zurück zur Übersicht

In den Niederlanden entstanden im 16./17. Jh. viele allegorische Darstellungen der Sinneswahrnehmungen, in Fünfergruppen oder als Komposition aller 5 Personifikationen. Allmählich verschwanden die deutlichen Allegorie-Signale und die Bilder wurden zu Genrebilder oder Stilleben (»disguised symbolism«). Was diese Allegorien für eine Funktion hatten? Vielleicht war das Thema den Zeichnern, Kupferstechern, Malern ein geeigneter Anlass, sinnliche Dinge realitätsnah darzustellen?

Der Normalfall ist die Personifikation eines Sinnes (als weibliche Figur), der ein Attribut beigegeben ist:

  • Dinge, die den entsprechenden Ding affizieren: riechende Blumen, ein klingendes Musikinstrument usw.
  • Instrumente, die mit dem entsprechenden Sinn in Zusammenhang stehen: Spiegel, Brille, Fernrohr usw.
  • Tiere, deren entsprechender Sinn als besonders ausgeprägt gilt: schnuppernde Hunde, scharfsichtige Adler usw.

Auch kann die Personifikation einen entsprechenden (schauenden, riechenden, hörende) Gestus haben und eine entsprechende Tätigkeit ausführen: malen, etwas Zartes berühren usw.

Und es können im Hintergrund oder in einem Bild-im-Bild mythologische Szenen gezeigt werden, z.B. Jesus heilt eine Blinden.

Quellen:

<Zugriff geprüft 11.4.12>

British Museum Registration number1864,1114.475

  • Jusepe de Ribera (ca. 1591-1652/55)
    Sinnesallegorien mit "neuen" Attributen (Fernglas-Sehsinn, Zwiebel-Geschmacksinn, Statuenkopf-Tastsinn, u.a.), Oelbilder aus verschiedenen Zyklen.
  • Pier Francesco Mola (1612-1666/68)
    "I sensi", vier Sinnesallegorien in Form von mythologischen Gestalten (Narziss-Sehsinn, Hyakinthos-Geruchsinn, Bacchus-Geschmacksinn, Homer-Gehörsinn), Oelbilder, ca.1665.
  • Herman van Aldewereld (1629-1669)
  • [Pars I usw.] Des berühmten italiänische[n] Ritters Caesaris Ripae, allerley Künsten und Wissenschafften dienlicher Sinnbildern und Gedancken, welchen jedesmahlen eine hierzu taugliche Historia oder Gleichnis beÿgefüget, Augsburg: Johann Georg Hertel [ca. 1760] http://archive.org/stream/parsidesberuhmte00ripa#page/n246/mode/1up

Anders gewandt ist die Allegorie der fünf Sinne im Neujahrsblatt der Bürger-Bibliothek Zürich mit dem Kupferstich von Conrad Meyer (Zürich, 1618–1689) und den Versen von Johann Wilhelm Simler (Zürich, 1605–1672). Hier dienen sie als Anlass einer geistlichen Wendung nach innen:



Der Adler steht für das Gesicht/Sehen (Visus 1)
Der Hirsch und die Laute stehen für das Gehör (Auditus 2)
Die Blumen stehen für den Geruch (Odoratus 3)
Der Affe steht für den Geschmack (Gustus 4)
Die Spinne steht für den Tastsinn (Tactus 5)

Fünfer Sinnen rechter Sinn Bringet Leib und Seel Gewinn

1. Visus
O Schöpfer, der du mir der Sinnen fünf gegeben,
die auch den Thieren gmein: verhüet ein thierisch Leben:
von eitelm Augenlust abwende mein Gesicht,
daß ich es nur auf guots, und auf das Ewig richt!

2. Auditus
Verleümdung, Aergernus, Gedicht und falsche Lehre,
auch Narrentheidigung° nicht mein Gehör versehre:
das seligmachend Wort in meine Ohren kling,
und von der selbigen hineyn zum hertzen dring!

3. Odoratus
O das ich den Geruch also gebrauch auf erden,
damit ich meinem Gott ein guoter Gruch°° mög werden:
mein Öl und Amber sey der Sünden Rew und Schmertz,
ein gläübiges Gebätt, und ein demuetig hertz!

4. Gustus
Bey dem Geschmak, ô Herr, um Trinken oder Essen,
laß dein, alß Gebers, mich zuo keiner Zeit vergessen:
damit ich mässig bleib’, und nicht durch Speiß und Trank,
am Leib und an der Seel mich selber mache krank!

5. Tactus
O Höchster, gib mir mehr Empfindung deiner Güete,
alß aber deines Zorns: vor Sünden mich behüete,
und rüehre so mein Hertz, daß es zuogleich emfind
mein, und des Nächsten Creütz, und Trost im sterben find!

Einer Kunst- und Tugendliebenden Jugend in Zürich, ab der Bürgerbibliothec für das 1657. Jahr, verehrt.

°) Teidigung = Geschwätz

°°) Gruch: zu erinnern ist an Epheser 5, 2 (Wandelt dahin wie Christus, der sich dahingegeben hat als Opfer, Gott zum Wohlgeruch), vgl. Philipper 4, 18 (freundlicher Hinweis von Kollegen P.Stotz). Zu denken wäre auch an 2Kor 2,16: wie der (im AT ) vom Opfer aufsteigende Geruch Gott wohlgefällig ist, so sind es die Christus nachfolgenden Gläubigen. Evtl. auch ein Wortspiel mit geruch < mhd. gerüechte = Ruhm.

Strophenform wie »Nun danket alle Gott« (Crüger / Rinckart). (Hinweis von Th.Gehring)

Die Frauenfigur (was für eine Funktion hat sie?) liest im Buch auf der linken Seite: Wann dein wort offenbar wird so erleüchtet es, und machet die einfaltigen verständig [Psalm 119, 130]

rechts steht: O HERR; Dein Wort ist ein kerzen meinem fuoß und ein liecht auf meinem wäg. Psal: CXIX [Ps 119, 105]

Deshalb ist der mit einem antiken Schuh (lat. crepida) versehenen Fuß herausgestellt. Was hält sie in der rechten Hand? Eine Zuchtrute?


Geistliche Deutungen enthält auch Jacob Balde SJ (1604-1668), Urania Victrix. München: Wagner 1663 — Digitalsiat: http://www.uni-mannheim.de/mateo/camena/bald6/te02.html – (Und wer liest und übersetzt die mehrere Seiten langen lateinischen Texte?)

Hier als Beispiel der Stich von Melchior Küsel zum Geruchsinn (Odoratus) zum Vers Cantica 1,13 Fasciculus myrrhae est dilectus meus

Quelle: http://www.uni-mannheim.de/mateo/camena/bald6/jpg


weitere Abbildungen:

http://www.kunstdirekt.net/Symbole/emblem/sinne/emblemsinne.htm

http://www.kgi.ruhr-uni-bochum.de/projekte/weltlauf/archiv/2/l0011_3.htm


Literaturangaben:

Hans Kauffmann, Die Fünfsinne in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts, in: Hans von Tintelnot, Kunstgeschichtliche Studien, Dagobert Frey zum 23. April 1943, Breslau: Gauverlag-NS-Schlesien 1943, S. 133-157.


nach oben

Page last modified on June 14, 2016, at 07:21 PM