krönen solt;
das zu ersteigen, brauchet er sin unde witz.
Vier langer strick
sach ich im blick
um sein leib gürtet stark und dick;
die strick hetten gewaltig in der hand
vier stark persone:
armut, wollust, tot und der schmerz,
zogen den ritter unterwerz,
auf das er nit erreicht die kron und höchsten spitz.

2.
Die leiter des menschen leben bedeut,
alter und jugent,
das zu den eren ist geneigt,
über sich zu der tugent steigt,
ist die küngin, die ir diener bekrönt,
im leben, tot ir nam herlich erhaben wirt;
Aber die vier person am strick zerstreut,
welche abzugent,
die erst person ist die armut,
die den menschen abfüren tut
in vil laster, darmit er sich beschönt:
für tugent in geiz, falsch und der betrug regirt.
Zum andern: schmerz
zeucht auch abwerz
von tugent das menschliche herz,
ist, so der mensch im selber nicht gebeut,
aus lieb der tugent
durch gedult all ding überwint,
sunder in rach und zoren brint,
das neit und haß in ungestümiklich vexirt.

3.
Zum dritten: der wollust abziehen tut,
so gar ersoffen
der mensch ganz viehisch lebt darin,
legt darauf herz, mut unde sin,
in allen lastren sült sich wie ein schwein:
unkeusch, fraß, hoffart und als was senft tut dem leib.
Zum vierten zeucht ab der tot sin und mut
und alles hoffen
und lont der tugentreichen tat;
wo man des todes forchte hat,
da acht man warheit und grechtigkeit klein,
wirt heuchlerisch und kleinmütig gleich einem weib.
Darum welch mon
der tugent kron
empfahen wil und iren lon,
der sol leben nach art der tugent gut.
wirt er gleich troffen
mit armut, schmerz, wollust und tot,
sol er kempfen durch alle not,
spricht Cicero, das er nur bei der tugent bleib.

Hans Sachs: Dichtungen, hg. K. Goedeke, Erster Theil: Geistliche und weltliche Lieder, Leipzig 1870, S. 146-148. Als e-Text bei http://www.zeno.org/Literatur/M/Sachs,+Hans/Gedichte/Geistliche+und+weltliche+Lieder/Vier+irrung+der+tugent

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Lucas Cranach

Lucas Cranach d. Ä., Kurfürst Friedrich der Weise unter der Himmelsleiter des Hl. Bonaventura (B. 78), Holzschnitt (aus: zeno.org)

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Mildmay Fane, 2nd Earl of Westmorland (1602–1666), Otia Sacra, London: Printed by Richard Cotes 1648.

http://hdl.handle.net/2027/uiuo.ark:/13960/t05x31d7z?urlappend=%3Bseq=119

Die Bildunterschrift besagt: Hier ist eine Leiter anstelle derjenigen von Jakob, um dir zu zeigen, wie du zum Himmel aufsteigst. Ihm haben das im Traum Engel gezeigt, die vom Himmel herab und hinaufstiegen. Aber wenn du dein Herz dafür öffnest (vgl. Apply thine heart unto instruction, Prov.23,12), wird sie dich zum Erlöser führen.

Die einzelnen Tugenden werden in der Graphik operationalisiert, und am Rand wird angegeben, was das Resultat der Tugend ist, dazu werden passende Bibelstellen zitiert. Zum Beispiel (v.u.n.o.):

Fides — Beleeve in Gods promises — Justificat: Act 13,39. Rom 3,28 — Jeder, der glaubt, durch ihn gerecht gemacht. | […] dass der Mensch gerecht wird durch Glauben.

Continentia — Be Sober and watch — Armat: 1 Thess 5,8 — Wir wollen nüchtern sein und uns rüsten mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe.

Tolerantia — Overcome evil with good for — Consolatur: Rom 15,5 — Der Gott der Geduld und des Trostes schenke euch die Einmütigkeit.

Pietas — The purchase of heaven is great gaine — Comparat: Joh 5,24 — Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat das ewige Leben.

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Lebensalter-Treppe

AUGUSTINUS (»de vera religione« XXVI, xlviii, 130) verwendet die Altersstufen des Menschen als Modell für den Heil(ung)sprozess

… die natürliche Beschaffenheit und Entwicklung jedes Menschen von seiner Geburt an.... der neue innere und himmlische Mensch hat gleichfalls seine geistlichen Altersstufen, die nicht nach Jahren, sondern nach der Höhe des Fortschritts zu unterscheiden sind:
Das erste Lebensalter, die frühe Kindheit, die der Heranwachsende völlig vergisst, kennt nur leibliche Nahrungsaufnahme.Die erste Stufe verlebt er gleichsam an der Mutterbrust der heilsamen Geschichte, die ihn mit Vorbildern nährt.
Ihr folgt das Knabenalter, dessen wir uns teilweise erinnern.Auf der zweiten beginnt er bereits, das Menschliche dahintenzulassen und zum Göttlichen aufzustreben.
Das Jünglingsalter schließt sich an, dem die Natur bereits die Fähigkeit verlieh, sich fortzupflanzen und Vater zu werden.Auf der dritten Stufe wird er schon mutiger, nimmt die fleischliche Begierde durch die Kraft der Vernunft in Zucht und genießt innerlich gewissermaßen eheliche Freuden, indem seine Seele sich in schamvoller Verhüllung dem Geist vermählt.
Auf der nächsten Stufe steht der junge Mann, der schon durch Übernahme öffentlicher Pflichten geübt und durch Gesetze in Zucht gehalten werden muss.Die vierte Stufe macht ihn hierin noch fester und sicherer und lässt ihn zu vollkommener Männlichkeit sich erheben.
Nach den Mühsalen dieses Lebensabschnittes erlangt der ältere Mann eine gewisse Beruhigung. Von da bis zum Tode führt ein Lebensalter, das trüber und freudloser, mehr den Krankheiten ausgesetzt und hinfällig ist.Auf der fünften stellt sich Ruhe ein und vollständige Befriedung. Nun lebt er im Genuss der Schätze und des Überflusses des unwandelbaren Reiches höchster und unaussprechlicher Weisheit.
 Die siebente aber ist die ewige Ruhe, die dauernde Glückseligkeit, wo es keine verschiedenen Lebensalter mehr gibt.

Bei der Visualisierung als Lebenstreppe kommt zur Bewegung nach oben und unten ein trickfilmartiger Fortschritt (in Leserichtung) von links nach rechts.

Jörg Breu d. Ältere († 1537):

J. E. Gailer (1832)

Neuer Orbis Pictus für die Jugend, oder Schauplatz der Natur, der Kunst und des Menschenlebens ... in deutscher, lateinischer, französischer und englischer Sprache nach der früheren Anlage des Comenius bearbeitet und dem jetzigen Zeitbedürfnisse gemäß eingerichtet von J. E. Gailer, Reutlingen: Mäcken 1832. (In der Nachfolge von Comenius, Orbis Sensualium Pictus [1698], Tafel XXXVI: Septem ætates hominis / Die sieben Alter des Menschen)

Die Lebenstreppe wird auch für die karikierende Visualisierung von Karrieren berühmter Persönlichkeiten verwendet, namentlich, wenn sie einen Knick am Höhepunkt hat.

Napoleon-Karikaturen von Johann Michael Voltz (1784–1858)

Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Treaty_of_Fontainebleau_%281814%29#/media/File:Aufstieg-und-Niederfall-Napoleons.png

Buonapartes Stuffenjahre 1814

Vgl. zu diesem Bild: Bild als Waffe. Mittel und Motive der Karikatur in fünf Jahrhunderten, hg. von Gerhard Langemeyer, Gerd Unverfehrt, Herwig Guratzsch und Christoph Stölzl, München: Prestel 1984; Nr. 130 (S.184).

Literaturhinweise:

Wilhelm Wackernagel: Die Lebensalter: ein Beitrag zur vergleichenden Sitten- und Rechtsgeschichte, 1862 (https://books.google.ch/books?id=_Mw6AAAAcAAJ)

Jo Thijssen / Michael Overdick: Die Lebenstreppe und ihre Verwandten, In: Konrad Vanja u.a. (Hg.): Arbeitskreis Bild Druck Papier. Tagungsband Berlin 2012, S. 41-66

Viele Bilder zum Thema hier > https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Steps_of_life?uselang=de

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Hierarchien des geistigen Lebens

Diese ›Treppe‹ sieht ähnlich aus — aber bei genauer Lektüre ...

Charles de Bouelles [Bovillus, 1479-1553], Liber de intellectu, Parisiis: Stephanus & Parvus 1510. – Digitalisiert durch die Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf > http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/id/1257157

Die Treppenelemente sind mit den Prädikaten einer traditionellen Seinshierarchie angeschrieben (ist, lebt, fühlt, versteht) und entsprechend der Hierarchie so aufeinandergeschichtet, dass in völliger Achsensymmetrie von links nach rechts und von rechts nach links je eins dazukommt, bis in der Mitte eine Ebene entsteht.

Am oberen Bildrand gibt es Überschriften zu den Treppenstufen; links werden Arten des Seienden genannt (die Neutrumendung "-e" passt zu "ens" (Seiendes)), rechts menschliche Lebensweisen, negativ: Untätigkeit, Gier, Prunksucht / positiv: Tugend.

Auf den Treppenstufen sind, mit Tituli versehen, Verkörperungen dieser Seinsarten und Lebensweisen zu sehen (v.l.n.r.: Fels (petra), Baum, Pferd, Mensch bzw. v.r.n.l.: mineralischer Mensch (zusammengekauert), lebensorientierter (vitalis beim Essen), sinnenfreudiger (vor dem Spiegel), lernbegieriger Mensch ( am Schreibpult). Die Zusammengehörigkeit wird dadurch verdeutlicht, dass die Treppenelementbeschriftungen durch die konjugierte Form mit den Tituli Sätze bilden, z.B. studiosus intelligit.

Durch die Darstellung werden die Lebensweisen unterschiedlich bewertet. Es geht hier nicht um die Darstellung eines Ablaufs. Die Abstufung ist nicht als zeitliches Auf-und-Ab zu interpretieren, sondern als paralleler begrifflicher Auf- oder Abstieg (von den Seiten zur Mitte bzw. von der Mitte zu den Seiten).

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Ramon Llull (1232–1316): Aufstieg des Intellekts

Scala intellctûs vom Stein bis zu Gott in: Raymundi Lullij Doctoris illuminati de noua logica. de correllatiuis. necnon de ascensu et descensu intellectus, Valencia 1512. > http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10203463_00114.html

»De Ascensu et descensu intellectus« [entstanden 1305], in: Raimundi Lulli Opera Latina [Werk = Nr. 120], ed. Alois madre (Corpus Christianorum, Cont. Mediaevalis XXXV), Turnhout: Brepols 1981.

Das Buch ist in zehn Teile (distinctiones) gegliedert, wovon der erste Teil die Aufteilung selbst thematisiert: Prima distinctio, quae est de scala.

distinctio II de lapide
III de flamma
IV de planta
V de bruto
(gemeint ist der Löwe)
VI de homine
VII de caelo
VIII de angelo
IX de Deo

Neben den Treppenstufen führt eine Verweisline auf ein entsprechendes Bildchen (bei Deus evtl. auf die Sonne).

Jede der Treppenstufen (entsprechend einem Kapitel im Buch) ist weiter unterteilt in scalones (nicht-klassisches Latein; von scala, also Stufen, Sprossen):

(1) actus – (2) passio – (3) actio – (4) natura – (5) accidens – (6) substantia – (7) simplex – (8) compositum – (9) individuum – (10) species (11) – genus – (12) ens

Diese Begriffe sind auf dem äußeren Ring der Scheibe (Scalę intellectûs) angeschrieben, den die Figur (bezeichnet mit intellectus ???) in der Hand hält.

Es gibt sodann noch eine dritte scala mit den fünf Stufen sensibile – imaginabile – dubitabile – credibile – intelligibile (im inneren Ring der Scheibe).

Der Text ist sehr kompliziert und bedürfte der Erläuterung.

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Robert Bellarmin S.J. (1542–1621)

Bellarmin schreibt einen Traktat, der im Sinne der ›natürlichen Theologie‹ den Aufstieg von den Kreaturen zu Gott darlegt:

De ascensione mentis in Deum per scalas rerum creatarum opusculum Roberti Cardinalis Bellarmini ... EA 1606 [?]

Seelen Leyter: Deß Hochw. Card. Bellarmini. Oder Auffsteignung dess Gemüths zu Gott/ durch die Leyter der erschaffenen Creaturen dieser Welt […], Meyntz: Lipp/Kinches 1615.

Hier das Verzeichnis der Stufen:

Index graduum
Ex consideratione hominis qui est mundus minor GRAD[US]. I — Erster Sproß: Der Mensch
Ex consideratione mundi majoris GRAD. II. — Der Ander Sproß: Die Betrachtung dieser grossen Welt
Ex consideratione orbis terrae GRAD. III. — Der Dritte Sproß: Der Erdbodem
Ex consideratione aquarum GRAD. IV. — Der Vierde Sproß: Das Wasser
Ex consideratione aeris GRAD. V. — Der Funffte Sproß: Die Lufft
Ex consideratione ignis GRAD. VI. — Der sechste Sproß: Daß Element deß Fewrs
Ex consideratione solis, lunae ac stellarum GRAD. VII. — Der Siebende Sproß: Der Himmel
Ex consideratione animae rationalis GRAD. VIII. — Der Achte Sproß: Die Vernunfftige Seel
Ex consideratione Angelorum GRAD. IX. — Der Neundte Sproß: Die Heilige Engel
Ex consideratione essentiae Dei GRAD. X. — Der Zehendt Sproß: Daß Gottliche wesens
Ex consideratione potentiae Dei GRAD. XI. — Der Eylffte Sproß: Die gewalt vnd Allmacht Gottes
Ex consideratione sapientiae theoricae Dei GRAD. XII. — Der Zwolffte Sproß: Die beschawliche Weißheit Gottes
Ex consideratione sapientiae practicae Dei GRAD. XIII. — Der Dreyzehendt Sproß: Die werckliche Weißheit
Ex consideratione misericordiae Dei GRAD. XIV. — Der Vierzehendt Sproß: Die Barmherzigkeit Gottes
Ex consideratione justiciae Dei GRAD. XV. — Der Funfzehendt Sproß: Die Gerechtigkeit Gottes

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Erhard Schoen und Hans Sachs, Der Lügenberg

Bild von Erhard Schoen (ca. 1491-1542) > http://www.zeno.org/nid/20004286693

Text von Hans Sachs (1494–1576), »Spruch der schwanck von dem Lügenberg« (datiert: 12. Dezember 1533), hg. Adelbert von Keller, Hans Sachs, Werke, 5.Band (Bibl. des Litt. Vereins Stuttgart CVI); Tübingen 1870; S. 325–333. > https://archive.org/details/hanssachs25sachgoog

Der Erzähler des Schwanks berichtet, er sei zu einem Berg gekommen, der von viel Volk umstanden gewesen sei. Ein außschreyer sagt, hier befänden sich neun Lügner, die sich in den Berg verstiegen haben, je an einem besonderen Ort (von unten nach oben): Der ehrenlügner — Der märlügner — Der alt lügner — Der schwatzlügner — Der rumlügner — Der schmaichel-lügner — Der trug-lügner — Der hader-lügner — Der doppelt lügner. Die moralische Verfehlung ist um so gravierender, je weiter oben der Lügner steht.

Die Moral lautet, der weise Mann halt sein zungen wol im zaum,
Laß ir nit gar zu weytten raum,
Sunder thues mit vernufft regiern
Und alle wort zuvor probiern,
Eh er sie geb herauß an tag
Dardurch er sich verhüten mag
Mit wenig reden oder schweigen,
Das er sich gar nicht thu versteygen
Inn die höch oder inn die zwerg
[in die Tiefe]
Auff diesem schendling Lügenberg.
So spricht Hans Sachs zu Nürnberg.


Andrés de Capilla (????)

Virtutes hominem ducunt ad sidera; uerum
Fulciri magno debet AMORE uia.

(lat. fulcio = durch Streben, Pfeiler usw. stützen)

Die Leitersprossen sind verbunden mit ›Rezepten‹, z.Bsp.:

Das 67. Recept.
Der Glaub der ist das Fundament
Darauff all ander Tugend stehnt;
Ohn Glaub kan niemand gfallen Gott
Doch ohn die Werck der Glaub ist todt.

Andreae Capellae Unverwesenlichs Balsambüchslein in 90 underschidliche recept von allerkostbarlichsten Specereyen abgethailt. In teutsch gebracht durch Ioachimum Meychel, München: Peter König 1623. > http://diglib.hab.de/drucke/xb-4536/start.htm


Christian Knorr von Rosenroth

Knorr von Rosenroth (1636–1689) zeigt auf dem Titelbld seines »Neuen Helicon« (1684) als den Weg zum Glücklichsein den Aufstieg auf den Musenberg, aber ins Christliche umgedeutet.

Die neun antiken Musen (Castalinnen °) sind umgetauft in Reiner Sitten Regerinnen: Liebe – Begierde – Freude - Hoffnung – Fliehen – Hass – Furcht – Trauern – Eifer. Bei einigen muss man beachten: Fliehen flieht vor einem gedeckten Tisch; Trauern meint wohl das Betrauern der eigenen Sünden, nicht Melancholie; Eiver ersticht mit der Lanze einen Drachen.

°) Hederich, 1770: »CASTALIA war ein besonderer Brunn zu Delphis am Parnasse, von gar annehmlichem Geschmacke, welcher selbst den Altar des Apollo in dessen Tempel benetzete, […]. Weil er hiernächst den Musen geheiliget war, so werden sie von ihm vielfältig Castalinnen, Castalides, beygenannt.«

An der Stelle von Apollo steht Christus (mit dem Monogramm ); anstelle des Parnass steht ein weinendes Antlitz.

Neuer Helicon mit seinen Neun Musen. Das ist: Geistliche Sitten-Lieder, von Erkäntniss der wahren Glückseligkeit, und der Unglückseligkeit falscher Güter; dann von den Mitteln zur wahren glückseligkeit zu gelangen, und sich in derselben zu erhalten. Von einem Liebhaber Christlicher Ubungen zu Unterschiedlichen Zeiten Mehrentheils zur Auffmunterung der Seinigen Theils neu gemacht, theils übersetzet, theils aus andern alten, bei Unterrichtung seiner Kinder geändert: nunmehro aber zusammen geordnet und von einem guten Freunde zum Druck befödert. […] Nürnberg: Johann Jonathan Felßecker 1684. > http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN777106965

Herausgegeben von Rosmarie Zeller und Wolfgang Hirschmann, Beeskov: ortus Musikverlag 2016 (ISBN 978-3-937788-48-7) > http://www.ortus-musikverlag.de/index.php/produktdetails.de/product/om214.html


Joachim Camerarius (1534-1598)

Die Schildkröte spricht:

Was schadets/ daß ich langsam schleiche/
Weil ich die Höhe doch erreiche.

Gleich wie die Schilde=Krott mit sacht- und leisen Schritten
Den hohen Berg erreicht/ alwo die Schwanen wohnen °°°
So kan die Arbeit auch mit vielen sauren Tritten
Gelangen an den Ort/ da die Geehrten thronen.

(°°° Die Schwäne auf dem Gipfel des Parnass bedeuten die Treue und Auffrichtigkeit der Weisen und Gelehrten, die mit ihrer süßen, lieblichen Lehre jedermann angenehm sind.)

Joachim Camerarius, »Symbola et emblemata«; I: 1590; II: 1595; III: 1596; IV: 1604 --- hier aus der deutschen Ausgabe: Vierhundert Wahl-Sprüche und Sinnen-Bilder, durch welche beygebracht und außgelegt werden die angeborne Eigenschafften, wie auch lustige Historien und Hochgelährter Männer weiße Sitten-Sprüch. Und zwar Im 1. Hundert: Von Bäumen und allerhand Pflanzen. Im II. Von Vier-Füssigen Thieren. Im III. Von Vögeln und allerley kleinen so wol fliegenden als nit fliegenden Thierlein. Im IV. Von Fischen und kriechenden Thieren. Vormahls durch den Hochgelährten Hn. Ioachimum Camerarium In Lateinischer Sprach beschrieben: Und nach ihm durch einen Liebhaber seiner Nation / wegen dieses Buchs sonderbarer Nutzbarkeit allen denen die in vorgemelter Sprach unerfahren seyn/ zum besten ins Teutsch versetzet, Maintz: Bourgeat 1671. – Zweites Hundert; Emblem XCII.


Jakob Bornitz (ca. 1560 – 1625)

Sylloge prima, Nr. VI: Nostrum Politeuma in Cœlis (vgl. Philipperbrief 3,20: Unsere Heimat ist im Himmel)

So dein Wandel im Himmel ist/
deß Fleisches Bürd leg ab zurüst.

Jacobi Bornitii emblemata ethico politica ingenuâ atque eruditâ interpretatione nunc primùm illustrata, Mainz: Bourgeat 1669. > https://archive.org/details/jacobibornitiiem00born

Ausgabe 1678 > http://www.uni-mannheim.de/mateo/camenahist/bornitz1/te01.html


Franciscus Reinzer S.J. (1661–1708)

Ein Politicus soll Stufen-weiß in die Höhe steigen (lat.: Politicus per gradus ascendat.)

[…] Festina lente; Nur eile/ mit Weile. Es werden dir wohl auf der Spitze des Olympi drey Belohungen und Ehren-Nahmen gezeiget und angebotten; allein/ du must nicht alsbald nach dem höchsten trachten. Man muß Stufen-weiß fortgehen/ nicht aber einen Sprung thun/ und sogleich mit Hindansetzung des Mittels die Spitze erreichen wollen. Ehren-Stellen sollen Staffel-weiß erworben/ und von der Untersten biß zur Obersten fortgeschritten werden. Gleichwie eine Rakete in einem Augenblick in die Höhe steiget/ in dem Auffsteigen aber schwach wird/ und dann in der Höhe zerberstet; also ist auch ein durch Eyl erjagter Ruhm dem Sturtz am allernechsten. Wer den Berg Olympus besteigen will/ der kan solches nicht anders dann Fuß für Fuß verrichten; […] Laß es seyn/ daß ein aus der Erde steigender Dunst in Ehrgeitziger Eile sich nach der Himmels-Spitze hinauff schwinge; er wird bald zu einem Blitz werden/ der in einem Augenblick verschwindet. […] Wer sich im Anfang grosser Sachen unterfahet/ der wird leichtlich […] an einem unerwünschten Ausgang verzagen müssen: Wer aber mit Wenigem beginnet/ der wird immerzu stärcker/ getroster und besser/ als er zuvor gewesen. [Es folgen Beispiele aus Mythologie, Geschichte und Natur.]

Gradatim.
Steigt auf mit Fleiß/
Nur Stuffen-weiß.

[…]
Wer kann der Berge Spitz’ in einem Sprung erreichen?
Wer kan in einem Huy daselbsten oben steh’n?
Man muß/ will man dorthin/ von solcher Thorheit weichen/
Und nach und nach hinauff mit schweren Schritten gehn.
Die Ehre last sich nicht im Augenblick erringen;
Mit langer Zeit wird man sie nur zuwegen bringen.

Franciscus Reinzer, S.J., Meteorologia philosophico-politica, in duodecim dissertationes per quaestiones divisa. Nunc Denuo Ad Multorum Desiderium In Lucem Correctior Edita, Augusta Vindelicorum 1709.

Meteorologia Philosophico-Politica, Das ist: Philosophische und Politische Beschreib= und Erklärung der Meteorischen / oder in der obern Lufft erzeugten Dinge; In zwölff zerschiednen […] wie auch mit zugleich untermischten schönen Sinn=Bildern gezierten Abtheilungen sonderbahren Fleisses ehedem verfasst durch den Ehrw. P. Franciscum Reinzer, S.J. […]. Anjetzo wegen der darinnen enthaltnen raren und anmuthigen Materien / curiosen Gemüthern zu Gefallen / und zu nutzlicher Ergötzung […] in das Teutsche übersetzt. Augsburg: Jeremias Wolff 1712. – Nummer 3: Gradatim

Die lat. Ausgabe ist mehrfach digitalisiert:

http://archive.org/stream/philosphicopolit00rein#page/10/mode/1up

http://diglib.hab.de/drucke/xb-4f-445/start.htm?image=00024

Die deutsche Übersetzung von der BSB hier:

http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb11057846_00025.html

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Gradus ad Parnassum

Titelbild des Kompostions-Lehrbuchs von Johann Joseph Fux (1660–1741). Der Stufenweg zum Musenberg Parnass ist gesäumt von den 9 Musen. Zuoberst krönt Apoll (mit Leier und im Strahlenkranz) den Komponisten. Im Hintergrund Pegasus:

Gradus ad parnassum, sive manuductio ad compositionem musicae regularem, methodo nova, ac certa, nondum ante tam exacto ordine in lucem edita, elaborata a Ioanne Iosepho Fux, Viennae: typis Ioannis Petri van Ghelen 1725. > http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-38690

Unter dem Titel »Gradus ad parnassum« erscheint [schon vor?] 1671 ein Wörterbuch für Synonyme und Sprichwörter zum Auffinden geeigneter Wörter beim Abfassen lateinischer Gedichte oder Dramen (viele Neuauflagen bis 1838!); Verfasser war der Jesuit Paul Aler (1656–1727). > http://www.richardwolf.de/latein/gradus.htm


Nicostrata

Nicostrata, auch Carmenta – sie soll die griechischen Buchstaben in lateinische umgewandelt haben (Hygin, fab. 277) – zeigt dem kleinen Jungen, wie er über die Stufen der Fähigkeiten voranschreitet: Disce legere – scribere – Voces intelligere – Declinare – Conjugare – Voces construere – Sic dignus es intrare – zuoberst empfängt ihn Typographia.

Christian Friedrich Gessner, Der in der Buchdruckerei wohlunterrichtete Lehr-Junge Oder: bey der löblichen Buchdruckerkunst nöthige und nüzliche Anfangsgründe …, Leipzig: Geßner 1743. > https://hdl.handle.net/2027/ucm.5325866066?urlappend=%3Bseq=8


Scala Mahometi

Edeltraud Werner, Liber Scale Machometi. Die lateinische Fassung des "Kitāb al miʼrādj". Einleitung, Edition, Glossar, Düsseldorf 1968 (Studia humanoria Bd. 4)

Le Livre de l'échelle de Mahomet, Traduction de Gisèle Besson / Michèle Brossard-Dandré, Livre de poche (4529) 1991.

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Boethius (* um 480/485; † zwischen 524 und 526)

Generelle Literaturangaben fürs Folgende:

Pierre Courcelle, La consolation de philosophie dans la tradition littéraire; antécédents et postérité de Boèce, Paris: Etudes Augustiniennes 1967.

Joachim Gruber, Kommentar zu Boethius, De consolatione philosophiae (1978), 2., erweiterte Auflage Berlin: de Gruyter 2006.

Boethius Christianus? Transformationen der "Consolatio Philosophiae" in Mittelalter und Früher Neuzeit, hg. von Reinhold F. Glei / Nicola Kaminski / Franz Lebsanft, de Gruyter 2010.

Maarten J. F. M. Hoenen, Lodi W. Nauta (Eds.), Boethius in the Middle Ages: Latin and Vernacular Traditions of the Consolatio Philosophiae (Studien und Texte zur Geistesgeschichte des Mittelalters 58), Leiden: Brill 1997.

Franz Dornseiff, Das Alphabet in Mystik und Magie, 2.Aufl. Leipzig: Teubner 1925.

G. R. Watson, Theta Nigrum, in: The Journal of Roman Studies, Vol. 42, Parts 1 and 2 (1952), pp. 56–62.

Henry Chadwick, Theta on Philosophy’s Dress in Boethius, in: Medium Aevum XLIX, No.2 (1980), p. 175–179.

Thomas Ricklin, Femme-philosophie et hommes-animaux. Essai d’une lecture satirique de la Consolatio Philosophiae de Boèce, in: Boèce ou La chaîne des savoirs, Actes du colloque international de la Fondation Singer-Polignac, Paris, 8 - 12 juin 1999, éd. par A. Galonnier, Louvain: Editions de l’Institut supérieur de philosophie 2003, 131–146.

Herbert Rudolph, »Boethius«, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. II (1942), Sp. 970–976. > http://www.rdklabor.de/w/?oldid=92376

Christine Hehle, Boethius in St. Gallen. Die Bearbeitung der »Consolatio Philosophiae« durch Notker Teutonicus zwischen Tradition und Innovation, (MTU 122), Tübingen: Niemeyer 2002.

Petrus W. Tax, Notker latinus zu Boethius, "De consolatione philosophiae", Buch I/II (= Die Werke Notkers des Deutschen; Band 1A; Altdeutsche Textbibliothek Nr. 120) Tübingen: Niemeyer 2008.

Boethius, »Consolatio Philosophiae«, prosa 1

Während ich solche Gedanken still für mich im Herzen bewegte und meine jammernde Klage mit dem Schreibgriffel aufzeichnete, da erschien mir zu Häupten eine Frauengestalt von ehrfurchtgebietender Hoheit, mit glühenden Augen von so durchdringender Kraft, wie sie sonst den Menschen nicht eigen ist. Frisch war ihre Gesichtsfarbe und unerschöpft ihre Körperkraft, obgleich sie schon ein so langes Leben hinter sich zu haben schien, daß man sie kaum noch unserem Zeitalter zurechnen konnte. Ihre Gestalt war eine wechselnde. Bald nämlich schrumpfte sie auf das gewöhnliche Maß der Menschen zusammen, bald wieder schien sie mit der Höhe des Scheitels die Wolken zu berühren. Hätte sie das Haupt noch höher erhoben, so wäre sie in den Himmel selbst eingedrungen und den Blicken der Menschen entschwunden.

Ihre Kleider waren von den dünnsten Fäden, aber aus unverwüstlichem Stoff, mit der feinsten Kunstfertigkeit gewebt und zwar, wie sie mir später erzählte, das Werk ihrer eigenen Hände. Äußerlich zeigten sie indes die Verschossenheit eines vernachlässigten Alters, verwitterten und bestaubten Gemälden vergleichbar. Im untersten Saum war der griechische Buchstabe P, im obersten ein Th eingewirkt zu lesen und zwischen beiden wurden gewisse, in Form einer Treppe angeordnete Stufen sichtbar, mittelst deren, wie es schien, ein Aufstieg von dem unteren zu dem oberen Buchstaben stattfinden sollte.

Uestes erant tenuissimis filis subtili artificio indissolubili materia perfectae, quas, uti post eadem prodente cognoui, suis manibus ipsa texuerat; quarum speciem, ueluti fumosas imagines solet, caligo quaedam neglectae uetustatis obduxerat. Harum in extremo margine Π Graecum, in supremo uero Θ legebatur intextum atque inter utrasque litteras in scalarum modum gradus quidam insigniti uidebantur, quibus ab inferiore ad superius elementum esset ascensus.

In Handschriften aus dem 10. Jh. sind am Rand eine Leiter mit den beiden Buchstaben Pi und Theta gezeichnet:

Ausschnitt aus der Hs. Einsiedeln, Stiftsbibliothek, Codex 179 (482) > http://www.e-codices.unifr.ch/en/sbe/0179/98/0/Sequence-985

Ausschnitt aus der Boethius-Hs. Vatikan, Biblioteca Apostolica Vaticana, Pal. lat. 1581 > http://bibliotheca-laureshamensis-digital.de/bav/bav_pal_lat_1581

Die Form des Theta Ø ist für die Zeit nicht außergewöhnlich, vgl. Carl Faulmann, Das Buch der Schrift, enthaltend die Schriftzeichen und Alphabete aller Zeiten und aller Völker des Erdkreise, Wien 1880. https://archive.org/stream/bub_gb_3XMIAAAAQAAJ#page/n186/mode/1up – sowie den Passus Isidor, Etymologien, I,i,6: Post quem Simonides Melicus tres alias adiecit Ψ.Ξ.Θ. in der Etymologien-Hs. Cod. Sang. 231 (um 880/890) http://www.e-codices.unifr.ch/de/csg/0231/15/0/Sequence-416

Zur Deutung von Pi und Theta dies vorweg:

Ein ehrwürdiger Ahne ist Aristoteles, der praktisches und theoretisches Wissen unterscheidet. Es gibt mehrere weitere solche Statements in der lat. Antike. Boethius selbst schreibt in seinem Porphyrkommentar I,3, es gebe zwei Gattungen von Philosophie, una que theoretica dicitur, altera quae practica. id est speculativa et activa.
Pi könnte nach anderen Exegeten auch für politikai aretai (Tugenden des Bürgers) stehen; und Th für theia arete (auf Gott bezogene Tugend).


••• Hier der Kommentar von Notker dem Deutschen († 1022); (zu seinen lateinischen Quellen vgl. Tax 2008) [Der von Boethius übernommene und in eine natürliche Wortordnung gebrachte Text hier blau; nach Ü althochdeutsche Übersetzung; nach K Kommentare]

Notker allegorisiert – seiner lat. Quelle (vestes .i. artes liberales) folgend die Kleidung, und er deutet die beiden Buchstaben:

K Íro uuât . táz sínt artes liberales.
[…]
Harum in extremo margine. legebatur intextum π grecum.
Ü Ze níderôst án dero uuâte . stûont kescríben taz chrîecheska p.
K Táz pezéichenet practicam uitam. táz chît actiuam.
In superiore uero legebatur θ.
Ü Ze óberôst stûont theta.
K Tíu bezeichenet theoreticam uitam. dáz chît contemplatiuam.
Atque inter utrasque literas uidebantur insigniti quidam gradus in modum scalarum.
Ü Únde únderzwískên pûohstáben . stûonden sámo-so léiter-sprózen gezéichenet . álde stégôn stûofâ.
Quibus esset ascensus . ab inferiori ad superius elementum.
Ü Áfter dîen man stîgen máhti . fone demo níderen pûohstábe ze demo óberen.
K Uuánda sancti únde sapientes . fárent fóne actiua vita . ad contemplatiuam.

Ausschnitt aus der entspr. Seite aus dem Codex Sangallensis 825

> http://www.e-codices.unifr.ch/en/csg/0825/8/0/Sequence-673


••• Die Handschrift der Bayerischen Staatsbibliothek Clm 15825 (erstes/zweites Viertel des 11.Jh.s) zeigt das Pi und das Theta auf einer ausgeprägten Leiter. — Die Philosophie hält in der rechten Hand ein Buch, in der linken ein Szepter; das stimmt genau mit der Beschreibung im Text von Boethius überein: Et dextera quidem ejus libellos [hier mehrere Bücher], sceptrum vero sinistra gestabat. (I, prosa 1) Das Motiv kommt später immer wieder vor.

urn:nbn:de:bvb:12-bsb00065180-6


••• Das Bild in der Handschrift der Biblioteca Nacional Madrid, Mss 10109; fol 2r. (11./12. Jh.) zeigt ebenfalls nur die Buchstaben Pi und Theta:

(Hier aus Courcelle a.a.O.) > http://bdh-rd.bne.es/viewer.vm?id=0000096554&page=1


••• Einen Spezialfall in der Tradition stellt das Bild im Codex Vindobonensis Palatinus 242 der ÖNB (12. Jh.) dar.

Die unterste Sprosse der Leiter ist bezeichnet mit Πractica, dann folgen die vier Kardinaltungenden temperantia — fortitudo — iustitia – prudentia – zuoberst das Θ.

(Aus Courcelle a.a.O.)


••• Im folgenden Bild aus einer Handschrift um 1230 (Universitätsbibliothek Leipzig, MS 1253) fehlen das Pi und das Theta. Die Sprossen der Leiter sind mit den Septem Artes angeschrieben, unten das Trivium, oben das Quadrivium:

Astronomia.
Musica.
Geometria.
Arithmetica.
Rethorica.
Dialectica.
Grammatica.

>https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/65/Philosophia-ladder-of-liberal-arts-leipzig-univ-bibl-lat-1253-f3r-c1230.jpg


Exkurs

Sind die Septem Artes ein • Präsentationsmodus von Lehrbüchern oder ein • epistemologisches System, oder handelt es sich bei der stereotypen Abfolge um ein • Curriculum? — Diese Frage ist aus den bildungsgeschichtlichen Quellen (seit wann gibt es Stundenpläne?) nicht so leicht zu beantworten.

Es sind verschiedene Allegorien zur Darstellung der Septem artes entwickelt worden:

Literaturhinweise speziell hierzu:

Jutta Tezmen-Siegel, Die Darstellungen der septem artes liberales in der Bildenden Kunst als Rezeption der Lehrplangeschichte, München: Tuduv-Verlagsgesellschaft 1985.

Jürgen Sarnowsky, Die artes im Lehrplan der Universitäten, in: Ursula Schaefer (Hg.), Artes im Mittelalter, Berlin: Akademie Verlag 1999, S. 68-82.

Sabine Grebe, Martianus Capella - De nuptiis Philologiae et Mercurii: Darstellung der Sieben Freien Künste und ihrer Beziehungen zueinander, Stuttgart: Teubner 1999 (Beiträge zur Altertumskunde 119).

Michael Stolz, Artes-liberales-Zyklen. Formationen des Wissens im Mittelalter, 2 Bände (Bibliotheca Germanica 47), Tübingen/Basel 2004.

Hieraus (S.70) dieses Zitat: »Inwiefern von der Artes-Literatur direkt auf einen Gebrauch im Rahmen von Schullektüre und Lehrplänen rückgeschlossen werden kann, ist fraglich.«

Michael Stolz, Wege des Wissens. Zur Konventionalität mittelalterlicher Artes-Bildlichkeit, in: Literatur und Wandmalerei II. Konventionalität und Konversation. Burgdorfer Colloquium 2001, hg. Eckart Conrad Lutz u.a., de Gruyter, 2005, S. 275–301 + Bildanhang.


••• Das Bild in der Handschrift Clm 2599 der Bayerischen Staatsbibliothek, fol. 106verso (ca. 1225/1230) zeigt die Buchstaben Π (Pi) und Θ (Theta).

Auf dem Schriftband steht nach aufwärts:

|Π|rac|ti|ca|v|i|ta.|

und abwärts:

|Θ|He|or|ica|vi|ta.|iđ.|c̈të|pl|ati|va.| [aufgelöst: id est contemplativa];

zwischen den beiden Schriftzügen ein leeres Feld.

zum Begriff theorica vgl. W. Kranz: Theorica vita, in: Rheinisches Museum für Philologie 99 (1956), S. 191f > http://www.rhm.uni-koeln.de/099/Miszellen2.pdf

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e0/Boethius-philosophia-bsb-cod-lat-2599-f106v-c1200.jpg


••• Im frühen Druck: Boetius de Philosophico consolatu siue de consolatione philosophiae, cum figuris ornatissimis nouiter expolitus, Argentinae: Grüninger 1501, fol. V recto, erscheinen die Buchstaben als P – T:

> http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/boethius1501

Der Typensatz des Buchs hat keine griechischen Lettern (fol. III verso): Harum in extremo margine .P. grecum in supremo vero .T. legebatur intextum. — Der Thomas von Aquin (fälschlicherweise) zugeschriebene Kommentar dazu am linken Rand: In extremo margine .P. [et caetera] Due sunt Partes principales ph[ilosoph]ie, [scilicet] practica & Theorica. Ideo in veste philosophie erant due littere intexte [scilicet] p & t [.] P autem erat in inferiori parte vestis; & T in superiori. Per quod inuitur quod practica ph[ilosoph]ia inferior speculatiua ordine dignitatis & nature.

(Die Damen rechts im Bild sind Dichter-Musen, den von der Philosophie als scaenicas meretriculas apostrophiert und weggewiesen werden, weil sie keinen echten Trost spenden.)


••• Conrad Celtis (1459–1508): Quatuor libri amorum secundum quatuor latera Germanie, Nürnberg: Sodalitas Celtica 1502. [Der Holzschnitt von Dürer]

Die Philosophia erscheint hier nicht neben Boethius, sondern ›freigestellt‹. Die zentrale Aussage scheint zu sein, dss die Philosophie enzyklopädisch alle Wissensgebiete umfasst.

Auf ihrer Schärpe der sind zwischen Φ (Phi !) und Theta die Septem Artes eingespannt (Celtis folgt der Reihung von Martianus Capella):

(Ausschnitt)

von unten nach oben:

Φ
Γρα = Γραμματική [Grammatik]
Λο = Λογική [Logik]
Ρητ [?] = Ρητορική [Rhetorik]
Αρ = Ἀριθμητική [Arithmetik]
Γη [statt: Γε] = Γεωμετρία [Geometrie]
Ασ= Ἀστρονομία [Astronomie]
Μ = Μουσική [Musik]
Θ

Das ganze Bild hier: > http://www.uni-mannheim.de/mateo/camena/celtis1/jpg/s012.html

Die Philosophie sitzt auf einem Thron, dessen Wangen angeschrieben sind mit
πρῶτα θεὸν τίμα = Ehre vor allem Gott
πᾶσι δίκαια νέμειν = Allem / Allen das Gerechte zuteilen.
Die Verse stammen von (Ps.-)Phokylides (Nachweis bei Wuttke S.409).

Die in den vier Ecken die Winde darstellenden luft-blasenden Köpfe sind dem zugeordneten Temperament entsprechend gestaltet, ferner ist ihnen je eines der vier Elemente zugeordnet:
oben links: Eurus [Ostwind] — Ignis — Colericus
oben rechts: Zephirus [Westwind] — Aer — Sanguineus
unten links: Boreas [Nordwind] — Terra — Melancolicus
unten rechts: Auster [Südwind] — Aqua — Flegmaticus

Das passt zum im Buch gedruckten »Amores«: Quatuor libri amorum secundum quatuor latera Germanie, wo das autobiographisch stilisierte Ich in die vier Himmelsgegenden reist: nach Osten an die Weichsel (wo er Hasilina trifft); nach Süden an die Donau; nach Westen an den Rhein; nach Norden an die Ostsee.

Das Rankenwerk stellt die vier Jahreszeiten dar: Frühling, Sommer, Winter (mit Eiszapfen), Herbst (mit Trauben).

In den vier Medaillons sind dargestellt: Typen und repräsentative Vertreter der Philosophie; gezeigt wird eine ›translatio sapientiae‹ von der Antike bis zur gegenwärtigen Epoche [von oben im Urzeigersinn]:
Priester der Ägypter und Chaldäer — [lies:] Ptolemaios
Philosophie der Griechen — Plato
Dichter und Redner der Lateiner — Virgilius – Cicero
Die Weisen der Deutschen — Albertus [wohl Albertus Magnus].

Die Bildüberschrift formuliert dies so:

Sophiam me Greci vocant, Latini Sapienciam
Egipcii & Chaldei me inuenere [haben mich erfunden] Grecis scripsere
Latini tanstulere [haben mich übersetzt] Germani ampliauere [erweitert].

Die Bildunterschrift lautet:

Quicquid habet Cœlum quid Terra quid Aer & aequor
Quicquid in humanis rebus & esse potest
Et deus in toto quicquid facit igneus orbe
Philosophia meo pectore cuncta gero.

(Was Himmel, Erde, Luft und Wasser an sich haben, was es in menschlichen Dingen geben kann, was der flammende Gott in dem ganzen [Erd-]Kreis bewirkt [die Schöpfung], das alles trage ich, die Philosophie, in meiner Brust.)

Seltsam ist das Φ (Phi statt Pi) unten an der Schärpe, was in der Forschung zu Spekulationen angeregt hat. An einen ›Tippfehler‹ von Celtis oder Dürer wird man nicht denken wollen (wiewohl das η statt eines ε bei der Geometrie falsch ist).

Könnte Phi für Physica (als Naturkunde, vgl. etwa Cicero, tusc. disp. I, xiii, 29; de finibus III,73) stehen und Theta für Theologia?
Die Philosophie sagt einmal zu Boethius, er habe mit ihr oft die Wissenschaft von den menschlichen und göttlichen Dingen erörtert (mecum saepe de humanarum divinarumque rerum scientia disserabas I, 5.prosa). Vgl.: Cicero sagt, dass die Weisheit die Wissenschaft der göttlichen und menschlichen Dinge sei (sapientiam esse rerum divinarum et humanarum scientiam cognitionemque, tusc. disp. IV,xxvi,57; Hinweis bei Wuttke S.411). Allerdings kommen in diesen Texten die griechischen Buchstaben nicht vor.
Die übliche Gliederung der Philosophie unterscheidet drei und zudem andere Disziplinen: Physica – Ethica – Logica; vgl. Isidor von Sevilla Etym II,xxiv,1 Philosophiae species tripertita est

Literaturhinweise (das Bild ist oft kommentiert worden):

Jörg Robert, Artikel "Konrad Celtis" in: Deutscher Humanismus 1480-1520: Verfasserlexikon, hrsg. von Franz Josef Worstbrock, de Gryuter 2009ff., Band 1, Sp. 375–427.

Dieter Wuttke, Humanismus als integrative Kraft. Die Philosophia des deutschen ‚Erzhumanisten‘ Conrad Celtis. Eine ikonologische Studie zu programmatischer Graphik Dürers und Burgkmairs, Nürnberg 1985. – überarbeitet in: D.W., Dazwischen. Kulturwissenschaft auf Warburgs Spuren, 2 Bände, Baden-Baden: Koerner 1996 (Saecula Spiritalia 29/30), Band 1, S. 389–454.

Peter Luh, Kaiser Maximilian gewidmet. Die unvollendete Werkausgabe des Conrad Celtis und ihre Holzschnitte, Frankfurt am Main u.a.: P. Lang 2002 (Europäische Hochschulschriften. Reihe 28, Kunstgeschichte; Bd. 377); bes. S.64–122.

Konrad Celtis, Oden, Epoden, Jahrhundertlied (1513), übers. und hrsg. von Eckart Schäfer, Tübingen: G.Narr 2008 (Neo-Latina 16).

Gregorio Piaia: Il nesso philosophia - sapientia - artes liberales Fra Medioevo e Rinascimento: un approccio iconologico - In: Mediaevalia Americana 1 (2014), pp. 433-451. >http://www.mediaevaliamericana.org/MA_1_2/38.%20Piaia.pdf

Franz J. Worstbrock, Translatio artium. Über die Herkunft und Entwicklung einer kulturhistorischen Theorie, in: Archiv für Kulturgeschichte 47 (1965), S. 1-22.


••• Gregor Reisch, Aepitoma Omnis Phylosophiae, Alias Margarita Phylosophica, Tractans de omni genere scibili; Cum additionibus ... Argentina: Grüninger 1504

(Ausschnitt)

Ganzes Bild > http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/reisch1504/0011

oder > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00013401/image_5

Der Titel-Holzschnitt der Ausgabe 1504 zeigt als zentrale Gestalt eine Personifikation der Philosophie.

Die Buchstaben erscheinen als ϖ (Minuskel-Pi) und als (lateinisches) T. – Im Widerspruch zum Pi für Practica Vita als Beginn des Aufstiegs steht als Motto unter dem unteren Bildrand: Initium sapientiae timor domini (Psalm 110, 10 Vg.): Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit.

Buch und Szepter sind die üblichen, auf den Boethius-Text zurückgehenden Attribute. Eine Krone hatte die Gestalt schon bei Celtis. Neu dazu gekommen sind hier noch die Genius-Flügel.

Die Dreigesichtigkeit bezeichnet die drei Hauptdisziplinen, wonach die Philosophie üblicherweise eingeteilt wird: Philosophia naturalis (die Natur- oder besser: Sachkunde), rationalis (die Logik), moralis (die Ethik). Nochmals: Isidor von Sevilla Etym II,xxiv,1 Philosophiae species tripertita est)

Sieben Personifikationen der Artes liberales umgeben die Philosophie; sie tragen charakteristische Instrumente in der Hand, zum Beispiel die Arithmetik einen Abakus, die Musik eine Harfe, die Geometrie einen Zirkel. Alle diese Gestalten werden von einem Kreis umfangen. – In den unteren Bildzwickeln repräsentiert Aristoteles die Philosophia naturalis und Seneca die Philosophia moralis. – Als Pendant zur heidnischen Antike weisen in der oberen Sphäre die vier Kirchenväter Augustinus, Gregor der Große, Hieronymus und Ambrosius auf die Taube des heiligen Geistes hin, in deren Nimbus Philosophia divina steht.


••• Cesare Ripa (* um 1555 bis 1622) kennt die Filosofia como depinta da Boetio in consolatione philosophica. In der ersten bebilderten Ausgabe der Iconologia Overo Descrittione Di Diverse Imagini cavate dall'antichità, & di propria inuentione, Roma 1603 stand im Text (p. 165): Nell’estrema parte di detto vestimento vi è un P greco et nella parte superiore vi è un T e tra l’una e l’altra lettera vi sono certi gradi a modo di scala designati, per i quali dalla più bassa et inferiore lettera si ascende alla soprana. […]

Das Bild sieht so aus mit den Buchstaben Π — T:

Ripa hat sich über solche Fehler des Holzschneiders (intagliatore) geärgert: si sono commessi molti errori.

Das Bild wird in späteren Auflagen dann korrigiert.

Giovanni Zaratino Castellini (1570–1641) vgl. unten schreibt zur Filosofia in der Ausgabe Nova Iconologia […] ampliata, Padua: Pietro Paolo Tozzi 1618 einen langen Kommentar.

Castellini war ein Buchstaben-Spezialist, vgl. im Artikel in TRECCANI, Vol. 21 (1978): »Nelle osservazioni epigrafiche del C. assumono particolare rilievo i fenomeni grammaticali ed ortografici, la forma delle lettere, …«

Ne l’estremità della uesta ui si leggeua vn Pi, Greco, nel la sommita vn Thita; tra l’vna, & l’altra lettera a giusa di scala ui si scorgeano scolpiti alcuini gradili, per quili da l’vltima lettera si ascendeua la prima …

> https://archive.org/stream/novaiconologia00ripa#page/190/mode/2up

Zu P und T bringt Castellini eine mit gelehrten Einsprengseln gespickte Abhandlung, bei der nicht ganz klar wird, wozu er das Wissen ausbreitet.

Pag. 271ff: Ne l’estremità de la vesta leggeuasi intessuto vn Pi, greco, dal quale per certi gradi scolpiti a guisa di scala si saliua a la sommita, ne la quale era vn Thita, & non vn T, come hanno tradotto tutti gli espositori volgari […] molto malamente, perche vi è differenza doppia si per la qualità de la lettera, che questa è vn T, semplice, & quella è vnita con l’aspiratione, si per il significato diuerso, & al tutto contrario, […]

Zusammenfassung und Kommentar; Erklärungen in eckigen Klammern:

Castellini bezieht sich einerseits auf die antike Prozessordnung: bei den Abstimmungen von Richtern sind auf Votiersteinchen (calculi iudiciales) Buchstaben angebracht – anderseits zieht er alttestamentliche und christliche Elemente bei.

Auf die Erweiterungen des Kapitels zur Filosofia bei Cesare Ripa durch Castellini hat Alice Thaler-Battistini aufmerksam gemacht, die eine größere Publikation zu Ripa vorbereitet und darin Castellini ausführlicher würdigen wird (erwartet für 2017).

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»Dem aber, der studirt, um Einsicht zu erlangen, sind die Bücher und Studien bloß Sprossen der Leiter, auf der er zum Gipfel der Erkenntniß steigt: sobald eine Sprosse ihn um einen Schritt gehoben hat, läßt er sie liegen. Die Vielen hingegen, welche studiren, um ihr Gedächtniß zu füllen, benutzen nicht die Sprossen der Leiter zum Steigen, sondern nehmen sie ab und laden sie sich auf, um sie mitzunehmen, sich freuend an der zunehmenden Schwere der Last. Sie bleiben ewig unten, da sie Das tragen, was sie hätte tragen sollen.« (Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung Zweiter Band, Ergänzungen zum ersten Buch. Zweite Hälfte 7. Vom Verhältniß der anschauenden zur abstrakten Erkenntniß)

Ludwig Wittgenstein, Tractatus 6.54 [1921 publiziert]:
»Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)
Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.«

Heinroth sagte immer: “Wenn der Mensch kein Baumtier, sondern eine Schnepfe wäre oder, allgemeiner, ein Deckungstier, ein Nachttier, dann würde er den ‘Himmel’ in die Erde, und die ‘Hölle’ und den ‘Teufel’ in den Himmel versetzen.” (Konrad Lorenz in einem Diskussionsvotum, 1964).


Literaturhinweise zum Thema Leitern / Stufen / Aufstieg

Uwe Ruberg, Vom Aufstieg im Mittelalter. Das Konzept der Himmelsleiter in Text und Bild, in: H.-H. Krummacher (Hg.), Geisteswissenschaften – wozu?, Wiesbaden: Steiner 1988, S. 211–244.
Friedrich Ohly, Metaphern für die Sündenstufen und die Gegenwirkungen der Gnade, (Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften, Vorträge G 302), Opladen 1990.
Christoph Schanze, Himmelsleitern. Von Jakobs Traum zum "Welschen Gast", in: Dichtung und Didaxe: Lehrhaftes Sprechen in der deutschen Literatur des Mittelalters (hg. von Henrike Lähnemann und Sandra Linden), de Gruyter, 2009, S. 205–222.

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Viele Korrekturen und Hinweise sowie gräzistisch-latinistisch-philologische Hilfe verdanke ich Daniel C., Darko S., Jörg K. und Thomas G.

Letztes Update P.M., Juni 2017 —— 3219

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