zurück zur Übersicht

Schiff und Schiff-Fahrt

Übersicht: Friedrich von Logau — Johann Georg Schoch — Andreas Gryphius — Hofmann von Hofmannswaldau


Gabriel Rollenhagen / Crispin de Passe, Nucleus Emblematum, Arnheim/Utrecht 1611/1615.

Unter dem Titel: Sinn-Bilder, (Bibliophile Taschenbücher 378), Dortmund 1983.

I,13: Dum clavum rectum teneam (Solange ich das Steuer gerade halte und das Schiff lenke, kann ich alles übrige dem einen Gott überlassen.

http://diglib.hab.de/drucke/21-2-eth-1/start.htm?image=00080

Das Zusammenwirken des tatkräftigen Handelns und Gottvertrauens wird dargestellt durch den König am Steuerrruder und das vom Wind gefüllte Segel.

In Emblem I,13 ist der Wind besser als göttliche Kraft dargestellt, hingegen passt es weniger, dass ein Ruderer im Schiff sitzt (statt der Lenkende aus I,13)

http://diglib.hab.de/drucke/21-2-eth-1/start.htm?image=00032

nach oben


Friedrich von Logau, Deutsche Sinn=Sinngetichte, 1654 (Viertes Hundert, Nr. 88):

Die Welt ist wie das Meer; ihr Leben ist gar bitter;
Der Teuffel machet Sturn; die Sünden Ungewitter;
Drauff ist die Kirch ein Schiff; vnd Christus Steuer-Mann;
Sein Segel ist die Rew; das Creutze seine Fahn;
Der Wind ist Gottes Geist; der Ancker das Vertrauen/
Dadurch man hier kan stehn vnd dort im Port sich schauen.

nach oben


Johann Georg Schoch, Neu=erbaueter Lust= und Blumengarten, Leipzig 1660, »Tanqvam navis in profundo«

1.
Was ist die Welt mit ihrer Pracht?
Jhr Thun? darauff Sie Tag und Nacht
Die stoltz-erhabnen Sinne wendet.
Des Hochmuths auffgeblaßner Nord
Macht / daß man nie zur Tugend Port
Die ausgeworffne Barcke lendet.

2.
Die Welt ist die erbooßte Fluht /
Die Wellen-Berge Menschen-Bluth /
Begürdens Ost pflegt uns an Klippen
Den Felß der Wollust anzuwehn /
Daran wir offt zu scheidern gehn /
Wenn sie uns Krachend rückwerts schippen.

3.
Hat Hoffnung Flacken auffgesteckt
Vnd seinen Mast empor gereckt /
Lest auch der Seufftzer Seegel fliegen;
Verschlägt sie offt ein trüber Wind /
Daß sie nicht wissen wo sie sind /
Wo Mast und Tau und Ruder liegen.

4.
Wird uns einmal ein Sonnenschein /
So mag man nur gewärtig seyn /
Der Abend stimme nicht zum Morgen;
Jst guter Wind / das Wetter klar /
So hat man desto eh Gefahr
Vnd Vngewitter zu besorgen.

5.
Verzweifflung treibt den schwancken Kahn
An die verborgnen Scheren an /
Vnd macht ihn fest auff seichten Bancken.
Die Tieffen seynd der Vnbestand /
Der böß-Gewissens Trübbe-Sand
Weicht aus des Hoffnung Anckers Zancken.

6.
Der Geist ist Schiff- und Steuermann /
Schwingt er sich schon biß Wolcken an /
Vmb Kunst und Weißheit nachzustellen /
Vnd hält der Ehren Steuer-Holtz /
Doch hat er eignen Ruhm und Stoltz /
Vnd Neid zu schlimmen Booß-gesellen.

7.
Vernunfft ist Bleywurff und Compas /
Die Schrifften Helena / und was
Pollux und Castor seynd hcy Nachte:
Doch aber beihth Witz und Verstand
Dem müden Schiffer nicht die Hand /
So wallt das Schiff auch trefflich sachte.

8.
Vnd haben wir nun manchen Straus /
Vnd manchen Sturm gestanden aus /
So kömmt das letzte Vngewitter /
Das wirfft die krancken Blancken ein /
Vnd was wir vor gewesen seyn /
Das zeugen nur noch wenig Splitter.

9.
Wer wolte denn mit frohem Muth
Nicht rückwerts lassen See und Fluth
Vnd nicht an stille Haffen lenden.
Mein Wundsch geht nach der Ewigkeit /
Vnd wie ich möchte mit der Zeit
Nach wundsche meine Reise enden.

nach oben


Andreas Gryphius

An die Welt

Mein offt bestürmbtes Schiff der grimmen Winde-Spil
Der frechen Wellen Baal / das schir die Flutt getrennet /
Das über Klipp auf Klipp und Schaum und Sandt gerennet /
Komt vor der Zeit an Port / den meine Seele wil.

Offt / wenn uns schwartze Nacht im Mittag überfil
Hat der geschwinde Plitz die Segel schir verbrennet!
Wie offt hab ich den Wind / und Nord' und Sud verkennet!
Wie schadhafft ist Spreu / Mast / Steur / Ruder / Schwerdt und Kill.

Steig aus du müder Geist / steig aus! wir sind am Lande!
Was graut dir für dem Port / itzt wirst du aller Bande
Vnd Angst / und herber Pein / und schwerer Schmertzen loß.

Ade / verfluchte Welt: du See voll rauer Stürme!
Glück zumein Vaterland / das stette Ruh' im Schirme
Vnd Schutz und Friden hält / du ewig-lichtes Schloß!

nach oben


Christian Hofmann von Hofmannswaldau (1617 – 1679)

postumer Druck in: [Benjamin Neukirch, Hg.] Herrn von Hoffmannswaldau und andrer Deutschen auserlesener und bißher ungedruckter Gedichte erster theil Leipzig 1695; »Verliebte Arien«, S. 364f.

Text maschinenlesbar im Deutschen Textarchiv: http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/hoffmannswaldau_gedichte01_1695?p=408

So soll der purpur deiner Lippen
Itzt meiner freyheit bahre seyn?
Soll an den corallinen klippen
Mein mast nur darum lauffen ein /
Daß er an statt dem süssen lande /
Auff deinem schönen munde strande?

Ja/ leider! es ist gar kein wunder/
Wenn deiner augen sternend licht/
Das von dem himmel seinen zunder/
Und sonnen von der sonnen bricht/
Sich will bey meinem morrschen nachen
Zu einen schönen irrlicht machen.

Jedoch der schiffbruch wird versüsset /
Weil deines leibes marmor-meer °
Der müde mast entzückend grüsset /
Und fährt auff diesem hin und her /
Biß endlich in dem zucker=schlunde
Die geister selbsten gehn zu grunde.

Nun wohl! diß urthel mag geschehen /
Daß Venus meiner freyheit schatz
In diesen strudel möge drehen/
Wenn nur auff einem kleinen platz /
In deinem schooß durch vieles schwimmen /
Ich kan mit meinem ruder klimmen.

Da will/ so bald ich an geländet /
Ich dir ein altar bauen auff/
Mein hertze soll dir seyn verpfändet/
Und fettes opffer führen drauff;
Ich selbst will einig mich befleissen /
Dich gött= und priesterin zu heissen.

° 2.Auflage 1687: marmel=meer

Die Website des DTA enthält eine Such-Funktion, mit der man innerhalb des Werks Parallelstellen findet. Allein für purpur findet man 60 Stellen. Zur Parallelstellen-Methode vgl. Peter Szondi, Über philologische Erkenntnis, in: Die Neue Rundschau, 73. Jahrgang, 1.Heft, S.146–165; wieder abgedruckt in: ders., Hölderlin-Studien, (edition suhrkamp 379), Ff/M. 1970, S.9–34.

Zur Seefahrts-Bildlichkeit findet man bei Hofmannswaldau etwa:

»Entwurff der Liebe«

Die lieb ist […] ein schiffbruch/ dessen rauben uns dennoch süsse düncket. – Ein port der uns verschlingt/ wenn man schon angelendet.

»Klage«:

Ich bin eine einsam schiff/ das wind und wellen treibt/ So bey dem ruder auch den ancker hat verlohren

»Florida«:

Mein schiff treibt lufft und wind/ mich treibet lieb und brunst/
ich muß in Florida
[doppeldeutig: geograph. Ort und Mädchenname] den steiffen ancker sencken/
Beseegel ich die see vergebens und umsonst/
Soll ich den ohne frucht das schwereruder lencken?

»Er sahe sie über feld gehen«:

Und dann der schönen schoos/ des hafens aller freude.

Incipit Komm braune nacht/ umhülle:

Laß schiff und mast in deinen hafen scheichen/
Und deine hand selbst meinen Leitstern seyn/
Du solt alsbald die eingeladne gaben/
Nebst voller fracht statt der belohnung haben.

Incipit Der himmel pflanzet mein gelücke:

Ich kan den port itzt recht erreichen/
Und darff nicht um das haupt der leeren hoffnung streichen/
Mein ancker sinckt in süsse ruh/
Dein auge hat mir selbst ein leit=stern werden müssen./
Ja/ mein gelobtes land bist du/
Laß mich das vorgebürge küssen.

nach oben


Goethe, »Seefahrt« (Frühe Fassung, 1776)

Tag lang Nacht lang stand mein Schiff befrachtet,
Günstger Winde harrend saß mit treuen Freunden
Mir Geduld und guten Mut erzechend
Ich im Hafen.

Und sie wurden mit dir ungeduldig
Gerne gönnen wir die schnellste Reise
Gern die hohe Fahrt dir. Güterfülle
Wartet drüben in den Welten deiner
Wird rückkehrendem in unsern Armen
Lieb und Preis dir.

Und am frühen Morgen wards Getümmel
Und dem Schlaf entjauchzt uns der Matrose
Alles wimmelt alles lebet webet
Mit dem ersten Segenshauch zu schiffen.

Und die Segel blühen in dem Hauche
Und die Sonne lockt mit Feuerliebe
Ziehn die Segel, ziehn die hohen Wolken
Jauchzen an dem Ufer alle Freunde
Hoffnungslieder nach im Freudetaumel
Reisefreuden wähnend wie des Einschiffmorgens
Wie der ersten hohen Sternennächte.

Aber Gottgesandte Wechselwinde treiben
Seitwärts ihn der vorgesteckten Fahrt ab
Und er scheint sich ihnen hinzugeben
Strebet leise sie zu überlisten,
Treu dem Zweck auch auf dem schiefen Wege.

Aber aus der dumpfen grauen Ferne
Kündet leise wandelnd sich der Sturm an
Drückt die Vögel nieder auf's Gewässer
Drückt der Menschen schwellend Herze nieder.
Und er kommt. - Vor seinem starren Wüten
Streckt der Schiffer weis die Segel nieder,
Mit dem angsterfüllten Balle spielen
Wind und Wellen.

Und an jenem Ufer drüben stehen
Freund und lieben beben, auf dem Festen:
Ach warum ist er nicht hiergeblieben
Ach der Sturm! Verschlagen weg vom Glücke
Soll der Gute so zu Grunde gehen?
Ach er sollte! Ach er könnte! Götter!

Doch er stehet männlich an dem Steuer
Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen
Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen.
Herrschend blickt er auf die grimme Tiefe,
Und vertrauet scheiternd oder landend
Seinen Göttern.

nach oben


Promontorium malae spei impiis periculose navigantibus propositum : Siue Signum & Nota Reprobationis: Procrastinatio Poenitentiæ. Scripta Cautela Hominum Emendatione Vitæ cunctantium Spe Aliqvando resipiscendi / Avctore R.P. Pavlo Zehentner Soc. Iesv Theologo. - Graecij: Sumpt. Seb. Haupt., 1643

nach oben


Literaturangaben:

Johannes Kahlmeyer, Seesturm und Schiffahrt als Bild im antiken Schrifttum, Diss. Greifswald 1934.
Dietrich Schmidtke, Geistliche Schiffahrt, in: P.P.B. 91 (Tübingen 1969), 357-385 und 92 (1970), 115-177.
Hugo Rahner, Griechische Mythen in christlicher Deutung, Zürich 1957; S.291ff Die Seefahrt des Lebens
Hugo Rahner, Symbole der Kirche. Die Ekklesiologie der Väter, Salzburg 1964. 243ff. 272ff. 304ff.
Hans Blumenberg, Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigmen einer Daseinsmetapher, Frankfurt a.M. 1979.
Michael Schilling, Imagines mundi. Metaphorische Darstellungen der Welt in der Emblematik, Frankfurt am Main: Lang 1979 (Mikrokosmos Bd. 4); S. 155–185 Schiffahrt v.a. in der Cmblematik.
Ernst Robert Curtius, Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, Bern – München 9.Aufl. 1978. "Dichten als Schiffahrt"
Johannes Hartau, «Narrenschiffe» um 1500. Zu einer Allegorie des Müßiggangs: in: Sebastian Brant. Forschungsbeiträge zu seinem Leben, zum "Narrenschiff" und zum übrigen Werk / hrsg. von Thomas Wilhelmi, Basel: Schwabe, 2002, S.125ff.

nach oben

746

Page last modified on September 10, 2015, at 09:31 PM