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Psychomachie und Etymachie

Ubermuot diu alte
die rîtet mit gewalte.
untrewe leitet ° ir den vanen,
girischeit diu scehet dane °°
zu scaden den armen weisen.
die lant die stânt wol allîche envreise °°°.

° leitet: führt
°° girischeit: Habgier; schehen: jagen, eilen; dane: noch dazu, überdies
°°° allîche: insgesamt; in vreise: in Lebensgefahr

Quelle: cgm 5249, Nr. 35; Abgedruckt bei Müllenhoff / Scherer, Denkmäler deutscher Poesie und Prosa 3.Aufl. Berlin 1892; II,313.

Die wichtigsten Quellen:

Aurelius Prudentius Clemens, Psychomachia, hg. J.Bergmann (CSEL 61), Wien 1926; dt.Übersetzung von U.Engelmann, Basel 1959; Ausgabe mit frz. Übersetzung ed. M.Lavarenne, Prudence, tome III, Paris 1948.
Auctor incertus [Ambrosius Autpertus † 784 zugeschrieben], »De vitiorum et virtutum conflictu«, in: Migne, Patrologia Latina 17, 1057ff. [andere Auflage? 1150ff.] Digitalisat
Bernhard von Clairvaux (um 1090–1153), [Acht] »Parabolae«, in: B.v.C., Sämtliche Werke lateinisch/deutsch, [aufgrund der Ausgabe von Jean Leclercq und H. Rochais, Rom 1957–77], hg. Gerhard B. Winkler u.a., Innsbruck: Tyrolia 1990ff.; Band IV (1993), S. 804–891. Vgl. W.Timmermann (1982).
»Der geistliche Streit«, hg. Franz Pfeiffer, Altdeutsches Übungsbuch, Wien 1866, S. 141–152. – F. Höpfinger, Diss. Straßburg 1907. — Neuausgabe: Christian Naser, Der geistliche Streit (1995): Synoptischer Abdruck der Fassungen A, C, B und D; Text S. 152–215. (Ch.Naser konnte etliche Lesefehler von F.Pfeiffer verbessern und Lücken der [1870 verbrannten] Straßburger Handschrift aus anderen Hss. ergänzen. Deshalb hat er hat eine neue Verszählung eingerichtet.)
Seifried Helbling, hrsg. u. erklärt v. J. Seemüller, Halle a.S.: Buchhandlung des Waisenhauses 1886; Nr. VII = S. 238–279 (1'263 Verse); datiert auf 1296. — Digitalisat: https://archive.org/stream/seifriedhelblin00seemgoog#page/n362/mode/2up
Victor Zeidler (Ed.), Der Sünden Widerstreit. Eine geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts, Graz 1892. – Digitalisat: https://archive.org/details/ZeidlerSuendenWiderstreitHeidelberger Hs.
Nigel Harris, The Latin and German »Etymachia«. Textual History, Edition, Commentary. Tübingen: Niemeyer 1992 (Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters. Bd. 102).
Digitalisat der Handschrift Cgm 3974 zwischen ca. 1440/1466; fol. 70r–84v: http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00088606/image_145

••• Prudentius (* 348; † nach 405)

Lateinischer Text der »Psychomachie« online: http://www.thelatinlibrary.com/prudentius/prud.psycho.shtml

Zusammenfassung https://de.wikipedia.org/wiki/Psychomachia#Seelenkampf

Präparierter Textausschnitt (Verse 21–129), der die verschiedenen Dimensionen zeigen soll.

Abbildungen zur Psychomachie:

• Hervorragendes Digitalisat des Prudentius-Codex 264 der Berner Burgerbibliothek (um 900)
http://www.e-codices.unifr.ch/de/description/bbb/0264/

Daraus hier die Superbia:


• Beispiel aus Prudentius, »Psychomachia« Codex Sangallensis 135: Sammelhandschrift des 11. Jahrhunderts mit einer mit Federzeichnungen illustrierten Fassung der »Psychomachia«
http://www.e-codices.unifr.ch/en/csg/0135/411/0/Sequence-326

Fac-similé interactif, Texte et traduction
Transkription wird sichtbar beim Überfahren des Texts mit dem Mauszeiger.
http://theleme.enc.sorbonne.fr/dossiers/vue6.php


• Ein Bild aus der Psychomachie bei Herrad von [Landsberg, Äbtissin von] Hohenburg, († ca. 1196), »Hortus deliciarum«, ed. Rosalie Green, M. Evans, C. Bischoff, M. Curschmann, (Studies of the Warburg Institute 36), 2 vols., London / Leiden 1979; Fol. 202v (Pl. 16), Text Nr. 276

Text: Temperantia, vel Sobrietas, offert vexillum crucis contra currum Luxurie et inde equi perterriti fugam capiunt et Luxuriam sub currum sternunt quam Temperantia sub molari lapide mortificat. […] Lapis est christus.


••• Der geistliche Streit

Text von Pfeiffer hier zum Download – Quelle: http://books.google.ch/books?id=DgE-AAAAYAAJ&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q&f=false

Struktur des Texts (Verszählung nach der Ausgabe von Pfeiffer); beachte auch hier die verschiedenen Text-Dimensionen:

  • Das Herz der Leserin als Kampfplatz
  • Die Personifikationen der sieben Tugenden und die sieben Laster, die verbal und brachial handeln
  • Der Teufel, der die Tugenden verbal beeinflussen will
  • Personen aus der Bibel, die den Tugenden als Argumentationsbasis dienen
  • Die allegorisch gedeuteten Waffen der Tugenden

Die Sünden sind nicht nach dem SALIGIA-Schema geordnet, und die Gegnerinnen sind nicht die klassischen°° 7 Tugenden:

 LasterTugendenbiblischWaffen
(1)vrasheit [gula]masse [temperantia°°]Daniel,Moses, Elias,JHSArmut
(2)vnkúsche [luxuria]kuschekeit Reinheit
(3)giteckeit [avaritia]miltekeitJHSWohlwilligkeit
(4)zorn [ira]senftmuotekeitJHS,PaulusLangmut
(5)nit [invidia]minne [caritas°°]JHS,PaulusStarkmut
(6)tracheit [acedia]wackerkeit [fortitudo°°]Lucifer,Adam,SalomonStetigkeit
(7)hoffart [superbia]demuot Gnade-und-Dank
Einleitung <1–38> : Was ist ein reines Herz? Viele Dinge erkennt man besser aus ihrem Gegenteil, so erkennt man das reine Herz , wenn man ein sündiges dagegen hält.
<39–51> Die Sünde meiden kann nicht ohne Kampf geschehen. Wer ein reines Herz haben will, muss sich auf den Kampfplatz (des strites plan) begeben; ihm zieht entgegen eins Schar von siben übeln wiben.
<52–106> Diese werden aufgezählt und kurz charakterisiert: vrasheit – vnkúsche – gritekeit (Hs. C: girikeit; Hs B gitikhait) – zorn – nit – tracheit – hoffart.
<107–152> [Der Leser wird angesprochen:] Hier musst Du Drangsal im Kampf erleiden; damit das Herz rein ist, musst Du sie alle erschlagen. Nötig sind Waffen: folgt die Waffenallegorese aus Epheserbrief 6,11–18; diese wird ergänzt durch ein Pferd und eine schar die dir zuo helfe sie bereit, nämlich sieben Jungfrauen.
<153–234> Diese werden aufgezählt und kurz charakterisiert: masse – kuschekeit – miltekeit – senftmuotekeit (Hs B. gedultikeit) – minne – wackerkeit – demuot.
<235–262> beim Feldzug sollst Du auch haben: flöte, seitenspil, tambûre, damit Ross und Reiter frohgemut sind. Allegorese: gemeint sind singen und (die hl. Schrift) lesen.
<263ff.> Auf dem Kampfplatz haben die Feinde und die Tugenden die Zelte errichte. Der Teufel rennt hin und her und versucht die sieben Tugenden zu beeinflussen. Sie argumentieren gegen die Sünde. Darauf werden sie von den den Sünden angegriffen und töten diese.
<281–340> (1) Der Teufel sagt, es sei ihm Leid, dass die messikeit auf so viel süße Speise verzichte, die Gott doch geschaffen habe um den leib zu stärken. — Plädoyer der Mäßigkeit. Sie argumentiert mit Exempla aus dem Alten Testament: Daniel hat Speise abgelehnt (Dan 1,8); Moses fastete 40 Tage (Exodus 24,18); Elias fastete 40 Tage und wurde von einem Engel gespiesen (1Könige 19); aus dem NT: Jesus fastete 40 Tage (Matth 4,2). — Darauf kommt die vrosheit gerannt. Die Mäßigkeit ersticht sie mit dem Speer namens Armut.
<341–438> (2) Der Teufel spricht zur kuschekeit, sie sei doch blöd, die Weltliebe zu meiden. — Beredtes Plädoyer der Keuschheit: Welche Frau einen lieben Mann hat, ist in Sorge, dass sie ihn verliert; welche einen bösen hat, hat ein kummervolles Leben. Keuschheit dagegen macht frohgemut. — Darauf kommt vnkúsche angerannt. Keuschheit ersticht sie mit dem Speer namens reine girde (anders Hss.: starker muot, rainkeit).
<439–498> (3) Der Teufel spricht zur miltekeit, sie werde arm, wenn sie alles Gut den Armen verspende. Die Milde argumentiert mit der Bibel (Anspielungen an die sechs Werke der Barmherzigkeit nach Mt. 25, 31-46); das Himmelerich ist der Lohn für die Bamherzigkeit. — Darauf kommt gitekeit angerannt und wird von der miltekeit mit dem Schwert namens Wohlwilligkeit getötet.
<501–578> (4) Der Teufel – nach einem inneren Monolog – spricht senftmüetikeit (nach Hs.B) an, sie möge doch Schelte mit Schelte vergelten. – Die Sanftmut argumentiert biblisch: Sanftmut führt zur Seligkeit (vgl. Matth 5,5; Epheser 4,2 und viele andere Stellen); Job ist ihr exemplar. — Darauf kommt vngedultigkeit (Hs. B.: Zorn) angerannt und wird von der Sanftmut mit dem Schwert namens Langmut erstochen.
<579–689> (5) Der Teufel schwört, er wolle jetzt die Minne für sich gewinnen, der die anderen Tugenden untertan seien. — Minne argumentiert mit dem von Jesus gepredigten doppelten Liebesgebot (Matth 22, 37–40) und der Feindesliebe (Matth 5,43–48) und mit Paulus (1 Kor 13,1–13). — Darauf kommt Neid angerannt, wird aber von Minne mit dem Schwert namens Starkmut getötet.
<690–790> (6) Der Teufel beschwatzt wackerheit, sie schade sich doch mit ihrer Plackerei selbst. — Die Wackerheit argumentiert mit der hl. Schrift: Lucifer, Adam, die üppige Minne von Salomon (1. Könige 11) hatten sich nicht in der Hut [nach Pfeiffer V.773 fehlen in der Straßburger Hs. etliche Verse, in denen Wackerheit zum Teufel spricht; vgl. Naser S.199.] — Darauf hinkt die Trägheit ohne Pferd strauchelnd herbei und wird von Wackerheit mit dem Schwert namens stetekeit getötet.
<791–932> (7) Der Teufel schmeichelt der Demut; sie solle doch eine Wahrsagerin (wissage) werden, dann werde sie von allen Menschen gepriesen. — Die Demut antwortet: Sie vermag von sich aus nicht, alles ist Gnade Gottes; einzig die Wahrheit der hl. Schrift gilt, sie wird oft falsch ausgelegt. Wahrsagen ist Sünde. — Die Hoffart kommt angerannt; Demut ersticht sie mit dem Speer namens gnode dank.
<933–106> Der Teufel tobt. Die Tugenden formieren eine ›Landwehr‹, denn wenn auch des Teufels Heer tot ist, so ficht er doch täglich, und niemand vermag ihn zu töten. [Paränese, Predigthafte Anrede an den Leser:] Der listige Teufel provoziert und versucht dich in Schein-Gestalten; aber er vermag nichts gegen Gottes Willen.

••• Etymachieetraktat

In der Vorrede wird zitiert 1Samel = 1Reg 19,20 Misit rex Saul apparitores [Vg. lictores] septem ut raperent Dauid = Da sandte Saul Boten, um David zu holen. Allegorese: David bedeutet den sündigen Menschen; Saul bedeutet den Teufel; die sieben Boten bedeuten die sieben Todsünden.

Biblische Grundlage: Saul wurde wegen seinen Sünden zugunsten Davids verstoßen, so wie der Teufel aus der Schar der Engel zugunsten des Menschen. Wie Saul dem David, so neidet auch der Teufel dem Menschen diese Gunst und versucht ihn täglich mit den sieben Sünden, um ihn zu sich in die Verdammnis zu ziehen.

Gott wählt aus den Tugenden sieben aus, um den Menschen zu behüten. Egressus vitii virtutis operatur ingressum. – Der Ausgang der Sünden ist der Eingang der Tugend. (›Ambrosius‹?; vgl. Innozenz III, PL 217,382B). Dies wird (§ 47 in der Ausgabe von N.Harris) angebunden an die Stelle Am siebten Tag, […] befahl Ahasver den sieben Dienern […] die Königin Vasti vor den König kommen zu lassen (Ester 1,10f). Das passt insofern nicht, als Vasti ja eine widerborstige Person ist. In den Fassungen B und C wird dann als Stelle gewählt: Ester ist umgeben mit sieben auserlesenen Jungfrauen, als sie an Stelle der lasterhaften Vasti zur Königin erwähnt wurde (Ester 2,9).

Die Sünden (i.d.R. ♀) werden als Ritter (♂) dargestellt mit (allegorisch gedeutetem) Reittier, Helmzimier, Schild und Wappenrock. Der Kampf ist eher ein Turnier als eine Schlacht wie in der Psychomachia. Es wird zwar von widerstrit gesprochen, aber es kommt nicht zum Zweikampf. Auch die Reittiere agieren nie.

Die Auslegungen der Tiere werden mit Bibel- und Väteritaten fundiert und angereichert.

Textausschnitt zum Download

Die Trägheit (accidia; in der Edition von N.Harris, Fassung A, § 37–41) reitet auf einem Esel; die Helmzimier ist ein Affe; das heraldische Bild auf dem Schild ist ein Büffel; auf der Fahne ist ein Panther abgebildet – alle Tiere haben allegorische Bedeutung.

Die Eigenschaften sind aus der Naturkunde genommen, vgl.:

Konrad von Megenburg (1309 – 1374), Buch der Natur = mhd. Überarbeitung von Thomas Cantimpratensis [von Cantimpré] (um 1201 – um 1270), »Liber de natura rerum«
Kapitel III, A 62 Von dem Affen.
Simia haizt ain aff. daz ist ain tier dem menschen gar geleich nâhent an allen gelidern. daz tier fräwt sich wenn der môn neu ist, ze mitelst und an dem end trauret ez. Solînus spricht, daz der aff pezzer erkennen hab mit der zungen denn kain ander tier. er ist unmæzig mit ezzen, grimm mit peizen und gar unsänft. er begert über mâz, daz er geziert sei. dar umb nement die jäger hantschuoh und schuoh und legent die an in den wälden, daz ez die affen sehent, und ziehent si dan wider ab und lâzent si ligen. sô koment die affen und tuont sam; alsô væht man si. der aff erkent seinen herren über vil jâr wenne er wider kümt. er spilt auch gern mit den kinden, und wenne im die stund werden mag, sô würget er si. er izzt gern öpfel und nüz, aber wenn er ain pitter rinden dâ vint, sô wirft erz zemâl hin und fleuht daz süez umb daz pitter. wer im laid tuot, dem tregt er lange haz. er hât seineu kint gar liep. wenne er haimisch ist worden und in dem haus gepirt, sô zaigt er iegleichem sein kint und fräwet sich, daz man ez handelt. wie daz sei, daz der aff auzwendig dem menschen gar geleich sei, doch ist er im inwendig minner geleich dann kain ander tier sam Aristotiles spricht. der aff hât kainen nabel. diu äffinn hât ain ding sam ain weip und der aff ainz sam ain hunt.

Zur Tierallegorese: Dietrich Schmidtke, Geistliche Tierinterpretation in der deutschsprachigen Literatur des Mittelalters, Diss. Berlin (FU) 1968.

Paarungen: Sieben Hauptlaster (entsprechend der Zusammenstellung bei Gregor dem Großen) – sieben Tugenden (nicht die klassischen). In der Fassung A werden zuerst alle Lster, denn alle Tugenden aufgeführt; in den Fassungen B und C werden sie einender abfolgende gegenübergestellt.

Überheblichkeit/Stolz/Hoffart (superbia)Demut (humilitas)
Unzucht/Wollust (luxuria)Besonnenheit (castitas)
Habgier/Geiz (avaritia)Barmherzikeit/Freigebigkeit (largitas)
Zorn (ira)Geduld (patientia)
Neid/Missgunst (invidia)Liebe/Achtung (caritas)
Trägheit/Überdruss (acedia)Andacht (devotio)
Völlerei/Fresslust (gula/gastrimargia)Mäßigkeit/Enthaltsamkeit (abstinentia)

Ergänzungen

Antagonisten

Es können auch mehr als 7 Kampf-Paare sein, wie im Traktat »De vitiorum et virtutum conflictu«, PL 17:

Superbia dicit: …Humilitas ex adverso respondet: …
Inanis gloria dicitTimor Domini respondet
Simulatio suggeritReligio ex adverso respondet
Elatio objicitBeata autem submissio respondet
Invidia dicitVerum dilectio fraterna respondet
Odium dicited sincera charitas respondet
Detractio dicitAt justa correptio respondet
Ira dicitPatientia respondet
Asperitas dicitSed mansuetudo respondet
Tumor dicitSed humilis dejectio respondet
Tristitia dicitSed spirituale gaudium respondet
Torpor vel ignavia dicitSed industria, indefessaque virtus respondet
Evagatio inquieta dicitStabilitas vero respondet
Desperatio dicited spei fiducia respondet
Cupiditas dicitSed mundi contemptus respondet
Amor sui dicitSed amor Dei respondet
Furtum et fraus dicuntSed simplicitas ad utrumque respondet
Fallacia atque mendacium dicuntSed veritas ad utrumque respondet
Ventris ingluvies dicitSed pura fragilitas et simplex parcimonia respondet
Inepta laetitia dicitSed sapiens gaudium, moderatusque moeror respondet
Multiloquium dicitCui prudens taciturnitas respondet
Luxuria dicitSed illibata castitas respondet:
Spiritalis fornicatio dicitSed munditia cordis respondet
Amor saeculi dicitSed coelestis amor patriae respondet

Zu Tugend-Laster-Parallel-Reihungen bei Alanus ab Insulis vgl. Peter Ochsenbein, Studien zum »Anticlaudianus« des Alanus ab Insulis, (EHS I/114), Bern/Frankfurt: Lang 1975, S. 137–168.

Ein Meisterlied zum Thema

Quelle: Meisterlieder der Kolmarer Handschrift, hg. Karl Bartsch, (Bibliothek des Literarischen Vereins Stuttgart, LXVIII), Stuttgart 1862; Nr. LII

Ich lac in slâfes twalme,
ich sach daz Triuwe Untriuwe sluoc
mit einem cleinen rîse.
sie sprach' lâz dînen ungefuoc,
du nimest mir mîn liute gar.'
Untriuwe wart von zorne sêre enbrant.
Sie schrei in lûtem galme
'her nâher swer mir helfen will!
die Triuwe wil ich krenken.'
dô wart der Untriu helfer vil,
von fürsten grâven ritter schar,
daz Triuwe flôch dâ sie ir liute vant.
Seht der was cleine leider.
Untriuwe lief ir alles nâch,
die Triwe zôch ûz ir cleider,
diu wâren wol geprîset,
und legte an sich ein snœde gewant,
daz sie dar inne iht würde bekant.
erbarme ez got daz Triuwe ist sô verwiset

Ich quam ûf ein gevilde,
dar ûf vant ich die Triuwe sten,
sie clagete jæmerlîchen:
'owê, wie sol ich mich begên?
nu bin ich in der welt unwert:
daz clage ich dir, Marjâ, und dînem kinde.'
Diu valsche Untriuwe wilde
sprach 'ich bin aller sælden schrîn,
und wil ze allen stunden
bî fürsten unde grâven sîn:
dâ hân ich des min herze gert,
swie dicke ich dich in solchem jâmer vinde.'
Diu Triuwe weinde und schrîte,
sie clagte ir jâmer und ir leit.
Untriuwe sie verspîte,
sie sprach 'nu sol sich mêren
ir leit und ouch ir ungewin.'
doch hete diu Triuwe solchen sin
daz sie doch bleip ze leste in solchen êren.

Nu merket algemeine
wie got hin zuo der Triwe sprach
'bis willekomen, Triuwe,'
als balde als er sie ane sach.
'macht du ûf erden blîben niht?'
'nein' sprach die Triwe, 'Untriwe wil mich vertrîben.'
Dô sprach der schepfer reine
'Untriwe hât mirz ouch getân,
verriet mich an daz kriuze
in marter diech gelîten hân.
ich meine daz sie mîn geriht
bringt in die helle, dar wil ichs bescheiden.
Nu ganc hin wider, Triuwe,
und sage Untriwe sicherlîch,
ez müge sie wol geriuwen
ob sie dich wil vertrîben
und ir gewalt an dir begân,
wan du solt frœlich hie bestân'
und sprich zuo ir, du wellest bî mir blîben.
'

Basistexte

Die Vorstellung, dass die Laster in Heeresformation kämpfen, findet sich bei Gregor dem Großen, Hiob-Kommentar, Lib. XXXI, Cap. xlv (PL 76, col. 621):

Exhortationem ducum, ut ululatum exercitus (Job 39,25: das Rufen der Führer und das Geschrei des Heeres)

87. Exercitus diaboli dux superbia, cujus soboles septem principalia vitia. […] Radix quippe cuncti mali superbia est, de qua, Scriptura attestante, dicitur: Initium omnis peccati est superbia (Eccli. X, 15). Primae autem ejus soboles, septem nimirum principalia vitia, de hac virulenta radice proferuntur, scilicet inanis gloria, invidia, ira, tristitia, avaritia, ventris ingluvies, luxuria. Nam quia his septem superbiae vitiis nos captos doluit, idcirco Redemptor noster ad spiritale liberationis praelium spiritu septiformis gratiae plenus venit.

88. Singula vitia capitalia suum habent exercitum. – Sed habent contra nos haec singula exercitum suum. Nam de inani gloria inobedientia, jactantia, hypocrisis, contentiones, pertinaciae, discordiae, et novitatum praesumptiones oriuntur. De invidia, odium, susurratio, detractio, exsultatio in adversus proximi, afflictio autem in prosperis nascitur. De ira, rixae, tumor mentis, contumeliae, clamor, indignatio, blasphemiae proferuntur. De tristitia, malitia, rancor, pusillanimitas, desperatio, torpor circa praecepta, vagatio mentis erga illicita nascitur. De avaritia, proditio, fraus, fallacia, perjuria, inquietudo, violentiae, et contra misericordiam obdurationes cordis oriuntur. De ventris ingluvie, inepta laetitia, scurrilitas, immunditia, multiloquium, hebetudo sensus circa intelligentiam propagantur. De luxuria, caecitas mentis, inconsideratio, inconstantia, praecipitatio, amor sui, odium Dei, affectus praesentis saeculi, horror autem vel desperatio futuri generantur. Quia ergo septem principalia vitia tantam de se vitiorum multitudinem proferunt, cum ad cor veniunt, quasi subsequentis exercitus catervas trahunt. Ex quibus videlicet septem quinque spiritalia, duoque carnalia sunt.

Q. Septimius Florens Tertullianus (um 160 – nach 220), De spectaculis / Über die Spiele, lat./dt., übers. Karl-Wilhelm Weeber, (RUB 8477), Stuttgart 1988.

¶ 29: Und dann endlich, wenn du glaubst, diese Spanne Zeit mit Ergötzlichkeiten hinbringen zu müssen, warum bist du so undankbar, dich mit den vielen und großen Ergötzungen, die Gott dir gewährt, nicht zu begnügen und gar nicht daran zu denken? Denn was gibt es Angenehmeres, als mit Gott, dem Vater und Herrn, versöhnt zu sein, als die Enthüllung der Wahrheit, als die Erkenntnis der Irrtümer, als die erlangte Verzeihung für so viele frühere Fehltritte? Welche Lust kann größer sein als der Ekel an der Lust selbst, als die Verachtung der ganzen Welt, als die wahre Freiheit, als ein unbeflecktes Gewissen, als ein zufriedenes Leben und Abwesenheit jeder Todesfurcht? als daß die Götter der Heiden zu deinen Füßen liegen, daß du Dämonen austreibst, Heilungen bewirkst, um Erleuchtungen bittest und für Gott lebst?
Das sind die Vergnügungen, das die Schauspiele der Christen, die heiligen, beständigen, unentgeltlichen! Deine Circusspiele seien: Betrachte den Lauf der Welt, zähle die flüchtig dahin eilenden Stunden und Zeiten, erwarte den Wendepunkt der Vollendung, verteidige die kirchlichen Genossenschaften, erwache beim Signal Gottes, erhebe dich bei der Posaune des Engels, setze deinen Ruhm in die Palmen des Martyriums! Wenn Du an Bühnenliteratur Gefallen findest – wir haben Literatur genug, genug Verse, genug Sinnsprüche, auch genug Gesänge und Lieder, aber keine erfundenen Fabeln, sondern Wahrheiten, keine gekünstelten Redensarten, sondern einfältige Worte. – Verlangst du auch Faust- und Ringkämpfe? Sie sind vorhanden, und zwar keine geringen und in großer Anzahl. Schaue hin, wie die Unzucht von der Keuschheit niedergeworfen, der Unglaube vom Glauben überwunden, die Rohheit von der Barmherzigkeit aus dem Felde geschlagen, die Unverschämtheit von der Anspruchslosigkeit auf die Seite gedrängt wird! Und das sind bei uns die Wettkämpfe, in welchen wir selber die Siegeskrone erhalten. – Verlangst du aber etwa auch noch Blut, so hast du das Blut Christi.


Literaturangaben:

Karl Raab, Über vier allegorische Motive in der lat. und dt. Literatur des Mittelalters, Leoben 1885, S. 1–38 — https://archive.org/details/uebervierallego00raabgoog
R. Stettiner, Die illustrierten Prudentius-Handschriften, Berlin 1895 / Tafelband 1905.
Adolf Katzenellenbogen, Die Psychomachia in der Kunst des Mittelalters von den Anfängen bis zum 13. Jahrhundert, Hamburg 1933.
Morton W. Bloomfield, The seven deadly sins. An introduction to the history of a religious concept…, Michigan State College Press 1952.
Hans Robert Jauss, Form und Auffassung der Allegorie in der Tradition der "Psychomachia". In: Medium Aevum Vivum. Festschrift für Walther Bulst. Heidelberg 1960, S.179-206.
Joanne Norman, Metamorphoses of an Allegory. The Iconography of the Psychomachia in Medieval Art, NY / Bern usw.: Lang 1988.
Waltraud Timmermann, Studien zur allegorischen Bildlichkeit in den Parabolae Bernhards von Clairvaux. Mit der Erstedition einer mittelniederdeutschen Übers. der Parabolae »Vom geistlichen Streit« und »Vom Streit der vier Töchter Gottes« - Frankfurt, Bern 1982 (Mikrokosmos 10).
Franz-Josef Schweitzer, Tugend und Laster in illustrierten didaktischen Dichtungen des späten Mittelalters, Olms 1993 (Germanist. Texte und Studien 41).
Christian Naser, »Der geistliche Streit«: Synoptischer Abdruck der Fassungen A, C, B und D: Kommentar und Motivgeschichte, Königshausen & Neumann, 1995 (Texte und Wissen 2). — "Leseprobe": http://books.google.ch/books?id=1vxdVlza9XsC&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q&f=false

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