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Allegorische Rätsel

Aenigma est quaestio obscura quae difficile intellegitur, nisi aperiatur, ut est illud (Iudic. 14,14). […] Inter allegoriam autem et aenigma [griechischer Akkusativ] hoc interest, quod allegoriae vis gemina est et sub alias res aliud figuraliter indicat; aenigma vero sensus tantum obscurus est et per quasdam imagines adumbratus.

(Isidor von Sevilla, Etymologiae I, xxxvii, 26). Das Rätsel ist eine dunkle Frage, die schwer verständlich ist, wie dieses:

Simson sagte zu ihnen: Ich will euch ein Rätsel aufgeben. Wenn ihr es mir in den sieben Tagen des Gelages erraten und lösen könnt, dann will ich euch dreißig Hemden und dreißig Festgewänder geben. Wenn ihr mir aber die Lösung nicht sagen könnt, dann sollt ihr mir dreißig Hemden und dreißig Festgewänder geben. Sie sagten zu ihm: Sag uns dein Rätsel, wir möchten es hören. Er sagte zu ihnen: Vom Fresser kommt Speise, vom Starken kommt Süßes. Sie aber konnten es drei Tage lang nicht lösen. (Richter 14,12–14).

[…] Zwischen der Allegorie und dem Rästel besteht der Unterschied, dass die Kraft der Allegorie doppelt ist und unter <anderen> Dingen anderes bildlich anzeigt; beim Rätsel aber ist der Sinn ganz dunkel und durch irgendwelche Bilder verschattet.

Texte:

Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. CCV (10.Jh.; abgedruckt bei Müllenhoff, Denkmäler deutscher Poesie und Prosa, Nr VII/4):

Volavit volucer sine plumis,
sedit in arbore sine foliis.
venit homo sine manibus,
conscendit illam sine pedibus,
assavit ilum sine igne,
comedit illum sine ore.

Es flog ein vogel federlos
vff ein baum blattlos,
kam die fraw mundtlos,
frass den vogel federlos.

(Erste vierzeilige deutsche Fassung im Straßburger Rätselbuch, Nr. 137. – Vgl. Martin H. Jones, Verfasserlexikon, Bd. 7 [1989], Sp. 1036–1039)


Uz sime hûs verstolen wart
der wert mit kundikeit.
Daz hûs zuo der fluchte was bereit;
durch die fenster iz entran zuo der selben vart.

(Straßburger Rätselbuch [ca. 1505], hg. A. F. Butsch 1876; Nr. 108)


Es stat ain hochgewachsen bawm,
der hatt zwelff este,
Di sit starck und veste.
Auff jedem Aste ziere
Stuend schoner [n]este viere.
So hatt der [n]este yegleich
siben vogel herleich.

(Heinrich von Neustadt, Apollonius, DTM 7, Vers 16'552f.)


DER MARNER, hg. von Philipp Strauch (Quellen und Forschungen 14), Straßburg 1876. Neudruck mit Nachwort, Register und Lit.-verz. von H. Brackert 1965. — Nr. XV/9

Ez wont ein wurm in einem hol,
der stiftet manic mort,
gar arc mac ich in nennen wol,
er rüeret bein und schepfet wort,
er ist snabelræzer dann ein vipernâter müge sîn.
Sîn swanz der ist gelüppes vol.
gar giftic ist sîn ort:
dâ vor sich guot man hüeten sol.
er meinet hie und diutet dort,
wîlent in daz wazzer ist sîn gir und wîlent in den wîn.
Hundert tûsent oder mê hânt niht wan einen namen.
der wîse Adâm der kunde ir einen niht gezamen,
dô er viel in schult.
dem selben wurme giht ouch Salomôn vil grôzer ungedult.
Dâvît fluohte im und daz zuo manic wîser man.
sît nieman kan
in gebinden an,
s1o binde in doch der gotes ban.
dâ zuo schende in, der mit im ûz frônem himelrîche entran.
ich weiz wol, daz sich an im werdent mesten kleiniu würmelîn.

Paralleltexte im Kommentar S. 177; sowie: Laßberg, Liedersaal Nr. CXC = Bd. II, S. 145f.; Bartsch, Meistersinger der Kolmarer Hs.,Nr. XCIII = S. 424f.


REINMAR VON ZWETER, hg. Gustav Roethe, Leipzig 1887. — Nr. 186. Paralleltexte im Kommentar


Karl Bartsch (Hg.), Meisterlieder der Kolmarer Liederhandschrift (Bibliothek des Litterarischen Vereins in Stuttgart 68), Stuttgart 1862

Nr. XXXVII (S.305f.)

http://www26.us.archive.org/stream/meisterliederde03bartgoog#page/n316/mode/1up

[die dritte Strophe:]

Ein tier von hôher art geborn,
daz hât ouch mê wan drîzic horn,
ez treit zwei lebende herze in sînem lîbe.
Ez hât vier hend vier füez vier ôrn
und slihtet mangen grôzen zorn
und hât ouch teil mit mangem werden wîbe;
Vier spiegellîhte ougen clâr
und hât darzuo zwên münde.
sîn werden blic sint offenbâr,
ez freut dâ mite manc herze zwâr.
rât, wîser man, hâstu der tiere iht künde?


Literaturhinweise:

Burghart Wachinger, Rätsel, Frage und Allegorie im Mittelalter, in: Werk – Typ – Situation = FS Hugo Kuhn zum 60. Geburtstag, hg. Ingeborg Glier u.a., Stuttgart 1969, S. 137–160.

Tomas Tomasek: Das deutsche Rätsel im Mittelalter. Tübingen 1994 (Hermaea, N. F. Bd. 69).

Dieter Bitterli, Say what I am called. The Old English riddles of the Exeter Book and the Anglo-Latin riddle tradition. Toronto: University of Toronto Press 2009.

Projekt: Lexikon der deutschen und lateinischen Rätsel und Scherzfragen des deutschsprachigen Raums vom Frühmittelalter bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts: http://www.uni-muenster.de/Germanistik/Lehrende/tomasek_t/projekte.html#raetsel

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Joseph Frick, 500 Rätsel und Rätselscherze für jung und alt, Ravensburg: Otto Maier, ohne Jahr [1910?] > http://www.gutenberg.org/files/31281/31281-h/31281-h.htm

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