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Schach-Allegorien

Einführung

Schach als Strategiespiel mit seinen soziale Rollen bezeichnenden Spielsteinen forderte geradezu zu einer allegorischen Auslegung heraus; im Hintergrund wirkt die Basismetapher des Lebens als Spiel. Der Hauptanreger der Gattung, Jacobus de Cessolis, ist für die Jahre 1317–1322 als Dominikaner urkundlich bezeugt. Sein Buch trägt den Titel »Liber de moribus hominum et officiis nobilium sive super ludum scaccorum«. Er weist den ›edlen Figuren‹ (König, König usw.) Aufgaben und Tugenden zu; die acht ›gemeinen Figuren‹, die wir heute als Bauern bezeichnen, verteilt er auf verschiedene Berufsgruppen (Bauern, Handwerker, Wirt, Arzt usw.) und überantwortet ihnen ebenfalls Tugenden. Das Schachspiel ist so ein Bild der sozialen Welt (merkwürdigerweise fehlt der Klerus), in der die Mitglieder durch Position, Erscheinung und Gangart bestimmt sind. Die Regeln des Spiels geben die Normen des Lebens ab. Zur Veranschaulichung der Tugenden und Laster fügt er etwa 150 Exempla ein, so dass der Text zu einer Exemplasammlung wird, die durch die Schachallegorie zusammengehalten wird (strukturierende Funktion).

Die Gattung floriert. Jacobus wird in die Volkssprachen übersetzt und überarbeitet. Der Text des Jacobus de Cessolis wude im 14./15. Jh. ins Deutsche übersetzt; von dieser Fassung sind etwa 50 Handschriften bekannt. Es gibt mehrere mittelhochdeutsche Schachbücher: Heinrich von Beringen (um 1330); Konrad von Ammenhausen (1337, über 19’000 Verse); Pfarrer vom Hechte (8’000); Stephan von Dorpat (5’886 Verse).


Die Kenntnis des Schachspiels galt als unabdingbar für eine höfische Bildung.

••• »Ruodlieb« IV, 187ff. (Mitte 11. Jh. > https://de.wikipedia.org/wiki/Ruodlieb)

••• Petrus Alfonsi (1106 zum Christentum konvertiert) parallelisiert in seiner »Disciplina clericalis« die Sieben freien Künste mit sieben ritterlichen Fertigkeiten (probitates) und sieben Regeln des guten Benehmens. Probitates vero hae sunt: Equitare, natare, sagittare, cestibus certare, aucupare, scaccis ludere, versificari. Die Dinge, die ein Adliger beherrschen muss, sind: reiten, schwimmen, bogenschießen, boxen, jagen, schachspielen, Verse machen. — Petrus Alfonsi, Die Kunst vernünftig zu leben (Disciplina clericalis). Dargestellte und aus dem Lateinischen übertragen von Eberhard Hermes. Zürich/Stutgart: Artemis 1970; S.153.

••• Im mittelhochdeutschen »Rolandslied« des Pfaffen Konrad (um 1170 entstanden) gibt es eine Sezne, wo heidnische Botschafter friedlich ins prächtig ausstaffierte christliche Heerlanger einziehen; wie sie zu Kaiser Karl vorgelassen werden, treffen sie ihn beim Schachspiel an: si vunden den keiser zwâre ob dem schachzabele. (Verse 681f.) Text

Es sind 16 Elfenbeinfiguren überliefert, die als »Jeu d'échecs dit de Charlemagne« bezeichnet werden, aber wohl aus dem Ende des 11. Jhs. stammen. Hier die Figur des alfil (modern frz. ›fou‹, deutsch ›Läufer‹): ein Elefant mit zwei Reitern (Zeichnung aus dem »Magasin Pittoresque« 1834):

••• In den »Carmina Burana« (11./12. Jh.) gibt es eine versifizierte Spielanleitung, ohne allegorische Deutung: CB 210 Wer das edle Schachspiel kennenlernen will, soll das Lied anhören, das ich verfasst habe / Qui cupit egregium scachorum noscere ludum, | Audiat; ut potui, carmine composui.

Carmina Burana. Texte und Übersetzungen, hg. von Benedikt Konrad Vollmann, Frankfurt am Main: Dt. Klassiker-Verlag 1987.
Bild (fol. 92 recto) aus dem Digitalisat der Handschrift (Clm 4460) > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00085130/image_187

••• Tristan beherrscht das Spiel (2'219ff.). Auf dem Schiff der Kaufleute entdeckt er zufällig ein Schachbrett:

von âventiure ez dô geschach,
daz Tristan in dem schiffe ersach
ein schâchzabel hangen,
an brete und an den spangen
vil schône und wol gezieret,
ze wunsche gefeitieret.
dâ bî hienc ein gesteine
von edelem helfenbeine
ergraben wol meisterlîche.
Tristan der tugende rîche
der sach ez vlîzeclîchen an.
›ei‹ sprach er ›edelen koufman,
sô helfe iu got! und kunnet ir
schâchzabelspil? daz saget mir!‹

... und beim Spiel ist er dann so sehr darein vertieft (Gottfried von Straßburg, Vers 2315 verdâht), dass er entführt werden kann.

••• Heinrich von Neustadt verwendet das Schachspiel leicht obszön in seinem Roman »Apollonius von Tyrland« (herausgegeben von S. Singer, Berlin: Weidmannsche Buchhandlung 1906 Deutsche Texte des Mittelalters 7), Verse 18'326ff:

Da was kussen und drucken,
Halsen und schmucken,
Mit armen lieber umbefangk
Und manig mynniklicher schwangk.
Di selbe nacht ward in nit langk,
Sy hetten kurtzweyle vil.
Sy spilten schachzabel spil:
Der herre pegunde genenden, [begann sich zu erkühnen]
Er zoch ainen venden, [die Figur des Bauern]
Der sagte der kunigynne mat.
Was schadet das? deß wirt gut rat:
Uber ain kurtze zeyt syder
Sagt im di schone magt wider
Mat und das aine schach
Mer dann vierstunt dar nach.

Die »Lewis Chessmen« (12. Jh.); Quelle > http://www.nms.ac.uk/lewischessmen.aspx

Vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Lewis_chessmen


Die Spielregeln haben sich seit dem Mittelalter zum Teil verändert.

  • Der König durfte bei der Eröffnung gerade oder schräg ins dritte Feld rücken, falls es frei war und er nicht selbst im Schach stand. Er konnte sogar über eine eigenen oder feindlichen Stein hinwegspringen. Es ist ihm gestattet, bis zur Mittellinie, der Grenze seines Reiches, zu ziehen. Zudem darf er die Dame im gleichen Zuge mitführen.
  • Die Dame ist erst zu Beginn des 16. Jhs. zur beherrschenden Spielfigur geworden. Früher geht und schlägt sie nur vorwärts und rückwärts ins nächste Feld. Der Eröffnungssprung gleicht dem des Königs.
  • Der Läufer war die schwächste Figur im mittelalterlichen Schach. Er konnte nur diagonal ins dritte Feld rücken, dabei eigene oder fremde Steine überspringend. Er durfte nicht schlagen.
  • Turm und Pferd haben ihre Züge nicht verändert. Die Bauern (Venden) beginnen mit einem Doppelschritt. Erreicht einer die letzte Reihe, wird er zur Dame.

Die Bezeichnungen für die Figuren haben sich auch gewandelt und sind in den einzelnen Sprachen verschieden. (Hier zu Zeilenbeginn die moderne deutsche Bezeichnung):

  • ♔ König — unverändert.
  • ♕ Dame — urspr. der Wesir, Feldherr, persisch vizir, vazir u.ä. oder fersan (‘Rat') wird im älteren Französisch gehört als vierge; daraus: die Dame, Königin
  • ♗ Läufer — pers. fil; arab. al-fil ‘Elefant’; daraus lat. alphilus, alficus u.ä.; modern frz. fou. — Über das niederländische oude missverstanden als lat. senex, älteres Deutsch die Alten – In England bishop
  • ♘ Springer/Pferd — eques, miles (Ritter)
  • ♖ Turm — pers. rokh, ruch ‘Kamel’ wird mittellat. roccus und dann wegen der Nähe zu mittellat. rocca ‘Felsen, Befestigung’ als ‘Turm’ verstanden
  • ♙ Bauern — pers. padeh, peada; wird mittellat. als pedones, pedites ‘Fußsoldaten’ verstanden, im älteren Deutschen vende (mit nicht geklärter Etymologie)

Zur Geschichte: Alex Crisovan, online hier > http://www.swisschess.ch/die-schachfiguren.html



Quellentexte

Konkordanz: Ferdinand Vetter gibt in seiner Ausgabe von Konrad von Ammenhausen jeweils zu Beginn des Kapitels Parallelstellen (Verszahlen) in anderen Schachbüchern an.

Quaedam moralitas de scaccario (anonym, 13.Jh.),

Ed. in Murray, pp.+++
Mundus iste totus quoddam scaccarium est
ed. und transl. by: Susanna Greer Fein
http://d.lib.rochester.edu/teams/text/fein-harley2253-volume-3-article-109


Johannes von Wales [Guallensis u.a.], O.F.M. († 1285 in Paris)

Abschnitt zum Schachspiel in: »Breviloquium de virtutibus antiquorum principum«
Editio princeps: Köln 1475 [zusammen mit dem ‹Breviloquium de philosophia sive sapientia sanctorum‹; keine moderne Edition].


Jacobus de Cessolis (1317 bis 1322 in einem Doninikanerkonvent nachweisbar)

Die Ausgabe von Ernst Köpke, Brandenburg 1879 (36 Seiten) ist bibliothekarisch schwer erreichbar.

Ein Handschrift aus der Mitte des 15.Jhs. > http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0010/bsb00107603/images/

Das Schachbuch des Jacobus de Cessolis. Codex Palatinus Latinus 961 [aus dem Jahr 1458], Zürich: Belser 1988 (Codices e Vaticanis Selecti, Vol. 74) Faksimile + Kommentarband.

Es gibt Übersetzungen des Liber de moribus hominum et officiis nobilium ac popularium super ludo scacchorum in verschiedene vernakuläre Sprachen, u.a.:

Das Schachzabelbuch des Jacobus de Cessolis, O. P. in mittelhochdeutscher Prosaübersetzung hg. Gerard F. Schmidt. E. Schmidt, Berlin 1961 (Texte des späten Mittelalters, Bd. 13).


»Gesta Romanorum« (Anfang 14. Jh.?)

Gesta Romanorum, hg. Hermann Oesterley, Berlin 1872, # 166; dt. Übersetzung von J.G.Th.Grässe, Dresden/Leipzig 1842.

Gesta Romanorum, übers. von Winfried Trillitzsch, Leipzig: Insel 1973.

Siehe die Textauschnitte >>> hier


Heinrich von Beringen (?)

Das Schachgedicht Heinrichs von Beringen, hg. von Paul Zimmermann, Tübingen: 1883 (Bibliothek des Literarischen Vereins in Stuttgart 166) > https://archive.org/details/dasschachgedich01zimmgoog

Siehe den Textauschnitte >>> hier


Konrad von Ammenhausen, »Schachzabelbuch« (1337 vollendet)

Das Schachzabelbuch Kunrats von Ammenhausen, nebst den Schachbüchern des Jakob von Cessole und des Jakob Mennel, hg. von Ferdinand Vetter, Frauenfeld: Huber 1892 (Bibliothek älterer Schriftwerke der deutschen Schweiz und ihres Grenzgebietes. Serie 1, Ergänzungsband), 868 Seiten. > https://archive.org/details/dasschachzabelb00lasagoog

Konrad von Ammenhausen, Schachzabelbuch; übersetzt und kommentiert von Renate Hausner. Schaffhausen: Kommissionsverlag Unionsdruckerei 2010.

Siehe die Textauschnitte >>> hier


Pfarrer vom Hechte, Mitteldeutsches Schachbuch (verf. 1355)

hg. Eduard Sievers Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 17 (1874), S.161–389 > https://archive.org/stream/zeitschriftfrd17wiesuoft#page/160/mode/2up


Stephan von Dorpat

Meister Stephans Schachbuch. Ein mittelniederdeutsches Gedicht des vierzehnten Jahrhunderts, hg. Wolfgang Schlüter, Dorpat: Laakmann 1883.


Jakob Mennel (Manlius, ca. 1460–1525) »Schachzabel«

Erster Druck Konstanz 1507; späterer: 1536 bei Egenolf in Frankfurt: Des altenn Ritterlichenn spils des Schach-Zabels grüntlich Bedeutung und klarer bericht, dasselbig künstlich zu ziehen und spielen … > http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0002/bsb00028056/images/


Deutungsverfahren

Den Paratext bildet die Erfindung des Schachspiels: König Evilmoradach in Babylon führt ein Scheckensregiment. Er lässt jeden seiner Kritiker hinrichten. Der Philosoph Xerses ersinnt das Schachpiel. Die Adligen an den Höfen spielen es und amüsieren sich dabei. E. – angeregt durch deren Beobachtung – möchte es auch lernen und akzeptiert die Schülerrolle gegenüber X. Dieser erklärt nicht nur die Regeln, sondern bringt E. auch die Bedeutungen der Figuren, darunter die Tugenden der Königsfigur bei. — Konrad von Ammenhausen Verse 799–1548; Heinrich von Beringen 109–353

Die allegorischen Bezüge sind meistens an den Haaren herbeigezogen. Man gewinnt den Eindruck, die von den Figuren ausgehenden Bedeutungen seien nur Anlass, um Exempla anzubinden, von denen die Texte strotzen. (Zur literarischen Struktur der Exempla siehe hier)

(a) Die Figur hat einen sinnträchtigen Namen. Beispiel: Ritter (heute: Springer, Pferd). Damit werden bestimmte Tugenden assoziiert. Dazu gibt es Exempla.

(b) Die Figur hat bestimmte Eigenschaften oder Attribute; diese sind Bedeutungsträger.
Erstes Beispiel: Der König trägt ein Gewand aus Purpur ≈ sic interior mens et anima moralibus virtutibus tamquam quibusdam verstitur habitibus. (Cessolis)
Zweites Beispiel: Es gibt zwei Figuren davon, so bei den Alten = die Richter (modern: Läufer) ≈ einer ist mit dem Kriminalrecht befasst, der andere mit dem Zivilrecht (vgl. K.v.Ammenhausen Verse 4’229ff.)

(c) Die Stellung der Figur zu Beginn des Spiels ist Bedeutungsträger. Beispiel: der zweite Vende (heute: Bauer). Fabrum sich formatum tenemus, quem ante militem in dextra regis parte situatum dicimus (Cessolis) Weil die Ritter Geräte (Sporen, Zügel usw.) brauchen, die der Schmied herstellt, bedeutet dieser Vende den Schmied.

(d) Der Gang der Figur ist Bedeutungsträger (bei Cessolis der 4. Teil). Beispiel: Der König darf nur bis zu einem dritten Feld ziehen ≈ er soll sich nicht zu weit von seinem Reich entfernen (K.v.Ammenhausen Verse 18’323ff.)

Die Placierung der Figuren, ihre Züge und ihre Ausstattung mit Attributen erinnert an die Ars memorativa (so Petschar 1992); aber kann man sich die Exempla wirklich besser einprägen, wenn sie so organisiert sind?

Nirgends wird die Hauptfunktion des Spiels, nämlich das Mattsetzen des gegnerischen Königs, erwähnt – woraus doch wohlfeil hätte allegorisches Kapital geschlagen werden können, ebensowenig der Konflikt zwischen der schwarzen und der weissen Partei.

Bild: Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 463 (deutsche Übersetzung von Jacobus de Cessolis aus dem Jahr 1463) > http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg463/0017


Textproben

»Gesta Romanorum« (Anfang 14. Jh.?) Nr. 166

Lateinischer Text (OCR_erfasst) > https://la.wikisource.org/wiki/Gesta_Romanorum_(Oesterley)/166 (genau so manuell eingeben!)

De ludo schacorum. Schacarium habet lxiv puncta per viii divisa, scilicet virum et mulierem, sponsos et sponsas, clericos et laicos, divites et pauperes. und so weiter

Im Text der »Gesta Romanorum« fehlen die Exempla weitgehend; ausgeblendet sind auch die Beschreibungen der Figuren (Zepter, Sichel, Gewand, Rüstung, Hut, Sitzmöbel, usw.); die Designate der Figuren sind heterogen (die Armen, die Weisen; wir alle; unsere Seele; Jesus Christus).

Das Schachbrett enthält vierundsechzig Felder, auf acht Reihen verteilt, ferner einen Mann und eine Frau, Bräutigame und Bräute, Kleriker und Laien, Reiche und Arme. Dieses Spiel stellen sechs Figuren dar.

Die erste ist der Turm, und zwar von doppelter Art, weiß und schwarz, denn der rechte ist weiß, der linke aber schwarz. Seine Eigenart ist folgende: Wenn alle Figuren aufgesetzt sind, haben die Offiziere und Bauern ihrer Eigenart gemäß bestimmte Zielpunkte, bis zu denen sie vordringen können, die Türme aber haben als einzige nicht die Möglichkeit, vorwärts zu gehen, wenn sie eingeschlossen sind und ihnen nicht durch die Offiziere und Bauern ein Weg gebahnt ist. Der Turm geht immer geradeaus und nie in einem Winkel, mag er nun vor- oder rückwärts gehen, und wenn er seitwärts geht, schlägt er von der Gegenseite einen Stein und wird ein Räuber.

So geht es dem wirklich Armen, der nur den einzigen Weg seiner Armut kennt, auf dem er geradenwegs dem Herrn aller armen Leute, Jesus Christus, zupilgert, wonach er die Stelle der Königin neben dem König der Könige einnimmt. Wenn er aber über seine Lage murrt und seitwärts vom Wege abgeht, wird er ein Räuber, stiehlt, was er kann, und kümmert sich nicht um den Königsthron.

Die zweite Figur ist der Springer, der über drei Felder geht. Auf seinem rechtmäßigen Platz steht der, welcher schwarz ist, zur Rechten des Königs und der weiße zu seiner Linken. Man nennt sie aber weiß und schwarz nicht nach ihrer Farbe, sondern nach ihrer Feldstellung. Denn der rechte, der schwarze, zieht nach rechts und stellt sich auf ein schwarzes leeres Feld vor den Bauer. Der linke aber kann gemäß seiner Eigenart zwei Schritte vorwärts tun, einen nach rechts auf ein weißes Feld, und den anderen nach links auf einen leeren weißen Platz; so gehen sie immer von drei zu drei Quadraten, indem sie ihre erste Stellung stets festhalten, so daß der schwarze immer auf dem schwarzen Felde und der weiße umgekehrt auf dem weißen, aber immer in einem Winkel vorwärtsgeht.

Diese Springer, die bald hinauf- und bald hinabgehen, bedeuten die Weltweisen, welche drei Eigenschaften besitzen, nämlich Verstand, Vernunft und Mannhaftigkeit. Diese sollten sie durch Werke der Barmherzigkeit immer aufwärts zu Gott richten; doch sie gehen abwärts durch ihre Beredsamkeit und menschlichen Trug und laufen seitwärts in einem Winkel über drei Felder; die bedeuten die Schlemmer, die tagtäglich im Rausche leben, die Räuber, die fremdes Eigentum widerrechtlich plündern und stehlen, und die Hoffärtigen, die mit ihrer Abstammung, Schönheit und ihrem Überfluß an Reichtum prahlen. Alle diese weichen seitwärts von der rechten Seite ab und werden zuletzt vom König, das heißt dem Teufel, gepackt und nach dem gerechten Gericht Gottes in die Hölle hinabgestoßen.

Die dritte Art sind die Ritter oder Läufer von denen der rechte weiß und der linke schwarz ist. Der weiße kann drei Schritte von seinem rechtmäßigen Platze aus tun, einen nach rechts auf das schwarze Feld vor dem Bauern, den zweiten auf den schwarzen leeren Raum vor dem Wollweber, und den dritten nach links an die Stelle des Handelsmanns. Wenn er bei dem König steht, kann er sechs Quadrate durchschreiten, steht er aber in der Mitte, sogar acht. Genauso ist es mit dem linken. Wenn der schwarze und der weiße zum König hin ziehen, stellt sich der eine dann von links vor die Königin, der andere von rechts vor den König.

Ebenso sollen die Ritter, wenn sie in die Schlacht ziehen und einen Kampfplatz suchen, wacker und tapfer streiten, ihren König wie eine Mauer umgeben und ihn beschützen. Wir alle sind Streiter und müssen gegen den Teufel auf der Walstatt dieser Welt streiten und unseren König, das heißt unsere Seele, verteidigen. Denn unser Widersacher ist stark, wenn er allerlei Bosheiten versucht und uns unerlaubte Dinge eingibt, doch schwach, wenn wir ihn wirklich überwinden wollen, wie denn Paulus sagt: »Tapfer im Glauben sollen wir ihm widerstehen und uns nicht fürchten.« Tapfere und erprobte Krieger pflegen anfangs, wenn sie die Waffen ergreifen, zu zittern, die Farbe zu wechseln und aus der Nase zu bluten. Doch dieses Zeichen zeugt eher von ihrer Tüchtigkeit als von Feigheit. Denn es ist verbürgt, daß derjenige, der zu Anfang der Schlacht von Furcht geschüttelt wird, desto standhafter ficht und nicht den Rücken wendet, wenn er wieder in den Kampf kommt und dem Tod, den er vorher nur von ferne erblickte, jetzt unmittelbar ins Auge schaut. Denn uns alle schreckt die Furcht vor dem zukünftigen Tod, und es wäre gut, wenn es nur der zeitliche wäre; darum müssen wir wacker und ohne alle Furcht die Waffen des Glaubens ergreifen und den Schild der guten Werke vorhaltend kämpfen, damit wir den zweiten Tod, nämlich den ewigen, tapfer überwinden, von dem Boethius sagt: »Ihr liegt ganz unbewußt hier, schon lauert der zweite Tod auf euch.« Jene Läufer aber rücken nach der Schlacht an die Grenzen und gehen, als hätten sie Beherztheit und Tapferkeit wiedererlangt, über acht Quadrate vorwärts, und sie schlagen ihre Gegner, wo sie sie finden. Ebenso ist es mit jedem Menschen, der seine Niedrigkeit fühlt und nicht hochmütig ist; er wird dereinst die acht Quadrate der acht Seligkeiten überspringen, denn der sich selbst erniedrigt, soll erhöht werden.

Die vierte Klasse bilden die Bauern, die allesamt immer nur einen einzigen Schritt vorwärts tun dürfen. Sie können zwar von dem Quadrat aus, auf dem sie anfangs aufgestellt sind, bis zum übernächsten vorschreiten, weil sie gewissermaßen noch sicher im Gebiet des Königs stehen; wenn sie aber über dessen Grenzen hinausgeschritten sind, begnügen sie sich mit einem einzigen Schritt, gehen immer geradeaus und kehren niemals wieder um, damit sie durch ihren Marsch und ihre Tapferkeit zu gewinnen suchen, was die Offiziere vermöge ihrer Würde von Anfang an besitzen. Wenn sie mit Unterstützung der Läufer und anderen Offiziere bis an die Linie der feindlichen Offiziere gelangt sind, erobern sie durch ihre Tapferkeit das Vorrecht, das nur der Königin vergönnt ist. Man muß aber wissen, daß die Bauern zwar geradeaus vorwärtsmarschieren, doch wenn sie einen feindlichen Offizier oder Bauern treffen, diesen in einem Winkel von rechts oder links fangen und schlagen können. Sonst geht ein Bauer nie außerhalb der geraden Linie nach rechts oder links vorwärts, es sei denn, daß er die Würde der Königin erworben hat.

Diese Bauern bezeichnen Leute verschiedenen Ranges und Geschlechts, zwischen denen Könige, Fürsten, Edelleute und andere Vornehme stehen, um sie zu regieren und vollkommen zu machen. Wenn diese jedoch ihre Pflichten nicht nach Gesetz und Vernunft ausüben, büßen sie den Vorzug des Adels ein und treten in die Lage und Stellung der Bauern. Denn wir alle sind von einem Vater Adam geboren und gezeugt, und nur die sich durch Tugenden auszeichneten, haben mit Recht die Namen ›Könige‹ und ›Edelleute‹ erhalten. Wenn aber die Bauern, das heißt die einfachen Leute aus dem Volke, nach den Ratschlägen ihrer klugen Beichtväter leben, den Geboten der Kirche gehorchen und dadurch einen richtigen und geraden Lebenswandel führen, erlangen sie im Himmelreich aufgrund ihres vollkommenen Lebens zu Recht den Titel heiliger Könige und Edler. Niemand verachte also die Bauern, denn wir lesen, daß sie zu Herrschaft und päpstlicher Würde gelangt sind, wenn sie voller Vorzüge und Gnaden waren. […]

Die fünfte Figur, die auf dem Schachbrett mitspielt und einen Namen trägt, ist die Königin. Ihr Zug ist von weiß auf schwarz; man stellt sie neben den König, und wenn sie von ihm geht, wird sie gefangen. Wenn sie sich von ihrem eigenen schwarzen Quadrat, wo sie zuerst ihren Stand hat, wegbewegt, so kann sie nur von einem Quadrat zum anderen vorrücken, und zwar in Winkeln, mag sie nun vor- oder zurückziehen, schlagen oder geschlagen werden.

Fragt man, warum die Königin dem Kampf ausgesetzt wird, da doch das weibliche Geschlecht schwach und gebrechlich ist, so muß man sagen, daß sie der Sitte derjenigen Frauen folgt, die samt ihren ganzen Familien mit ins Lager genommen werden, wenn ihre Männer in den Krieg ziehen, wie das bei den Tataren üblich ist: Und wenn sie auch nicht mit Pfeil und Bogen umgehen können, so können sie doch eher die Leute aufhalten als durch Körperkraft zu Boden werfen. Daß die Königin dem König in den Kampf folgt, geschieht zum Trost des Königs und um ihm ein Zeugnis ihrer Liebe zu geben.
Wir verstehen unter der Königin unsere Seele, welche im Himmel infolge ihrer guten Werke zur Königin gekrönt werden soll. Diese Königin ist weiß und schwarz. Weiß wird sie durch die Beichte und Absolution, wenn ihr Knecht, das heißt der Körper, alles rein bekennt und wenn er für seine Sünden Buße getan hat und losgesprochen wird; dann bekommt sie eine so glänzende Weiße, daß sie zehnmal heller leuchtet als die Sonne. Schwarz wird sie durch den Ruß und die Häßlichkeit der Sünden. Sie muß aber stets neben dem König stehen, denn wenn sie das nicht tut, wird sie gefangen und verletzt. Darum hat Gott unsere Seele in den Körper hineingegeben, damit durch ihre ausgleichende Erlösung das Heer der Engel, das durch den Fall Luzifers einen großen Verlust erlitten hat, vollständig ergänzt und sie als Königin neben den König des Ruhms gestellt werde. Wenn sie sich aber vom König entfernt, durch dessen Fürsorge sie geleitet und gelenkt wird, dann wird sie gefangen, infolge sündiger Taten der Hölle geopfert und […]

Die sechste Figur im Schachspiel ist der König. Er überragt alle, das zeigt die Natur seiner Bewegung und seines Zugs an. Wenn er nämlich auf dem vierten weißen Quadrat steht, so hat er rechts, wenn er selbst schwarz ist, auf dem nächsten weißen Feld einen Läufer, den Springer und Turm aber auf einem schwarzen. Auf der linken Seite behält er die entgegengesetzte Stellung. Da der König aber vermöge seiner Würde über alle die Macht und Herrschaft ausübt geziemt es sich nicht, dass er sich weit von seinem Königsthron entfernt […]

Dieser König ist aber unser Herr Jesus Christus, der der König der König ist über alle im Himmel und auf Erden, was auch die Art und Weise seiner Bewegung und seines Vorrücken andeutet. Denn wenn er auszieht, begleiten ihn alle Chöre der heiligen Engel voller Verehrung […].

Quelle:

Gesta Romanorum, hg. Hermann Oesterley, Berlin 1872, # 166; dt. Übersetzung von J.G.Th.Grässe, Dresden/Leipzig 1842.

Gesta Romanorum, übers. von Winfried Trillitzsch, Leipzig: Insel 1973.

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Heinrich von Beringen

Als Beispiel hier eines der eingebauten Exempla, nämlich das von Perillus, jenem Künstler in Athen, der für den Tyrannen Phalaris in Agrigent einen ehernen Stier mit hohlem Leibe verfertigte, in den Verbrecher gesteckt und durch untergelegtes Feuer gebraten werden sollten. Der Künstler wurde vom Tyrannen genötigt, zur Probe selbst in den Stier zu kriechen, und kam so ums Leben (Orosius [ca. 385-420], adversus paganos I,20; Plinius, naturalis historia XXXIV,xix,89; Ovid, Tristia III,xi,39–54; weitere Quellen nachgewiesen bei Vetter, Konrad von Ammenhausen-Ausgabe, S. 115, Anm. 63). — Das Exemplum (Verse 686ff.) erläutert den Satz [Rex] debet inpietatem detestari:

Hoert, waz dem künige mêr gezimt,
daz in von keinem prîse nimt:
dem ungüetigen scharfen man
sîner freise niht gestân.
Dâ von so sagt Orosius,
daz einr, geheizen Perillus,
ein werc grôz unde freide
sich selben frumt [bewirkte] in leide.
ein künic, der hiez Pfalarides [Perillus],
der nach künclîcher wirde mez [(ergänze: weder) Maß]
noch leben noch sîn fuore [Lebensweise] maz,
die von Agregentîn besaz [bedrängte].
swaz im der diet [Leute] ze handen brâht
wart, den het der unrein erdâht
vil jämerlîcher marter,
den rehten tôt noch harter.
Perillus, den ich ruogt ouch ê [den ich vorhin rügte],
wolt sich dem künige lieben mê
und immer werden zarter.
ein sunderlîche marter
erdâht sin sinnerîche kraft;
mit frömder spæher meisterschaft
macht er ein ohsen, der was grôz,
den er von edelm êre [Erz] gôz.
ze der ein sîten orte [Ecke]
ein wol gefüegtiu porte
in die marter kestigung [Qual] gie [ging],
diu da die tôtende enphie.
sô die verslozzen wurden da,
man mit fiures vlammen sâ
dem ohsen fiuret under,
sô sî von pîne munder [wegen der Pein ‘lebhaft’]
wurden, daz ir stimme dôz [von mhd. diezen: laut schallen]
der ohsen lunge wær genôz [tönte gleich wie],
durch daz iht bær ir aribeit [so dass ihre Mühe hervorbringe]
dem künige barmherzikeit.
dô der künic daz werc ersach,
er lobt den funt, ie doch er sprach:
»ich wil, meister Perillê,
daz werc an iu versuochen ê,
des ir unreiner habt erdâht
und ez eim noch unreinerm brâht.«
der marter vinder wart ze hant
in sin selbes kunst verbrant.

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Konrad von Ammenhausen, »Schachzabelbuch«

Die Figuren sind als solche definiert, das heißt allegorisch: die Berufe und Stände sind fixiert; den Gedanken von sozialer Mobilität lässt die Allegorie nicht zu. Volker Honemann (1943–2017) hat darauf hingewiesen, dass bei Konrad von Ammenhausen das Spiel durchaus auch als Symbol für die Stellung der Stände untereinander verwendet wird (Verse 18'202ff.):

menglich merket es wol: wie
sölten edel lüte geleben,
sölten in niht [h]antwerklüte geben
ir nôtdurft ze allen dingen?
ein lantvogt möht niht betwingen
sin lant, des er pflegen sol,
âne den bûman, der vüegt im wol;
den betüt der vende, der vor dem roche stât.
was sölt ein riter, der niht hât
harnesch, wâfen und rossîsen?
ich darf hie nüwen wîsen
hin vür, dâ es geschriben stât,
swas ieklicher betütung hât;
ich wæne, man dâ gar wol vint,
warzuo die antwerklüte sint
guot bi den hêrren.

Honemann: »Bekanntlich kann im Schachspiel der Bauer alle anderen Figuren schlagen, und wenn er bis zur gegnerischen Grundlinie gelangt, kann er sich in alle anderen Figuren verwandeln. Konrad beschreibt diese Fähigkeit des Bauern in seinem Kapitel ›Vom Gange des Bauern oder Gemeinen‹ folgendermaßen (V. 18’881ff.):

Swie kleine nu der vende sî,
so ist er doch also vrî,
das er dem küng spricht schach und mat
und solchen gewalt darzuo hat,
das er roch, riter, alten und küngin mag vân [fangen].
hie bisol man verstân,
das arme lüte nieman versmâhen sol;
man bedarf ir ze allen ziten wol.
ouch wissent, das man geschriben vint,
das mange ze herren worden sint,
die doch niht wârn von hôher art.
Swer tugende üebet alle vart,
den sol man vür edel hân.
eins vinde ich hie geschriben stân,
das bäbste und künge worden sint
etswenne armer lüte kint.

Hier thematisiert Konrad also immerhin für einen Moment die Möglichkeit sozialen Aufstiegs, den er aber recht traditionell mit der Vorstellung vom Tugendadel begründet.«

Volker Honemann, Gesellschaftliche Mobilität in Dichtungen des deutschen Mittelalters, in: Zwischen Nicht-Adel und Adel, hg. Kurt Andermann / Peter Johanek, Stuttgart: Thorbecke 2001, S. 27-48. > http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:16-vuf-174150

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Literaturhinweise:

Die Literatur zum Thema Geschichte des Schachspiels ist immens, unüberschaubar; hier nur wenige Hinweise, fokussiert auf das Spezialgebiet der mittelalterlichen Schach-Allegorien, chronologisch geordnet:

Hans F. Massmann, Geschichte des mittelalterlichen, vorzugsweise des Deutschen Schachspieles. Nebst vollständiger und fortlaufender Literatur des Spieles, sowie Abbildungen und Registern, Quedlinburg / Leipzig 1839. — Reprint: Wiesbaden, Fourier Verlag 1983. — Digitalisat > http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10431697_00005.html [die Bildtafeln sinnvollerweise nicht ausgeklappt!]
Wilhelm Wackernagel, Das Schachspiel im Mittelalter (1846); wieder abgedruckt in: Kleinere Schriften I, Leipzig 1872, S. 107–127. Digitalisat > https://archive.org/stream/kleinereschrift06wackgoog#page/n120/mode/2up
Antonius Van der Linde, Geschichte und Litteratur des Schachspiels, Berlin: Springer 1874.

Antonius Van der Linde, Quellenstudien zur Geschichte des Schachspiels, Berlin: Springer 1881. — Neudruck Biblio Verlag 1968 — Digitalisat < http://gdz.sub.uni-goettingen.de/dms/load/img/?PID=PPN593944739

H.J.R. [Harold James Ruthven] Murray, A History of Chess, Oxford: Clarendon Press 1913 [und Neudrucke].
Heinz-Jürgen Kliewer, Die mittelalterliche Schachallegorie und die deutschen Schachzabelbücher in der Nachfolge des Jacobus a Cessolis, Diss. Heidelberg 1966.
Anežka Vidmanová, Die mittelalterliche Gesellschaft im Lichte des Schachspiels, in: Soziale Ordnungen im Selbstverständnis des Mittelalters, hg. A. Zimmermann u.a., Band I, Berlin: de Gruyter 1979, (Miscellanea Mediaevalia 12/1), S. 323–340.
Norbert H. Ott, »Konrad von Ammenhausen«; in: Neue Deutsche Biographie 12 (1979), S. 535 f. > https://www.deutsche-biographie.de/gnd118713914.html#ndbcontent
Marion Faber, Das Schachspiel in der europäischen Malerei und Graphik (1550-1700), Wiesbaden: Harrassowitz 1988 (Wolfenbütteler Arbeiten zur Barockforschung 15).
Hans Petschar, Vorbilder für Weltbilder: Semiotische Überlegungen zur Metaphorik der ma. Schachzabelbücher, in: Gertrud Blaschitz / H.Hundsbichler / G.Jaritz / E.Vavra, Symbole des Alltags, Alltag der Symbole = FS Harry Kühnel, Graz: ADVA 1992, S. 617–640.
H.Petschar, Artikel »Schachspiel« in: Lexikon der Mittelalters, Band VII (1995), S. 1427–1429.
Melanie Urban, Visualisierungsphänomene in mittelalterlichen Schachzabelbüchern, in: Visualisierungsstrategien in mittelalterlichen Bildern und Texten, hg. Horst Wenzel / C. Stephen Jaeger, Berlin: Erich Schmidt 2006 (Philologische Studien und Quellen, Heft 195), S. 139–166.
Oliver Plessow, unter Mitwirkung von Volker Honemann und Mareike Temmen, Mittelalterliche Schachzabelbücher zwischen Spielsymbolik und Wertevermittlung. Der Schachtraktat des Jacobus de Cessolis im Kontext seiner spätmittelalterlichen Rezeption, Münster/Westf.: Rhema 2007 (Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme, Band 12).
Nikolaos Karatsioras, Das Harte und das Amorphe: das Schachspiel als Konstruktions- und Imaginationsmodell literarischer Texte, Berlin: Frank & Timme 2011.
Andreas Hermann Fischer, Spielen und Philosophieren zwischen Spätmittelalter und Früher Neuzeit, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2016.

Dies und das:

Olaus Magnus (1490–1557), »Historia De Gentibvs Septentrionalibvs« (Rom 1555); darin Liber XV, Cap. xii (S. 507): Die heiratswilligen jungen Frauen testen die Freier mittels Schachspiel:

Mos est apud illustriores Gothos, & Sueones, filias suas honesto conjugio collocaturos, procorum [der Freier] animos miris ingeniis & passionibus examinare, præsertim in ludo Latrunculorum [ein Brettspiel] seu Schacorum.

> http://runeberg.org/olmagnus/0593.html


[Antonio de Guevara] Der Zeitkürtzer, begreifft allerley natürliche, moralische, politische vnd theologische Fragen … durch Aegidivm Albertinvm verteutscht … München 1603:

Fast alle Spiel seyndt schädtlich vnd ärgerlich/ aber das Schachspiel ist rhümlich vnnd nutzlich. Dann wer den Schach hat erfunden der hat ein Model gemacht der Kriegskunst, Dann es werden inn diesem Spiel aygentlich vnnd zum grundt repraesentiert alle die Päß vnd contemplationes deß Kriegswesens. Dann gleich wie dises Spiel nicht wirdt regiert vom glück/ vnd daher der Vberwinder sich nicht halten kan für glücklich/ Noch der vberwundner für vnglücklich/ Eben also soll man den obsiegenden Capitan nennen einen Weisen vnd den vberwundnen solle man nennen einen ignoranten vnnd gar nicht einen glücklichen oder vnglücklichen […] (fol. 72r)

> https://books.google.ch/books?id=VFpDAAAAYAAJ&printsec=frontcover&vq=schachspiel&hl=de#v=onepage&q&f=false


Montaigne, »Les Essais« (1595), Livre 1, Chapitre 50

Ou s’il [gemeint ist Alexander der Große] manioit des eschecs, quelle corde de son esprit ne touche et n'employe ce niais et puerille jeu? Je le hay et fuy, de ce qu’il n’est pas assez jeu, et qu’il nous esbat trop serieusement, ayant honte d'y fournir l’attention qui suffiroit à quelque bonne chose.


Johann Gottfried Herder (1744–1803)

Das Schachspiel

[1] Warum schlagen wir noch Bücher und Blätter auf?
Alle Lehre Sokrats über die Nichtigkeit
Unsres Erdgedrängs lehret im Spiel uns hier
Ein mit Puppen besetztes Brett.

[2] Siehest du, Freund, wie das Glück Würden und Ämter theilt?
Wie’s die Plätze bestimmt, wie sie im Wechsel sind?
Freund, so spielen auch wir, selber ein Spiel des Glücks,
Ungleich, aber im Ausgang gleich.

[…]

[12] Schach dem Könige, Schach! – Siehe, geendet sind
Unsre Züge. Du siehst Ritter und Bauern jetzt,
König, Springer und Narr hier in der Büchse Grab
Durch und über einander ruhn.

[13] Also gehet die Welt. Lictor und Consul geht
In die Büchse; der Held und der Besiegte.
Du, vollführe dein Amt; spiele des Lebens Spiel,
Das ein Höherer durch dich spielt!


Guillaume La Perrière, »Le theatre des bons engins« (1544)

… dans le sac … Roys & pyons en honneur sont esgaulx.

> http://www.emblems.arts.gla.ac.uk/french/emblem.php?id=FLPa027

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