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Wach auf aus dem Sündenschlaf!

Vergrößerbares Digitalisat > http://doi.org/10.3931/e-rara-38305

Undatierte Radierung; 22 x 36,7 cm; signiert C. Meyer invenit fecit et excu[dit]. Texte in das Kupfer gestochen, kein typographischer Satz. Die Texte hat wohl von Johann Wilhelm Simler (1605–1672) verfasst.

Aufbau ähnlich wie die Neujahrsblätter die Conrad Meyer (1618–1689) seit 1645 für die Zürcher Bürgerbibliothek gemacht hat, aber ohne diese Herkunftsbezeichnung. Datierung: vor 1763?

Oben: Wach auff von disem Schall! Daß dich nicht überfall, Im tieffen sünden-schlaaff, die schwäre Gottes straaff.

In der Mitte der sündhafte nackte Schläfer, der sich ›den Schlaf aus den Augen reibt‹; das Haar bekränzt mit Weinlaub. Er hat – gerade erwachend – einen sehr zerknirschten Gesichtsausdruck. Um ihn herum sind zu sehen allegorisch zu deutende Gegenstände: ein gebratenes Huhn mit Pokal auf dem Tisch (für das ›vitium gulae‹); Geldbeutel; Spielkarten (zuoberst Schellen Ass); Würfel; Pfeile in einem Köcher (stehen sie für Amor? oder für den Tod, der auch Pfeile abschießt?); eine zerbrochene Sanduhr.

Im Hintergrund eine Stadt, die an Zürich mit dem Großmünster (mit den Spitzhelmen vor dem Blitzschlag und Brand 1763), Wellenberg und Grendel, gemahnt. Ein Feuerhagel braust über die Stadt herunter. Seltsamerweise ist das Großmünster umgedreht, wie im Vergleich mit der Stadtvedute von Matthäus Merian (1654) hervorgeht:

Der Schläfer wird von einem Engel mit Fanfare geweckt; an der Fanfare hängt ein Tuch mit einer Darstellung des Jüngsten Gerichts mit den sieben posaunenblasenden Engeln (vgl. Apk. 8). Dazu der Text:

Wach auff! auff in eil!
Zur buoß, dich nicht verweil:
Daß dich nicht über fall
der letzt posaunen-schall.

Auf dem Rahmen des Tondo die Texte:

Die nacht ist schon am end, der tag in follem lauff;
Die stunde ruofft dier zu: Steh nur vom schlaaffen auff
Leg ab die bösen werk der diken finsternuß;
Bewaafne dich im Liecht mit ungespaarter buoß. Rom. XIII, 11.12

https://www.bibleserver.com/text/EU/Römer13

Ich komme wie äin dieb, bei unvermerkter nacht.
Wol dem, der wolgerüst mit räinem herzen wacht:
Der seine kläider haltt, und geht nicht bloß härein,
Damitt nicht seine schand mög anderen sichtbar sein. Offenb. XVI. 15

https://www.bibleserver.com/text/EU/Offenbarung16

In den Zwickeln rund um das Hauptbild vier (schwer zu deutende) allegorische Randbilder:

oben links: Helmzimier mit Schwurhand in Flammenbrand, wohl der Meineid
unten links: auf dem Messer, das vom Mönsterchen gehalten wird: Lüge
oben rechts: Helm mit Helmzimier: gekrönter Frosch mit Szepter und Pfauenschwanz (Superbia?)
unten rechts: z.B. ein Medusenhaupt, das ein Herz frisst (die Geste wäre ikonographisch typisch für die Invidia).

An den Rändern links und rechts die Vier Elemente mit Bildern und Texten:

oben links Das feür, zur straaf genäigt, Dier seine ruoten zäigt. (Komet über einer Stadt)

unten links Der sünden über-fluß Bringt disen wasser-guß. (Menschen retten sich vor einer Sintflut)

oben rechts Vergiffte Lufft und schwert Der sünden raach begehrt. (ausgemerkgelte Menschen zerlegen einen Tierkadaver; im Hintergrund einer der vier apokalypt. Reiter mit Sense)

unten rechts Die erde bebet fast, von deiner sünden last. (Bergsturz, Stadt in einem Erdbeben)

Unten ein Gedicht in Alexandrinern in drei Spalten mit je sechs Zeilen:

Schaue disen sünden-schläffer, schaue dises lehr-bild an
Lieber männsch! und nimm zuo herzen, was es dich erinnern kan.
Wann dich schon der sünden glanz, und die süßen wollüst loken,
Laße doch im sünden-schlaff deine seele nicht verstoken:
Öffne deine tummen oren, öffne fleißig dein gesicht,
Anzuhören die posaunen, aunzusehen das gericht,

Die deß Höchsten engel dier an das or und augen haltet,
Eh die seel in sünden todt, und das herz im leib erkaltet.
Zieh die buoß nicht auff bis morgen, dann dich wol der heütig tag,
Noch vor abend, ungerüstet, schnell zuo boden werffen mag.
Zähle deine lebenszeit, deine jaare, tag und stunden;
Daß du nicht in solchem stand werdest übereilt gefunden,

Da der sünden tieffe klüfften, da die schnöde laster-rott,
Und deß fläisches üppikäiten, schäiden dich und deinen Gott;
Da du werdest von dem tod angerennet und getroffen,
Wann die buoß versaumet ist, wann du nicht mehr hast zu hoffen
Äine wonung in dem himmel. Stell also dein leben an,
Daß dein tod dem Höchsten richter endlich nicht mißfallen kan.


Es fällt auf, dass mit den allegorischen Attributen des Sünders – auf dem zentralen Bild und in den Zwickeln – nicht das Set der klassischen Sieben Todsünden wiedergegeben wird. Auch die Vier Elemente werden nicht in einer gebräuchlichen Weise verwendet.

Derselbe Bildaufbau mit den vier Elementen als Warnungs-Zeichen bzw. Sündenfrücht findet sich in den Neujahrsblättern auf die Jahr 1664 und 1665 »Türkischer Jamerspiegel« >>> Digitalisat, vgl. dazu ausführlich M. Sulmoni, S. 441-472. — Mehr zu den vier Elementen hier.

Die zentrale Metapher ist der Sündenschlaf, die dann mit aufwecken weiterentwickelt wird (metaphora continuata). Der Schlaf hat neben positiven (vgl. Jakob Genesis 28,10ff.) in der Bibel auch negative Konnotationen:

Markus 13,33: Gebt Acht und bleibt wach! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist. (Vg.: videte vigilate et orate nescitis enim quando tempus sit)

Matthäus 24,42: Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.

Römer 13,11: Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf.

1.Thessalonicher: 5,6 Darum wollen wir nicht schlafen wie die anderen, sondern wach und nüchtern sein.

Epheser: 5,14 Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten, und Christus wird dein Licht sein.

In einer mittelhochdeutschen Predigt wird Lukas 12,40f. zitiert: »Wenn der Herr des Hauses wüsste, in welcher Stunde der Dieb kommt, so würde er verhindern, dass man in sein Haus einbricht. Haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.« Dann:

daz ist darumb gesprochen, daz nimant waiz wenn er chumet [kommt]. möhte der wirt [der Hausherr] wizzen wenne der diep chöme, er wacht und liezze sein haus niht durichgraben und lizze in sein guot niht hin tragen. daz haus daz der diep durchgrebet, daz bedütet unsern lip. der wirt ist der mut [mhd. muot ≈ Seele, Geist]. der diep ist der tot, der chumet des nahtes, so sein der mensch aller minst trawet, so findet er den herrn slaffent. so er den menschen vindet ân guten werch [in bonis torpentem], so durchgrebet er daz haus, wan [denn] er sleht [erschlägt] den lip. … er nimt sein sel und füert die ze den ewigen nöten.

(Anton Schönbach, Altdeutsche Predigten, Bd. II, Graz 1888, Nr. 5, S. 15f.; die Predigt fußt auf Honorius Augustonensis, PL 172, 1078 D; Hinweis im LCI)

Aus dem zeitgenössischen Umfeld der Radierung sei erinnert an das evangelische Kirchenlied von Johann Rist (1607–1667):

Wach auf, o Mensch, vom Sündenschlaf,
ermuntre dich, verlornes Schaaf,
und bessre bald dein leben.
Wach auf, es ist noch hohe Zeit,
es kommt hernach die Ewigkeit,
dir deinen Lohn zu geben.
Vielleicht ist heut der letzte tag,
wer weiß noch, wie man sterben mag.

Es wurde vertont als 11. Choral in der Markus-Passion von Johann Sebastian Bach (1731 aufgeführt) BWV 247.


»Auffwecker« kommt als Buchtitel öfters vor. In einer öffentl. Hier das Titel-Kupfer zu Abraham, a Sancta Clara, Auff, auff Ihr Christen! Das ist: ein bewegliche Anfrischung der Christlichen Waffen Wider Den Türckischen Bluet-Egel; sambt Beygefügten Zusatz vieler herrlichen Victorien und Sieg wider solchen Ottomannischen Erb-Feind […], Wien: Johann von Gehlen 1683.

(Das Kupfer nicht in den Digitalisaten der UB Freiburg/Br. und der BSB München, aber in dem der ÖNB > https://books.google.ch/books?id=1_1XAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_s – hier aus einer öffentl. Bibliothek in Zürich)


Ein ähnliches Bild mit einer ganz anderen Bedeutung:

Zum Vers Psalm 75 [Vg. / 76 MT],4ff. »turbati sunt omnes insipientes corde. Dormierunt somnum suum, et nihil invenerunt omnes viri divitiarum in manibus suis.« »Als du wunderbar herleuchtetest von den ewigen Bergen, da sind erschrocken alle Sinnesbetörten. Sie schliefen ihren Schlaf, und es fanden nichts in ihren Händen die Männer des Reichtums. Von deinem Schelten, Gott Jacobs, entschliefen sie, die da bestiegen haben die Pferde.« [Übers. von J.F.Allioli] zeigt der Stuttgarter Psalter (datiert 820 / 830) Fol. 88 verso ein zu einem Schlafenden herunterschwebendes geflügeltes dämonisches Wesen:

Stuttgarter Psalter (Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Bibl. fol. 23) > https://archive.org/stream/StuttgarterPsalter#page/n181/mode/1up

Der Sieges-Psalm evoziert den Tod (≈ Schlaf) der Israel feindlichen Völker. Steht das geflügelte Wesen für das todbringende ›Schelten› (increpatio) Gottes?


Literaturhinweise:

  • Martina Sulmoni, »Einer Kunst- und Tugendliebenden Jugend verehrt«. Die Bild-Text-Kombinationen in den Neujahrsblättern der Burgerbibliothek Zürich von 1645 bis 1672, Bern: Lang 2007 (Deutsche Literatur von den Anfängen bis 1700; Band 46).
  • Hollstein's German engravings, etchings and woodcuts, Amsterdam 1980, Bd. 27, Nr. 114.
  • G.K. Nagler: Neues allgemeines Künstler-Lexicon, München 1840, Bd. IX, Nr. 22.
  • Erika Dinkler - von Schubert, Artikel »Schlaf« in LCI = E. Kirschbaum / W. Braunfels u.a., Lexikon der christlichen Ikonographie, Freiburg 1968-1976, Band IV, Sp. 72–75 mit mehreren Hinweisen auf die ältere christliche Literatur.
  • Der Artikel »Schlaf« von H.H. Lauer im Lexikon des Mittelalters, Band VII (1995), Sp.1470–1472 geht auf den Sündenschlaf nicht ein.


PM, 17. Mai 2018 — 96

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